Ein Lied soll keine Brücke sein – Über Kulturboykotte und die BDS-Kampagne
Welche Rolle kann Kultur spielen, um Verletzung zu kitten, um solidarische Erlebnisse und Zusammenschlüsse über Nationalitäten hinweg zu schaffen? Wer hat dagegen ein Interesse an Spaltung – und welche Macht besitzt Cancel Culture in einem Jahrzehnt, das sich ohnehin selbst zu verzehren scheint? Eine kulturjournalistische Sammlung zu den Boykotten von BDS, die sich gegen Israel richten. Von Philipp Kressmann und Linus Volkmann.

Aktuell spiegeln sich der Nahostkonflikt und seine verheerenden Folgen nahezu an jeder Ecke wieder. Doch die Geschichte greift dabei natürlich weiter zurück als nur bis zum 7.10.23. Wir schauen in diesem Text hier auf die Aktivitäten von BDS und was daraus erwachsen ist.
Es ist viertel nach neun abends. Musik, Lichter, hektische Aktivitäten, eine Live-Show läuft, eine verdammt große Live-Show. Im Publikum machen sich ein Mann und eine Frau bereit. Adrenalin. Sie haben einen Beutel durch die Kontrollen in die Halle geschmuggelt. Es gilt, auf eine Überlebende des Hamas-Massakers vom 7. Oktober rote Farbe zu werfen, ihren Auftritt zu stören. Das soll ein Zeichen setzen. Es ist Mai 2025, in Basel läuft der 69. Eurovision Songcontest. Yuval Raphael steht für Israel auf der Bühne, die Teilnahme des Landes hat immer wieder für Proteste gesorgt, doch der Riss durch die bunte Community ist seit dem Gaza-Krieg noch tiefer geworden. Der Konflikt, die Unversöhnlichkeit sind real – auch hier 3000 Kilometer Luftlinie von den Schauplätzen in Nahost entfernt in der neutralen Schweiz. Der Auftritt der Sängerin wird gleichsam von Jubel wie Pfiffen begleitet. Raphael singt auf englisch, französisch und hebräisch, sie singt: „New day will rise / Life will go on“. Jetzt überwinden der Mann und die Frau eine Absperrung, sie versuchen auf die Bühne zu gelangen, sie wollen eine Person bestrafen, die die Vergewaltigungen und Morde auf dem Nova-Festival nur überlebte, weil sie sich unter einem Leichenberg versteckte, stundenlang tot stellte. Der Farbanschlag soll sie nun endgültig zum Schweigen bringen. Doch die Security hindert das Paar im letzten Moment an der Tat. Der Farbbeutel fliegt dennoch, trifft Mitarbeiter der Produktion, kurzer Tumult, am Ende kommt niemand zu Schaden. In der TV-Übertragung ist von all dem nichts zu sehen.
Ein Lied soll eine Brücke sein? Keine Chance. Um Brücken geht es hier schon längst nicht mehr. Nicht beim ESC, nicht bei anderen Events, die mit Anfeindungen und Boykotten konfrontiert werden, weil sie mit jüdischen Akteur:innen oder Israel in Verbindung stehen.
Die gescheiterte Aktion in Basel passt zu der griffigen Maxime, mit der Online-Aktivist:innen zu Protesten in Basel aufriefen: Escalate for palestine! Eskaliert für Palästina. Ohne den konkreten Nutzen eines Angriffs auf eine Künstlerin, die sich nach traumatischen Erlebnissen wieder auf eine Bühne traute, für die Menschen in Gaza bewerten zu wollen, handelt es sich hierbei nicht um eine Tat im Affekt befeuert von der Empathie für eine notleidende Bevölkerung. Protest und jene Empathie sehen sich gerade im Kulturbetrieb kanalisiert und evoziert von Netzwerken, die antiisraelische Stimmung über den kulturellen Raum hegemonial machen wollen. Über das wirkmächtigste Netzwerk wollen wir heute sprechen. Es geht um den global agierenden BDS, kurz für Boycott, Divestment, Sanctions.
BDS – Historie und Idee
Ein progressiver Musik-Club in Tel Aviv, dessen selbstgebautes Soundsystem internationale Bekanntheit genoss: The Block. Den Club 2008 gegründeten zeichnete eine Vision aus: Das Team hat unter anderem versucht, Partys mit Plakaten auf Arabisch und Hebräisch zu organisieren. The Block meinte seinen Ansatz ernst, es besaß einen arabischen Manager, zudem kritisierte das Team offen den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, sah sich vernetzt mit arabischen Clubs. Davon erzählt Club-Gründer Yaron Trax in dem Buch „Judenhass Underground“ (Hentrich & Hentrich Verlag). Doch der Club wurde angefeindet – vor allem von der Israel-Boykott-Kampagne BDS, es kam laut Trax gegenüber DJs auch zu konkreten Drohungen.
Ein Blick zurück: 2005 erschien das offizielle Gründungsmanifest von der Kampagne, die Israel auf wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Ebene boykottieren und so international isolieren will. Der BDS-Bewegung geht es unter anderem darum, israelische Unternehmen – auch im Ausland – an den Pranger zu stellen. Diese Boykottaufrufe haben sich laut dem Sozialwissenschaftler Dr. Jakob Baier zwar kaum auf das Bruttoinlandsprodukt von Israel ausgewirkt, doch dafür habe sich die Boykott-Kampagne seit den Zehnerjahren vor allem in wissenschaftlichen und kulturellen Räumen verfangen. Jakob Baier forscht an der Universität Bielefeld unter anderem zu den Themen Antisemitismus in der Kulturproduktion und Verschwörungsideologien in modernen Medien. „Gerade im kulturellen Bereich kann man sehr viele Menschen in einem vermeintlich vorpolitischen Raum erreichen und mit den Zielen der Bewegung vertraut machen“, sagt er im Gespräch mit dem Kaput-Magazin. Bands und Künstler:innen, zu denen man gegebenenfalls aufschaut, tragen diese Ideen dann weiter. Mittlerweile sind viele Acts Boykottaufrufen von BDS gefolgt, darunter namhafte Musiker:innen und Bands wie zum Beispiel Massive Attack, Lorde, Brian Eno, Fontaines D.C. oder Young Fathers. Aber auch die Bestseller-Autorin Sally Rooney und der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani haben die Kampagne bereits unterstützt, außerdem gibt es auf Instagram bereits Collab-Posts von der Klimaaktivistin Greta Thunberg und BDS.
Die Programmatik von BDS ist teilweise sehr explizit, teilweise aber auch eher schwammig formuliert. Im Gründungsmanifest wird etwa die Beendigung der Besatzung allen arabischen Landes gefordert. „Hier ist recht unklar, was damit gemeint ist. Handelt es sich um eine Forderung, die auch einen jüdischen Staat vorsieht? Oder geht es darum, den Staat Israel von der Landkarte zu streichen und durch einen arabischen Staat zu ersetzen? Ich vermute, dass hinter dieser interpretationsbedürftigen Formulierung die Absicht steckt, ein breites politisches Bündnis zu formieren. Dadurch gewinnt man sowohl radikale Kräfte, die auf eine Vernichtung Israels abzielen, als auch friedensbewegte Gruppen, die für die Existenz eines jüdischen Staates und für die eines palästinensischen Staates eintreten, was eine durchaus legitime Forderung ist.“
Doch schon ein Blick auf die Unterzeichner:innen des BDS-Gründungsmanifests irritiert. Es handelt es sich nicht nur um Gruppen aus der palästinensischen Zivilgesellschaft, zu der beispielsweise die Gewerkschaften gehören. Auf der langen Unterschriftenliste steht etwa auch das „Council of National and Islamic Forces in Palestine“ – zu diesem Bündnis von Organisationen gehören aber auch die PFLP, der Islamische Jihad und die Hamas. „Es gibt ein breites Bündnis aus moderaten Gruppen, auch wichtigen Gruppen aus der palästinensischen Gesellschaft, aber auch radikalen Terrorgruppen“.
Manche Aktionen sorgten auch in Deutschland für Schlagzeilen: 2017 störten BDS-Aktivist:innen etwa eine Veranstaltung in Berlin und brüllten dort eine Shoah-Überlebende an. 2019 hat der deutsche Bundestag die Argumentationsmuster von BDS als antisemitisch eingestuft. Baier sagt, dass es sich bei BDS um eine programmatisch und methodisch antisemitische Kampagne handelt. Nun ist Kritik an der israelischen Regierung, an politischen Entscheidungen wie zum Beispiel dem Siedlungsbau, völlig legitim. In Israel protestieren regelmäßig viele Menschen gegen ihre Regierung, auch gegen das neue Gesetz zur Todesstrafe wurde demonstriert. Doch Äußerungen über Israel können auch israelbezogenen Antisemitismus darstellen. Der sogenannte 3-D-Test kann dabei helfen, antisemitische Konnotationen zu identifizieren. Baier erklärt jenen Test: „Wenn Israel in einem hohen Maße dämonisiert wird, das ist das eine D, dann liegt antisemitische Kommunikation vor. Wenn Israel delegitimiert wird, wenn also gesagt wird, dass Israel nicht existieren dürfe, dann liegt auch eine antisemitische Kommunikation vor. Das dritte D steht für Doppelstandards: Die liegen vor, wenn man in seiner Kritik an Israel Maßstäbe heranzieht, die man bei keinem anderen Land heranziehen würde.“ Ein Beispiel: Als der Eurovision-Song-Contest 2019 in Israel stattfand, fiel die Grafik einer BDS-Homepage auf. „Diese Website hat ein Logo veröffentlicht, das eine Verfremdung des offiziellen ESC-Logos war. Man sieht ein Herz, das gebrochen ist. Diese Bruchstelle ähnelt einer SS-Rune. Hier wird so getan, als ob Israel nichts anderes sei als die Nationalsozialisten. Das ist nicht nur eine größtmögliche Form der Dämonisierung, sondern auch eine für den israelfeindlichen Aktivismus von BDS-Gruppen typische Täter-Opfer-Umkehr. Schließlich handelt es sich bei Israel um den Staat der Überlebenden der Shoah.“ Diese Bildsprache und Rhetorik findet man auch bei dem Ex-Pink-Floyd-Musiker Roger Waters, der öffentlich Druck auf Künstler:innen ausübt, nicht in Israel aufzutreten. „Mit seinem BDS-Aktivismus sieht er sich selbst in der Tradition der Weißen Rose, also des antifaschistischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Immer wieder führt er solche Tropen und Narrative heran.“

Dr. Jakob Baier: „Der 7. Oktober war die Umsetzung einer islamistischen und im Kern antisemitischen Ideologie in die Praxis.“ Unmittelbar nach den Massakern in Israel riefen die Terroristen weltweit zu Angriffen auf jüdisches Leben auf. Der Antisemitismus-Forscher betont: „Der Islamismus ist eine Ideologie, die auch älter ist als Israel.“ (Foto: Luisa Hanika)
Die Kernforderungen von BDS klingen anders. Die Kampagne fordert etwa das Rückkehrrecht aller palästinensischen Flüchtlinge. Doch was ist damit gemeint? „1947 verabschiedeten die Vereinten Nationen einen Teilungsplan für das britische Mandatsgebiet Palästina. Dieser sah die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staates vor. 1948 wurde dann der Staat Israel gegründet; die Gründung eines palästinensischen Staates blieb jedoch aus, da der Teilungsplan von arabischer Seite abgelehnt wurde. Fünf arabische Armeen griffen den neu gegründeten Staat Israel damals an und verloren diesen Krieg“, erklärt Baier. „Im Zuge dieses Krieges wurden etwa 700.000 bis 750.000 Palästinenser:innen vertrieben oder sind geflohen. Sie gelten heute als Flüchtlinge, aber auch ihre Nachkommen. Der Flüchtlingsstatus wird hier vererbt, was eine Besonderheit im israelisch-palästinensischen Konflikt ist. Dadurch ist die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge auf knapp 6 Millionen Menschen angewachsen, von denen die meisten heute in Jordanien, Gaza und dem Westjordanland leben. Würde man nun fordern, dass all diese Menschen „zurückkehren“ sollten (auch alle Palästinenser:innen, die nach jenem Krieg in anderen Ländern geboren worden sind, Anmerkung d. Autoren), würden sich die demographischen Mehrheitsverhältnisse zum Nachteil der jüdischen Bevölkerung verschieben. Dies liefe auf die Auflösung Israels als jüdischer und demokratischer Staat hinaus.“ Geht es also gar nicht um Koexistenz? Baier verweist in diesem Kontext auch auf Äußerungen von Gründungsmitgliedern der Kampagne. „Da wird es dann sehr explizit. Galionsfiguren von BDS sagen, dass es ein Ende des jüdischen Staates geben soll.“ Israel wird hier ganz offen deligitimiert. „Das ist auch eine antisemitische Forderung. Denn es bedeutet, dass man Jüdinnen und Juden in dieser Region einen Schutzraum nimmt. Was dann passiert, haben wir am 7. Oktober 2023 gesehen: Da kam es zum größten Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah – und zwar in Israel, begangen durch Terroristen der palästinensischen Hamas und ihrer Verbündeten im Gazastreifen.“
Die Kampagne begnügt sich nicht damit, Künstler:innen massiv unter Druck zu setzen, nicht in Israel aufzutreten. Ein BDS-Ableger rief online sogar zum Boykott des mittlerweile Oscar-prämierten Films eines israelisch-palästinensischen Kollektivs auf. Die Dokumentation „No Other Land“ verhandelt laut Baier sehr kritisch die Besatzungssituation im Westjordanland. Doch weil sich die Macher:innen des Films nicht explizit zu Forderungen des BDS-Manifests bekennen, geriet auch diese Produktion ins Visier der Kampagne. Baier sagt: „Auch Personen, die Kritik an der aktuellen israelischen Regierung üben und sich für Frieden und Verständigung zwischen Israelis und Palästinenser:innen einsetzen, werden boykottiert, wenn sie nicht allen Forderungen von BDS nachkommen. Das ist eine sehr autoritäre Durchsetzung dieser Ziele, die eben implizit oder explizit antisemitisch sind.“ Für diese Praxis gibt es viele Beispiele. Ein besonders drastischer Fall stammt aus dem Jahr 2020: Der palästinensische Friedensaktivist Rami Aman hat in Gaza Videotelefonate zwischen Palästinenser:innen und Israelis organisiert. Eine BDS-Aktivistin hat die Hamas-Behörden laut mehrerer Quellen darauf aufmerksam gemacht. Aman wurde von der islamistischen Terrororganisation anschließend inhaftiert und gefoltert. Es ist kein Zufall, dass so etwas von BDS nicht thematisiert wird. Auch die Situation der Palästinenser:innen in anderen Staaten, etwa die Diskriminierung im Libanon, wird seitens BDS nicht erwähnt – die Vernichtungsbestrebungen in der Region gegenüber Israel werden ebenfalls ausgeklammert. Das würde sich nicht mit dem Narrativ vertragen, dass Israel alleinig Schuld am Nahostkonflikt trägt. Wie kommt es, dass viele Künstler:innen die Ideologie dieser im Kern antisemitischen Kampagne nicht erkennen?
„In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sieht man eine stärker werdende Politisierung in kulturellen Räumen. Meistens sind das Szenen, die sich als links und progressiv verstehen. Es sind Szenen, die in ihrem Aktivismus stark anknüpfen an antirassistische und antikoloniale Bewegungen. Da wird Antisemitismus nicht mit verhandelt, was sich gerade beim israelbezogenem Antisemitismus zeigt. Der sieht sich in den allermeisten Fällen ausgeblendet oder in Abrede gestellt. Meistens wird auch gesagt, dass man gegen Rassismus sei und dadurch auch gegen Antisemitismus. Hier wird Antisemitismus als eine Subform von Rassismus verstanden. Antisemitismus funktioniert jedoch entlang anderer psychodynamischer Prämissen“, sagt Baier. „Menschen mit einem antisemitischen Weltbild gehen davon aus, dass Jüdinnen und Juden auf der einen Seite minderwertig und auf der anderen Seite zugleich übermächtig sind.“ Das äußert sich auch in den gegenwärtig wirkmächtigsten Formen von Antisemitismus: dem verschwörungsideologischen und israelbezogenen Antisemitismus. In einem Artikel für die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt Baier: Der „Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser:innen“ wird bei BDS „stets als Kampf zwischen einem vermeintlich imperialen und kolonialen Unterdrücker gegen kolonisierte Unterdrückte interpretiert.“ Der Zionismus werde von BDS zum Beispiel als rassistisches und imperialistisches Projekt dargestellt. Im Gespräch erklärt er, warum diese Deutung falsch ist: „Der Zionismus war und ist eine Reaktion auf den Antisemitismus weltweit. Wenn man die Idee einer jüdischen Staatlichkeit angreift und will, dass dieser Schutzraum für Jüdinnen und Juden Menschen nicht mehr existiert, dann handelt und spricht man antisemitisch. Wir haben es natürlich gerade mit einer israelischen Regierung zu tun, die sich von einem moderaten Zionismus verabschiedet hat. Trotzdem ist der Zionismus im Kern erstmal eine Emanzipations- und Nationalbewegung, die für die Schaffung eines jüdischen Staates ist, in dem Menschen leben können, die vor Antisemitismus fliehen.“
Mittlerweile ist Antizionismus jedoch ein popkultureller Code und der Begriff „Zionist“ zum Feindbegriff geworden. Verschiedene Bündnisse identifizieren sich heute mit den Zielen der BDS-Bewegung, deren Ideologie laut Baier ein Eigenleben entwickelt hat. „Das Label BDS braucht es heute eigentlich nicht mehr, diese Ideen zirkulieren und finden Anhänger.“ Nicht hinter jeder Boykott-Aktion steckt zwangsläufig BDS, aber die Kampagne ist Triebfeder für die weltweit stattfindenden Israel-Boykotte.
BDS – 7. Oktober und die Folgen
Die Bilder des Hamas-Überfalls auf das Nova-Musikfestival, die Videos von den Entführungen, den über tausend Morden an Zivilist:innen verbreiteten sich um den Globus – doch sie bedeuten keinen Dämpfer für Netzwerke wie BDS. Im Gegenteil, die Kampagne kann seitdem immer weiter Aufmerksamkeit und Zulauf gewinnen. Die Empathie nach dem 7. Oktober dagegen, die für die jüdischen Opfer öffentlich wurde, blieb trotz des unverhohlenen Zerstörungswillens gegenüber Israel und seiner Bewohner:innen – ob jüdisch oder arabisch – betont schmallippig. Wie konnte es soweit kommen? Der Journalist Nicholas Potter bemerkte dazu in einem Kommentar: „Die Verherrlichung islamistischer Terrororganisationen wie Hamas, Hisbollah und Palestinian Islamic Jihad als antikoloniale Widerstandskämpfer, die seit dem 7. Oktober in einigen linken Kreisen Konjunktur hat, kann man ohne die Vorarbeit von BDS nicht erklären.“ An jenem Tag veröffentlichte BDS einen Post auf Instagram. Im Text ist von „bewaffnetem Widerstand“ die Rede.
Selbst die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die wegen antisemitisch bewerteter Vorfälle auf der documenta 2022 beziehungsweise der Berlinale 2024 nie im Ruch stand, eine einseitig pro-israelische Agenda zu verfolgen, sprach in einem Interview mit „Die Zeit“ davon, dass es „erschreckend“ sei, „wie Unterstützer der BDS-Bewegung die Terrorattacken der Hamas relativiert haben“. Jutta Ditfurth (ÖkoLinX) erkannte in BDS bereits früher schon den „außenpolitischen Arm der Hamas“, ihr Redebeitrag von der Kundgebung gegen die BDS/Kopi-Konferenz 2017 in Frankfurt ist heute noch einsehbar. Auch das prominent besetzte Konglomerat Artist4ceasefire, das sich am 20. Oktober 2023 zusammenschloss und sich mit Hilfe der Öffentlichkeit der Acts vornehmlich dafür einsetzte, jegliche militärische Rückholung der Geiseln in Gaza zu delegitimieren, fußt auf Verbindungen zu BDS.
So finden sich deren Argumente und Narrative über diverse Zusammenschlüsse heute weit verbreitet, oft auch ohne deren Label zu verwenden. Zu spüren bekommen das jüdische Künstler:innen, israelische Acts. Der Boykott richtet sich nicht ausgewählt auf Unterstützer:innen der israelischen Regierung oder auf infrastrukturell relevante Institutionen, sondern setzt viel eher die Gießkanne an. Wo Aufmerksamkeit und Empörung erzeugt werden können, dort wird nachgegangen – und in Zeiten von Algorithmen, die auf solche Faktoren fixiert sind, gehen Boykottaufrufe und Diffamierungen allzu oft viral und entfalten ihr destruktives Potenzial.
Auch Jakob Baier hat die Entwicklungen in der Popkultur beobachtet. Er verweist auf „DJs Against Apartheid“: In einem Statement dieser Kampagne wurde der Terror der Hamas als „bewaffneter Widerstand“ und „natürliche Antwort“ auf „Besatzung“ bezeichnet. Mehrere tausend internationale DJs schlossen sich der Kampagne an, die Antisemitismus als Kernelement der Hamas-Ideologie ausklammert. „Nach dem 7. Oktober konnte man eine Entgrenzung und Radikalisierung des Antisemitismus beobachten, gerade auch in der Clubkultur. Das setzt sich bis heute fort.“

Die israelische Musikerin und Schauspielerin Liraz ist Tochter persisch-jüdischer Eltern, die nach Israel ausgewandert sind, weil sie im Iran nicht frei leben konnten. Im Song „Haarf“ geht es um ihren Wunsch nach Frieden im israelisch-palästinensischen Konflikt. (Foto: PR)
Ebenso die Kultur-Boykotte. Konzertabsagen trafen zum Beispiel Liraz. Die israelische Künstlerin hat persische Wurzeln. Sie hat auf Hebräisch genau wie auf Farsi gesungen. Nicht nur deshalb besitzt sie auch im Iran viele Fans: In ihrer Musik geht es unter anderem um die Befreiung der Frauen. Liraz hat sogar konspirative Aufnahme-Sessions organisiert und auf diese Weise israelische mit iranischen Musiker:innen zusammengebracht. Ende 2023 erzählte sie in einem Interview mit der „taz“, dass eine BDS-Aktivistin im Vorfeld angekündigt hatte, ihr Konzert in Brügge zu stören. Tatsächlich betrat während der Show eine Frau die Bühne. Erst habe Liraz Angst gehabt. Doch dann kamen die zwei Frauen ins Gespräch, am Ende tanzte die Störerin mit einer palästinensischen Fahne und beide Frauen umarmten sich. Zuvor hatte Liraz der Frau das gesagt: „Niemand sucht sich aus, wo er oder sie geboren wird. Ich spreche über Frauenrechte, über Liebe, über Frieden zwischen zwei Ländern, Iran und Israel. Ich habe palästinensische Freunde, ich lebe mit arabischen Menschen in einer Nachbarschaft, meine Tochter geht in eine Schule, in der auch ihre arabischen Freunde gehen. Ich bin, glaube ich, keine Person, auf die Sie wütend sein müssen.“
Liraz hat bewiesen, dass sie sich für Verständigung einsetzt. Aber: „Wer Brücken baut, gerät unter Beschuss“ – das schrieb im März 2025 die Zeitung „Jüdische Allgemeine“. Was war passiert? Seit dem Beginn des Kriegs in Gaza sind 80 Prozent der Konzerte von Liraz in Europa und in den USA abgesagt worden. Es gab, so die Zeitung, Anfeindungen durch Israel-Boykotteure.
Liraz ist keineswegs ein Einzelfall. „Es ist immer die Frage, warum israelische Acts oder Personen, die sich öffentlich gegen Antisemitismus aussprechen, plötzlich von Line-Ups verschwinden. Das ist zum einen zurückzuführen auf den anti-israelischen Aktivismus“, sagt Jakob Baier und ergänzt: „Dann gibt es auch Leute, die im vorauseilenden Gehorsam diese Künstler:innen nicht mehr buchen, weil sie keine Lust auf Ärger haben. Sie wollen nicht in den Mittelpunkt eines Shitstorms geraten, weil sie israelische Künstler:innen einladen. Das ist im Prinzip eine Art Silent Boykott, wenn nicht mehr zur Debatte gestellt wird, warum Leute eingeladen werden oder nicht. Sie verschwinden einfach leise. Ich glaube, das ist für israelische Künstler:innen und jüdische Künstler:innen ein großes Problem. Sie können sich nicht wehren, sie können gar nicht mehr in die Auseinandersetzung gehen oder das skandalisieren. Sie werden ausgeschlossen – ohne Begründung.“ Im Folgenden soll es deshalb um Musiker:innen und Clubs gehen, die mit dem Thema Boykott bereits konfrontiert wurden.

Hat Beats und Empathie für alle: Noga Erez. Als erste israelische Musikerin trat sie vor kurzem beim Coachella-Festival auf. Zuvor wurden reihenweise Auftritte von ihr gecancelt aufgrund ihrer Herkunft. Nach dem 7. Oktober rief Noga Erez zu einem Deal für einen Waffenstillstand auf.
Noga Erez – keine Allianzen
Die Musikerin Noga Erez hat in einem viel beachteten Posting Ende 2024 öffentlich gemacht, was bei ihr hinter den Kulissen nach dem 7. Oktober vorgeht:
„Heute erhielt ich einen Anruf von meinem Management, in dem mir mitgeteilt wurde, dass viele der Festivals und Medienauftritte, für die ich gebucht war, meine Teilnahme abgesagt haben, weil ich Israeli bin. Ich wünschte wirklich, es wäre nur ein einziger Fall, aber die Liste wird irgendwie immer länger. Es geht nicht um etwas, das ich gesagt habe, sondern einfach darum, dass ich dort geboren wurde, wo ich geboren wurde.“
Das erzählte Erez live auf einer Konzertbühne, die Songwriterin war bis dato nie durch extreme politische Positionen in Erscheinung getreten. Sie trat bei Protestkundgebungen für die verschleppten Geiseln und gegen die Kriegspolitik von Netanjahus Regierung auf. Ihr 2024er Album „The Vandalist“ beinhaltet zudem den Song „A+“ mit einem Feature von Ravid Plotnik. Der Rapper disst in seinem Part den rechtsextremen israelischen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und erinnert kurz an die Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinenser:innen Anfang und Mitte der Neunziger Jahre, die später gescheitert sind.
Doch auch solche kritischen Positionierungen zur aktuellen israelischen Regierung spielen keine Rolle für die Boykott-Kampagne. Es geht um keine möglichen Allianzen, die mit Acts wie Noga Erez angestrebt werden könnten. Worum es stattdessen geht, hatte BDS-Mitbegründer Omar Barghouti offen formuliert: „Wir lehnen einen jüdischen Staat in irgendeinem Teil Palästinas ab.“
Sharon – Einmal die Wahrheit
Wo Noga Erez durch internationale Bekanntheit auch einen gewissen Schutz genießt, ist es für kleinere Acts dieser Tage weit schwieriger, sich der Boykottstimmung in der Musikszene zu erwehren. Ein Beispiel stellt die Musikerin Sharon dar. Seit Kindesbeinen steht die Pforzheimerin auf Bühnen, seit 2016 veröffentlicht sie ihre Musik auch, bislang ein Album, diverse EPs, sie hat sich früh als female MC in die Battle-Rap-Cypher des Berliner Formats „Rap Am Mittwoch“ getraut und dem dortigen Mackerkult einiges entgegen gesetzt. Ihren Sound könnte man als queeren Old School HipHop beschreiben, (nicht nur) in der feministischen Rap-Szene genossen sie und ihre große Stimme in den letzten zehn Jahren einen guten Namen, Sharon wird gern gebucht, steht im Austausch mit Publikum und anderen Acts der Szene. Dann kommt der 7. Oktober. Danach werden nicht nur die Anfragen weniger, es häufen sich Ausladungen. Die Erklärungen dafür sind unterschiedlich, wie sie im Gespräch erzählt.

HipHop-Artist Sharon: „Ja, ich bin jüdisch. Ja, ich bin Israeli. Aber nein, darum geht es in meiner Musik nicht.“ Antisemitismus in der Popkultur: Häufig werden Jüdinnen und Juden für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht. (Foto: PR)
„Einmal wurde mir die Wahrheit gesagt, da hieß es, mich zu buchen, sei ein politisches Statement. Wer mich oder meine Musik noch nicht kennt: Ja, ich bin jüdisch. Ja, ich bin Israeli. Aber nein, darum geht es in meiner Musik nicht. Meine Musik ist nicht politisch, nur weil ich eine Davidstern-Kette trage. Das tue ich schon seit Jahren, das heißt nicht, dass ich damit ein politisches Statement abgebe. Dieser Schmuck ist keine Einladung, mich in Diskussionen zu drängen oder in eine Schublade zu stecken. So wie eine christliche Person eine Kette mit Kreuz tragen darf, ohne Angst zu haben und ohne sich rechtfertigen zu müssen.“ Ein anderes Mal wird Sharon auf ein HipHop-Festival in Magdeburg gebucht, ein größeres Event, neben Musik geht es um Sprühen, um Skaten. „Die haben mich ein paar Monate davor verbindlich gebucht, doch zweieinhalb Wochen vorher kriege ich einen Anruf: ‚Hey, es tut uns so leid, aber das Festival findet nicht statt – die Förderung, die wir eingeplant hatten, die haben wir doch nicht bekommen.‘“ Der Veranstalter vertröstet sie, man wolle sie für spätere Events „im Gedächtnis behalten“. Ob das wirklich so gemeint ist? Das ist eher zu bezweifeln, denn Sharon findet später heraus, das Event hat sehr wohl stattgefunden – bloß ohne sie. „Räudig“, so kommentiert die Musikerin solche Praktiken, von denen so viele jüdisch gelesene Acts beziehungsweise Künstler:innen mit israelischen Wurzeln dieser Tage betroffen sind. Doch auch wenn sich viele einstige Mitstreiter:innen der queerfeministischen Szene und Idee seit dem 7. Oktober einzig wegen ihrer Herkunft von ihr abgewandt haben, verweigert Sharon, sich silencen zu lassen. Gerade hat sie das Studium zur Synchronsprecherin abgeschlossen und arbeitet sie an ihrem zweiten Album, das nächstes Jahr erscheinen soll. „Musik ist einfach meine Therapie“, ergänzt sie, „und nein, das Album wird nicht politisch, aber es wird sehr persönlich.“
BĘÃTFÓØT – Boykott der Stille
Auch der israelische Musiker Udi Naor musste Erfahrungen mit Boykotten machen. Schon früher ist er mit israelischen Bands unterwegs gewesen: „Ich bin seit 2013 auf Tour. Mit Red Axes und später mit The Angelcy waren wir monatelang in Europa unterwegs. Es gab immer wieder Zwischenfälle – manchmal BDS-Aktionen vor den Veranstaltungsorten, mal Kommentare im Internet. Aber bis zum 7. Oktober hatte ich nie das Gefühl, dass etwas die Musik wirklich verhindert hätte.“ Früher hätten die Musiker:innen laut Udi Noar fast versucht, ihre israelische Herkunft herunterzuspielen. Aber er erinnert sich auch an eine Zeit, in der Menschen neugierig auf Tel Aviv geworden sind: „Es herrschte eine Art kulturelle Offenheit. Red Axes brachten den sogenannten ‚Tel Aviv Sound‘ hervor. The Angelcy waren offen gegen den Krieg, sehr humanistisch und kritisch in ihren Texten – das wurde gut aufgenommen.“
Udi Naor ist Pazifist und hat den Militärdienst verweigert. Doch er sieht sich selbst nicht als politischen, sondern als spirituellen Menschen. „Unabhängig von Nationalität und jeglicher Erzählung glaube ich, dass wir alle Menschen sind.“ Vom Nachrichtengeschehen hält er sich eher fern, er sei vorsichtig mit dem, was er konsumiert. Sein eigenes Musikprojekt BĘÃTFÓØT wurde mit eklektischen Sounds bekannt: Hier treffen Hyper-Pop, Acid und Punk aufeinander. Die Musik ist schrill und exzessiv, wie gemacht für einen Rave mit vielen Menschen. Naor war regelmäßig auf Tour, manchmal fanden in einem Monat mehrere BĘÃTFÓØT-Shows in Europa statt. „Beispielsweise hatten wir im Sommer vor dem 7. Oktober rund zehn Konzerte in Europa. Im darauffolgenden Sommer – null. Die Buchungsanfragen brachen auf fast null ein.“
Seine Karriere hat sich über Nacht verändert. „Ob man das nun einen silent boykott oder anders nennt, die Wirkung war jedenfalls deutlich spürbar. Menschen und Kooperationspartner:innen zogen sich nach und nach zurück. Und ich verstehe das – wenn jemand befürchtet, dass seine Karriere durch eine Verbindung Schaden nehmen könnte, trifft er entsprechende Entscheidungen. Das ist menschlich.“ Finanziell waren die Boykotte ein schwerer Schlag für BĘÃTFÓØT: „Unsere Haupteinnahmequelle waren internationale Tourneen. Als diese wegfielen, brachen auch diese Einnahmen weg. Ich vermute, einige Entscheidungsträger wollten einfach alles potenziell Kontroverse vermeiden.“ Ist es für manche Booker:innen also heute kontrovers, Bands aus Israel für Konzerte zu buchen? Sagt das nicht mehr über die Booker:innen aus als über die Musikgruppen?
Ob die Boykott-Aktionen von BDS ausgingen, kann Naor nicht sagen. Ihn hat diese Entwicklung jedenfalls mitgenommen: „Anfangs tat es weh. Natürlich. Wenn man jahrelang tourt und sich international etwas aufbaut, wird das Teil der eigenen Identität. Und dann ist das plötzlich weg – das erschüttert einen zutiefst.“ In dieser Zeit wurde ihm jedoch auch bewusst, wie sehr er seinen Selbstwert an seine Karriere geknüpft hatte. „Der nachlassende Schwung zwang mich, mich wieder mit mir selbst zu verbinden – als Vater, als Partner, als Mensch. Es erinnerte mich daran, dass Musik ein Ausdruck dessen ist, wer ich bin, aber nicht das Ganze, wer ich bin.“
Auch online nahm er Veränderungen wahr. „Du veröffentlichst einen neuen Song und dann kommentiert jemand: ‚Free Palestine!‘ und du spürst die dahinterliegende Frequenz, den Subtext: ‚Uns ist egal, was du tust, weil du irgendwie mit Israel verbunden bist und das ist schlecht und du solltest dich schämen.‘ Manche wussten gar nicht, dass wir Israelis waren, protestierten aber trotzdem dagegen, dass wir in Israel spielten.“ Naor hat das verwundert. „Es ist seltsam, denn wenn man unsere Texte über die Jahre hinweg liest, merkt man, dass sie Krieg, Besatzung, Gewalt, Herrschaft – kurzum jedes System, das Menschen entmenschlicht – zutiefst kritisieren. Nuancen kommen online nicht immer rüber.“

BĘÃTFÓØT (Foto: Lou Sauvard)
Kann man sich dem Boykott widersetzen? „Das Wort ‚resist‘ mag ich nicht. Ich denke, die Menschen sollten nach ihrem Gewissen handeln. Wenn jemand glaubt, dass ein Boykott die Welt wirklich verbessert, ist das seine Sache. Ich hoffe nur, dass die Handlungen von Klarheit und Mitgefühl und nicht von Angst oder Druck geprägt sind. Wer uns unterstützen möchte, kann das ganz einfach tun: sich mit der Musik auseinandersetzen. Wenn möglich, zu Konzerten kommen. Kulturelle Räume unterstützen, die Dialog statt Spaltung fördern.“ Dann erzählt Naor vom einem Ort in Israel: „Ich möchte das House of Solidarity in Tel Aviv erwähnen. Wir sind mit ihnen befreundet und arbeiten seit Jahren mit ihnen zusammen. Sie geben marginalisierten Stimmen Gehör – Palästinenser:innen, Eritreer:innen, Asylsuchenden und Menschen aus sozial schwächeren Verhältnissen. Sie leisten konkrete und praxisnahe Arbeit im Brückenbau. Wir sind stolz darauf, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Initiativen wie diese zu unterstützen – solche, die wirklich gemeinsame Räume schaffen – ist mir ein wichtiges Anliegen.“
Wichtig ist Naor auch weiterhin die Musik. Heute ist er mit seiner Kunst selbstbewusster: „Vor der Veröffentlichung unseres letzten Albums gab es Momente, in denen wir die Titel abgeschwächt haben, weil unser Umfeld Angst vor negativen Reaktionen hatte. Damals stimmte ich dem zu. Ich wollte die Dynamik nicht gefährden. Heute würde ich das nicht mehr tun. Ich lasse mich nicht von Angst in meiner Authentizität einschränken.“ Letzte Frage: Was wünscht er sich von Menschen, die sich für Annäherung und Frieden im israelisch-palästinensischen Konflikt einsetzen wollen? „Wenn dir Frieden wirklich am Herzen liegt, engagiere dich. Tritt Organisationen bei. Schaffe Dialogräume. Unterstütze Gruppen, die sich Liebe und Würde verpflichtet fühlen. Achte aber auch auf die ‚Frequenz‘ hinter Bewegungen – werden sie von Mitgefühl oder hauptsächlich von Wut angetrieben? Das ist wichtig.“ Naor sieht sich nicht als Person, die geopolitische Lösungen entwirft. Aber er sagt: „Kultur – Musik, Kunst, gemeinsame Erlebnisse – kann kleine Brücken bauen. Und vielleicht beginnt der Frieden, wenn genügend Menschen einander in erster Linie als Menschen ansehen und es erst im zweiten Schritt um Narrative geht.“
HÖR for Palestine
HÖR, dabei handelt es sich um eine populäre DJ-Plattform für elektronische Musik, die in Berlin aktiv ist. Am 3. November 2023 brachen die Betreiber der Plattform zwei Live-Auftritte von DJs ab, welche palästinensische Symbole trugen, die als Verneinung des Existenzrechts Israels interpretiert wurden. Sie sahen sich anschließend mit Zensurvorwürfen und Boykottaufrufen konfrontiert. Einige DJs ließen Aufnahmen ihrer Auftritte von der Plattform löschen. Die losgetretene Kampagne führte zu einer Welle von Online-Anfeindungen und Drohungen gegen das Team von HÖR. Die israelstämmigen Betreiber bekräftigten dabei weiterhin ihre kritische Haltung zu Israels Regierung und demonstrierten Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung, indem sie eine vielbeachtete Benefiz-Compilation mit dem Titel „HÖR for Palestine“ zusammenstellten. Wie verhärtet sich die kulturelle Front aber darstellt, wird deutlich, als das Hilfswerk Heal Palestine das gespendete Geld nicht annahm. Die BDS-Kampagne und ihre Follower:innen machten auch in diesem Fall klar, dass es ausschließlich um ein Verstummen israelischer Akteur:innen geht. So setzt man sich online beispielsweise in Szene, durch Boykottdrohungen erreicht zu haben, dass HÖR im Jahr 2025 von der Londoner SXSW-Konferenz ausgeladen wurden.

://about blank – Das Ende des Austauschs
Es kursieren darüber hinaus schwarze Listen hinsichtlich Medien und Veranstaltungsorten. Wer als solidarisch mit jüdischen Acts auffällt, kann dort genauso landen, wie auch jene, die israelischen Acts eine Bühne bieten. Die Feindmarkierung „Zionist“ trifft in Berlin, wo die pro-palästinensische Bewegung in Deutschland den wohl größten Zulauf besitzt, auch noch Läden wie das ://about blank.
Eröffnet wurde es 2010 in Friedrichshain, von der Organisationsform handelt es sich um ein autonomes, antifaschistisches Mitgliederkollektiv. Die renommierte Berliner Location ermöglicht Livekonzerte, besitzt einen chilligen Außenbereich. Zuletzt wurde eine Solidaritäts-Veranstaltung nötig, da Boykotte und offene Aggressionen gegen den linken Ort Spuren hinterließen. Ein Mitglied des Kollektivs sagte im Interview mit dem Kaput-Magazin dazu: „Diese Party ist notwendig geworden, weil wir seit jenem 7. Oktober nicht nur verstärkt mit Boykotten und Cancelings umgehen müssen, sondern auch physische Attacken auf den Club in Form von Fäkalienwürfen, Buttersäure und Sprühereien erleben. Inzwischen gibt es sogar Aufkleber, die ironischerweise die Enteignung jenes Clubs fordern, der ohnehin der Einzige in Berlin ist, der sich nicht in Privateigentum befindet, sondern genossenschaftlich betrieben wird. Durch all diese Vorgänge herrscht in Bezug auf das ://about blank, aber auch darüber hinaus und in der gesamten Breite der Clubkultur, also bei DJs, Gästen, Agenturen und Veranstalter:innen, eine starke Verunsicherung. Die Angst vor negativen Konsequenzen sowohl für die eigene Karriere als auch die eigene psychische Verfasstheit – Stichwort Shitstorm – greift um sich und hat zur Folge, dass DJs und Agenturen nicht mehr mit uns zusammenarbeiten wollen. Gleichzeitig erleben wir sowohl eine Zunahme von Antisemitismus als auch eine Zunahme von Rassismus. Der Rechtsruck in der Politik führt zur rassistischen Zuschreibung eines angeblich ‚importierten‘ Antisemitismus, was im Land der Täter:innen der Shoah ein ungeheuerliches Narrativ ist, als auch zu einer diskriminierenden Abwehr palästinensischer Perspektiven.“
Diese differenzierte Sicht des Kollektivs, die in der Diskussion immer wieder auch auf Empathie für die palästinensische Zivilbevölkerung pocht, ist kein Grund, für BDS-Aktivist:innen in den Dialog zu treten. Es scheint weniger um Gespräche zu gehen, als um das autoritäre Durchsetzen der eigenen Hegemonie. Das ://about blank äußerte sich auch zu diesem Aspekt: „Ein Interesse an Dialog sehen wir sehr selten. Und zwar nicht nur bei den Initiator:innen der Kampagnen, sondern in der Gesamtheit der an ihnen Beteiligten. Vor jenem 7. Oktober gab es mit Künstler:innen und Promoter:innen, die andere Positionen vertreten haben als wir als Betreiber:innen-Kollektiv, noch einen solidarisch-kritischen Austausch. Solch ein Austausch entsteht hier in erster Linie durch Zusammenarbeit, zum Beispiel durch Gesprächsmöglichkeiten, die sich im Kontext von Auftritten oder Partys ergeben. Inzwischen sind die meisten dieser Gesprächsfäden gerissen. […] Früher oder später wird [in Kommentarspalten] das Thema gezielt auf das ://about blank gelenkt und sein nahes Ende gefordert oder heraufbeschworen. Nachfolgende Posts kommentieren dann gern mit ‚Unser Widerstand bringt etwas!‘. Als wäre es ein Erfolg, linke Orte zu zerstören. Ausgerechnet in einer Stadt, in der die soziale Schieflage ebenso zunimmt wie der Grad der Gentrifizierung. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Gesellschaft nach rechts rückt, wodurch in den kommenden Jahren die Gefahr auch für rassifizierte Menschen, Queers und Jüd:innen weiter zunehmen wird. Wie darüber hinaus diese Art der politischen Auseinandersetzung der Zivilbevölkerung in Gaza und in der Westbank helfen soll, ist uns schleierhaft.“

Auch das ://about blank sah sich schon Angriffen und Boykott-Aufrufen ausgesetzt. In dem linken Techno-Club in Berlin fand eine Veranstaltung über das von der Hamas attackierte Nova-Festival statt. Der Club organisierte aber genauso auch Soli-Partys für die Zivilbevölkerung in Gaza. (Foto: Philipp Kressmann)
Hafenklang – Keine-Fahnen-Politik
Aus einer solchen Feindmarkierung werden Läden mit dezidiert antisemitismuskritischen Veranstaltungen nicht mehr herauskommen, es bleibt eher die Frage, wie können sie damit weitermachen? Jakob Baier sieht in solchen Fällen die Politik in der Verantwortung: „Man sollte Clubs, die von solchen Angriffen betroffen sind, politisch wie auch wirtschaftlich unterstützen. Denn die anti-israelischen Aktivist:innen erzielen permanent Erfolge. Die sehen, dass Leute nicht mehr eingeladen werden und dass Clubs oder Booker sich wegducken. Es kann auch sein, dass Clubs deswegen schließen müssen. Das sind große Erfolge für diese Aktivist:Innen. Dem müsste man zuvorkommen, indem man boykottierte Clubs mit finanziellen Mitteln hilft. Das wäre eine Maßnahme.“
Um mit Vernichtungsphantasien konfrontiert zu werden, dafür reicht auch schon ein geringeres Maß an Kenntlichkeit im Spannungsfeld des Nahost-Konflikts. Das erlebte der ebenfalls renommierte linke Konzertladen Hafenklang in Hamburg. Auslöser für den Boykott stellte dabei ihre No-Flag-Policy dar. In emanzipativen, selbst bestimmten Strukturen ist es gängige Praxis, sich nicht unter das Banner von Nationen und deren Symbole zu stellen. Dementsprechend sollen bei Veranstaltungen keine Nationalflaggen gehisst werden. Darunter fallen neben der israelischen auch die palästinensische. Ein Live-Act, dem diese policy mitgeteilt wurde, sagte den Gig ab, skandalisierte das Hafenklang, hier würde die palästinensische Sache verboten. Genannte Hintergründe spielten keine Rolle, einmal im Fadenkreuz der Boykott-Kampagne gibt es kein Zurück. Der Protest schadete einem der wenigen noch verbliebenen alternativen Szene-Orte der Hansestadt, bis heute versucht das Team des Hafenklangs die Wogen zu glätten.
Standing Together – Palästinensische Perspektive
Auch konkrete Hilfsprojekte wie die regierungskritische NGO “Standing Together” geraten ins Visier von BDS. „Standing Together“ bringt jüdische und arabische Menschen zusammen, die sich für Frieden und Gleichheit von Israelis und Palästinenser:innen einsetzen. Der BDS hat dieses Bündnis angefeindet, zu seinem Boykott aufgerufen. In einem Schreiben äußerte sich der palästinensische Teil von „Standing Together“: „Es ist entmutigend, von anderen pro-palästinensischen Gruppen zum Schweigen gebracht zu werden, während wir von der israelischen Regierung und israelischen Institutionen wegen unseres Kampfes für das Leben unseres Volkes verfolgt werden. Doch das wird uns nicht davon abhalten, uns weiter zu organisieren. Wir sind stolz darauf, Palästinenser und Juden gemeinsam zu organisieren, wir stehen zu unserer Bewegung, unserer Strategie und unserer Theorie des Wandels, und wir werden unsere Organisation fortsetzen, bis wir alle gleich und frei sind.“
Selbst hinter solchen Worten sieht BDS „zionistisches“ Treiben. Doch „trotz Verfolgung, trotz Repression, trotz Hetze bleibt ‚Standing Together‘ aktiv. Sie organisieren Lebensmittelpakete für jüdische, muslimische und christliche Familien, bieten Rechtshilfe-Hotlines an und stellen Solidaritätswächter:innen, die sich für den Dialog einsetzen“, konstatiert der Publizist Peter Lasowksi.

Arabische wie hebräische Schrift in einem Logo? Dass „Aktivist:innen“ allein das schon missfällt, weiß man spätestens seit dem Vorfall um das „Falafel Humanity Shirt“ in dem Berliner Laden K-Fetisch.
Hamza Howidy – Palästinensischer Friedensaktivist
Auch der palästinensische Friedensaktivist Hamza Howidy äußert sich kritisch über die Praktiken der Boykottbewegung. Auf X schrieb er zu der BDS-Kampagne gegen den bereits erwähnten norwegisch-palästinensischen Dokumentarfilm „No Other Land“, der sich mit der Vertreibung von Palästinenser:innen aus dem Westjordanland befasst: „Der Aufruf der BDS-Bewegung zum Boykott des Films ist ein weiteres Beispiel für ihren intellektuell bankrotten und kontraproduktiven Ansatz zur Verteidigung der Palästinenser. Anstatt sich mit einem Dokumentarfilm auseinanderzusetzen, der kritische Realitäten aufdeckt, greift BDS instinktiv zur Zensur – und erstickt damit den Diskurs, anstatt einen sinnvollen Dialog zu fördern. Diese reaktionäre Haltung spiegelt das allgemeine Versagen der Bewegung wider: Sie lebt von moralischem Absolutismus und ideologischen Reinheitsprüfungen statt von pragmatischen Lösungen. In der Form, wie BDS die akademische und wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie den kulturellen Austausch behindert, untergräbt sie aktiv genau die palästinensischen Stimmen, für die sie angeblich eintritt – und reduziert den Kampf für Gerechtigkeit auf eine starre, selbstzerstörerische Isolationskampagne.“
Hamza Howidy wurde in Gaza geboren, erlangte einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und Verwaltungswissenschaften durch die Islamische Universität Gaza. Er nahm an Protesten gegen die Hamas teil, mehrfach wurde er verhaftet und gefoltert. Im Sommer 2023 konnte er fliehen. Derzeit lebt er in Deutschland, vor kurzem ist mit „Muscheln am Strand von Gaza – Erinnerungen an ein zerstörtes Land“ im S. Fischer Verlag sein erstes Buch erschienen. Auf Instagram postet er regelmäßig Texte. Zuletzt hat er dort auch auf die zunehmenden Gewaltexzesse israelischer Siedler im Westjordanland aufmerksam gemacht.

Der palästinensische Friedensaktivist und Hamas-Gegner Hamza Howidy postet auf Instagram regelmäßig Texte. Zuletzt schrieb er aber genauso auch über Gewaltexzesse israelischer Siedler im Westjordanland. Der BDS-Bewegung wirft er vor, Dialog zwischen Israelis und Palästinenser:innen zu verhindern. (Foto: Instagram)
Boykott ist kein Verbrechen
Sich mit den eigenen Überzeugungen zu identifizieren und zu dem Schluss kommen, dass eine gewisse Person, eine bestimmte Marke oder was auch immer mit jenen nicht zu vereinbaren ist, soll in diesem Text keinesfalls delegitimiert werden. Boykott war immer schon eine politische Realität. Die meisten dürften sie auch an sich selbst schon beobachtet haben. Linus Volkmann beispielsweise verzichtet als Vegetarierer auf den Kauf von fleischfreien Produkten von Firmen wie Gutfried oder Rügenwalder, weil ihm diese industriellen Metzger gegen den Strich gehen. Philipp Kressmann kauft keine Müllermilch-Produkte, weil der Milch-Milliardär Theo Müller unter anderem mit der rechtsextremen Politikerin Alice Weidel eine Freundschaft pflegt.
Niemand muss das Konzert von einer prominenten Band ansehen, die sich – wie zum Beispiel Radiohead – weigerte, Israel zu boykottieren – doch wenn gezielt selbst Menschen abgestraft oder angegangen werden, die lediglich deren Veranstaltungen besuchen, dann verlässt es die Ebene von privater Entscheidung und legitimer Überzeugung. BDS überschreitet diese Schwelle nicht nur ganz bewusst, viel mehr ist die Angst vor der sogenannten „Kontaktschuld“ Teil des Prinzips.
Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow äußerte sich dazu bereits 2019 in einem Videointerview: „Mir ist das persönlich als Musiker schon passiert, dass ich Aufforderungen bekam, Veranstaltungen zu boykottieren, weil israelische Künstlerinnen oder Künstler daran teilnehmen – namentlich beim Popkultur-Festival in Berlin.“ 2017 hat BDS zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen. „Deren Strategie ist es, proaktiv Leute anzuschreiben, einzuschüchtern und zu drohen.“
Nazijuden und andere
Wie sehr die Saat von Netzwerken wie BDS heute aufgegangen ist, lässt sich daran ablesen, wie wenig von dem Boykott- und Shitstory-Treiben heute noch zentral gesteuert werden muss. Moralische Selbsterhöhung auf Kosten einer humanitären Katastrophe bricht sich vielmehr selbst Bahn – und der Reiz der autoritären Drangsalierung von quasi zum Abschuss freigegebener Personen oder Gruppen, die als „zionistisch“ markiert werden, ist allgegenwärtig. Macht und das Ausüben derselben stellt einen toxischen honeypot dar. Aufgeschnappte Schreckensbilder aus dem Netz liefern die moralische Ermächtigung, sich über eine Band, einen Act zu erheben – und diese einfach mit allen erdenklichen Grausamkeiten gleichzusetzen. „Ihr seid Schuld, dass Kinder sterben, weil ihr ein Konzert in Buxtehude in einem Laden von einem Typen, der irgendwann mal in Israel war, nicht abgesagt habt!“

Dieses Prinzip ist genauso simpel wie verheerend. Das musste auch einer der Organisatoren des Hamburger Punkfestivals „Booze Cruise“ feststellen: „Eine britische Punkband hatte ‚entdeckt‘, dass ich mit meinem privaten Instagram-Profil dem ‚Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft‘, einer NGO, folge, die sich gegen Antisemitismus einsetzt. Das war für sie Grund genug, mich auf Instagram als ‚confirmed Zionist and Genocide-Supporter‘ darzustellen. Die Band hat Bands, die auf unserem Festival spielen sollten, angeschrieben und aufgefordert, sich vom Booze Cruise zu distanzieren. Ich habe auf Instagram erklärt, warum ich gegen Antisemitismus bin und dass ich Krieg per se nicht gutheiße. Seitdem habe ich viele Hass-Botschaften, Fotos von toten Kindern und andere fiese Mails bekommen – Gewaltphantasien und Morddrohungen inklusive. Außerdem gibt es einen Reddit-Feed mit Fotos von mir und über 600 Beiträgen. Ich wurde als Nazi, Nazijude und Schwuchtel beschimpft“, erzählte er im Interview.
Ein weiteres Beispiel, wie wenig die Willkür solcher Anschuldigungen noch hinterfragt wird, wenn die Maschine erstmal rollt, musste die Sängerin Sophie Ellis-Bextor erleben. Es hätte bloß noch gefehlt, dass man ihr ihren Hit von 2002 „Murder On The Dancefloor“ als zu Hamas-kritisch ausgelegt hätte. Doch die Wahrheit im Winter 2023 scheint kaum weniger obskur: Ihr Clip übers Plätzchenbacken im Rahmen einer weihnachtlichen Werbekampagne für die Einzelhandelskette Marks & Spencer wurde als palästina-feindlich interpretiert. Wie haltlos diese Auslegung war, die unter anderem auf ihre Lidschatten-Farbe verstieg, spielte keine Rolle mehr, als der Shitstorm Fahrt aufnahm und die Betroffene öffentlich an den Pranger stellte. Auch von dieser Aktion bleibt vor allem ein „Es kann jeden treffen“ übrig. Die ganze Geschichte des Vorfalls lässt sich in dem Buch „Lauter Hass – Antisemitismus als popkulturelles Ereignis“ (Verbrecher Verlag) von Maria Kanitz und Lukas Geck nachlesen.
Denunzation ist eine Waffe
Das Engagement der Kulturszene nicht gegen Israel sondern für palästinensische Menschen mag jenseits des Internets dagegen manchmal schmal wirken. Versuche, Benefiz-Konzerte in der Westbank, in Ramallah oder – vor dem 7. Oktober – in Gaza aufzustellen? Das scheint eine weit geringere Attraktion zu besitzen in all dem virtue signalling. Denn vor Ort müssten sich die Künstler:innen auch mit der wenig bunten oder diversen Realität der Hamas auseinandersetzen. Sich damit zu konfrontieren wird – aus guten Gründen – komplett ausgespart.
Stattdessen kursieren (vornehmlich auf Reddit) Listen, die die Social-Media-Denunziationskultur weiter antreiben. Der gängigste Claim hierbei lautet „Has XY spoken out for palestine?“. Denn auch ein Sich-nicht-äußern kann zur Feindmarkierung reichen. Zudem wird öffentlich skandalisiert, ob etwaige Äußerungen genug waren, in welcher Form sie stattfanden. Superstar Billie Eilish trug bei der ersten Oscar-Verleihung nach dem 7. Oktober einen Ceasefire-Pin als Symbol ihrer Solidarität mit der palästinensischen Sache. Vielen Aktivist:innen reichte das nicht. So finden sich in unzähligen Reddit-Foren Anwürfe wie „That pin at the oscar’s doesn’t mean anything if u don’t say what it’s for!“ oder „Gaza is dying and I‘m gonna say what should be said: We must call out Billie Eilish!“
Ein zur Schau gestellter Boykott-Furor zahlt immer auch auf die Sichtbarkeit, die Relevanz, das moralische Kapital des Senders ein. So macht diese Praxis auch vor big names nicht Halt, die sich bereits positioniert haben.
Boykott dem Boykott
Die Freiwilligkeit bei vielen, die auf Kultur-Boykotte einschwenken, soll hier nicht angezweifelt werden – doch erst die stets mitgelieferte Drohung, jederzeit selbst zum Opfer einer Kampagne gemacht werden zu können, stellt den entscheidenden Multiplikator dar, der dem Netzwerk seine Wirkmacht verleiht. Jakob Baier sagt über das Vorgehen von BDS: „Wahrscheinlich ist es eine eher kleine Gruppe innerhalb der Szene, die aber wirklich sehr aggressiv und obsessiv agiert und gegen andere Leute vorgeht. Diese Gruppe agiert mit einer ganz starken autoritären Unterwerfungslogik, die sagt: Entweder ihr seid für uns oder ihr seid gegen uns. Dieses autoritäre Strafbedürfnis betrifft auch viele Personen, teilweise auch nicht-jüdische Personen, auf privater Ebene. Es gibt Personen, die man versucht, über Social Media öffentlich zu diffamieren. Das halte ich für ein sehr großes Problem.“
Allerdings gibt es auch Musiker:innen, die sich dem Boykott verweigern. Doch es sind eher etwas ältere Stars, die sich klar positionieren. Nick Cave hat in einem offenen Brief 2018 den kulturellen Boykott Israels als „feige“ und „beschämend“ bezeichnet. Er unterstütze keineswegs die israelische Regierung. Auch er wünsche sich ein Ende des Leids der Palästinenser:innen. Für eine gerechte Lösung sei enormer politischer Willen auf beiden Seiten nötig. In Israel, einer Demokratie mit arabischen Parlamentsmitgliedern, könnte der Kontakt mit wahlberechtigten Menschen hilfreicher sein als die Abschreckung von Künstler:innen, so der australische Musiker. 2024 bekräftigte er seine Haltung. Im Podcast des Magazins „Reason“ argumentierte Cave erneut gegen kulturelle Boyotte, die seiner Meinung nach gewöhnlichen Menschen schaden.
Radiohead – Der Hass auf Brückenbauer
„In Musik, Kunst und Wissenschaft geht es darum, Grenzen zu überwinden, nicht darum, Grenzen zu errichten. Es geht um offene, nicht um verschlossene Geister, es geht um gemeinsame Menschlichkeit, Dialog und Meinungsfreiheit.“ Diese Worte stammen aus einem Statement von Thom Yorke, der mit Radiohead 2017 in Tel Aviv aufgetreten ist. Yorke reagierte damals auf dne britischen Filmregisseur Ken Loach, der BDS unterstützt. Loach, Roger Waters und andere Anti-Israel-Aktivisten haben Radiohead in einem offenen Brief aufgefordert, das Konzert abzusagen. Yorke konterte: „In einem Land aufzutreten, bedeutet nicht, dessen Regierung zu unterstützen.“ Und er schrieb: „In den letzten 20 Jahren haben wir in Israel unter verschiedenen Regierungen gespielt, manche waren liberaler als andere. Genau wie in Amerika.“ Der Radiohead-Sänger betonte, dass die Band den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu genauso wenig unterstützen würde wie den US-Präsidenten Donald Trump. Trotzdem würde die Band weiterhin in den USA auftreten. Israel spielt in der Geschichte von Radiohead durchaus eine Rolle: Ihr Song „Creep“ war dort schon 1992 ein Hit. Der Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood ist zudem mit einer israelischen Frau verheiratet. Außerdem hat er ein Musikprojekt mit dem israelischen Rockmusiker Dudu Tassa, das arabische und jüdische Acts zusammenbringt.

Die Brückenbauer Jonny Greenwood (von Radiohead) und Dudu Tassa. Auch Künstler:innen oder Organisationen, die Kritik an der aktuellen israelischen Regierung äußern und sich für Frieden und Verständigung zwischen Israelis und Palästinenser:innen einsetzen, werden von BDS boykottiert.
Ihr gemeinsames Album „Jarak Qaribak“ erschien 2023 und bedeutet übersetzt soviel wie „Dein Nachbar ist Dein Freund“. Das ist auch das Motto dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – grenzüberschreitenden Musik: Auf dem Album interpretieren Musiker:innen aus dem gesamten Mittleren Osten alte Liebeslieder mit arabischem Gesang neu. Jede:r Sänger:in performt hier ein Lied aus einem fremden Land. Der ägyptische Musiker Ahmed Doma singt etwa das Lied eines algerischen Sängers, die Musikerin Safae Essafi aus Dubai einen israelischen Song. Auch die palästinensische Musikerin Nour Freteikh hat einen Titel eingesungen. 2024 traten die Brückenbauer Greenwood und Tassa gemeinsam in Tel Aviv auf. BDS meldete sich zu Wort, „Stop Artwashing Genocide“, heißt es in einem Aufruf. Greenwood verfasste ein Statement: „(…) israelische Künstler zum Schweigen zu bringen, weil sie als Juden in Israel geboren wurden, scheint kein Weg zu sein, um eine Verständigung zwischen den beiden Seiten dieses scheinbar endlosen Konflikts zu schaffen.“
Mai 2025: Zwei geplante Konzerte des Duos in London und Bristol wurden gecancelt. Greenwood und Tassa erklärten, dass die Veranstaltungsorte glaubwürdige Bedrohungen erhalten hätten (damals wurden auf Druck von Aktivist:innen auch der jüdischen Klezmer-Dance-Band Oi Va Voi Konzerte in England abgesagt, Ende 2025 musste die Gruppe aus London für eine Show zusätzliches Sicherheitspersonal engagieren). Die Durchführung der Shows sei nicht mehr sicher gewesen. Zum Boykott hatte eine Gruppe aufgerufen, die der BDS-Bewegung nahesteht. Tassa und Greenwood machten den Vorfall öffentlich. In einem Instagram-Statement heißt es: „Musiker zu zwingen, nicht aufzutreten, und Menschen, die sie hören wollen, die Möglichkeit dazu zu verweigern, ist ganz offensichtlich eine Methode der Zensur und des Mundtotmachens.“
2024 hatte sich auch Sharona Katan, die Ehefrau von Jonny Greenwood, zu Wort gemeldet. Für die israelische Tageszeitung Haʾaretz hat die Künstlerin einen Artikel geschrieben. „Ich sehe bei Bewegungen wie BDS kein ernsthaftes Bemühen um einen positiven Dialog mit Israelis. Stattdessen sehe ich nur die Dämonisierung alles Israelischen und Jüdischen. Ein Mundtotmachen. Ein Vereinfachen der Sachlage, im Namen eines Propagandakrieges.“ Katan kritisierte, dass Israelis nun Kolonialisten genannt werden und erinnerte anhand ihrer eigenen Familiengeschichte daran, dass Jüdinnen und Juden aus Europa sowie nahöstlichen Ländern vor Pogromen und Judenhass fliehen mussten. Sie nähme eine „widerliche“ Kampagne wahr, die alle Jüdinnen und Juden außerhalb Israels zwänge, sich als antiisraelisch zu erklären. Es gäbe viele Menschen, die wollen, dass sie als israelische Jüdin Scham empfinde.
Scham empfinden, das sollte auch Thom Yorke – zumindest, wenn es nach einem Konzertbesucher ging, der in Melbourne 2024 die Show störte. Er forderte Yorke lauthals auf, sich zum Krieg in Gaza zu äußern. Yorke, der sich zu diesem Zeitpunkt nicht zum 7. Oktober und dem Krieg geäußert hatte, verließ die Bühne. Ende Mai 2025 postete er ein längeres Statement auf Instagram. Jenes Konzert sei nicht der beste Moment gewesen, um die humanitäre Katastrophe in Gaza anzusprechen, schreibt er dort. Er sei schockiert, dass sein „angebliches Schweigen“ als Komplizenschaft gewertet wurde. Das hätte seine mentale Gesundheit stark beeinträchtigt. Er hätte gehofft, dass seine Kunst vermitteln würde, dass er gegen jede Form von Extremismus und Entmenschlichung sei. Dann kritisiert Yorke Netanjahus Kriegsführung scharf, nennt dessen rechte Regierung eine „völlig außer Kontrolle“ geratene „Crew von Extremisten“ und prangert unter anderem deren „ultra-nationalistische Administration“ sowie die damalige Blockade von Hilfslieferungen nach Gaza an. Er plädiert in dem Text für internationalen „Druck“ auf Netanjahus Regierung. Anschließend erinnert er an die „wahrlich grauenhaften Taten“ der Hamas am 7. Oktober, die den Krieg ausgelöst haben. Die Parole „Free Palestine“ beantworte nicht, warum die Geiseln immer noch nicht wieder zu Hause sind. Die Hamas, so Yorke, verstecke sich zudem hinter dem Leid der eigenen Bevölkerung – „für ihre eigenen Zwecke“. Er wusste wohl schon, dass er es mit seinem Post nicht allen Recht machen kann. Yorke bemühte sich um Empathie und Differenzierung – viele Kommentare unter dem Post hingegen nicht. Es folgte das, was er in seinem Post als „Social Media-Hexenjagd“ beklagte: eine starke Vereinfachung komplexer Probleme und der Zwang zu Statements. Als Radiohead im Herbst 2025 ihre Reunion-Tour ankündigten, rief BDS erneut zum Boykott auf. Im Herbst 2025 hat Yorke in einem Interview mit „The Sunday Times“ gesagt, dass er nicht mehr in Israel auftreten würde. Greenwood, der zuvor für Neuwahlen in Israel und für die Freilassung der Geiseln protestiert hat, widersprach Yorke und argumentierte, dass das eher der aktuellen Regierung nutzen könnte. Er würde sich zudem nicht dafür schämen, mit arabischen und jüdischen Musikern zu arbeiten: „Dafür kann ich mich nicht entschuldigen.“
Yorke wurde damals von wildfremden Menschen auf der Straße angesprochen, ein Mann sagte ihm, er müsse sich von Greenwood distanzieren. Der Fall Radiohead exemplifiziert einmal mehr, wie spalterisch die BDS-Kampagne agiert und was dieses aggressive Klima mental bei Künstler:innen auslösen kann, die auch für ihre israelischen Fans einfach nur Musik spielen woll(t)en.
Verhärtung statt Vernetzung
Jens Balzer wirft in seinem Essay „After Woke“ (2024) postkolonialen Linken unter anderem vor, die komplexe Geschichte des Nahostkonflikts und „der Migrationsbewegungen nach dem Ende des zweiten Weltkrieges“, in der arabische und jüdische Menschen vertrieben worden sind, „auf ein einfaches binäres Modell aus Gut und Böse zu reduzieren“. Der Autor zeigt, dass das in jenem Milieu auch zu Antisemitismus geführt hat. Er kommt in diesem Kontext auch auf Entwicklungen im Kulturbetrieb zu sprechen. Sein Fazit fällt bitter aus: „Diese Welt, deren Wesen oder wenigstens deren Utopie einst in der Vernetzung bestand, in der Solidarität, im freundlichen, respektvollen, aufmerksamen Umgang miteinander – sie hat sich nun in ihrer Fragmentiertheit und Polarisierung in rasendem Tempo jener anderen Welt angeglichen, zu der sie einst doch ein Gegenmodell stiften wollte.“ Balzer erwähnt hier die damaligen Boykottaufrufe gegen israelische Künstler:innen bei der Biennale und beim ESC: „Wo gerade die Kunst einst als „safer space“ der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkünfte, Positionen, Identitäten erschien, dort regrediert sie nun zum Nebenkriegsschauplatz einer zu allem Überfluss auch noch falsch verstandenen Weltpolitik; und dort werden Künstler*innen einmal mehr nicht als Individuen mit autonomen ästhetischen Ansätzen betrachtet, sondern als Repräsentant:innen eines Staates, einer ethnischen Gruppe, einer verhärteten Identität.“ Das klingt unvermindert aktuell: In diesem Jahr braucht der israelische ESC-Teilnehmer Polizeischutz in Wien und probt mit Buhrufen. Auch 2026 wird der ESC in Israel von der Rundfunkanstalt KAN übertragen, die – wie die Zeitung Haʾaretz – aufgrund sehr regierungskritischer Berichterstattung von Netanjahus in Teilen rechtsextremer Regierung schon länger stark unter Druck gesetzt wird.
as1one – Eine israelisch-palästinensische Boygroup für die Hoffnung
Es ist eigentlich absurd, dass die Boyband as1one nicht schon viel bekannter ist: as1one besteht aus vier jüdischen und zwei palästinensischen Mitgliedern. Es handelt sich um die weltweit erste israelisch-palästinensische Boygroup. 2023 wurde sie in Israel gecastet – in einem 1969 gegründeten Friedensdorf, wo Jüd:innen und Palästinenser:innen gemeinsam leben. Mittlerweile haben die sechs Musiker sogar schon mit Chic-Gründer und Disco-Ikone Nile Rodgers gearbeitet. Am 6. Oktober 2023 ist die Boygroup nach Los Angeles gereist, um ihr Debütalbum aufzunehmen. In einer Dokuserie von Paramount+ sieht man, wie sehr die jungen Männer die Ereignisse in ihrer Heimat belasten. Doch die Gruppe ist für das Projekt damals in den USA geblieben. Dabei wurde der Druck weiterzumachen, größer denn je. Diese schwierige Zeit ist auch Thema in dem Lied „Stranger“, das die Mitglieder damals gemeinsam geschrieben haben. Allerdings hatte das Musikprojekt es schon zuvor schwer: Die Idee, eine israelisch-palästinensische Boygroup zu gründen, trifft nicht überall auf Zuspruch. Die Gruppe selbst möchte aber gar nicht ständig mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt verbunden werden, auch wenn der ihre Entstehung natürlich geprägt hat. „Wir wollen nicht politisch sein“, sagte das palästinensische Mitglied Aseel Farah dem Online-Magazin „Billboard“ Ende 2023. „Wir wollen einfach bloß humanitär sein.“
Als viele prominente Musiker:innen (wie etwa Ben Howard oder Idles) im Herbst 2025 via Geoblocking-Technik ihre Musik in Israel unzugänglich machten, versuchten as1one hingegen, mehr Gehör zu finden. Die Gruppe gibt es immer noch: Anfang diesen Jahres ist das Sextett etwa in England aufgetreten. Auf Instagram postet die Band regelmäßig Acapella-Cover bekannter Songs. Was eine Boygroup eben so macht.
Auch dieses integrative Projekt wird BDS sicher als feindlich betrachten. Schließlich handelt es sich, wie die Beispiele beweisen, um eine Kampagne, die israelische Musiker:innen oder Wissenschaftler:innen ausschließlich als Vertreter:innen eines Staates behandelt, dessen Existenzrecht sie ablehnt. Nun stellt sich – unabhängig vom Nahostkonflikt – die Frage, ob und unter welchen Umständen kulturelle Boykotte überhaupt produktiv sind. Können Gesellschaften nicht erst durch Kultur und Wissenschaft Fortschritte erzielen? Sollte man kulturellen Austausch, wo er denn möglich ist, nicht vielmehr nutzen? Gerade Songs und Bücher können – über nationale Grenzen hinweg – auch Perspektivwechsel ermöglichen. Gehört das nicht sogar zu den zentralen Hoffnungen und Versprechungen von Pop-Musik im weitesten Sinne? Sollte Pop-Musik als Medium nicht der Emanzipation statt der Spaltung dienen?
Noga Erez hat es damals auf der Show, von der sie auf Instagram jenen Clip hochgeladen hat, auf den Punkt gebracht: „Ich glaube nicht, dass es eine Lösung ist, Künstlerinnen und Künstler zu boykottieren. Ich denke, dass man die Probleme in der Welt nicht löst, wenn man Musik, Bücher, Filme und Theaterstücke boykottiert. Es gibt momentan so viel Schmerz in der Welt, es ist verheerend. Das habe ich zum Teil mit meinen eigenen Augen gesehen. Vielleicht sollten wir gerade versuchen, Gemeinsamkeiten zu finden, statt die Situation noch zu verschlimmern.“
Text: Philipp Kressmann / Linus Volkmann
Der Text findet sich ebenfalls in der Print-Ausgabe des Kaput-Magazins / Frühsommer 2026




