Das Leben unter Corona – ein künstlerischer Erfahrungsbericht von Sonia Güttler aka sonae

Sonae: Lockdown als Luxus
, Schönheit und Bitterkeit der Krise

Zuhause in Zeiten von Corona I Photo: Sonia Güttler

Seit gut zehn Jahren lebe ich in Köln, noch nie habe ich mich so ausgeruht gefühlt wie im Moment. Die Corona-Krise sorgt für Verkehrsberuhigung, Lärmreduktion und Entschleunigung. Auf einmal reicht die Zeit: ich mache meine Arbeit, ich mache Musik, ansonsten gehe ich einmal die Woche mit meiner Freundin spazieren, and that`s it. Ich darf zuhause bleiben, früh ins Bett gehen. Muss keine Termine zusagen, auf die ich eigentlich keine Lust habe oder auf die ich zwar Lust habe, die aber viel anstrengender sind, als man es zugeben will – oder sagen wir: zugeben darf.

Denn ich kenne diesen Blick, dieses Schmunzeln, dass man als Freischaffende erntet, wenn man zugibt, wie anstrengend die Releasephase des letzten Albums oder eine Reihe von Konzerten war. „Luxusjammern“ wird das genannt. Dass ich aber für den „Luxus“ seit vielen Jahren eine kaum fassbare Mehrfachbelastung auf mich nehme, die Verbindung aus mehreren Geldjobs und künstlerischer Arbeit und Auswärtsterminen gewuppt bekomme und nebenbei auch noch eine Tochter alleine groß gezogen habe, scheint in die Rechnung der Bewertung nicht einzufließen. Es bleibt bei einem Schmunzeln.

All das fällt im Moment weg. Die jahrelange Multijob-Plackerei macht sich für mich heute ausnahmsweise einmal bezahlt: meine Jobs sind sicher, mein Einkommen gewährleistet, ich muss die Hilfsfonds für Künstler*innen nicht in Anspruch nehmen. „Privilegiert“ wird das genannt.  Im Zustand von „Normalität“ bedeutet dieses „Privileg“ für mich einen mühsam antrainierten Drahtseilakt, immer wieder muss ich ausbalancieren, dafür sorgen, dass es gelingen kann und ich bei den vielen inhaltlichen Bausteinen und organisatorischen Versatzstücken gesund bleibe. Denn ja, und auch darüber wird ungerne gesprochen, gesundheitliche Probleme durch Stress, Migräne, Verspannungen, sogar temporäre Spastiken, das kenne ich nämlich auch. „Ist doch super, was du alles hinbekommst“, bist ein wichtiges Vorbild, ein role model! Im Leben ohne Corona geht es oft ums Durchhalten.

Zuhause in Zeiten von Corona II Photo: Sonia Güttler

Das Leben unter Corona hat eine Geschwindigkeit, bei der ich mitkomme. Einen Lärmpegel, den ich gut aushalten kann. Den Lärm des städtischen Lebens hatte ich vorher nie infrage gestellt, aber ich habe mich selbst aufatmen gehört, als er verschwand. Ich fürchte mich davor, wie es sein wird, wenn alles wieder „normal“ ist. Der entschleunigte Ausnahmezustand ist für mich ein Leben mit Zuckerguss. Mir ist klar, dass ich daraus lernen sollte, beschriebene Effekte mit in die Zukunft nehmen sollte. Hoffentlich gelingt mir das. Vielleicht muss ich nach der Krise aufs Land ziehen.

Und bei den anderen so? Die Musikszene gibt sich als aufgescheuchter Hühnerhaufen. Wir waren noch nicht einmal eine Woche im Lockdown, da brach eine Welle hektischen Aktivismus herein: oh Endzeitstimmung, jetzt aber mal kreativ sein! Hier ein DJ-Mix, da ein neuer Track, Aufrufe zu Corona-Kollaborationen und Compilations.
Macht sich irgendjemand Gedanken darüber, dass Marktwert unter Überangebot leidet? Wer soll sich bitte all diese Livestreams reinziehen? Und wer soll all diese positivistischen Busy-with-current-projects Postings in den sozialen Medien glauben?

Das Aufschreien der Schaffenden hat mich an einigen Stellen zum Nachdenken gebracht. Der Live-Betrieb ist zusammengebrochen, existenzbedrohend für Veranstalter, Locations und die vielen hier andockenden Berufsbilder. Aber wer seitens der auftretenden Akteure kann üblicherweise davon leben? Und für wie lange? Wenn Bühnen nicht bespielt werden, was bleibt dann anderes zu tun? Wenn die Corona-Krise das Leben völlig verdreht, was fällt einem dann anderes ein? Was bleibt von einem übrig, wenn Öffentlichkeit, Publikum, Applaus, Kritik, Bewunderung ausbleiben? Wieviel Substanz bleibt vom eigenen Sein, wenn man den Anteil Künstler*in abzieht? Lohnt sich das, was bleibt? Wieviel Spaß macht das noch? Fragen der Selbstreflektion, von denen ich in den letzten Jahren schon oft beobachtet habe, dass viele Kolleg*innen sie sich nicht stellen. Und für die jetzt Zeit und Stille gekommen wären, doch stattdessen: Hühnerhaufen. Zudem befürchtet werden muss, dass es nicht nur bei dem aktuell zu beobachtenden hektischen Aktivismus bleiben wird.

Denkt man die Auswirkungen der Krise auf den Kulturbereich weiter, dann könnte sich in den nächsten ein bis zwei Jahren eine gewaltige Kluft auftun, die unzählige touring artists verschluckt. Denn wenn das Live-Veranstaltungssegment nach und nach wieder geöffnet wird, kommt es zu einem gewaltigen Rückstau: wenn dann nämlich alle wieder veranstalten und ausgehen wollen, kommt es zu einem Run auf begrenzte Kapazitäten hinsichtlich Räumlichkeiten und Termine. Denn klar, je mehr ausgefallen ist, desto mehr soll nachgeholt werden – was rein rechnerisch nicht möglich sein wird.
Wer wird dann gefragt sein? Welche live performing artists werden dann gebucht? Es könnte passieren, dass das Publikum sich auf ein sensationelles Post-Endzeit-Lineup freuen darf, denn dann wollen alle spielen und die Venues (mit Abstand) gefüllt werden. Es könnte zu legendären Formaten kommen: stelle man sich Optionen für Performance unter Abstandregelung vor! Kleinstkonzerte. Abgefahrene Raumnutzungskonzepte. Virtuelle Formate. Das könnte richtig interessant werden. Nur könnte es zu einer Form der Verdrängung von kleineren, kommerziell (nicht künstlerisch) weniger relevanten Protagonisten kommen, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben. Natürlich bleibt der kleine, künstlerisch kuratierte Raum da ein unverzichtbares Juwel. Es lässt sich aber eine Spaltung der Nischen erahnen, die es so vielleicht noch nicht gegeben hat…

Zuhause in Zeiten von Corona III Photo: Sonia Güttler

Doch genug der kulturpessimistischen Befürchtungen. Bleiben wir in der Realität. Betrachten wir noch ein Corona-Zeitgeist-Symptom: Solidarität. Auf einmal können alle solidarisch. Ein Begriff, der sonst Gewerkschaftsmitgliedern und Jungle World Autor*innen vorbehalten war, ist im alltäglichen Wortgebrauch angekommen. Einfache Arbeit findet endlich Anerkennung als das, was sie ist: einfach, anstrengend, muss gemacht werden. So unkapriziös, wie Pfleger alten Leuten und Eltern ihren Babys den Hintern sauber machen. „Systemrelevant“ wird das genannt, oder auch „Heldentum des Alltags“. Aber können wir bitte darüber sprechen, dass der Job im Supermarkt, bei der Müllabfuhr oder im Pflegeheim auch schon vor Corona wichtig, anstrengend, zu schlecht bezahlt und zu wenig wertgeschätzt wurde? Wie armselig sind Gesellschaft, Politik und Medien, dass es für diese Einsicht eine globale Pandemie braucht?
Und werfen wir einen kritischen Blick auf den Begriff „Held*in“, was zeichnet Heldentum aus? Hm, ich finde den Zustand nicht gerade rühmlich, wenn in einem so reichen und sortierten Land wie Deutschland ausgerechnet die „systemrelevanten“ Aufgaben in der Gesellschaft eine ausgewiesene Kampf- und Opferbereitschaft verlangen. Zu hart arbeitende Menschen auf einen Thron zu setzen und sie als „Held*in“ zu deklarieren, ist nichts anderes als weggeschobene Verantwortung. Denn eigentlich wäre solidarisch, wenn diese Aufgaben durch genug Personal und genug Geld so großzügig gedeckelt wären, dass es einzelkämpferisches Heldentum nicht mehr braucht. Eine gute Gemeinschaft würde da schon reichen.

Ähnlich erkenntnisreich ist das aktuelle Verhältnis zwischen Gesellschaft und Kultur: Solidarität auch für den Kunstbetrieb. Endlich hört man in den Nachrichten, wie wichtig und gleichzeitig finanziell gebeutelt künstlerisch Freischaffende sind. Auch hier: viel zu viele davon waren es auch schon vor Corona. Kunst ist wichtig für die Gesellschaft, unabhängig von Publikumsgröße oder kommerziellem Erfolg. Darin ist man sich einig, ganz allgemein. Aber wenn es um die Realisation dieser Vereinbarung geht, haben wir es strukturell mit moderner Sklaverei und im direkten Kontakt zwischen Schaffenden und Mitmenschen mit Spott und Hohn zu tun; anfangs erwähntes „Schmunzeln“ ist eine seiner kleinsten Darstellungsformen.
Das kulturelle Leben in Deutschland beruht im hohen Masse auf Ausbeutung und stinkt nach Zweiklassengesellschaft. Als Schaffende*r gehörst du vermutlich zu den 99%, nach außen glänzt nur das erfolgreiche 1%, die von Politik gelobte Vielfalt unseres kulturellen Lebens braucht aber die Summe aus 100%.

Der öffentliche Betrieb mildert das Problem nicht, sondern trägt es mit, um drei Beispiele zu geben:
__ Fördergelder für ein künstlerisches Projekt können bei den meisten Anträgen für anfallende Betriebskosten (Reise, Visum, Hotel) gestellt werden, Lebenserhaltungskosten oder Gagen werden meistens nicht gedeckelt. Vorbereitungen für ein Konzert oder ein Projekt – also die eigentliche künstlerische Leistung – wird nicht gefördert. Die am Ende real gezahlten Gagen bleiben häufig im unterirdischen Bereich, insbesondere in kleineren Kulturspaces und für selbstorganisierte Künstler*innen ohne ein starkes, kommerziell relevantes Promoting oder Booking im Hintergrund.

__ Ähnlich funktioniert die Mehrheit der Artist Residencies: Mal abgesehen davon, dass es sogar kostenpflichtige Artist Residencies gibt – welch Hohn! – stellen viele lediglich den Arbeitsraum und die Logistik der Institution zur Verfügung. Dass Künstler_innen während der Residency laufende Kosten haben und Hunger bekommen könnten, bleibt unausgesprochen. „Deine Wohnung könntest du doch untervermieten“, wurde mir ernsthaft mal geraten: Kulturförderung möglich gemacht dank Airbnb.

__ Und wie die aktuellen Corona-Hilfsfonds funktionieren oder eben nicht funktionieren, dass nämlich der Mensch und Körper mit Lebenserhaltungsbedarf das eigentliche Kapital dieser Freischaffenden ist und kalkuliert werden muss, vervollständigt diesen Dreiklang der öffentlichen Kulturwertschätzungspeinlichkeiten.

Wer von der Kunst nicht (gut) leben kann, muss mit prekären Bedingungen, Mehrfachbelastung und wenig Verständnis von Familie und Freunden leben – was bedeutet: für die Kunst nehmen Schaffende häufig ein Leben in Kauf, das ganz grundlegend gegen die ursprünglichsten menschlichen Bedürfnisse gerichtet ist. Einzig in dem unwahrscheinlichen Fall eines kommerziellen Erfolgs, wendet sich das Blatt. Nur soll diese Form von Erfolg ja nicht ausschlaggebend für die Relevanz der geleisteten künstlerischen Arbeit sein, Kunst und Vielfalt des kulturellen Lebens sind wichtig – merken wir eigentlich noch was? Und auch hier braucht es erst eine globale Pandemie und den Zusammenbruch des öffentlichen Lebens, damit auch jenseits des Kulturbetriebs über Instrumente wie das Bedingungslose Grundeinkommen nachgedacht wird.
Hoffentlich lernen wir alle gemeinsam aus dieser Krise. 
In der Zwischenzeit lese ich noch ein Buch auf dem Balkon.

Sonia Güttler

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