Kreislauf und Ohnmacht – Tristan Brusch live
Die schönste Live-Kolumne der westlichen Welt ist zurück: „Eigentlich überall“. Hier berichten Benjamin Moldenhauer und Saskia Timm aus den Konzertläden unserer Träume. Diesmal schreibt Benjamin über einen Auftritt von Tristan Brusch.

Tristan Brusch im Lagerhaus zu Bremen. Foto: Saskia Timm
Meine erste Begegnung mit der Musik von Tristan Brusch war nachts um eins: ein Stück, das ich auf der Facebook-Seite der Kolumnen-Kollegin (und dann auch bald Liebe meines Lebens) Saskia Timm entdeckt hatte, am Tag, an dem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten; ich kannte den bis dahin gar nicht. „Du denkst, du musst ein Engel sein / Eine Schulter zum Ausheulen / Und im Bett ’ne Hure sein / Immer bereit und immer geil“. Dazu französisch anmutende Chanson-Musik. Erwartungen sind aber Quatsch, weiß der Sänger, und hat recht damit. Deswegen: „Möchtest du mich lieben / Musst du nur den Verstand verlieren / Hoch über den Wolken / Bist du schon halb bei mir“.
Das Stück heißt „Wahnsinn, mich zu lieben“ und ist der Auftakt zum Album „Am Wahn“, das eine wohl eher toxische Beziehung nicht in jedem der elf Stücke nacherzählt, aber doch in den zentralen. Solche Töne gibt es im deutschsprachigen Pop sonst nicht. Tristan Brusch singt Wörter wie „Fressfotze“ und tut nicht so, als wäre die Liebe überhaupt und zu einem heterosexuellen Mann im Besonderen per se etwas irgendwie Gesundes. „Danke, dass du nicht aufhörst, mich zu lieben / obwohl ich nicht aufhören kann, dir weh zu tun“, schluchzt das Lyrische Ich auf dem neuen Album „Am Anfang“, dem Abschluss einer Trilogie (vor „Am Wahn“ kam „Am Rest“). Da ist der Grat zwischen genauer Beschreibung einer toxischen Scheißdynamik und ihrer Verkitschung natürlich arg schmal. Liebesbeziehungsratgebermusik nicht zuletzt: Einfach immer alles anders machen als die Figuren in diesen Stücken.
Jedenfalls: Wenig ist gerade so unmittelbar berührend und in einem ausnahmsweise einmal guten Sinne frei von Scham wie die letzten drei Alben von Tristan Brusch (davor war eher noch Suchbewegung). Das Konzert im Bremer Lagerhaus im März war dann auch rundum herzerweichend. Und überraschend und toll, dass das alles überhaupt so gekommen ist und kommen konnte. Es sei schön, „dass ihr jetzt alle da seid“, beim dritten Mal; bei den ersten zwei Konzerten in Bremen sei nämlich niemand gekommen, erzählt Tristan Brusch. Und bedankt sich beim Lagerhaus, dass man ihn trotzdem immer wieder habe spielen lassen, trotz der erwartbaren Verluste für alle Beteiligten. Eine kleine Erinnerung auch daran, wie wichtig diese kleinen bis mittelgroßen Konzerträume sind. Sonst gibt es bald nur noch Frei.Wild und Event-Verblödung.
Die Band spielt sich einmal durch die letzten drei Alben, und es finden sich auf ihnen einige der schönsten Liedtexte in deutscher Sprache. Vom neuen zum Beispiel: „Wir sind geboren, um zu sterben“. Der Refrain geht noch weiter: „Und es gibt auf dieser Erde / genau zwei Dinge zu lernen / lieben und geliebt zu werden“. Ein bisschen mehr wäre da schon noch, aber in dem Moment glaubt man es halt voll und ganz, und es stimmt ja auch. Wem das nicht gelingt, der stirbt unglücklich. „Geboren, um zu sterben“ ist ein sehr lebensbejahendes Lied. Wie auch der zweite große Hit von „Am Anfang“, das in weilten Teilen von der Jugend Tristan Bruschs handelt (der in seiner Musik, wie jeder gute Chansonnier, mit einer gewissen Manie um sich selbst kreist). Das Stück heißt „14“ und kommt so klassischen Indie-Dingern musikalisch noch am nächsten: „So leicht fängt man tausend Träume ein / Die werden später erst zu Blei / Wir war’n vierzehn, wir war’n frei“.
Das Publikum ist aber kein Indie-Publikum, sondern angenehm durchmischt: Studis, Sparkassenangestellte, zwei, drei melancholische Punks, viele Frauen, die ihre Partner mitgeschleppt haben, vielleicht, damit die was merken, aber das sind alles nur Vermutungen. Die Band ist eine Musiker*innen-Band, das heißt, es wird nichts weggeschrammelt; jede Mini-Nuance und Dynamik wird im gemeinsamen Zusammenspiel entwickelt, und es klingt sehr, sehr toll, gerade die leisen Teile. Was dann auch heißt, dass ich einem Thomas und einem Jürgen wie der letzte Boomer erklären muss, dass sie für den Rest des Konzerts woanders weiterlabern werden.
In der Mitte des Abends singen alle lang und selig mit. Zwei Menschen fallen um, einmal Kreislauf, einmal Ohnmacht. Der Künstler holt routiniert Schokolade aus der Garderobe. Ein wunderschöner Abend.
Text: Benjamin Moldenhauer

Eigentlich überall – Saskia Timm und Benjamin Moldenhauer





