eine Platte wie eine Chimäre: “When I Get Home” von Solange
Solange
“When I Get Home”
(Saint Records / Columbia)
Einer der Widersprüche, die mich mit dieser Platte verbinden, ist es, dass ich es gleichzeitig liebe über sie zu sprechen und genau das gar nicht so leicht ist.
Es gibt so viel zu sagen, so viele Gedanken, Gefühle und Eindrücke. Und doch denke ich oft, für vieles gibt es keine Worte. Nicht die richtigen zumindest. Nicht die, die angemessen beschreiben, wie sehr ich diese Platte liebe. In gewisser Weise stößt mein Beruf mit dieser Platte an seine Grenzen. Vielleicht ist aber genau dieses Eingeständnis eine wichtige Annäherung. Ich muss kapitulieren. Muss auch beim gefühlt tausendsten Durchlauf staunend dasitzen. Im Angesicht dieser Welt, die Solange auf “When I Get Home” erschaffen hat. Auch wenn ich jede Ecke und jeden Winkel dieser Welt kenne und sogar die Interludes mitsprechen kann, hat die Platte nie ihre Magie verloren. Es ist wie ein inneres Funkeln. Wie eine geheimnisvolle Kraft, die alles vom Boden loslöst. Ich nenne es: die Kunst des Schwebens.
Wie man an den letzten Sätzen schon merkt, habe ich natürlich doch nie ganz aufgegeben. Und auch für diesen Text – oder besser Liebesbrief – probiere es trotzdem weiter mit den Worten.
“When I Get Home” ist eine Platte von wundersamer Schönheit. 19 ruhige, kunstvoll dahingleitende Tracks zwischen Soul, R’n’B, Jazz und Hip-Hop, immer wieder unterbrochen von kurzen Interludes, und angefüllt mit Bildern und Imaginationen des schwarzen Amerikas, voller Stimmungen, persönlicher Gedanken und afrofuturistischer Ideen. Experimentelle Skizzen fließen zusammen zu einem großen Bewusstseinsstrom-Sound. All das ist weit entfernt von traditionellen Songstrukturen und auf spektakuläre Weise befreit von der Vorstellung, Popmusik müsse im Zeitalter von Spotify und YouTube schnell erfassbar sein. “When I Get Home” ist das Gegenteil: eine Welt, in die man beim Hören nur langsam vordringen kann, aber dafür umso tiefer.
“When I Get Home” ist eine Platte wie eine Chimäre, ein Mischwesen wie die Sphinx, auf den ersten Blick ein Popalbum, auf den zweiten Multimedia-Konzeptkunst. Klar wird das vor allem, wenn sich die Musik über den (sehr empfehlenswerten) 30-minütigen Kurzfilm legt, den Solange zum Album gedreht hat. Die surreale Bilderwelt ist öffnet eine ganze Welt voller möglicher Interpretationen.
Umso eindrücklicher ist das vor dem Hintergrund, dass viele sich nach „A Seat at the table“ etwas anderes erwartet hatten. 2016, im Herbst der ersten erschütternden Trump-Wahl, hatte diese Platte mit ihrer Mischung aus schwarzer Identitätssuche, Verletzlichkeit und Resilienz den Nerv der Zeit getroffen wie kaum eine andere. Ein Hoffnungsschimmer inmitten einer von Rassismus und Rechtspopulismus gebeutelten Welt. Auch ich hatte mir danach von Solange noch mehr Hymnen des Widerstands erhofft – vielleicht sogar politische Antworten.
Mit “When I Get Home” bremste Solange diese Erwartungen aus. Es ist eine Hinwendung zum Skizzenhaften und Imaginativen. Noch immer geht es um die Frage, was schwarze Identität ausmacht, wie sie sich ausdrückt und abgrenzt, geht es zwar immer noch. Die Antworten spiegeln sich aber nicht mehr in dem, was darüber gesagt und gesungen wird, sondern in Stimmungen, musikalischen Details und freiassoziierten Vorstellungen ihrer Hometown Houston, Texas als prägende Sphäre schwarzer Kultur. In diesem Houston ist der Schnaps so dunkel wie die Hautfarbe der Nachbarn und Familienmitglieder. Die Straßen liegen in schummrigem Licht und Vergangenheit und Zukunft fließen zusammen wie die warmen Moog-Synthesizer mit afrofuturistischem Jazz und Screwed & Chopped.
In gewisser Weise ist “When I Get Home” ein Statement gegen Statements. Und für die Kunst. Für das Aushalten von komplexen Bedeutungsebenen. Für Uneindeutigkeiten. Und für die Suche nach Schönheit. Im Alltag, in dunklen Zeiten, in Gemeinschaften, und in sich selbst. Immer.






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