Wein aus echten Gläsern (okay, und viel Musik) – Das Heimspiel Knyphausen
Regenzeit bedeutet immer auch Festivalsaison. Aber unseren magischen Autoren Marc Wilde schreckt sicherlich kein noch so herausforderndes Wetter. Er besuchte vielmehr in diesem Sommer das „Heimspiel Knyphausen“ und ließ sich vorher noch zu dem Konzert der Sex Pistols auf dem Ruhrpott Rodeo treiben. Seine launigen Aufzeichnungen zu all dem solltet ihr euch nicht entgehen lassen.
Festivals? Begeisterung sieht anders aus: Bands wie am Fließband. Bühnenlicht, das im Hellen nicht wirkt. Und ein Sound, der unter freiem Himmel verpufft. Lieber schaue ich mir ausgesuchte Acts in geschlossenen Räumen an. Auch im Sommer. Es regnet ja eh meist, wenn Festival ist. Aber einmal die Sex Pistols erleben, wenn man eh gerade mit dem Rad am Niederrhein unterwegs ist? Das lasse ich mir nicht entgehen! Also leiste ich mir die rund 90 Euro für ein Tagesticket und statte dem Ruhrpott Rodeo einen Besuch ab. Die Ankunft am Festival-Samstag ist erst für den Abend geplant, aber ich bin tatsächlich in erster Linie wegen der Sex Pistols da. Wenn es allerdings nach John „Johnny Rotten“ Lydon geht, dann sind die Sex Pistols in der aktuellen Formation nur ein Schatten ihrer selbst. Der angestammte Frontmann ist nicht mit von der Partie und tut die Auftritte seiner alten Weggefährten – Steve Jones (Gitarre), Glan Matlock (Bass) und Paul Cook (Schlagzeug) – mit Ex-Gallows-Sänger Frank Carter unter der Rubrik „Karaoke“ ab. Aber was will das schon heißen, angesichts der Äußerungen, die der zwischen Wahn- und Irrsinn mäandernde Provokateur und Trump-Befürworter Lydon sonst so von sich gibt. Die Brand „Sex Pistols“ zieht jedenfalls noch immer – auch ohne Sid Vicious und Johnny Rotten. Das Bühnenbild mit dem in neon-gelb und pink strahlendem Equipment und dem ikonografischen Schriftzug reicht aus, damit man das Gefühl bekommt, gleich Teil von etwas ganz Großem zu sein. Dafür braucht es keine Akkorde; es muss auch niemand auf der Bühne stehen. Dass die Show die (Marshall-)turnhohen Erwartungen nicht ganz einlösen kann – irgendwie klar. Aber, hey, ich habe die Sex Pistols gesehen. Und das war um Längen besser als das, was vorher The Damned auf der Bühne nebenan zu bieten hatten…

Ruhrpott Rodeo // Foto: Jörg Wassink
Drei Wochen später: Ich checke beim Heimspiel Knyphausen ein. Der Kontrast zum Ruhrpott Rodeo könnte größer kaum sein: Dort, auf dem Flughafengelände Schwarze Heide zwischen Hünxe und Bottrop-Kirchhellen ein punkaffines Partyvolk mit Hang zur Abrissparty, Crowdsurfing und fliegende Bierbecher inklusive. Hier, im pittoresk am Rhein gelegenen Eltville ein gutsituiertes und gechilltes Publikum, das es sich auf der Rasenfläche vor der Bühne gemütlich macht. Neben der Liegewiesendecke findet auch der faltbare Transportwagen mit Schattendach fürs Kleinkind seinen Platz. Während das größte Punkfestival Deutschlands einen Pop-up Parlour für Walk-in-Tattoos und Gratis-Akt-Shooting von pixelpunker.de zu bieten hatte, gehören auf dem Weingut von Baron Knyphausen Kinderschminken, Spontan-Poetry („Prosa 2 go“) und Outdoor-Yoga zum kulturellen Rahmenprogramm. Die augenscheinlichste Differenz: Es gibt kein Bier. Stattdessen sieht man im Rheingau-Idyll Menschen auf Bier- oder besser gesagt „Wein“-Bänken zwischen den Reben sitzen. Und nahezu alle trinken Wein – bis auf die Kinder. Das passende Gefäß, mit eingraviertem Line-up, ist im Preis enthalten. Vorfreudig halte ich den Kelch gegen das Sonnenlicht: Edna Million, Tonbruket, Warhaus, Freitag, 25.07.2025 ist auf meinem Weinglas zu sehen. Für die anderen beiden Tage gibt es jeweils ein neues Exemplar. Ein wirklich schönes Souvenir.

Menschen in Weinreben // Foto: Marc Wilde
Insgesamt elf Bands treten an den drei Tagen auf. Das ist übersichtlich, Festival-FOMO kommt da nicht auf; hier braucht niemand mit dem Time-Table in der Hand hektisch zwischen den Stages hin- und her pendeln. Es gibt eh nur eine Bühne. Und dennoch ist das von Gisbert zu Knyphausen und Benjamin Metz sorgsam kuratierte Festival breit aufgestellt. Vor zwei Jahren, bei meiner Heimspiel-Premiere, teilten sich The toten Crackhuren im Kofferraum und Martin Kohlstedt die Bühne, in diesem Jahr reicht das Spektrum von melancholischen Singersongwriter-Klängen über Jazz und Blues-Rock bis hin zu Post-Punk und populären Beats. Den Anfang macht Edna Million, die es jedoch mit ihrer introvertierten Art nicht leicht hat, sich gegen das Stimmengewirr auf dem Rasen durchzusetzen. Ihre runtergedimmten Songs, die sie mit der halbakustischen E-Gitarre solo vorträgt, kämen sicherlich in einer verrauchten Kellerbar besser zur Geltung als unter dem (noch) strahlendblauen Himmel im Rheingau-Idlyll. Viel Schwermut liegt in ihrer rauchigen Stimme, auch damit zündet die Wienerin das in freudiger Erwartung gestimmte Publikum nicht an. Zugewandter – um nicht zu sagen gefälliger – ist der Sound von der Jazzformation Tonbruket, von den Veranstaltern schon seit längerer Zeit umworben. Das Quartett aus Schweden harmoniert in der Instrumentierung Kontrabass, Schlagzeug, Keyboards und E-Gitarre bestens, wie bei Profis dieses Genres nicht anders zu erwarten. Insbesondere Gitarrist Johan Lindström setzt dabei die Akzente und schlägt die ersten rockigeren Töne des Tages an.

Edna Million // Foto: Marc Wilde
Ohne Zweifel: die Stimmung ist relaxed, das Wetter besser als gedacht, und der Riesling verkauft sich flaschen- manchmal gleich kartonweise. Der Eindruck, dass es sich beim Heimspiel Knyphausen um ein verkapptes Weinfest mit Musikuntermalung handelt, mag sich anfangs aufdrängen. Spätestens mit dem Auftritt von Warhaus wird er zerstreut. Die Decken auf der Wiese werden zusammengerollt, vor der Bühne wird es enger, und wer von der eindringlichen Performance des hochaufgeschossenen, blondgelockten Sängers nicht allmählich in den Bann gezogen wird, der liegt vermutlich längst mit Sodbrennen im Weinstock. Maarten Devoldere kenne ich eigentlich von der belgischen Band Balthazar, bei der er sich die Führungsrolle zusammen mit seinem Bruder teilt. Bei seinem Solo-Projekt steht er allein im Zentrum und scheint dies sichtlich zu genießen. Seine dandyhafte Lässigkeit – vor allem die Art, wie er Howard-Carpendale-like das Mikro von unten hält – mag dem einen oder anderen sauer aufstoßen, musikalisch aber werden wir von Warhaus in ein wohliges Bad voll zuckersüßer Pop-Melodien geworfen. Endlich ist es auch dunkel, und das Bühnenlicht entfaltet ebenso seine Wirkung wie die illuminierte Deckenkonstruktion, die wie ein Ufo kurz vor der Landung über der Band schwebt.

Warhouse // Foto: Marc Wilde
Ein weiterer Festival-Höhepunkt ist die Schiffsfahrt am Folgetag. Der Heimspiel-Liner legt bereits um 11 Uhr ab. Es ist die erste Tour, eine weitere Runde auf dem Rhein wird zwei Stunden später gedreht. Beide Mal an Bord: der Singer-Songwriter Hannes Wittmer. Unsere Gruppe erwischt die Regenfahrt; als wir wieder anlegen kommt die Sonne raus. Aber Songs wie „Die Beschissenheit der Welt“ passen einfach besser zu Grauschleier und Nieselwetter; wir haben definitiv den passenderen Zeit-Slot erwischt. Mir kommt ein Zitat von Sven Regener in den Sinn: „In der Kunst ist die Traurigkeit schön“. Hannes Wittmers Lieder, die er mit der Akustikgitarre vorträgt, sind der beste Beweis dafür. Zudem ist er ein guter Unterhalter, der die trübe Stimmung, die aus vielen seiner Texte spricht, mit pointierten Zwischenansagen aufhellt. Auch sonst hat Wittmer, der früher unter dem Namen Spaceman Spiff aufgetreten ist, viel zu erzählen. Es lohnt sich nicht nur, seine Platten anzuhören (Anspieltipp: „Vorwärts ist keine Richtung“), sondern auch in seinen Blog reinzulesen, in dem er sehr offen über seinen Umgang mit Depression und den Verwertungsmechanismen in der Musikindustrie spricht.

Hannes Wittmer // Foto: Marc Wilde
Zurück auf dem Draiser Hof stehen ab dem Nachmittag fünf Bands auf dem Programm. Für meine begrenzten Aufnahmekapazitäten und nach der schönen Schiffsfahrt fast zu viel für den restlichen Tag. Daher im Zeitraffer: Nach dem Entree von Philippa Kreisky, eine junge Künstlerin, die einen mit deutschem Indiepop sanft in den Nachmittag gleiten lässt, liefert der in London beheimatete Schotte Samuel Nicholson mit seinen drei Bandkollegen das Kontrastprogramm. So scheint es zunächst. Hinter der gitarrenverzerrten Blues-Rock-Fassade blitzt jedoch beim grimmig dreinblickenden Frontmann eine Zerbrechlichkeit auf, die seine raue Stimme immer wieder kippen lässt. Neu ins Line-up gerückt ist Nils Keppel, der mit seiner auch optisch reizvollen Band für Personal Trainer eingesprungen ist. Den größten Teil des Sets höre ich zunächst nur hinter der Bühne im Backstagebereich, da ich parallel ein Interview mit Hannes Wittmer führen darf. Wir sitzen etwas abseits unter einem Schatten spendenden Baum und es ergibt sich ein sehr nettes Gespräch, das wir weiter fortsetzen, auch nachdem das Aufnahmegerät schon abgeschaltet ist. Das Schlussdrittel von Keppel erlebe ich dann noch von der richtigen Seite aus und fange direkt Feuer in Anbetracht des tobenden Spektakels auf der Bühne, das im angesagten Gewand der Neuen Neuen Deutschen Welle erscheint. Mit ihrer unverbrauchten Energie und einer für eine Newcomer-Band erstaunlichen Präsenz, die sich vor allem im Wechselspiel zwischen Keppel und dem Keyboarder ergibt, stellt der eingesprungene Act die nachfolgenden Isolation Berlin fast in den Schatten. Und das will was heißen.

Nils Keppel // Foto: Marc Wilde
Zum Finale am Abend tritt die israelische Sängerin Noga Erez auf, die von vielen mit Spannung erwartet wird. Ihren Set eröffnet sie mit dem starken Song „The Vandalist“, zugleich Titelsong ihres im letzten Jahr erschienenen Albums. Das Publikum ist sofort da, auf der Welle lässt sich weiter reiten. Echte Emotion kommt auch mit ihrer ersten längeren Ansage rüber. Entgegen der üblichen Standardfloskeln zum besten Publikum der Tour etc. scheinen zwei Dinge die Headlinerin des heutigen Abends wirklich zu beeindrucken: Dass man hier tatsächlich Wein aus echten Gläsern trinkt und dass es eine eigene Tribüne für Kinder gibt. Wie hinter ihnen die angestrahlten Bäume in wechselnden Farben leuchten und in Sichtweite die Eltern ausgelassen dancen – zu den Samples und Beats, und der Stimme von Noga Erez. All das fügt sich zu einem schönen Bild, das ich zum Abschluss so stehen lasse. Auch wenn das Konzert noch im vollen Gange ist. Ich habe schließlich noch einen längeren Weg vor mir – zu meiner Frau und meinen beiden Kindern, die ein paar Dörfer weiter auf einem Campingplatz untergebracht sind. Morgen geht’s in den Familienurlaub nach Österreich, also gibt es auch keinen Bericht zum abschließenden Festivaltag.

Noga Erez // Foto: Marc Wilde
Stattdessen spanne ich den Bogen zurück zum Ruhrpott Rodeo und blicke noch einmal auf das Ende des gestrigen Abends zurück: Der All-Time-Klassiker „My Way“ befand sich nicht nur im Set der Sex Pistols, auch Warhaus bringt ihn als vorletztes Stück. Es hätte auch anders kommen können: Maarten Devoldere steht mitten in einer Traube von Menschen, das Publikum darf entscheiden, welchen Song, sie zu hören bekommen – als Karaoke-Version. Zur Auswahl stehen „My Way“ oder „Simply the Best“ von Tina Turner. Die Wahl fällt auf Sinatra. Ich hätte mir ehrlich gesagt lieber einen alten Balthazar-Song gewünscht: „Blood Like Wine“. Die in Endlosschleife gesungenen Schlusszeilen hätten zum Abschluss des Abends perfekt gepasst: „Raise your glass to the nighttime and the ways / To choose a mood and have it replaced“. Hört es hier, genießt den Sommer – und trinkt ein Glas Knyphausen-Wein!

Prost, Warhouse // Foto: Marc Wilde




