Ein Gespräch mit Andreas Toelke, Ulrike Lessig und Maria Bauer

Be an Angel

Bab al-Jinan Foodtruck Photo: Sascha Montag/Zeitenspiegel


Es ist heutzutage selten, dass mir vor Rührung die Tränen kommen, eher aus Entsetzen. Deswegen bin ich um so ergriffener, wenn ich Menschen treffe, die es schaffen etwas positives zu bewegen. Nicht nur zu ihrem eigenen Wohle sondern jenem der Gemeinschaft. Ich empfinde es momentan als ein Seelenbalsam jemanden bewundern zu können. Als Künstlerin frage ich mich oft, „ist es genug ,wenn ich mich nur um meine Musik und Kunst kümmere? Sollte ich mich eventuell mehr um soziale, politische oder nachhaltige Umweltsprojekte kümmern?“

Da ich mit meiner Musik und Kunst das Bedürfnis habe innere Wahrheiten auszugraben und Denkanstöße zu generieren, hoffe ich, dass die Arbeit vertretbar ist. Der Zweifel bleibt aber in Anbetracht der unglaublichen Arbeit von Ärzten, Krankenschwestern. Kann man als Künstler die Welt bewegen? Etwas verändern? Ich denke ja. Trotzdem finde ich es wichtig, die Scheuklappen fallen zu lassen und zu sehen was um einen herum geschieht und ob man auch innerhalb seines Bereiches noch mehr bewirken kann.

Bab al-Jinan Foodtruck Photo: Sascha Montag/Zeitenspiegel

Deswegen ist es mir ein großes Bedürfnis heute über Andreas Toelke und seinen Kolleg_Innen und Mitarbeiter_innen von „Be An Angel“ zu berichten. Andreas Toelke kannte ich vor ein paar Jahren noch als Journalist. Er hat unter anderem für die Madame, HOME, Welt am Sonntag/ ICON, Marie Claire Glamour und ELLE und VOGUE geschrieben. Richtig aufgefallen ist er mir aber als er mein Facebook Freund wurde und ich seine Posts las. Er schrieb über Geflüchtete. Zu der Zeit hatte ich einige Bekannte, die sich engagierten. Auch Künstler, die mit geflüchteten Musikern Konzerte besuchten oder Chöre begründeten. Nach einem Jahr hörte man in der Öffentlichkeit allerdings immer weniger davon. Nur Andreas schrieb unentwegt weiter, beherbergte über 400 Menschen in seiner Wohnung und gründete den “Be An Angel” Verein zusammen mit Ulrike Lessig. Auch ein Restaurant namens „Kreuzberger Himmel“ wurde geöffnet. Außerdem fing er an nach Griechenland zu reisen, um Menschen in den Lagern dort unter den Armen zu greifen. Seine Posts brachten mich oft zum Schlucken, ob wegen den fürchterlichen Tatsachen die er beschrieb oder aus Bewunderung für Ihn und seinen Mitarbeiter_Innen.  Was mich sehr beeindruckt ist, dass er beweist, dass einzelne Menschen viel bewirken können.

Damals als ich mit Motte die Love Parade begründete war auch dies das eigentlich wichtig Ergebnis für mich. Das man alleine, ohne viel Geld, viele Menschen berühren und bewegen kann. Dieses Bewusstsein hilft mir, trotz des allgegenwärtigen Ohnmachtsgefühl, angesichts der vielen Ungerechtigkeiten die ununterbrochen überall geschehen, die Hoffnung nicht aufzugeben.
Als ich nun hörte, dass der Verein wegen dem Virus große finanzielle Schwierigkeiten hat und es sich aber gleichzeitig zusätzlich zur Aufgabe gemacht hat, Obdachlose während der Krise zu unterstützen, fühlte ich mich verantwortlich auch aktiv zu werden und ihm Unterstützung anzubieten. Öffentliches Bewusstsein für seine Arbeit generiert ihm hoffentlich mehr Spenden damit sowohl die Obdachlosen wie auch die Geflüchteten weiterhin mit seiner Unterstützung rechnen können.  Und so ist es mir ein wichtiges Anliegen hier heute Andreas Toelke, Ulrike Lessig und Maria Bauer vorstellen zu können. Jeder kann etwas tun, packen wir es an.

Andreas, du hast soweit ich weiß 2015 damit angefangen Geflüchtete bei dir privat auf zu nehmen. Bis zu 400 Menschen haben bei dir gewohnt. Du hast Ihnen außerdem geholfen zu den verschiedenen Ämtern zu gehen und Arbeit zu finden. Was waren dabei die für dich unvergesslichen Momente oder Eindrücke? Wie kam es dazu, dass du dich so engagiert hast?
Hattest du schon immer eine soziale Ader oder glaubst du dass diese Empathie in jedem steckt?

Andreas Tölke (Photo: Nils Hasenau)

Andreas Toelke: Das Schlimmste war festzustellen, dass Deutschland nicht so reibungslos funktioniert wie man sich das immer vorstellt. 1200 Menschen, die täglich in Berlin angekommen sind, wurden nicht versorgt und saßen vor einer Behörde rum. Ohne Wasser, ohne was zu essen, ohne medizinische Versorgung. Das Schlimmste war sich im Küchentisch Geschichten anzuhören und hilflos zu sein.
Die fürchterlichste Geschichte war: ein Afghane zeigte mir das Video von der Überfahrt von der türkischen zur griechischen Küste. Unterwegs mit seiner Frau, den beiden Kindern und einem Baby. Das Baby hat geschrien, der Schlepper hat das Baby über Bord geschmissen, weil es ja sonst die Küstenwache angelockt hätte. Ich habe ihn gefragt, warum er denn nicht hinterher gesprungen sei. Und seine Antwort: Afghanistan liegt mitten im Land, ich kann nicht schwimmen. Ich habe ihn gefragt, warum er denn das Video von diesem schrecklichen Moment behält. Seine Antwort: es ist die letzte Erinnerung an mein Kind. Geschichten wie seine sind für mich der Motor Menschen, die hier angekommen sind zu unterstützen. Von diesen Geschichten habe ich hunderte gehört.
Ich weiß nicht, ob ich eine soziale Ader habe. In meinem vorigen Leben war ich Journalist, mich haben immer Menschen interessiert und ihre Geschichten. Die Geschichten, die ich als Journalist gehört habe haben mich immer begeistert. Vielleicht ist das auch eine Form von Empathie. Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mitgefühl hat. Die Wenigen (und ich glaube wirklich, dass es wenige sind) die Geflüchteten gegenüber Vorurteile haben, würden beim Kennenlernen und dem hören ihrer Geschichten auch Empathie entwickeln.

“Be an Angel” ist ein Verein der Geflüchteten hilft und auch das Restaurant “Kreuzberger Himmel” initiiert hat. Könntet Ihr erzählen wie es dazu kam, worum es dabei geht und was damit erreicht wurde?
Ulrike Lessig: Der Verein hat eine ganz klare Ausrichtung: ganzheitliche Begleitung von Geflüchteten. Das heißt für uns: von Familienzusammenführung, über Asylverfahren und Behördengänge bis hin zur Wohnungssuche, Ausbildung und Alltagsproblemen versuchen wir dauerhaft Ansprechpartner zu sein. So lange bis die Menschen uns nicht mehr brauchen.
Das Restaurant haben wir aus mehreren Gründen initiiert: zum einen wollten wir einen Ort der Begegnung schaffen. Die Chancen als Deutscher einen Geflüchteten kennen zu lernen sind bei 0,5 %. D.h. alle reden drüber, keiner kennt einen. Wir wollten ohne „Message“ vermitteln, dass hier ganz normale Menschen angekommen sind. Besser kein Vortrag, keine Diskussionsrunde, keine Begegnung unter der Überschrift: jetzt lernt ihr aber mal was. Im Restaurant steht ein Kellner am Tisch, der mehr oder weniger gut Deutsch kann. Mit dem man lacht, über den man sich auch mal ärgert, weil er eine vielleicht eine Bestellung vergessen hat. Und er sich zum Ende des Abends auch mal an den Tisch setzt und mit dem man lachen kann. Für das Team bedeutet das: Sie können endlich mal Deutsche in ihrer natürlichen Umgebung erleben. Meistens kennen Geflüchtete Deutsche nur als Behördenmitarbeiter oder als ehrenamtliche Unterstützer. Wir finden: selbstverständlicher Alltag schafft Gemeinsamkeit.

Wie überlebt das Restaurant momentan? Könnt Ihr Unterstützung gebrauchen – und wenn ja, wie kann man euch etwas spenden?
Maria Bauer (Restaurantleiterin): Wie fast jeder gastronomische Betrieb stehen wir mit dem Rücken an der Wand. Wir schaffen es vielleicht noch acht Wochen. Die Wiedereröffnung mit nicht mal 50% der Plätze braucht durch die intensivieren Arbeitswege dieselbe Anzahl von Mitarbeitern wie der normale Betrieb. Wir bieten einen Lieferservice an, der aber gerade mal 10% von Umsatz macht.
Fazit ist also: wir brauchen dringend Unterstützung. Am einfachsten geht das hier:


Zusammen mit dem Restaurant helft Ihr außerdem Obdachlose.  Wie seid Ihr zu dieser Arbeit gekommen? Hattet ihr dabei schon Erfahrung? Wie ist die Obdachlosen Situation in Berlin momentan? Kann man Euch bei dieser Arbeit Unterstützen und wenn ja, wie kann man euch erreichen?
Maria Bauer: Der Impuls kam aus dem Team. Unsere irakische Köchin Layalee Jafar hat uns angesprochen, sie hat gesehen, dass die Menschen ohne Wohnung jetzt nicht mehr ausreichend versorgt werden. Wir haben das Team und die Möglichkeiten und haben sofort Kontakt zur Kältehilfe aufgenommen. Ende März haben wir sieben Mal pro Woche ungefähr 70 warme Mahlzeiten ausgegeben. Mittlerweile sind es bis zu 200 Mahlzeiten täglich, teilweise an drei verschiedenen Standorten. Aktion Mensch unterstützt uns mit fast 36.000€, das heißt wir schaffen das bei den Mengen bis Ende Mai, hoffentlich bis Mitte Juni. Man kann bei Be an Angel e.V. sehr, sehr gerne zweckgebunden spenden!

Habt Ihr viel Kontakt zu Geflüchteten in Berlin? Wie geht es Ihnen in der momentanen Situation? Geht es weiter mit ihren Anträgen, Visas und Jobsuche oder ist alles eingefroren?
Ulrike Lessig: Wir machen das ja jetzt knapp fünf Jahre, das heißt wir sind in der Community fest vernetzt. Durch Corona hat sich das Leben der Geflüchteten deutlich erschwert. Das fängt an bei miesen WLAN Verbindungen in den Gemeinschaftsunterkünften – besonders wenn die unter Quarantäne stehen. Das geht weiter mit Anträgen, die nicht bearbeitet werden. Besonders dramatisch ist die Situation für minderjährige Mädchen – wir begleiten sechs –, die es aus dem grauenhaften Lager Moria auf Lesbos bis nach Deutschland geschafft haben, und die ein Recht darauf hätten, dass ihre Eltern nachkommen. Das klappt grade überhaupt nicht. Deutschunterricht, soziale Kontakte zu Berlinern in Sportvereinen, es liegt alles auf Eis.


Gibt es bei den Freiwilligen auch Frauen, die in den Lagern arbeiten?
Andreas Toelke: Oh ja! Wir arbeiten ganz eng mit Salam Aldeen von Team Humanität zusammen, der in Moria ein von Flüchtlingen selbstverwaltetes Zentrum aufgebaut hat. Dort nähen aktuell 50 afghanische Frauen Schutzmasken, ein Team geht jeden Abend durch das Lager und desinfiziert alle Toiletten und Waschräume. Einige der jungen Frauen geben englisch Unterricht.

Arbeitet ihr mit Künstler_innen und Musiker_innen zusammen?

Maria Bauer (Photo: Nils Hasenau)

Maria Bauer: Wir haben regelmäßig Konzerte im Kreuzberger Himmel veranstaltet. Unter anderem klassische Konzerte mit Musethica, initiiert von einem israelischen Star Violinisten fanden drei Mal Kammerkonzerte mit Streichern der Abschlussklasse der Philharmoniker statt. Wir hatten Lesungen und wir haben immer wieder wechselte Ausstellungen von bildenden Künstlern. Aktuell hängen arbeiten von  Günter Peill-Meininghaus, der die Arbeiten sogar dem Verein gespendet hat. Yousef Sprecher, einer unserer Geschäftsführer, ist auch als DJ aktiv und bringt eine sehr eigenen Trance-Arabic Sound zu Gehör.

Wie denkt ihr können Künstler_innen un Musiker_innen helfen, die selber wenig Geld haben, Aufmerksamkeit zu generieren?
AndreasToelke: Künstlerisch tätig sein ist in Deutschland ein hartes Brot – die Umsätze von Musikern sind wegen Streaming eingebrochen, Live Auftritte gibt es aktuell keine. Horror! Bildende Künstler sind ohne guten Galeristen eigentlich verloren, Theater sind geschlossen. Von daher haben wir fast Angst ausgerechnet die kreativen Geister um Hilfe zu bitte – so viele sind existentiell bedroht. Wir würden viel viel lieber Künstler_innen die Möglichkeit geben, uns als Plattform zu nutzen. Wir haben erfreulicherweise durch die Restaurants (es gibt ja noch den Himmel) die Option Bilder auszustellen. Und vielleicht fällt einem im Gespräch ja auch eine Möglichkeit ein, wie Musik eingebunden werden kann. Über allem was wir machen, schwebt ja ein Leitmotiv: Es geht. Aber nur zusammen. Von daher….

 

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