Pop / Body / Politics

„Das sieht Instagram nicht gerne“ – Gigolo Tears im Interview

Sie ist eine der interessantesten Personen der hiesigen Popszene. Dass Christin Schalko alias Gigolo Tears dabei noch nicht den Fame besitzt, der ihr für ihre schmiegig abgründige Musik zusteht, liegt dabei einzig daran, dass die Wahl-Berlinerin aus Greifswald mit Hamburg- und Leipzig-Erfahrungspunkten, nie wirklich ein Album gemacht hat. Immer dann doch wieder was anderes, immer knapp dran vorbei. Nun aber ist es soweit. Halleluja, Oida! Das Gigolo Tears Debüt erscheint beim ersten offiziell sexistischen Plattenlabel, bei Ladies & Ladys. LINUS VOLKMANN hat mit ihr darüber gesprochen.

Auch wenn noch nicht so viele „richtige“ Veröffentlichungen auf deinem Discogs-Konto zu Buche schlagen, machst Du ja dennoch schon sehr lange und sehr durchgängig Musik, ab wann hat sich Gigolo Tears für dich konkret herausgeschält?

CHRISTIN SCHALKO Das letzte Projekt vor Gigolo Tears war das Duo Zucker, wo ich mit Pola Schulten zusammen DIY-Riot-Diskurs-Pop kombiniert habe mit so krassen Chören und Pathos. Das war musikalisch sehr wütend und hart, hatte gleichzeitig aber auch immer viel mit so den großen Feelings zu tun. Das hat sich mit der Zeit etwas zersetzt. Pola wollte und musste mal allein Musik machen. Zucker war nämlich ihre erste Band. Ich hatte erstmal keine Lust auf Musik, nachdem wir aufgehört hatten. Ich hab in Clubs rumgehangen stattdessen. Und wenig Tageslicht gesehen. Und als ich dann wieder dran denken konnte, selbst Musik zu schreiben, wollte ich nix wütendes machen. Ich hatte die Nase voll von der Indie-Szene und von den wütenden Boys, die damals ja auch unsere Gang waren. Und wollte eigentlich mal die Musik machen, die ich wirklich auch gern höre. Haha. Ich bin ja auch großer Fan von Justin Bieber und Backstreet Boys, Lady Gaga und so Ariana Grande, Charly XCX – you name it. Das durfte man in der Indie-Szene eigentlich schon nicht sagen. Und dann hab ich das irgendwann allein einfach gemacht. Als mit dem nicht ausgesprochenen Ende von Zucker diese Bande eh nicht mehr besonders stark für mich waren, hab ich persönlich da einen Cut gemacht. Ich sag’s offen: mich interessieren inzwischen auch diese all-male Bands einfach nicht mehr. Wenn ich mal wieder sehe: Oh, wow, da kommt wieder eine neue 5-köpfige Band bestehend aus Cis-Dudes mit ihren Gitarren um die Ecke: ich hör mir das nicht mehr an. Für mich ist das Thema erledigt. Ich denk mir: ey, ihr seid fünf Personen, fünf Positionen, die besetzt werden und ihr kennt nicht eine einzige Person, die nicht cis-male (und weiß) ist – sorry, da hab ich kein Interesse. Thank you, next! Und ich denke, diese persönliche Entwicklung, dass ich nicht mehr in irgendwelchen Konzerten stehen will und Jungs zujubeln, war auch ganz wichtig bei der Entwicklung von Gigolo Tears. Ich dachte so: ja ich mach das jetzt halt allein. Keine Kompromisse. Keine Hard Feelings. Keine Angst vor Pop mehr. Und: keine Dudes. Zumindest so wenig wie möglich. Haha.

Wie entstehen deine Songs? „Jammst“ du allein am Computer oder an Instrumenten oder kommt alles eher von einer Textidee her?

CHRISTIN SCHALKO Ach, ich schreib mir eigentlich immer so Zeilen mit, die ich auf der Street höre. Manchmal aus Filmen, Gesprächen und so. Und irgendwann entstehen dann so Songideen. Beziehungsweise es kristallisieren sich Themen raus. Oder jemand sagt halt einfach übelst die catchy line und die schnapp ich mir dann. Und dann schreib ich einen Refrain und eine Strophe erstmal. Manchmal schon mehr. Früher hab ich danach erstmal ’nen Beat gebaut und am Rechner rumgebastelt mit so den Zeilen oder mir die Gitarre geschnappt. Aber ich mag den Sound von Gitarre nicht mehr so. Deshalb muss ich das dann in meinem Kopf wegdenken – bisschen kompliziert also. Seit ich „A star is born“ geguckt habe, mach ich das aber anders. Ich versuch das jetzt häufig so, wie Gaga das da vor dem Supermarkt vorführt. Ich nehme den Text und sing damit so los ohne alles und schreibe die Melodie ohne irgendwelche Instrumente dazu. Ich finde, das ist irgendwie super. Alles andere höre ich dabei nur in meinem Kopf. Und dann gehts doch wieder an die Gitarre. Und ich suche die Akkorde zu dieser Melodie. Aber das macht mehr Freiraum für Vorstellungen, wie der Song werden soll.

Du hast Zucker schon selbst angesprochen, du bist ja in mehreren Duos gewesen, was sind für dich Vor- und Nachteile vom Solo-Projekt? Gigolo Tears, das ist doch dein eigenes Ding, da gehört niemand sonst dazu?

CHRISTIN SCHALKO Also bei meiner Platte habe ich wirklich fast alles allein gemacht. Nur gemastert hat es eine andere Person. Und ich hab es ein paar Friends mal zwischendurch gezeigt und mir Feedback geholt. The rest is me. Es stimmt, ich hatte auch mal ne Live-Band, die Crybabies, die hat natürlich auch Input gegeben, aber vornehmlich das gespielt, was ich geschrieben habe. Also most of it kommt von mir. Das ist irgendwie cool, weil man kann seine Vision so komplett durchboxen ohne streiten oder jemanden überzeugen zu müssen. Aber man braucht viel länger für alles. Und es ist auch echt anstrengend, alles immer allein entscheiden zu müssen. Das war beim Duo in den guten Zeiten echt toll. Wenn die Eine zweifelte oder erschöpft war, hat Einach die Andere übernommen, und man selbst konnte mal verschnaufen. Das ist schon echt gut. Wenn die Dynamik gut ist, ist ein Duo echt zu bevorzugen. Vor allem, wenn man doch sehr ähnliche Ideen hat und den Input der anderen Person gut findet. Alle Entscheidungen, musikalisch und künstlerisch, immer komplett selbst zu übernehmen, ist teilweise belastend. Aber ich will mich nicht beschweren, es ist auch der geilste Job der Welt, Musik zu produzieren. Und ein Privileg. Also ist beides cool. Jetzt grad hätte ich gern ne Band oder Performer für die Bühne. Um wieder mehr zu teilen und sich austauschen zu können.

Welche Rolle spielt body politics für Gigolo Tears?

CHRISTIN SCHALKO Für mich als Person und Künstlerin sind das wichtige Themen. Ich finde, nur weil man Pop macht, heißt das ja nicht, es darf nicht um was gehen. Das predigt ja mein Rolemodel Peaches auch schon seit 20 Jahren. Und das finde ich bis heute extrem inspirierend. Auch die Art, wie sie Themen bespricht. In meiner aktuellen Single gehts zum Beispiel um PMS. Ein Thema, unter dem ich persönlich extrem stark leide. Ich fühl mich eigentlich jeden Monat für etwa eine Woche wie besessen von einem Dämon, der alle Personen, die ich liebe, inkluding me, aufs Schlimmste quälen MUSS. Da gibt’s keinen Weg dran vorbei. Ich habe viel probiert. CBD-Öl hilft ein bisschen. Ich hab auch einige Sachen auf social media zum Thema Periode und Body issues gemacht. Weil es mich ärgert, wie es selbst in der so called feminist bubble doch so red flags gibt. Wie andere Personen meinen Körper bewerten. Und mein Essverhalten jugden. Und ich hab den Eindruck, selbst in der Bubble wird das zu wenig besprochen und zu wenig aktiv dran rumgedacht. Repräsentation ist voll das Keyword dabei. Mein Instafeed ist voll mit so educational feminist content und weil ich merke, wie gut mir das tut, will ich da auch gern bisschen was zu beitragen.

Emanzipation, Feminismus… das schreiben sich auch Social Media Player auf die Fahnen. Du hast da aber auch schon Gegenteiliges erlebt hinsichtlich deines Songs „High On PMS“?

CHRISTIN SCHALKO Ja das ist eine heftige Geschichte! Also ich wurde jetzt nicht offiziell geblockt von IG, aber ich hab ganz offensichtlich eine Reichenweiten-Beschränkung auferlegt bekommen. Es ist so trist! Seit ich den Trailer für das Video gepostet hatte, ist meine Reichweite extrem in den Keller gegangen. Ich habe gehört, dass Instagrams neue Security-Einstellungen unterschwellig explizite Inhalte stark einschränken. In dem Trailer ist „Blut“ zu sehen und die Videos sind mit dem Wort PMS, periode und so getaggt. Das sieht Instagram nicht gern. Deshalb wurde dieses wirklich tolle Video mit der Dragqueen „MEO“ in der Hauptrolle kaum gesehen leider. Es ist echt sad. Weil ich liebe das Video, habe einfach selbst immer wieder Gänsehaut bekommen beim gucken, weil die Performance so stark ist. Aber social media möchte nur leicht verdauliche, feministische Themen konsumieren. Also ich bin da ziemlich ratlos, wie man damit umgehen soll. Aber so wie es jetzt läuft – dass rechtsextreme Inhalte und so gesichert werden und educational feminist content Restriktionen auferlegt bekommt – find ich es richtig ungeil.

Apropos Video, man sieht natürlich, dass da immer viel Ideen und Detailliebe drinstecken – wie wichtig ist dir das Visuelle bei Gigolo Tears?

CHRISTIN SCHALKO Naja es ist mir natürlich schon wichtig. Aber ich glaube, das liegt vor allem daran, dass, wenn man doch recht lang an einem Song arbeitet, noch mal ne ganz andere Energie und andere Ausdrucksformen möglich sind, wenn es um die visuelle Gestaltung geht. Das ist für mich dann wie zurück auf den Spielplatz zu können, den Song noch mal anders fühlen können wieder nach dem tausendsten mal abhören, mischen, ändern und so weiter. Wo man dann auch noch mal von einer anderen Seite her gestalten, experimentieren, sich ausdrücken kann. Das ist doch mega geil! Mir macht das einfach viel Spaß. Das Visuelle zu gestalten. Sich Quatsch zu überlegen. Das Problem sind dann eher die Mittel, weil man ja auch alle Beteiligten gut bezahlen möchte. Ich bin da zwar immer stark beteiligt, aber habe auch das Glück gehabt, mit tollen Leuten zusammenzuarbeiten. Hinter und vor der Kamera. Bislang sind das dann immer Kollabos mit Unterstützer_innen, Beginner_innen und Friends gewesen, die einfach auch viel Bock hatten auf die Musik und das Projekt. Noch mehr Spaß würde es natürlich machen, wenn diese tollen Personen auch noch außer Ruhm und Ehre richtig viel Cash bekommen könnten. Gigolo Tears ist ja ein kleines Projekt, underground haha, und die Mittel sind, das kann man ja mal sagen, überschaubar. Aber wenn sich das ändern sollte und man sich dann mit tollen Leuten Bilder ausspinnen kann und alle werden bezahlt – das grenzt schon an Traumjob – isso.

Noch mal eine Frage, die zurück geht in der Zeit. Gibt es nicht diese eine und bis heute unveröffentlichte Zucker-Platte? Any chance, dass man da je was hören wird?

CHRISTIN SCHALKO Ähhhh, ich weiß nicht, wovon zu sprichst. Hahaha. Aber ich kann sagen: ich esse bis heute extrem gern Torten, Kekse, Eis. Kalorien zählen ist auf jeden Fall nix für mich: in dem Sinn wird Zucker immer ein wichtiger Teil meines Lebens sein. Und naja. Vielleicht kommt da noch mal was Süßes. You never know!

Und wie fühlt es sich eigentlich für dich an, auf dem nach eigenen Aussagen „ersten offiziell sexistischen Plattenlabel“ zu sein? 

CHRISTIN SCHALKO Das ist natürlich mega geil. Ich hab wie ja bereits erzählt, so viel Zeit in sexistischen Strukturen verbracht, in der so genannten Indie-Szene of Hamburg, ohne dass es so genannt wurde. Ich erinnere mich an so viele Situationen mit Veranstaltern, die uns lieber auflegen lassen wollten (obwohl wir keine DJs sind lol) anstatt uns Live spielen zu lassen, mit Technikern, die lieber unseren Manager angesprochen haben als uns, im Backstage, wo man untergraben wurde oder maximal angeflirtet (mir wurde ernsthaft mal als Kompliment gesagt: als ich dich das erste mal in ’nem Magazin gesehen habe, hab ich meinen Bandkollegen gesagt: Die will ich mal bumsen!) und naja dieses ganze Buddybooking und sich gegenseitig die Stange halten – das hört halt auf, wo Personen mit Vulven involviert sind. Stichwort: „Was kann ich dafür, dass Frauen keine Instrumente spielen können.“ KOTZ! Mein Label ist natürlich gar nicht sexistisch. Weil Sexismus strukturell von Männern ausgeht. Die Behauptung ist ja aber sehr interessant: Stellt euch mal vor, wir würden alle Cis-Männer aus unserer Szene ausschließen. Stellt euch mal vor: das Matriarchat. In der Gesellschaft beweg ich mich gern. Und die Girls von Ladies&Ladys sind extrem smart und gut vernetzt und außerdem hatten die so viel Bock auf mich und meine Platte – das ist genau das Feeling, das ich mir von einem Label wünsche! Can recommend: 10/10

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies and accept our data policy. More information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close