Eigentlich überall

„Alle tragen schwarz“ EA80 live

„Eigentlich überall“ ist die neue Live-Kolumne von der mobilen wie niedlichen Indie-Geschmackspolizei Benjamin Moldenhauer und Saskia Timm. Explizit nicht mit gemeint bei ACAB!. Los geht es mit dem Beschau einer düsteren Legende. Benjamin schreibt über das jüngste Konzert von EA80 im SO36 zu Berlin.

Der Junge von nebenan

EA80 spielen seit 50 Jahren ihre Musik, ohne Werbung, ohne Merchandise, alles so wenig warenförmig wie möglich. Und sind dadurch zu einer Marke geworden. Vor der Markenförmigkeit gibt es kein Entrinnen, und der Band wird es egal sein. Die Koordinaten der Kunst von EA80 sind von Anfang an die gleichen, und so vermischen sich hier, wie bei Punkrock für lebensältere Menschen ja immer, Aufruhr und verlässliche Konstanz. Tiefe Ian-Curtis-funkt-aus-dem-Reich-der-Toten-Stimme plus Schrammelgitarren in tiefstem Moll, Schrummelbass und lyrische Texte, die man gerne lyrisch nennt. Oder, wie es auf der Website des SO36 steht: „Seit 1979 spielt die Band ihre melancholischen Punkmelodien, mit denen sie Texte untermalt, die fast schon Gedichte sein könnten.“

Die Konzerte der Band sind in den letzten Jahren, glaube ich, häufiger geworden. Früher waren das rare Ereignisse, für die man auch mal ein paar Hundert Kilometer gefahren ist. Oder es liegt am Internet, und früher hat man in Norddeutschland einfach nicht immer mitbekommen, was in einem AJZ in zum Beispiel Nürnberg oder Mainz passiert. Das Konzert im SO36 wirkte ziemlich ausverkauft. Alle tragen Schwarz, auf und vor der Bühne, alle sind älter als vierzig, alle freuen sich über Musik, die einen seit der Pubertät begleitet.

Ob diese Lieder sie erschwert oder erleichtert haben, man kann es im Rückblick schwer sagen. Da könnte man auch mal länger drüber nachdenken, ob die Zelebrierung von Melancholie und großen Gefühlen in der Musik das Ende der Melancholie im Leben und das Ausleben der großen Gefühle nicht auch hin und wieder mal behindern. Vielleicht hat die oftmals radikale Negativität ohne jede Resignation dieser Musik aber auch immer wieder gerettet.

Im SO36 dann aber auch Nostalgie und ein gemeinsamer Pogo-Tanz um die verblassten Jahre, bevor dann doch die meisten zu bürgerlichen Wesen geworden sind. „Was ist geblieben von dem, was bleibt / An dem, was wir haben, da nagt die Zeit“. Und: „Ecken werden Kurven und alles zerfällt“. Bis dahin prügelten sich EA80 einmal quer durchs Gesamtwerk, und es geht ein Bogen direkt von ganz alten Stücken zu Songs, die nur knapp über zehn Jahre alt sind, wie zum Beispiel „Fort von Krank“, einem der besten lebensrettenden EA80-Songs:

Dieser Ort macht dich krank
Dieser Job macht dich krank
Dieser Alltag macht dich krank
Du kannst ihm nicht entkommen
Dieser Mensch macht dich krank
Diese Beziehung macht dich krank
Dieses Gefühl macht dich krank
Du kannst ihm nicht entkommen

Das war so grob die Konzertmitte, und die Stimmung im Saal war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr gelöst.

Dieser Raum macht dich krank
Dieser Tag macht dich krank
Dieses Erinnern macht dich krank
Du kannst ihm nicht entkommen

Musik, die fest mit einem ungelebten „Früher“ und Verlust verbunden ist – kaum eine/r im Saal war jünger als vierzig –, Moll und Melancholie, und einen zugleich immer wieder anschreit, man solle jetzt aber wirklich einmal raus dem schönen Schmerz: „Dreh dich um / und gehe einfach fort“.

Sänger und Gitarrist Junge macht seit vielen Jahren schon mit offen strukturierter Noisemusik rum, und EA80 können beides: gehackten Punk und schönere, manchmal fast Shoegaze-artige Soundwände hochziehen. Alles immer so intensiv, wie es eben geht, bei fröhlicher Variation der bewusst begrenzten Mittel. Relativ am Ende, glaube ich, dann noch „Auf Wiedersehen“ („Wir kennen uns so gut / und wir wissen genau / Nichts von alledem ist wahr“), und dann Schluss.

Benjamin Moldenhauer

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