Samstag, 15.12.2018
Das Millennial-Manifest

“Das Kotzen am Morgen, wenn man seine Zeilen vom Vortag liest” – Bianca Jankovska im Interview

Dass die digitale Welt und das Web 2.0. auch den Journalismus auf den Kopf stellen würden, stand doch eigentlich sehr früh bereits fest. Allerdings wird erst mit dem Printsterben 2018 spürbar, wie sehr die alte Welt schon zusammengeschmolzen ist – und dies noch viel weiter tun wird. Doch was kommt nun stattdessen? Wie sieht Gesellschaft aus durch die Texte (beziehungsweise Insta-Storys) der Millennial-Reporter? Bianca Jankovska hat ein Buch darüber geschrieben – eins über sich und ihre Leute: “Das Millenial-Manifest”. Linus Volkmann sprach mit ihr darüber.

Manifest! Wow, das klingt nach Marx, nach zehn Geboten, 95 Thesen, sowas halt. Warum auch nicht? Neben der produktiven Übertreibung seines Titels bietet das Debüt-Buch der Exil-Österreicherin Jankovska wirklich mehr als nur eine singuläre Nabelschau. Es dekliniert die komplette Lebenswelt der aktuelle Twenty-Somethings durch. Wie sie Kommunikation, Dating und Arbeit neu erfinden – und nasse Hände bekommen, wenn das Wlan ausfällt. Obwohl… in ihrem Frontbericht erfahren wir von Jankovska auch, dass jene Generation nicht einfach gestalten kann und die Fernbedienung übergeben bekam. Fremdbestimmung, Umbrüche, Hybris und Komplexe – alles natürlich on display, versteht sich. Nicht posten kann man ja noch, wenn man tot ist. “Das Millennial-Manifest” will viel, ist manchmal mehrere Bücher in einem – ganz passend zu seinem Sujet. Es will unterhalten, offen legen, aufrühren, mitunter zu Tränen rühren, keine Ruhe geben, senden, senden, senden. Ein unglaublich dichtes Werk, mit hoher Quote interessanter Gedanken pro Seite.

Foto: Melanie Ziggel


Mit “Das Millennial-Manifest” ist dieses Jahr dein erstes Buch erschienen. Erstes Buch … Der Meilenstein für alle Schreibende. Du hast aber dafür bewusst nicht einfach die Likes abgeholt, in dem du dich neben – oder in – den Bücherkarton gesetzt hast. Du hast stattdessen eher ambivalente Gefühle mit deinen Followern geteilt. Wie stehst du heute zu deinem Buch und was hatte deine erste Euphorie gebremst?
BIANCA JANKOVSKA Buchschreiben ist wie Kinderkriegen, nur schlimmer. Sag ich, als kinderlose Frau. Die Hormone! Die ständige Ambivalenz! Das Kotzen am Morgen, wenn man die Zeilen vom Vortag liest. Und dann muss man auch noch so tun, als ob man bedingungslos stolz sei, wenn das Ding neun Monate nach dem ersten Ansetzen des Bleistifts käuflich erhältlich und für jedermann bewertbar auf Amazon gelistet ist. Gruselig ist das Wort, mit dem ich diese Erfahrung zusammenfassen würde. Gruselig. Und schön. Das allerschönste Gefühl auf der Welt, wenn es erstmal da ist.
Nein, ernsthaft. Es muss einen Zusammenhang zwischen der Geburt eines Buchs und eines Balgs geben. Jetzt, mit 27, fangen die einen an mich zu fragen, wo denn die Kinder bleiben, und die zweiten, wann mein zweites Werk kommt. Zuerst dachte ich noch, ich nehme das zweite gleich in einem Rutsch mit der Release mit, dann bin ich noch vor meinem 30. Geburtstag fertig und kann mich offiziell zur Ruhe setzen, aber nachdem ich 5 x hintereinander meine eigene gequirlte Vergangenheitsscheiße auf irgendwelchen Busfahrten durch Schweden Korrekturlesen musste, sag ich euch: no thanks. (Falls das hier ein Verlag mit mächtig Kohle liest: NATÜRLICH WILL ICH EUER GELD. MELDET EUCH BITTE!)

Mich fasziniert an deinem Output ohnehin sehr, wie wenig du das virtuelle Schulterklopfen suchst und wie du in den betulichen Medien-Konsens reinbretterst. Woher nimmst du die Kraft und die Wut?
Die Kraft nehme ich aus der Wut und die Wut nehme ich aus dem Internet. Dort, wo sie fair und nachhaltig angebaut wird. Ich weiß nur nicht, wie du darauf kommst, dass ich kein virtuelles Schulterklopfen möchte. Natürlich möchte ich das und natürlich bekomme ich das auch zu genüge. Ich bin schließlich auch nur eine geltungssüchtige Autorin, der man als Kind besser hätte Beepworld verbieten und stattdessen programmieren beibringen sollen.
An dieser Stelle vielleicht ein kurzer Auszug aus dem Kapitel “Hallo, kann irgendjemand bitte dieses Social Media abdrehen?”: “Wie jeder andere normale Mensch mit einem Suchtproblem habe ich natürlich meine Regeln aufgestellt. Nur fünfzehn Minuten Schulhofgossip auf Instagram (ja klar), Leuten entfolgen, die modeln. Leuten entfolgen, die fotografieren. Leuten entfolgen, die einen Hund haben. Leuten entfolgen, die in Wien wohnen. Leuten entfolgen, die nach Berlin ziehen. Leuten entfolgen, die Händchen halten. Leuten entfolgen, mit denen ich Sex hatte. Leuten entfolgen, die keinen Sex mit mir wollten. Leuten entfolgen, die Spaß mit meinen alten Freunden haben. Leuten entfolgen, die lurken. Leuten entfolgen, die stören. Leuten entfolgen, die reich sind. Leuten entfolgen, mit denen ich Streit hatte. Ja, generell Leuten entfolgen, die ich nicht mag oder – noch schlimmer – bei denen ich vermute, dass sie mich nicht mögen, und auf gar keinen Fall nachsehen, wer von meinen untreuen Followern meine Fotos dieses Mal nicht geliked hat. Sonst muss ich darüber nachdenken, was an meinem letzten Post falsch gewesen sein könnte, dass er fünf Unfollows nach sich zog.
War ich zu ehrlich? Jep. War ich zu privat? Hat sich jemand angegriffen gefühlt? Ja, und ja.”
Auch wenn es manchmal so aussieht, als ob ich auf einem Bullshit-Rasenmäher draufsäße: die internetinduzierten Selbstzweifel sind an schlechten Tagen die eines jeden 08/15-Nutzers. Deshalb vermeide ich Social Media so gut es geht, wenn es beruflich nicht gerade notwendig ist und verbringe mein offline-life mit Menschen, die keiner meiner Follower je gesehen hat. So mysterious!

Zuletzt nahmst du dich einer instagram-perligen Lebenshilfe-Bloggerin an, die mit Kalenderweisheiten zur Bestseller-Autorin wurde. Über sie hast du den neuen Hipster-Eso-Buchmarkt entlarvt, dessen Publikum und die ganze Wesenheit gerade auch von Instagram. Warum war dir das konkret so ein Anliegen?
Weil sich da scheinbar kein Mainstream-Medium rantraut. Ich höre die Kommentare aus der Brainstormecke: „Irrelevant! Zu nischig! Die ist doch eh harmlos! Und außerdem geben wir der ja so NOCH mehr Aufmerksamkeit“ – Bitch, als ob ihr noch das Sagen hättet. Gatekeeper ole. Das finde ich fast schon fahrlässig. Nur, weil etwas fern der herkömmlichen Mediennutzung von Journos stattfindet (twitter, piqd, twitter, twitter, Tagesschau, irgendein Ticker, irgendein Newsletter, vielleicht 1 Watchblog, Facebook, twitter) heißt es nicht, dass es nicht passiert. Und dann ärgert sich die intellektuelle Elite des Landes später, wenn sie beim Weihnachtsbraten mit der Schwägerin über Herzchakras und die Wirksamkeit von Ho’oponopono diskutieren muss. Job verfehlt, next.

Thomas Venker hat mir dein Buch in beklagenswertem Zustand überlassen, dennoch habe ich es gern gelesen. Du hast zum Produktionsprozess ein sehr aufschlussreiches Selbst-Interview verfasst, das man heute noch lesen kann, wenn man dich via “Steady” unterstützt. Wie sind deine Erfahrungen damit, dich von der Community finanziell tragen zu lassen? Erfüllt sich der Traum, nicht mehr dem Redakteur sondern direkt den Lesenden zu liefern? Und ist es auch angenehmer – oder hat man dann zwar weniger Stress mit Festangestellten, aber reibt sich dafür in Selbstverpflichtung auf?
Ich bin seit Juli 2018 bei Steady und es läuft überraschend gut. Ich liefere deutlich lieber an meine Crowd, als die Crowd eines Mediums, hinter dem ich natürlich nie zu 100 % stehen kann.
Ich glaube, Crowdfunding ist eine Antwort auf die hiesigen Arbeitsverhältnisse, die viele Medienproduzentinnen nicht mehr so hinnehmen. Viele haben einfach keine Lust mehr, in die Taschen anderer zu arbeiten und nehmen dann lieber das Risiko einer Crowdfunding-Kampagne in Kauf, als noch länger gegen ihren Willen rund um die Uhr zu scheffeln und hinterher wieder mit nichts dazustehen, wenn sie entlassen werden. Bei mir als digital aktiver Solopreneur funktioniert das monatliche System von Steady gut, da ich selbst auch monatlich produziere und meiner Community sage, für was ich Geld brauche, um nicht in der Selbstausbeutung zu landen. Mit dem Erreichen der ersten Steady-Schwelle (400 Euro monatlich) wollte ich mir zunächst auch nur den Aufwand für den monatlichen Newsletter und das monatliche Essay entschädigen. Das hat geklappt.
Mehr kann man hier: https://www.crowdfunding-berlin.com/de/magazin/interviews/2018/11/28/da-draussen-sind-leute-die-mich-wirklich-wollen-bianca-jankovsk/ nachlesen.

Wie geht’s 2019 für dich weiter – was soll mehr, was weniger werden?
2019 werde ich Spaß in diesem RL haben und im Durchschnitt nicht mehr als 25 Stunden pro Woche arbeiten. Es gibt eh schon genug Texte und Bücher da draußen, die noch gelesen werden müssen. Ich werde nur das produzieren und schreiben, worauf ich Bock habe und mich enger mit den Menschen vernetzen und austauschen, die so drauf sind wie ich.

Foto: Melanie Ziggel

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