„Dahinter. Dazwischen. Daneben – Von kulturellen Außenseitern und Sonderlingen“

Jonas Engelmann: „Es ist ein Prozess, an dessen Anfang steht, dass ich selbst noch was lernen will bei der Auseinandersetzung mit Biografien“

Jonas Engelmann (Photo: Ramon Haindl)

Ergänzend zum „Book of the Week“-Beitrag von Luca Glenzer hat Jonas Engelmann kaput noch ein paar Fragen zu seiner sehr empfehlenswerten Publikation „Dahinter. Dazwischen. Daneben – Von kulturellen Außenseitern und Sonderlingen“ beantwortet, die im von Jonas mit unterhaltenen Ventil Verlag erschienen ist.

Jonas, ich frage mich ja, wie du angesichts all dem, was du beim Ventil Verlag täglich auf dem Schreibtisch liegen hast, noch die Zeit findest als Freier Autor zu publizieren – und so peu a peu dieses umfangreiche Buch zu schreiben.
Strictly Nachtarbeit? 

Jonas Engelmann: Dahinter, dazwischen und daneben findet sich ja immer irgendwo Zeit zum Schreiben – ich hab ja auch nicht anderes gelernt. Und ich habe außerdem den doppelten Luxus, einerseits nur über Menschen, Bücher, Platten, Comics zu schreiben, die ich mag, weil ich nicht davon leben muss, weswegen die Nachtarbeit sich dann nicht so sehr nach Arbeit anfühlt, und andererseits eine Lohnarbeit zu haben – bzw. zwei: neben dem Ventil Verlag arbeite ich noch in der politischen Erwachsenenbildung für die Rosa-Luxemburg-Stiftung –, die sich sehr gut mit den Themen und Außenseitern trifft, die mich interessieren, in diesem Graubereich zwischen Kunst, Kultur und Politik. Aber, um es kurz zu machen: viel Nachtarbeit, Elternzeit, Zugfahrten, Urlaub, aber auch zehn Jahre, über die hinweg die Texte entstanden sind. Ist ja sehr langsam gewachsen, das Buch.

Es ist ja nicht nur so, dass du die Protagonist:innen zwischen den drei „D“ gefunden hast, die Art und Weise, wie du sie portratierst gleicht immer einem Close Reading zwischen den sonstigen Erzählungen zu ihnen. Würdest du sagen, dass das eine gezielte Strategie der Annäherung ist oder eher ein Prozess, der sich aus deiner eigenen Fanschaft für diese kulturellen Außenseiter speist? 

Das ist vermutlich geprägt von meinem Background als Literaturwissenschaftler, wo ich in 12 Jahren Studium inklusive Promotion das Handwerkszeug für dieses Close Reading gelernt habe, um es mir dann nach Ende des Ganzen wieder abzugewöhnen, zumindest diesen wissenschaftlichen Habitus in der Art und Weise der Annäherung, das will ja niemand lesen, zumindest nicht als Nebenbeilektüre. Eine gezielte Strategie in der Annäherung habe ich eigentlich nicht, es ist tatsächlich eher ein Prozess, an dessen Anfang steht, dass ich selbst noch was lernen will bei der Auseinandersetzung, auch in der Beschäftigung mit Biografien, die mich schon lange begleiten. Und so lese ich dann einmal quer und links und rechts noch was dazu und dann noch mal intensiver, bis ich etwas gefunden habe, das mich selbst überrascht und wovon ausgehend ich dann den Text in meinem Kopf forme. Und Fan, klar, das bin ich von allen Porträtierten in irgendeiner Art und Weise. Von den einen eher aus Respekt für die Konsequenz, mit der sie gearbeitet haben, und von anderen, weil ich mich ihrem Denken und Leben nahe fühle, oder sie in meinem Leben Spuren hinterlassen haben.

Gibt es so etwas wie ein Ritual, wie du dich solchen Portraits näherst?

Nicht wirklich, bzw. ist das in der letzten Frage ja schon angeklungen: ich versuche, viele Facetten der Porträtierten zu erfassen und mir anzulesen, weswegen der ganze Schreibprozess meist recht langwierig ist, langwieriger zumindest als es die kargen Honorare rechtfertigen würden, für die ich die Texte in den letzten zehn Jahren geschrieben habe. Aber das ist ein anderes Thema, das aber natürlich auch eng mit vielen der Biografien zu tun hat: von der Kunst, dem Schreiben etc. leben konnten viele der Personen im Buch nicht oder lange Zeit ihres Lebens nicht und könnte ich auch nicht, dafür bin ich viel zu langsam und dafür zahlen die Medien, für die ich gerne schreibe, auch leider viel zu schlecht – weil das wie der Ventil Verlag oft ja auch Projekte sind, die nur deswegen schon so lange existieren, weil alle Beteiligten unter eher schwierigen ökonomischen Bedingungen arbeiten.

Empfindest du dich selbst denn auch als kulturellen Außenseiter? 

Schwierig zu sagen; in meiner Jugend definitiv, aus der Zeit stammen einige der Liebschaften zu ein paar der Außenseiter aus dem Buch: Kurt Schwitters war damals ein ziemliches Vorbild, von Richard Brautigan habe ich alles hoch und runter gelesen und auch die Popromane von Jelinek. Und damit war ich in den 90ern auf dem Dorf dann durchaus ein Außenseiter, und gleichzeitig auch in der Punkszene, in der ich mich bewegt habe – da war Hippieliteratur wie Brautigan auch nichts, mit dem man punkten konnte –, und wo mich musikalisch auch eher die Sachen interessiert haben, die an den Rändern passiert sind. Aber das war dann ja mit dem Wegzug aus dem Dorf auch vorbei, beim Studium merkt man dann ja, dass diese seltsamen Vorlieben gar nicht so seltsam sind und man recht schnell Verbündete finden kann. Mit dem Ventil Verlag hab ich die Beschäftigung mit Außenseitern und Subkulturen dann ja gewissermaßen zu meinem Beruf gemacht und daher wäre dann die Antwort auf die Frage wohl, dass mir die Kultur der Außenseiter wohl zumindest mehr bedeutet hat und bis heute bedeutet als eine Karriere oder viel Geld zu verdienen. Ob mich das selbst zu einem kulturellen Außenseiter macht, kann ich nicht beurteilen.

Wie kam es zu den im Buch versammelten Personen? Der Zufall von einzelnen Ereignissen und Aufträgen oder auch eine konzeptionelle Setzung?

Es gibt noch wesentlich mehr Texte, die seit Mitte der Nuller Jahre entstanden sind, aber ich wollte für das Buch eine thematische Klammer und dabei ist mir recht schnell aufgefallen, dass diese Sonderlinge-Rahmung die einzig sinnvolle ist. Die Auswahl selbst ist aber letztlich ein großer Zufall, Künstler:innen, die mir eben im Laufe der Jahre begegnet sind, weil Bücher neu übersetzt oder entdeckt wurden, Jubiläen anstanden und so weiter. Um Texte in den Redaktionen unter zu bekommen, braucht es ja immer einen Anlass. Dass daraus mal ein Buch werden könnte, war allerdings nie der Plan, sonst hätte ich vermutlich ein paar Personen noch dringend versucht, irgendwo zu porträtieren, weil sie mir in meinem Leben wichtig waren, und sie für mich eigentlich in so ein Buch gehören würden, Daniil Charms etwa, oder Gisela Elsner oder Elfriede Czurda.

Auffällig ist, dass du dich nicht an einem künstlerischen Genre abarbeitest, sondern gleichermaßen Musiker:innen wie Wissenschaftler:innen, Künstler:innen etc. vorstellst.

Außenseiter und Sonderlinge gibt es überall und das Interessante ist dann ja, was die sich gegenseitig zu sagen haben. Deswegen beginne ich das Buch auch mit einem Text über Aby Warburg und dessen Gesetz der guten Nachbarschaft, was dann als Prinzip für das ganze Buch gelten soll. Warburg hatte seine Bibliothek so angeordnet, dass es nicht nach Disziplinen oder Chronologien geordnet war, sondern alles nebeneinander seinen Platz hatte, Kunst neben Politik, Philosophie neben Mythologie und so weiter, mit dem Ziel, dass sich alles gegenseitig Erhellen möge. Mich hat als Jugendlicher „Lipstick Traces“ von Greil Marcus sehr geprägt, der ja auch diese verborgenen Verbindungen des Dagegenseins betont und Linien zieht von Dada über den Situationismus bis zum Punk. Und es macht das Außenseiterdasein ja auch noch Bedeutsamer, wenn klar wird: bestimmte Mechanismen, die Menschen zu Außenseitern machen – es sind ja bei weitem nicht alle Porträtierten im Buch selbstgewählte Außenseiter – funktionieren genreübergreifend, sei es der Antisemitismus, der Warburg mit Isaak Babel, Eva Hesse und Leonard Cohen verbindet oder der Rassismus, unter dem Zora Neale Hurston und Nella Larsen in den 1920ern genauso zu leiden hatten wie ein paar Jahrzehnte später Sun Ra.

Mit dieser Offenheit für potentiell alle Themen stehst du in einer Tradition, die ich mit unserem gemeinsamen, zu früh verstorbenen Freund Martin Büsser verbinde. Inwieweit empfindest du dich als Autor als dieser Tradition verbunden?

Martin hat mich – ich bin zehn Jahre nach ihm geboren – in meiner Jugend schon geprägt mit seiner Offenheit für potentiell alle Themen, wie du es nennst, über die er im Magazin Zap damals geschrieben hat und das ich monatlich ins Dorf geschickt bekommen habe. Umso stärker erscheint es mir bis heute als wahnsinniges Privileg, ihn dann irgendwann kennengelernt zu haben und dann freundschaftlich gemeinsam im Ventil Verlag gearbeitet zu haben, wenn auch rückblickend viel zu kurz gemeinsam. Daher: Klar, ich sehe mich durchaus dieser Tradition verbunden, und die versuchen wir ja auch im Verlag und in der testcard in Martins Sinne weiter umzusetzen. Für mich erscheint diese Tradition, und da bin ich tatsächlich stark von Martin geprägt, offen für alle Themen zu sein, politisch zu sein in der Auseinandersetzung mit Kunst – die selbst ja gar nicht explizit politisch sein muss, das ist dann ja meist die eher langweiligere Form –, der einzig sinnvolle Weg, sich mit kulturellen Phänomenen zu beschäftigen.

Der Ventil Verlag hat zuletzt mit dem Hamburger Label Tapete Records (zu dem auch Bureau B gehört) fusioniert. Wie kam es zu diesem Schritt und wie bewertest du bis dato die dadurch initiierten Veränderungen?

Zu diesem Schritt kam es letztlich durch einen Zufall, weil ich dem Labelchef Gunther Buskies mehr oder weniger vor meiner Haustür in die Arme gelaufen bin und wir dann bei einem Dosenbier beschlossen haben uns mal zu treffen und zu überlegen, wie man sich vielleicht gegenseitig unterstützen kann. Fusioniert sind wir, das zur Richtigstellung, allerdings nicht, wir sind immer noch zwei getrennte Unternehmen mit unterschiedlichen Inhaberverhältnissen, wir arbeiten aber eng zusammen, haben jetzt gemeinsame Mitarbeiter:innen im Bereich Presse, helfen uns bei Vertriebsdingen, entwickeln Buchprojekte gemeinsam und so weiter. Bisher ist es für alle ein Gewinn, wir haben Unterstützung in Bereichen, wo wir nicht besonders professionell waren, etwas bei der Presse, wir geben dafür unser Wissen über Buchproduktion zurück nach Hamburg, wo Musiker:innen aus dem Labelumfeld mit Buchideen sitzen. Wir sind ja in den letzten 20 Jahren langsam immer größer geworden und haben 2021 mit der Verlagsbuchhandlung in Berlin und der Zusammenarbeit mit Tapete mal zwei oder drei große Schritte auf einmal gemacht. Uns kommt es sehr stimmig und richtig vor.

Die Pandemie hat vor allem den Kulturbetrieb heftig getroffen. Die kurzfristigen Folgen sind allerorts zu sehen. Welche längerfristigen Folgen siehst du für einen Verlag wie Ventil und die Autor:innen des Hauses?

Ich habe mir abgewöhnt, Prognosen abzugeben. Aber vielleicht wird das auch die zentrale Folge sein für Verlage wie uns und unsere Autor:innen: die Luft ist raus, es fällt schwer, sich zu motivieren, aktuell eh, weil es keine oder kaum Lesungen gibt und die für unsere Autor:innen fürs Überleben wichtiger sind als die reinen Verkaufszahlen, aber diese Müdigkeit bleibt ja vermutlich erstmal und sich daraus wieder zu befreien, zurück zu irgendeiner Normalität, das wird noch eine Weile dauern. Wir hatten noch Glück als Verlag, wir sind einigermaßen unbeschadet durch alles durchgekommen bisher, Nischenbücher wurden weiter vom Nischenpublikum gekauft, einige unserer Autor:innen hatten aber ganz schön zu kämpfen.

Wird es einen zweiten Band mit Portraits von kulturellen Außenseitern geben?

Es wird bestimmt bei Zeiten wieder mal ein Buch von mir geben, und irgendwie ging es bisher in all meinen Büchern mehr oder weniger um Außenseiter und Sonderlinge. Ob es noch mal eine Porträtsammlung wird: Darüber können wir in zehn Jahren sprechen, jetzt müssen sich ja erstmal wieder Texte ansammeln.

Jonas Engelmann
„Dahinter. Dazwischen. Daneben – Von kulturellen Außenseitern und Sonderlingen“
(Ventil Verlag)

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