Essay

Tristan Brusch: „Die Comedian Harmonists waren vielleicht die erste Boyband der Welt“

Tristan Brusch (Photo: Tim Cavadini)

„Liebe in Maßen“ gibt es in seiner Chanson-Romantik nicht: Tristan Brusch ist der Troubadour der Stunde und hat mit seinem neuen Album „Am Anfang“ eine der spannendsten Platten 2025 veröffentlicht. Für Kaput hat Philipp Kressmann mit dem Musiker über Pathos, Schlager und Vergebung gesprochen.

 

„Ich bin an vielen Wochentagen nüchtern“, singt Tristan Brusch in „Grundsolider Schläger“, dem ersten Song seines neuen Albums „Am Anfang“. Das lyrische Ich beteuert hier, dass man sich um seinen Zustand keine Sorgen machen müsse. Doch das Gegenteil ist der Fall. In einem anderen Stück geht es um drogensüchtige Jugendliche, die unaufgeregt aus ihrem Alltag erzählen. Manche Charaktere, aus deren Perspektiven Brusch auf seinem vierten Studioalbum singt (die Theatermusik für eine Inszenierung von Georg Büchners „Woyzeck“ nicht mitgezählt), wirken zudem nicht gerade sympathisch. Die Person in „Danke, dass du nicht aufhörst mich zu lieben“ gesteht zum Beispiel, nicht damit aufhören zu können, einer Person wehzutun. Der Songwriter sagt dazu: „Ich höre kaum moderne Pop-Musik, weil mir die Texte oft zu harmlos sind. Gerade als Mann muss man irgendwie auch zu Recht aufpassen, dass man nicht aus einer toxischen Perspektive schreibt. Wenn man jedoch immer versucht, allen zu gefallen, entsteht keine Kunst. Meine Songs sollen gar kein Verhalten verharmlosen oder verherrlichen. Aber es ist ein Album über Gnade und auch über unverdiente Vergebung. Können wir uns lieben, auch wenn wir nicht stolz aufeinander sind? Können wir uns vergeben, auch wenn wir es eigentlich nicht verdient haben? Das stellt sich, für mein Gefühl, diametral dem Zeitgeist entgegen.“

Und wie oft mussten sich Paare, um beieinander zu bleiben,
mal die langen Ehejahre gegenseitig verzeihen? (Aus „Geboren um zu sterben“)

Tristan Brusch wagt auf seinem neuen Album große Gesten und singt vor allem über das, was mit dem Herz geschieht. Der Sänger, der in Tübingen groß wurde und heute in Berlin lebt, beendet mit „Am Anfang“ eine Album-Trilogie. Die Platte klingt dank Streicher-Arrangements erhaben und auch die teils biographisch geprägten Texte wagen Pathos. Brusch gelingt das Kunststück, dass man manchmal etwas von sich selbst in Figuren entdeckt, um die man eigentlich einen Bogen machen will. Diese Form der Ambivalenz ist ihm wichtig: „Heute geht es darum, Recht zu haben und auf der richtigen Seite zu stehen. Ständig wird gemessen und bewertet. Dabei geht eigentlich etwas verloren, das doch auch Teil des Mensch-Seins ist. Man ist eben nicht perfekt, man hat auch etwas ganz schön Abgründiges in sich. Das betrifft nicht nur eine Handvoll Menschen, das ist in uns allen drin. Darüber singe ich.“ Nicht nur deshalb ist „Am Anfang“ ein auf eigenwillige Weise mutiges Album. Es verweigert sich auch konsequent der Ironie, die gerade in zeitgenössischer Pop-Musik in Deutschland sehr verbreitet ist. Brusch hingegen singt über Abgründe, die Liebe, den Tod und unbedingte Gefühle. Im Klavier-Stück „Geboren um zu sterben“ heißt es:

Wir sind geboren, um zu sterben,
und es gibt auf dieser Erde genau zwei Dinge zu lernen, lieben und geliebt zu werden.

Im dazugehörigen Musikvideo steht der Sänger auf einem Friedhof. Es geht um Vergänglichkeit, doch das Lied hat keine apokalyptische Note. „Ich finde nicht, dass es sich um ein besonders trauriges Album handelt“, meint der Musiker. „Für mich ist es genau das Gegenteil, nämlich ein hoffnungsvolles Album. Das liegt an der Empathie, die man hoffentlich fühlt, wenn man die Lieder hört. Die Figuren, aus deren Ich-Perspektive ich singe, sind ja nicht nur scheiße – sie sind ambivalent.“ Brusch, Jahrgang 1988, blickt auf dem Album auch zurück. Es geht mehrfach um die Jugend. „Vierzehn“ erzählt von den frühen Nullerjahren in der Provinz, in denen man noch via Festnetz-Telefon kommunizierte, um sich nach der Schule zu verabreden. „Wir waren vierzehn, wir waren frei“, heißt es im Refrain: „Hundert Jahre Leichtigkeit, hast Du nach der Schule Zeit?“.

 

Besungen wird eine Zeit ohne Handys, in der Pop-Musik einem noch neue Welten eröffnet hat. Die Träume, „die werden später erst zu Blei.“ Man kann das nostalgisch finden, aber Brusch verklärt keineswegs die Vergangenheit. „Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, wie es damals war. Man hat sich selbst so viel „larger than life“ gefühlt, aber gleichzeitig auch Angst verspürt vor allem, was noch kommt. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich die Welt retten könnte, wenn man mich denn ans Ruder lassen würde. Ich war sicher, dass ich alles rumreißen könnte. Aber gleichzeitig weiß man in diesem Alter noch gar nicht, was das alles bedeutet. Genau in diesem Spannungsfeld liegt die Magie der Teenager-Jahre.“ Brusch denkt an eine Zeit, in der er das Gefühl hatte, die Welt zu durchschauen. Heute sagt er: „Es hat sich angefühlt, wie im Glashaus mit Steinen zu werfen“. Der Song „Heiliges Land“ knüpft an diese Themen an. „Je älter man wird, desto mehr versteht man, dass man eigentlich nichts versteht. Die komplexen Zusammenhänge sind noch komplexer, als es damals den Anschein hatte.“ Hier tauchen dann wohlbehütete Teenager auf: Felix und Co. hatten von Politik und etwa der Geschichte der Kufiya keine Ahnung. Doch sie gaben sich politisch und traten problematisch uniformiert auf.

Felix war im heiligen Land, mit den Wandervögeln hingetrampt,
Er meint: „Während Deutsche zögern, machen einen die Araber zu einem Mann.“
Wir singen die Internationale, Apfeltabak, Arafat-Schal.
Im botanischen Garten konnten wir’s kaum erwarten,
dabei zu sein und hatten nichts verstanden. (Aus „Heiliges Land“)

„Heiliges Land“ ist ein Lied über jugendliche Naivität und Geltungsdrang sowie das Verkennen von politischer Komplexität. „Man sieht eine gewisse Ungerechtigkeit, zieht daraus dann aber falsche Schlüsse. Dann plappert man Parolen nach und weiß gar nicht, woher die eigentlich kommen und was sie genau bedeuten. Aber es fühlt sich gut an. Man will sich einerseits auch zugehörig fühlen, vielleicht zu einem coolen Jungen, der einem ein cooles Album von Die Ärzte gezeigt hat“, erzählt Brusch. „Ich habe den Eindruck, dass manche Menschen sich von diesem Punkt aus nicht wirklich weiter entwickeln.“ Der clevere und subtile Song hat mehrere Ebenen. „Letztendlich sind alle politischen Gesten und rausposaunten Standpunkte, wenn ich nun nur an mich selbst denke, damals mit hyperpersönlichen Motiven vermischt gewesen. Ich als kleiner Junge wollte einfach ein Held sein. Genau das fand ich im Rückblick spannend: Es ging gar nicht so viel um die tatsächlichen Konfikte der Welt, sondern man nutzte jene Konflikte sozusagen als Bühne und als Schauplatz für die eigene Charakterentwicklung.“ Das kennt man heute auch in krasser Form von Social Media.

Der anspielungsreiche Song regt zum Nachdenken an und ruft Assoziationen zur Gegenwart hervor: Wie viele verzichten weiterhin auf Reflexion und verlassen sich im politischen Kontext nur auf Stimmungen? Manche Passagen kann man als Kritik an linken Szenen deuten, die noch heute häufig mit einer Schwarz-weiß-Brille auf den israelisch-palästinensischen Konflikt schauen und dann etwa israelfeindliche Slogans verwenden. Stichwort linker Antisemitismus: Das Lied funktioniert auch als Kommentar zu diesem leider aktuellen Thema. Zudem ermöglicht das Stück für Brusch aber auch „eine spirituelle Deutungsweise“, denn „die Sehnsucht nach dem Transzendenten“ sei ebenfalls ein Thema des Albums.

Tristan Brusch (Photo: Tim Cavadini)

Dabei traut sich Brusch auch Liebeslieder, die manchmal nah am Kitsch gebaut sind. Für „die Liebe in Maßen“ habe er „kein Talent“. Das singt er einmal und formuliert so gewissermaßen sein ästhetisches Programm. Fehlt ihm das unironische Ausstellen großer Gefühle manchmal in deutschsprachiger Pop-Musik? „Dem Schlager geht es um die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Die Gegenreaktion dazu war in Deutschland die Indie-Musik. Die gibt sich betont cool. Alles, was sich nach einer großen Geste oder Romantik anfühlt, ist ihr sofort sehr verdächtig. Dadurch ist diese Musik nicht frei, sie bleibt eine Reaktion“, findet er. „Mir ist Schlager zu flach, weil hier keine Tiefe zugelassen wird. Die intellektuelle Indie-Musik in Deutschland, in der Band nennen wir sie Schlauermeier-Musik, ist mir aber auf andere Art auch zu flach. Denn hier werden Emotionen nicht zugelassen.“

Brusch zieht es musikalisch in eine andere Richtung. „Am Anfang“ sollte ein Album werden, auf dem Streicher die Hauptrolle spielen. Die Arrangements stammen von dem französisch-deutschen Jazzmusiker Friedrich Paravicini, der etwa schon für Annett Louisan, Lou Reed und Tocotronic gearbeitet hat. Paravicini hat von Brusch mit Orgel, Drums, Klavier und Gitarren bewusst eher schlicht instrumentierte Lieder zugeschickt bekommen und erst daraufhin die Arrangements geschrieben. „Ich habe sofort gemerkt, dass wir eine ähnliche Liebe zu der alten Welt haben. Jean-Claude Vannier hat zum Beispiel Streicher-Arrangements für das Album „Histoire de Melody Nelson“ von Serge Gainsbourg gemacht. Die finden wir beide wahnsinnig toll! Diese Arrangements tragen auf Gainsbourgs Album die ansonsten sehr reduzierte Musik. Genau dieser Ansatz war auch die Idee für mein Album.“

Produziert hat die Musik Olaf Opal, der schon für The Notwist, Juli und Die Sterne tätig war. „Am Anfang“ ist eine poetische, elegante und melancholische Platte geworden, der sich manchmal auch wieder ein feiner Witz eingeschrieben hat. Es ist der bis dato größte Wurf von Brusch, den DIE ZEIT im Oktober als Deutschlands besten Chansonnier adelte. In jener Besprechung ging es auch um den Komponisten und Musikdichter Friedrich Hollaender. Was sagt Brusch selbst dazu? „Ich kenne ihn schon, aber er war keine große Inspiration für mich. Aber diese Liedkultur, die es jetzt nicht mehr gibt in Deutschland. Sie präsentiert einem gleichzeitig ein weinendes und ein lachendes Auge. Hier findet man sehr schwere Themen in einem witzigen Gewand und etwas Lustiges in Tragik. Das gab es vor dem zweiten Weltkrieg noch. Diese Liedkultur kam vor allem von den jüdischen Kunstschaffenden, die aus Gründen nicht mehr hier sind. Davon hat sich die deutsche Musik nicht erholt“, sagt er. In den Dreißiger Jahren wurde etwa auch das sechsköpfige Vokalensemble Comedian Harmonists von den Nationalsozialisten zerstört. Die jüdischen Mitglieder der Musikgruppe aus Berlin durften nicht mehr auftreten. „Wenn man nun an deutsche Lieder denkt, fühle ich mich schon eher der Kultur vor dem zweiten Weltkrieg zugehörig. Es gab damals so tolle Künstler. Die Comedian Harmonists waren vielleicht die erste Boyband der Welt. Ihre Texte waren intelligent und unmittelbar, aber hatten auch Tiefe. So etwas würde ich mir auch heute wünschen. Damals hat die Musik mehr Ambivalenz ausgehalten.“

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