Reeperbahn Festival 2020 – Alexander Schulz im Interview

Alexander Schulz, Reeperbahn Festival: “Pandemie gerechte Umsetzungen von Veranstaltungen benötigen einen erheblichen Unterstützungsbedarf der Öffentlichen Hand”

Alexander Schulz

Vom 16. bis 19. September fand in Hamburg das fünfzehnte Reeperbahn Festival statt. Auch wenn zum Jubiläum aufgrund der Covid-19-Pandemie alles andere als beste Bedingungen herrschten, so können der Gründer und Geschäftsführer des Reeperbahn Festivals Alexander Schulz und sein Team trotzdem auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Mit über 1.500 registrierten FachbesucherInnen aus über 40 Ländern und bei den Präsens-Konzerten auch vielen glücklichen Menschen vor Ort in Hamburg. 

Alex, wie hast du das diesjährige Reeperbahn Festival persönlich wahrgenommen?
Fast wie beim ersten Mal. Es hatte für mich vieles von unserer Premiere in 2006.

Wie sah es mit dem Feedback von Außen aus?
Wir haben sehr überwiegend positives Feedback erhalten für die Art und Weise der Umsetzung des Präsenz-Programms und auch des (ausschließlich) digitalen Programm-Angebotes.

Ihr habt Euch dazu entschieden gehabt, das Festival als Hybrid durchzuführen – es gab ausgewählte Konzerte, Vorträge und Diskussionsrunden in Hamburg vor Publikum, aber auch viele Online-Exklusiv-Inhalte. Ging diese duale Strategie aus deiner Sicht auf?
Absolut! Mit der Umsetzung der Präsenz-Angebote wollten und haben wir bewiesen, dass Veranstaltungen unter akribischer Berücksichtigung der Abstands- und Hygiene-Regeln und mit ihren Möglichkeiten der personalisierten Nachverfolgung bei Bedarf keine unsicheren Orte in der Pandemie sind, als viele andere Lebensbereiche. Wir wollten und konnten unseren Beitrag leisten, die vorherrschende Stigmatisierierung zu entkräften. Und wir haben auch deutlich gemacht, dass Pandemie gerechte Umsetzungen von Veranstaltungen einen erheblichen Unterstützungsbedarf der Öffentlichen Hand benötigen, die nun endlich bereit gestellt werden müssen.

Die Sterne (Photo: Fynn Freund)

Wir haben außerdem sehr viele Konzerte in Kooperation mit Arte medial angeboten, weil die realen Kapazitäten in den Spielorten aufgrund der Durchführungsregeln sehr gering waren und darüberhinaus zusätzlich Medienformate entwickelt.
Unsere FachbesucherInnen aus der Musikwirtschaft zeichnen sich auch durch ihre Internationalität aus. Deshalb mussten wir dieses exklusive Programm-Angebot komplett in den virtuellen Raum legen – analog zu unserer Mechanik in der realen Welt geschützt hinter eine Paywall. Wir haben dabei einigermaßen aufwändig produziert aus drei Studios, sowie mit Live-Sessions und Interviews, Networking-Optionen, Matchmaking-Formaten.
Über 1.500 registrierte FachbesucherInnen aus über 40 Ländern haben teilgenommen und die Angebote im Bezahlbereich unser Plattform 28.000 Mal abgerufen. Für uns ist das ein Indiz dafür, dass es richtig war aufwändig und weit über Zoom-Niveau für diese sehr internationale Zielgruppe zu produzieren, und dass wir an ausgewählten Elementen auch post Covid festhalten werden.

GISBERT ZU KNYPHAUSEN & KAI SCHUMACHER | WELTPREMIERE
Alexander Schulz: “Ein Highlight aus diesem Jahr – die Weltpremiere von Gisbert zu Knyphausen mit Kai Schumacher und den Duisburgern Philharmonikern. Trotz aller eingehaltener Abstandsregeln war das Konzert bzw die Konzerte eine atmosphärisch sehr intensive Erfahrung.”

Ich nehme mal an, dass Ihr Euch die Aktivitäten der anderen Festivals wie c/o Pop, Sonar, Unsound, Atonal, CTM, Mutek… angeschaut habt. Wer oder was ist dir da denn besonders nachhaltig aufgefallen? Und warum?
Ganz sicher habe ich nur einen kleinen Ausschnitt der digitalen Angebote anderer Veranstaltungen verfolgt, aber keine Formate finden können, die wir nicht selbst auch ordentlich abgebildet haben mit langfristigem Potenzial.

Euer Festivalaufritt war sehr umfangreich: Konzerte, Panels und spezielle Formate mit den Künstler:innen. Es wirkte zumindest so, als ob ihr fast alles digital umgesetzt habt, was ihr vor Ort angedacht hattet, oder täuscht da der Blick von Außen?
Aufgrund der extrem begrenzten Kapazitäten bei Präsenz-Formate wollten wir fast alle Programme für mehr BesucherInnen wenigstens medial und auch dort in einer ansprechenden Qualität geltend machen und ja, einige Formate – wie zum Beispiel die tägliche “Rays Reeperbahn Revue“ – in diesem Jahr sogar ausschließlich digital, weil eine Produktion mit oder vor Publikum unter unseren Abstands- und Hygiene-Regeln produktionstechnisch nahezu sinnlos erschien.

Blond (Photo: Tom Heinke)

Wie fühlte sich das Reeperbahn Festival für die Künstler:innen an? Wie leicht oder schwer fiel diesen das Anpassen an die neuen Rahmenbedingungen? Würdest du sagen, dass die Kommunikation mit den Künstler:innen und ihren Teams (noch) intensiver als sonst schon war?
Wenngleich sich vieles sehr umständlich anfühlte, waren die KünstlerInnen überglücklich, endlich wieder auf einer Bühne vor echtem Publikum (meist mehrfach) auftreten zu können. Ja, die Abstimmungen und Vorbereitungen mit den KünstlerInnen war in diesem Jahr natürlich um ein vielfaches intensiver, denn fast nichts von allem war ja gelernt – bei uns und auf deren Seite. So sind wir mit ihnen (wie ja auch mit unserem Publikum) gemeinsam dieses Experiment eingegangen. Und wie das Publikum, so wollten auch die Künstler unbedingt zum Gelingen der Gesamt-Veranstaltung beitragen

Wie bewertet ihr den Ausspielungserfolg?
Betrachtet man die reinen Zahlen (Teilnehmde am Livestream, Clicks der archivierten Beiträge), so muss man leider – nicht nur bei Euch sondern quasi überall – konstatieren, dass viele tolle Inhalte nur schwerlich ihren Weg zu den potentiellen Zuschauer:innen finden. Was jetzt auch nicht groß verwundert, denn man repräsentiert ja ein Festival, dass die Zuschauer:innen real in Persona erleben wollen und keine Website mit Stammpublikum, die Bindung als Medium muss man ja erst aufbauen.
Was sind die Lernerfahrungen und Ableitungen für die Zukunft (auch wenn wir natürlich hoffen, dass es bald wieder zurück zum normalen Festivalbetrieb gehen kann)?
Wir sind anders als in den Vorjahren gar nicht so unglücklich mit den medialen Reichweiten und können an ihnen durchaus feststellen, wie groß der Unterschied ist, wenn man für medial sehendes Auges produziert und promotet und nicht nur – wie in „normalen“ Jahren- einfach hier und da ein wenig medial begleitet mit einem eins-zu-eins abgefilmten Konzert. Nicht ausgeschlossen, dass wir in Zukunft weiter an unserer Plattform und ihren medialen Angeboten (frei zugängliche, wie auch Bezahl-Inhalte) weiter und intensiver begleitend arbeiten werden.

Ätna (Photo: Björn Buddenbohm)

Eine Sache, die mir aufgefallen ist: man zappt digital noch viel mehr als man auf einem Festival zwischen den Bühnen pendelt. Ist das eine Erfahrung, die du so auch gemacht hast anhand der digitalen Daten und den eigenen Beobachtungen?
Ja, so ist das sozialisierte Medienverhalten sogar in meiner Generation. Ich vermute, dass mein Sohn sogar inzwischen keine dreißig Sekunden mehr an in einem Programmpunkt verharren kann (außer der Inhalt packt ihn innerhalb dieser Zeitspanne dann doch).

Wie geht es nun weiter? Wie plant ihr für 2021 angesichts der ersten positiven Nachrichten hinsichtlich Impfstoffen und Schnelltests?
Wir unterstellen auch für den September immer noch eine gewisse Kaufzurückhaltung bei BesucherInnen für unser Format, insbesondere bei den transkontinentalen (Fach-)Besucherinnen. Die Erfahrungen und Erlebnisse dieses Jahre werden bei allen gewisse mittelfristige Spuren für das individuelle Verhalten hinterlassen, selbst wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen schon mit einem Impfstoff versorgt sein sollten bis dahin. Entsprechend planen wir heute die Veranstaltungen 2021 in viel geringen Umfängen als die letzte Edition vor Covid (2019).

Das Reeperbahn Festival 2021 findet vom 22.9. bis 25.9.2021 in Hamburg statt.

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Lieblingssongs 2020 von Alexander Schulz

 

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