„Sie sind immer noch Juden“ – Wie BDS den Radsport vereinnahmt
In unserer Print-Ausgabe wie auch online beim kaput-mag veröffentlichten wir im Frühjahr eine Reportage über das Wirken des Israelfeindlichen Netzwerks BDS und welchen Einfluss es auf die internationale Musikszene vor und vor allem auch seit dem siebten Oktober genommen hat. Doch BDS agiert in allen Bereichen menschlichen Austauschs. Auch im Sport ist die Kampagne aktiv. Unsere Kollegin sazzue überließ uns – passend zur aktuell laufenden Tour de France – ihren Long Read zum Thema Antisemitismus, Boykott und Radsport.

Als Ran Margaliot und Ron Baron im Jahr 2015 in Tel Aviv das Cycling Academy Team (CAT) gründeten, hatten sie damit vor allem eine Vision: den Radsport in Israel zu fördern und auch jenen Radrennfahrern ein professionelles Team zu ermöglichen, die abseits der großen europäischen Zentren des Radsports aufgewachsen waren. Ihr Team kämpfte sich in elf Jahren mit viel Ehrgeiz in die vordersten Reihen des Pelotons, doch wurde im sportlich vielleicht wertvollsten Moment von einem wütenden Mob aus dem Sattel geworfen. Die Geschichte von Israel Premier Tech, wie das Team bis zu diesem Zeitpunkt zuletzt hieß, zeigt dabei nicht nur, wie erfolgreich BDS auch in Sphären agiert, von denen die meisten nichts wissen. Sie zeigt auch, wie eine ganze Sportart systematisch Antisemitismus ausblendet.
Für eher weniger Radsport-affine LeserInnen vielleicht zunächst ein kleiner Schnelleinstieg: Im Radsport gibt es die Union Cycliste Internationale, die UCI. Das ist der internationale Radsportverband, gewissermaßen wie die FIFA im Fußball, nur ein klein bisschen weniger korrupt. Natürlich gibt es auch im Radsport Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und nationale Meisterschaften, aber zum einen gibt es die jedes Jahr aufs Neue und zum anderen stehen sie bezüglich Eventcharakter eher im Schatten der großen Touren. Davon gibt es drei große im Jahr, die jeweils 21 Tage andauern. Traditionell wird im Frühjahr mit der Italien-Rundfahrt, dem Giro d’Italia, gestartet; im Juli kommt die bekannteste an die Reihe, die Tour de France. Im Spätsommer dann findet die Vuelta Espania statt, die – surprice – Rundfahrt durch Spanien. Zwischen den drei dreiwöchigen Rundfahrten gibt es zahlreiche kleinere Touren sowie viele Eintagesrennen, allem voran die Klassiker im Frühjahr in Belgien, Italien, Spanien und Frankreich. Ohne Frage sind diese Länder auch jene mit den erfolgreichsten Fahrern, den meisten Fans und den besten Ressourcen. Definitiv ist Europa das Herz des Radsports – und zugegeben auch eine insgesamt äußerst weiße Veranstaltung. Eine wesentliche Ausnahme in dem sonst sehr traditionellen Radsportzirkus der höchsten Liga (die heißt hier: UCI World Tour, eine Stufe darunter befindet sich die Professionell Continental Tour – man kann alle drei Jahre auf- oder absteigen) bildet der Rennstall (man nutzt hier die gleiche Bezeichnung wie im Pferde- und Motorsport) der Vereinten Arabischen Emirate, das Team UAE. Kein anderes Team hat so viel Kapital und dadurch eine so hohe Dichte an erfolgreichen Talenten. Entsprechend dominant ist UAE deswegen seit Ende der Zehnerjahre und hat den großen Player Ineos (ehemals Team Sky) aus Großbritannien längst um mehr als eine Radlänge überholt. Der größte Name unserer Zeit fährt für dieses Team und kommt aus Slovenien: Tadej Pogacar.
Das Besondere am Radsport sind die Spezialtrikots. Bei jeder Tour fährt der jeweils führende der Gesamtwertung, der Sprintwertung, der Bergwertung und der beste Jungfahrer in einer – je nach Land unterschiedlich festgelegten – Farbe. Bei vielen Rennen gilt die französische Codierung der Tour de France: gelb, grün, rot-gepunktet und weiß. Neben diese Wertungen treten weitere Besonderheiten: das Regenbogentrikot des Weltmeisters, farbige Streifen am Ärmel für vergangene Erfolge auf verschiedenen Ebenen oder besonders gekennzeichnete Rückennummern. Taktik, Kader, Strecke und Temperatur können massive Faktoren bei einem Rennen sein. Man fuchst sich rein und erkennt, dass es eine der spannendsten Teamsportarten ist, und auf der Strecke mehr passiert, als nur das Fahren einer Meute von A nach B. Der Radsport ist nerdig, aber genau das macht Spaß. Sich ein gesamtes Rennen anschauen, zwischenzeitlich gern auch mal kurz einschlafen, dann wieder an den Fingern kauen, weil die Taktik vielleicht aufgeht: Radsport ist meditativ und emotional. Und bis 2025 war er mein Zufluchtsort.
Straße nach Europa
Der israelische Rennstall entstand in einem Land, in dem zu diesem Zeitpunkt recht wenig Rad gefahren wurde, denn gerade in den eher bergigen und heißen Städten ist das Rad nicht annähernd ein solches Alltagsinstrument wie in Mitteleuropa. Radfahren in Israel ist etwas für Liebhaber. Das Team nahm zunächst mit einem kleinen Conti-Team lediglich an den UCI Continental Circuits teil, konnte aber schon 2016 den kanadisch-israelischen Milliardär Sylvan Adams mit ins Boot holen, wodurch die Mannschaft nun auch eine Lizenz als UCI Professional Continental Team erwarb und zunehmend mehr Möglichkeiten bekam, in die Entwicklung zu investieren. Adams, dessen rumänischer Vater die Shoah knapp überlebt hatte, sah sich schon sein Leben lang selbst als Botschafter Israels. Da er zudem ein enormer Radsportenthusiast ist und bis vor Kurzem selbst noch in Seniorenklassen bei Meisterschaften als Fahrer teilnahm, imponierte das Ziel des Teams ihm sofort. Klar war: Die Mannschaft sollte nicht direkt vom israelischen Staat finanziert werden. Stattdessen setzte man auf eine Kooperation mit dem Land und mit wohlgesonnenen PartnerInnen international; und darauf, die Begeisterung für den Radsport nach Israel sowie die Begeisterung für Israel in den Radsport zu bringen. Tatsächlich gelang ersteres sogar wortwörtlich im Jahr 2018, denn Adams investierte großzügig, um den Start des Giro d’Italia mit drei Etappen nach Israel zu bringen. In diesem Jahr nahm das Team dadurch auch erstmals an einer Grand Tour teil, was nicht weniger bedeutet, als es auf die große Radsportbühne geschafft zu haben und zeigen zu dürfen, was man als Team so draufhat.
Meist beginnt eine große Tour mit einem Auftakt in einem anderen Land, dem sogenannten Grand Depart, der in der Regel aus zwei bis drei Etappen abseits des Kernlandes stattfindet. Oft handelt es sich dabei um einen Start in einem jeweiligen Nachbarland, doch auch ein größerer Transfer ist nicht mehr unüblich, wenngleich nicht unbedingt ausufernd gewollt. Letztlich entscheidet, ob und wie sich das Ganze organisieren und finanzieren lässt – und vor allem, wie sehr ein Land sich anstrengt, das Opening einer Grand Tour veranstalten zu dürfen. Dass Israel die Eröffnungsetappen des Giros bekam, fiel tatsächlich sehr aus der Reihe, und es ist anzunehmen, dass es Sylvan Adams so einiges gekostet hat. Bereits zu dieser Zeit wurde in vereinzeltem Geschwurbel vom guten alten Radsport, gemischt mit vulgärer Kapitalismuskritik, so manchmal deutlich, dass es – noch recht verdeckt zwar, aber beständig – antisemitisch brodelte im Radsport. Aber warum sollte es hier auch anders sein als im Rest der Gesellschaft?
World Tour, Baby!
2019 gelang dem Rennstall, der inzwischen Israel Cycling Academy (ICA) hieß, ein nächster Coup. Das Team Katusha Alpecin ging pleite und der israelische Eigner übernahm den Laden – mitsamt den Lizenzen und Fahrern, die noch bestehende Verträge mit Katuscha hatten. Auf diese Weise konnte die Mannschaft für die Jahre 2020 bis 2022 in die World-Tour aufsteigen. Zugleich wurde bekannt, dass die israelische Nonprofit-Organisation Start up Nation als Namenssponsor einstieg – das Team hieß fortan Israel Start Up Nation. Zunehmend kamen andere wichtige Sponsoren an Board und auch der Kader wurde um bekannte internationale Fahrer ergänzt. Oftmals handelte es sich hier um bereits ältere Fahrer, die an anderer Stelle keine Verträge mehr bekamen, was dem Rennstall den Ruf einbrachte, das Seniorenheim des europäischen Radsports zu sein. Doch die Strategie war klar: der Nachwuchs aus Israel und asiatischen sowie afrikanischen Ländern sollte gefördert werden und von den alten (internationalen) Hasen lernen. So nahm das Team im Jahr 2020 auch den viermaligen Tour-de-France-Sieger Chris Froome unter Vertrag, der in der Geschichte des Teams gewiss der teuerste Fahrer war – und noch dazu nicht mehr wirklich vorn mitfahren konnte. Was kurzfristig betrachtet allerdings für manche lächerlich wirkte, ging langfristig durchaus auf, zeigte seine sportlichen Früchte aber erst ab 2024.
Im Januar 2022 kam die letzte Veränderung im großen Namenssponsorenwechsel. Das kanadische Unternehmen Premier Tech stieg ein und das Team hieß von nun an Israel Premier Tech, kurz: IPT. Dieser Deal dürfte vor allem auch deshalb zustande gekommen sein, da Sylvan Adams in Kanada lebte und das Team inzwischen gute Beziehungen in das Land pflegte sowie recht viele kanadische Fahrer unter Vertrag hatte, nicht zuletzt den Kletterspezialisten Michael Woods. Sportlich liefen die ersten drei Jahre in der World Tour noch recht holprig. Zwar gab es die ersten Tagessiege bei der Tour de France – unter anderem 2022 für den Australier Simon Clarke und den Kanadier Hugo Houle. Aber am Ende der drei Jahre hatte das Team insgesamt zu wenig UCI-Punkte gesammelt, stieg damit aus der World Tour ab und war wieder Conti-Team. Dennoch hatte das Team während seiner ersten World-Tour-Zeit gezeigt, dass es vorn mit- und dramatische Siege einfahren konnte. Der Sieg von Hugo Houle, den er spektakulär im Gebirge herausfuhr, und den er auf der Ziellinie völlig erschöpft mit einem Zeichen seinem verstorbenen Bruder widmete, machte Houle zum kanadischen Nationalhelden und sorgte damit für eine tiefere Bindung der kanadischen Radfans an das Team. Zwischen Kanada und Israel passte radsporttechnisch kein Blatt. Noch.
Der Makel
Zwar verlor man mit dem Abstieg die automatische Einladung zu den größten Rennen (was man über Wild Cards kompensieren konnte), doch sportlich gesehen war das Downgrade in die Conti-Liga mehr als produktiv, denn in den Jahren 2023 bis 2025 erlebte das Team seine sportlich erfolgreichste Zeit. Mit dem Kanadier Derek Gee bauten sie einen ernstzunehmenden Classmentfahrer für Grand Tours auf, der bei den großen Leadern am Rad bleiben und in die Top Ten der Gesamtwertungen fahren konnte, und auch mit dem Nachwuchs erzielten sie viele Erfolge. Nebenbei engagierte sich das Team vielfach im afrikanischen Radsport. Abseits der Hauptstrecke unterstützte man den Frauenradsport in Ruanda mit der großen Kampagne Riding for Change, und nahm weiterhin und mit der ursprünglichen Vision im Herzen besonders die jungen Talente aus dem asiatischen und afrikanischen Raum auf; förderte Sportler, die es sonst nur schwer in den Radsportzirkus geschafft hätten.
Im Renngeschehen wurde das Team zunehmend professioneller und in der Taktik ausgeklügelter. Mit Michael Woods und vielen anderen Fahrern kam es in einzelnen Etappen immer wieder zu wunderschönen Teamwork-Moves und Attacken, die die ZuschauerInnen überraschten. Der Geniestreich-Sieg 2023 von Michael Woods auf der sagenumwobenen Puy-de-Dome-Etappe der Tour de France ließ sogar die Fernsehkommentatoren erschöpft zurück. Nicht zuletzt mit dem Waliser Stephen Williams konnte das Team auch viele UCI-Punkte sammeln: 2023 gewann er das Arctic Race of Norway, und 2024 die Tour Down Under. Besonders legendär war zudem sein Sieg beim Traditionsrennen Flèche Wallonne im Klassikerfrühling 2024, bei dem er nach einem angetäuschten Angriff seines Teamkollegen Krists Neilands an der berühmten Mauer von Huy aus dem Schatten des Kollegen eine weitere Attacke setzte und so das Rennen bei einer immensen Schlusssteigung für sich und das Team entschied.
Bereits 2024 zeichnete sich klar ab: 2026 würde das Team wieder World Tour fahren – und diesmal würde der Aufstieg nicht durch eine übernommene Lizenz geschehen, sondern durch eine erfolgreiche Strategie des Teams in drei wirklich guten Saisons. Sowohl außerhalb als auch während des Renngeschehens wurde IPT objektiv betrachtet immer attraktiver. In der Bilanz hatte das Team alles, um dem gutbürgerlichen europäischen Radsportfan good vibes zu geben. Wenn da aus Sicht der selbsternannten guten Menschen nicht dieser eine Makel gewesen wäre: die Verbindung zu Israel.
Vom Rad gestoßen
Ausgerechnet in der Zeit, in der die vielen Jahre Arbeit und das gute Sportmanagement endlich Erfolge erzielten, geriet das Team nun endgültig und obsessiv in den Fokus der AntisemitInnen, von denen es – wie wir heute wissen – definitiv wesentlich zu viele gibt, um sich als Team mit israelischer Identität behaupten zu können. Bereits vor dem schwarzen Samstag hatte es – allem voran in Spanien – vereinzelt Stimmen gegeben, die aus den klassischen propalästinensischen Gebärden heraus das Team ablehnten. Besonders beliebt war es gewiss nie, aber von der oberflächlich recht unpolitischen Mehrheit wurde es dennoch international zunehmend respektiert.
Wie in allen Sphären markierte das Massaker der Hamas im Oktober 2023 jedoch auch für IPT eine gefährliche Zäsur. Schon am Tag selbst fanden sich unter Beiträgen von Fahrern in den Kommentarspalten plötzlich und random massiv viele Palästinaflaggen und teilweise wurden die harmlosesten, unpolitischsten Sportler, die mit Israel oder Judentum abseits ihres Vertrags bei IPT nichts zu tun hatten, in Kommentaren angegriffen und beleidigt. Das Team entschied sich deshalb, seinen Fahrern aus Sicherheitsgründen für das Training Regenjacken zur Verfügung zu stellen, auf denen der Schriftzug entfernt worden war, obwohl es im Radsport eine Brand-Pflicht gibt; ein Profi entsprechend immer erkennbar mit dem Teamtrikot unterwegs sein muss, sobald er aufs Rad steigt. Im Jahr 2024 waberte dieser Zustand weiter, die Stimmen gegen den Rennstall nahmen schleichend zu. Auf den Fernsehbildern der Rennen zeigten sich plötzlich Palästinaflaggen, anfangs jedoch noch nicht dominant. Etwas stärker wurde es bei der Spanienrundfahrt im Frühherbst 2024 (und eigentlich bei allen spanischen Rennen), doch richtig heftig explodierte die Situation dann definitiv 2025.
Monat für Monat zeichnete sich mehr ab, dass der Antisemitismus in der Radsportbubble sich ausbreitete wie nie zuvor. Während in Italien Anfang des Jahres zwar spürbar stärker, aber dennoch noch recht moderat die Flaggen auf den Bildschirmen zunahmen, gab es bei der Tour de France bereits sichtbare Zwischenfälle – wenngleich hier die OrganisatorInnen noch recht viel unterdrücken konnten und Angriffe abwehrten. Was in Frankreich einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden konnte, funktionierte in Spanien bei der Vuelta zwei Monate später absolut nicht mehr. Das alte Sprichwort Der Fisch stinkt vom Kopf stimmt hier gewiss. Von Pedro Sánchez persönlich wurde gefordert, dass die UCI generelle Sanktionen und sportpolitische Konsequenzen gegenüber Teams und Athleten aus Israel durchsetzen müsse. Der Weltverband lehnte dies strikt ab und verurteilte die Proteste als unzulässige Instrumentalisierung des Sports. Doch auch im Fahrerfeld waren viele der Meinung, das Team würde die Sicherheit aller Rennfahrer gefährden. Nicht die gewalttätigen Angreifer klagte man an, sondern das Team. Die gesamte Vuelta bestand aus einer Täter-Opfer-Umkehr par excellence. Und wenn sogar der spanische Ministerpräsident einen Ausschluss der israelischen Mannschaft fordert, wie soll dann gewährleistet werden, dass die Fahrer alle sicher ins Ziel kommen?
Die Vuelta 2025 wurde ein Desaster. AktivistInnen liefen direkt auf die Strecke und brachten Fahrer zu Sturz. Die elfte Etappe musste abgebrochen und auch das Finale in Madrid musste vorzeitig beendet werden. Gegen ein Ausscheiden wehrte sich das Team tapfer und vehement, ab der fünfzehnten Etappe ließ es aber zur Sicherheit der Fahrer diese mit Trikots ohne Israelschriftzug starten. Die Siegerehrung der Spanientour fand wenig glorreich auf einem Parkplatz statt. Nicht auf einem Podium wurden die Sieger geehrt, sondern auf Getränkepaletten. Wegen der aggressiven, gewalttätigen Proteste, die im Verlauf der spanischen Tour bereits Fahrer auch anderer Teams schwer verletzt hatten, musste nach 21 Tagen Rennen bei der drittgrößten Tour der Welt die Siegerehrung versteckt stattfinden. Auf dem Armutszeugnis-Level der düsteren Fuentes-Zeiten angekommen – wenngleich auf anderer thematischer Ebene – zeichnete sich ab, wie groß der Einfluss von BDS im Radsport schon geworden war. Er hatte schleichend wachsen können, weil weder die anderen Teams noch die Rennveranstalter in den zwei vergangenen Jahren ein Zeichen gesetzt hatten, und die in der Tendenz eher woken Radsportfans international die von Spanien ausgehende Welle entweder nicht verhinderten oder gar befeuerten. Ich versuchte dem Ganzen etwas entgegenzusetzen, doch stand etwas zu sehr allein am Rand und musste zuschauen, wie mir mein geliebter Radsport sukzessive weiter das Herz brach und mein Lieblingsteam systematisch fertig gemacht wurde. Nicht nur in Spanien, sondern auf der ganzen Welt. Leider auch ganz besonders in Kanada.
Das Gee-Debakel
Team-intern eskalierte die Situation durch den monatelang aufgebauten Druck bereits vor der Vuelta. Schon seit Längerem setzte BDS in Kanada sowohl den Namenssponsor als auch den wichtigsten Fahrer des Rennstalls massiv unter Druck. Derek Gee hatte seinen Vertrag bei IPT erst vor Kurzem bis Ende 2028 verlängert. Nur die besonders vertrauenswürdigen und brillanten Fahrer erhalten derart sichere Vertragsverlängerungen. Normalerweise geht ein Vertrag ein bis zwei Jahre, Gee hatte man mit großer Freude gerade erst für drei weitere Jahre verpflichtet. Das Ereignis war von allen Seiten zelebriert worden. Doch im August 2025 erklärte er plötzlich überraschend, dass er den Vertrag einseitig beendet habe. Die Mannschaft widersprach sofort und vertrat die Auffassung, dass der Vertrag weiterhin gültig sei. Der Fall wurde deshalb an das Schiedsgremium der UCI weitergegeben. Gee war in den letzten Jahren systematisch vom Team aufgebaut worden. Kein anderer Fahrer hatte so viel Unterstützung bekommen wie er. Selbst die Pläne, den Sprintflügel des Rennstalls stärker auszubauen und dominant in den Rennen zu platzieren, waren für die Classment-Bestrebungen Gees vorerst in den Hintergrund gerückt worden. Nun, völlig aus heiterem Himmel, löste er rechtswidrig seinen Vertrag – ohne ein neues Team in Aussicht zu haben und ohne eine Begründung.
Gee erklärte später öffentlich, er habe den Vertrag gerechtfertigt gekündigt. Er nannte dabei eine irreparable Zerrüttung des Verhältnisses zur Teamführung, allgemeine Sicherheitsbedenken sowie persönliche Überzeugungen als Gründe, die ihn daran gehindert hätten, weiterhin für das Team zu fahren. Wörtlich sprach er davon, dass die Situation „schwer auf seinem Gewissen“ gelastet habe. Der Streit zwischen IPT und Gee wurde bis Ende des Jahres zu einem riesigen Skandal. Besonders brisant wurde die Sache, als Gee die Öffentlichkeit über die Schadensersatzforderung informierte. Das Team verklagte den Fahrer um einen enorm hohen Betrag – ein willkommener Anlass für AntisemitInnen, darin die vermeintliche Geldgier Adams bestätigt zu sehen. Dabei hatte Gee – und das kommt im Radsport beinahe nie vor – ohne Angabe von Gründen einfach von jetzt auf gleich einen Millionenvertrag gebrochen, nachdem er vom Team ausgebildet worden war und gerade erst um drei Jahre verlängert hatte. Objektiv hat das Team absolut das Recht, für den Wertverlust eine fette Summe zu erhalten. Gee kritisierte, dass aus seiner Sicht finanzielle Interessen über menschliche Aspekte gestellt würden. Das Team bestätigte lediglich, dass der Fall vor der UCI liege, äußerte sich aber nicht zur Höhe der Forderung. Bis heute gibt es kein endgültiges Urteil. Gee fährt inzwischen für das Team Lidl Trek. Ich mag das Team sehr, aber für Gee fiebere ich gewiss nicht mehr mit.
Der BDS-Erfolg
Im Zuge der Proteste gegen IPT forderten BDS-Gruppen unter anderem den Ausschluss des Teams bei Rennen, den Rückzug von Sponsoren, dass Fahrer und Funktionäre sich öffentlich vom Teameigner Sylvan Adams distanzieren, und zunehmend auch dessen Rücktritt sowie seine vollständige Entfernung aus dem Rennstall. Die Bewegung markierte Adams als zentrale Figur einer vermeintlichen Sportswashing-Strategie Israels. Dabei war IPT niemals annähernd so stark mit dem Staat verbunden, wie es everybody’s Darling UAE nach wie vor ist. Gegen UAE hat es im Peloton nie ein Wort der Kritik gegeben, auch nicht bei Beginn der neuen und grausamen Phase des Sudan-Krieges. Und: auch gegen das von Prinz Nasser höchstpersönlich gegründete Team Bahrain Victorious hat es auf der Straße bisher keine Proteste gegeben, obwohl über den Bahrainischen Prinzen neben den Panama Papers auch noch der ein oder andere Foltervorwurf im Raum steht. Ein jüdischer Milliardär dagegen bringt die Masse derart auf, dass die Masse ein ganzes Team aus dem Radsportkalender tilgen will.
Man kann vermuten, dass Derek Gee nach dem massiven BDS-Druck diese Position übernommen hat. Zwar hat Gee nie ausdrücklich gesagt, dass seine Vertragsauflösung wegen Adams oder der israelischen Identität des Teams erfolgte. Er hat aber eine irreparable Zerrüttung des Verhältnisses zur Teamführung und Gewissensprobleme angebracht, und es liegt nahe, dass die zunehmenden Proteste gegen Adams und IPT dazu beigetragen haben. Adams selbst betonte dabei immer wieder, sich selbst eher als Förderer von Dialog und als Verteidiger Israels gegen Boykottkampagnen zu betrachten. Klar war aber: Sylvan Adams war der größte Feind von Radsport-BDS – und er musste weg. Eigentlich wollte man aber nicht nur das Kuchenstück, sondern die ganze verdammte antisemitische Bäckerei. Er sollte weg, das Team sollte weg, Israel sollte weg, jüdische Fahrer sollten weg.
Das Team verzichtete letztlich von sich aus auf die Teilnahme an weiteren Herbstklassikern, nachdem es zum Saisonende beim Giro dell’Emilia ausgeladen worden war. Die Stimmung wurde immer schlechter, die Hauptsponsoren standen unter enormen Druck. Sylvan Adams trat zurück, um das Team zu retten. Doch obwohl dies die vermeintliche Hauptforderung gewesen war, setzte man in Kanada fortlaufend das Unternehmen Premier Tech unter Druck, und auch Factor, der Fahrradsponsor der Mannschaft, wurde bedrängt. Ende 2025 zog sich trotz des Rücktritts und des angekündigten neuen Rennstall-Konzepts der Sponsor Premier Tech zurück, Factor folgte wenige Stunden später. Mit diesem Team wollte man nicht mehr assoziiert bleiben, der wirtschaftliche Druck war zu stark. Sportlich beendete das Team die Saison 2025 erfolgreich und stieg nach drei Jahren wieder in die World Tour auf. Doch das Team war kaputt und stand vor dem Nichts. Ende des Jahres gab man bekannt: Israel-Premier Tech gibt es nicht mehr. Das Team erfuhr zu Beginn der neuen Saison 2026 ein komplettes Rebranding und gab seine israelische Identität gänzlich auf.
Identitätsverlust
Der größte Schritt war die Aufgabe des Namens. Die Mannschaft erklärte ausdrücklich, sie wolle sich von ihrer bisherigen israelischen Identität entfernen, um ihre Zukunft zu sichern. Seit Anfang 2026 tritt der Rennstall als NSN Cycling Team auf. Never Say Never (NSN) kommt von der gleichnamigen Sport- und Entertainmentgruppe, die dem ehemaligen Fußballer Andrés Iniesta gehört und nun als Hauptsponsor fungiert. Mit dem Einstieg neuer Partner verlagerte sich das Zentrum des Teams nach Spanien. Dass man Tel Aviv aufgab, erscheint für Fans des Teams hart genug, aber dass der Sitz der Teamstruktur ausgerechnet in das Land versetzt wurde, in dem man das Team am stärksten bekämpft hatte, war ein weirder (vielleicht aber auch lebenserhaltender) Move. In Katalonien am stärksten bekämpft und nun ansässig genau da – es bleibt gewiss ein zynischer Beigeschmack. Formal fährt die Mannschaft jetzt unter Schweizer Lizenz. Damit gibt es offiziell kein Profiteam mehr, dass Struktur oder Sitz in Israel hat. Auch ging der gesamte, stets ästhetisch minimalistische, Look des Teams verloren. Verschwunden ist nicht nur der bunte Magen David, sondern auch die blau-weiße Farbpallette. Stattdessen setzt NSN auf bunt, schrill und betont anders. Adams kündigte an, nicht mehr im Namen der Mannschaft zu sprechen und sich aus dem Tagesgeschäft komplett zurückzuziehen. Er verkündete, sich stattdessen stärker auf seine Aufgaben beim World Jewish Congress zu konzentrieren. Das Pressegesicht ist jetzt Iniesta.
Erhalten konnte man jedoch zum Glück die sportliche Struktur im Inneren und die Vision. Man konnte die aufgestiegene Lizenz retten, beschäftigt den gleichen Staff sowie die vertrauten Trainer, und erhielt sich sein Devo-Team. Zudem versprach die Mannschaft ihren Fans, dass ihre ursprüngliche Idee, Talente aus Ländern außerhalb der traditionellen Radsportnationen zu fördern, erhalten bleibe. Auch israelische Fahrer sollen weiterhin gefördert und im Profiteam beschäftigt werden. Die meisten Verträge mit Fahrern blieben zudem gültig und die Reorganisation bedeutete nicht automatisch auch einen Neustart des Kaders. Einige Fahrer verließen zwar gegen Ende 2025 das Team, aber lediglich, weil ihre Verträge beendet waren. Manche davon hatten bereits seit Monaten neue mit anderen Teams oder gingen – wie Michael Woods und Chris Froome – in die wohlverdiente Radsport-Rente.
Der ewige Makel
Mit der neuen Saison kamen wie üblich auch neue Fahrer hinzu. Der beste Deal scheint hier der erfolgreiche Sprinter Biniam Girmay („Bini“) zu sein, der als einer der wenigen schwarzen Fahrer nicht nur das ganze radsportverrückte Eritrea hinter sich versammelt hat, sondern in Social Media gefühlt den ganzen Kontinent. Während die weiße Radsportbubble sich die Tränen aus den Gesichtern wischte, weil das große, romantisierte PoC-Idol „ausgerechnet zu den Zionisten“ ging und so der woke Manichäismus ins Wanken geriet, wurde NSN mit einem Schlag zur Lieblingsmannschaft afrikanischer Radsportfans. Zugleich baute man im Team nach dem Wegfall von Derek Gee insgesamt wieder stärker auf Sprint, wobei nicht nur Bini an vorderster Front agiert. Sowohl Oded Kogut und Nadav Rainsberg aus Israel als auch Corbin Strong und weitere Sprinter wurden zunehmend in die Leader-Rollen gestellt. Klassikerfahrer und Helfer wie Krists Neilands werden nicht mehr eingesetzt, um primär Berg- und Classment-Fahrer zu unterstützen, sondern müssen ihre helfende Rolle taktisch für die Sprinter fahren und auf der Geraden an der Feldspitze ordentlich bolzen. Neben mehreren Siegen der Saison für Bini erreichte man so, dass in diesem Jahr das erste Mal ein Sprinter-Trikot bei einer Tour an einen israelischen Fahrer ging. Bei der Dauphiné (die jetzt einen unnötig komplizierten neuen Namen hat und aus Prinzip weiterhin Dauphiné genannt wird) holte Nadav Rainsberg das grüne Trikot gleich zu Beginn und verteidigte es bis zum Schluss. Ein schönes Ergebnis, aber hier zeigte sich erneut, wie subtil und zugleich offiziell der Antisemitismus im Radsport bereits geworden ist. Auf dem offiziellen You-Tube-Kanal des Veranstalters (ASO) wird bei jeder Etappe am Ende des Tages die Siegerehrung aller Wertungen gezeigt. In diesem Jahr führte man diese Tradition fort, mit einer Ausnahme: bei allen acht Etappen hat man zufällig ausgerechnet die Siegerehrungen für das grüne Trikot vergessen upzuloaden. Uff.
Zudem zeigt sich, dass es zwar nichts mehr zu grölen gibt, man das Team aber weiterhin eliminieren will. In den Kommentarspalten wird nach wie vor der Ausschluss des Teams gefordert – trotz kompletten Rebrandings und der Aufgabe der israelischen Struktur sowie der alten Homebase, und trotz des Rücktritts von Adams. Als ich vor ein paar Monaten immer wieder nachfragte, wieso die Forderung weiter bestehen bleibe, wo doch alles erfüllt sei, was man vom Team gefordert habe, bekam ich von einem User die Antwort: „Es sind immer noch Juden“. Man muss leider nicht erwähnen, dass diese Antwort bei Meldung auf einer Plattform wie Instagram nicht als Hassrede durchgeht. Stattdessen bekam ich unter meiner Frage massive Anfeindungen und der massiv antisemitische Kommentar erhielt Likes im dreistelligen Bereich.
Radsport ist meine große Liebe. Wenn ich traurig bin, schaue ich ein Rennen und vergesse für ein paar Stunden meine Probleme. Ich kann stundenlang mit Leuten über die Farbe eines Jerseys streiten, ich liebe die Fantasyspiele während großer Touren. Ich verfolge das Tracking meiner Lieblingsfahrer; ich leide, wenn sie stürzen und schreie den ganzen Block zusammen, wenn sie gewinnen. Ich weine vor Rührung, wenn sich Fahrer freundschaftlich umarmen. Aber seit IPT nicht mehr IPT ist, habe ich einen Bruch in meinem Herzen. Ich supporte auch NSN weiterhin. Aber ich schaue immer weniger Männerrennen, an manchen Tagen tut es mir zu sehr weh. Inzwischen konzentriere ich mich deshalb mehr auf den Frauenradsport. Das ist aber auch reiner Eskapismus im Eskapismus. Meta-Eskapismus quasi. Denn es macht das Problem ja nicht weg.
Für glühende AntisemitInnen bleiben Strukturen und Menschen auch dann noch jüdisch, wenn sie alles sichtbar Jüdische ablegen. Wir wissen das aus so ziemlich allen historischen Kontexten. Antisemitismus will nicht unterwerfen, sondern vernichten – bis keine jüdische Spur mehr da ist. Das Team wird ungeachtet seines Handelns für diese Menschen immer ein Objekt des Hasses bleiben und bekämpft werden. Ich weigere mich, mir sagen zu lassen, dass es sich in dieser Bewegung um friedliche MenschenrechtlerInnen handelt. Wir sollten langsam wissen, dass das falsch ist. Und wir können auch so tun, als wäre unsere eigene Blase von Menschenhass verschont geblieben, aber das ist halt Quatsch. Denn gerade der Radsport muss endlich zugeben: Wir haben ein massives Antisemitismusproblem. Vielleicht sogar ein größeres als andere Sportarten.
Text: sazzue





