Serie zu (pop)kulturellen Artefakten des negative turn

Negative Approach I: Florence Shaw

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My dream house is a negative space of rock
(Florence Shaw)

Fallen wir mit der Tür gleich ins Haus. In verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Diskursen lässt sich erahnen, dass sich ein negativer turn abzeichnet. Solch größere Wenden im Nachdenken über Kultur und Gesellschaft gab es in den vergangenen siebzig Jahren ja einige. Der negative turn zeigt sich aber nicht nur in der Wissenschaft. Er zeigt sich auch in der Popkultur. „(Secret) Love“, das aktuelle Album von Dry Cleaning, ist ein gutes Beispiel dafür. Warum bereits der Albumtitel auf diesen negative turn hinweist und was sich dazu noch in den Songs entdecken lässt folgt nach einem kurzen Exkurs zur Genese dieses entstehenden Turns und einer kleinen philosophischen Einordnung.

Aus der Human- beziehungsweise der Kulturgeographie gehen seit Anfang des Jahrzehnts Impulse aus, die Negativität zur Grundlage ihres Nachdenkens über Phänomene an der Schnittstelle zwischen Menschen und den sie umgebenden Räumen machen. Konkret bedeutet dies, dass sich diese Disziplinen zunehmend auch Phänomenen negativer Räumlichkeiten beschäftigen. Das sind Risse, Spalten, Löcher, Hohlräume, große und kleine Sinkholes. Hinzu kommen negative Affekte und negative Politiken. Kurz: Dort, wo etwas weggenommen wird, wo etwas fehlt oder sich negativ anfühlt, setzt ein Denken an, das danach fragt, was aus diesem Verlust, dieser Abwesenheit, dieser Entnahme hervorgehen kann. Noch schärfer stellt sich die Frage: Wie definieren und konfigurieren solche Konstellationen die Gegenwart? Diese Frage lässt sich von der eigenen subjektiven Umgebung bis in die Biosphäre skalieren.

Ein Name, der im geographischen Nachdenken über Negativität immer wieder fällt, ist der des deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Da müsst ihr kurz durch. Zurecht wird Hegel heute für seine Lesart eines historischen Geistes kritisiert, der sich eigentlich nur in einem positiven Sinn nach vorne hin zu gutem Zweck entfalte. Interessant ist hier aber, dass sich ein vermeintlicher historischer „Geist“ nur durch eine Haltung der Negation erst herausstellen kann. Zwar ist das bei Hegel selbst nicht hinreichend ausformuliert. Hinreichend klar ist aber, dass das Negative als ein Ausgangspunkt des Denkens verstanden werden kann, in der das Negative, das Endliche, das Nichts in eine Art Energie des Denkens gewendet werden.

Dem liegt bei Hegel eine Paradoxie zugrunde: Die Entstehungsbedingung eines Phänomens verbirgt sich, um ebenjenes Phänomen unmittelbar erscheinen zu lassen und es in der Folge auch wahrnehmbar werden zu lassen. Sinnbildung wird damit zu einer Form der Latenz, die sich zwischen Wahrnehmbarkeit und Verborgenheit aufhält. Der Medienphilosoph Dieter Mersch nennt diese Konstellation im weitesten Sinne „negative Medialität“ oder „mediale Paradoxa“. Im Kern berufen sich diese Formulierungen darauf, dass Medien die Konfiguration von Wahrnehmung ermöglichen, ohne die Bedingungen für diese Konfigurationen ausdrücklich preiszugeben. Zur Illustration zieht Mersch unter anderem das Gemälde „Die Gesandten“ von Hans Holbein heran.

 

Hans Holbein „Die Gesandten“ (1533), gemeinfrei.

 

Zwischen den beiden Männerfiguren ist unten ein verzerrter Totenschädel zu sehen. Die Verzerrung löst sich erst auf, wenn Betrachtende den Schädel aus einem seitlichen Winkel betrachten. Das Gemälde konfiguriert damit die Wahrnehmung und ‚zwingt‘ Betrachtende in eine andere körperliche Position. Die Prinzipien der perspektivischen Konstruktion und der Ausrichtung des Schädels bleiben in der Wahrnehmung allerdings verborgen. So weit, so gut. Negativität kann also nicht als per se schlecht, nichtig, sinnlos verstanden werden, sondern als konfigurierendes Etwas.

Negative Sichtbarkeiten

Warum ist das gerade wichtig? Dry Cleaning also. Im Zentrum der Beobachtung steht hier ausschließlich die lyrische und zeichenhafte Textarbeit von Florence Shaw und inwiefern sie Beobachtungen aus der Negativität produktiv macht. Shaw versammelt hier vieles, was im negative turn beobachtet wird: Negative Räume, Affekte und Politiken. Der Autorin Shaw soll hier nicht angedichtet werden, dass sie sich explizit mit dem negative turn befasst. Vielmehr geht es um Motive, die womöglich mit diesem turn resonieren. Dieser Text greift also seismographisch auf, was in der Kultur zu blubbern scheint.

Der Ausgangspunkt des Albums ist gleich ein negativer. Im Titel wie auch im vermeintlichen Titeltrack verstecken sich mehrere Momente des Negativen. „(Secret) Love“ ist zugleich geheim – wer hier warum etwas geheim hält wird nicht ersichtlich. Das Geheimnis allerdings erzeugt als Ausgangslage eine funktionelle Spannung zwischen Geheimhaltenden und jenen, vor denen geheim gehalten wird. Das Geheimnis konstituiert durch diese Spannung einen Bezug und eine Beziehung zu einem Anderen, die allerdings nicht enthüllt werden darf. Zurückhaltung und Begehren treffen aufeinander. Das Negative wird produktiv, weil es diese Spannung erzeugt und aufrechterhält.

Im vermeintlichen Titeltrack „Secret Love (Concealed In A Drawing Of A Boy)“ entlädt sich diese Spannung etwas. Die geheime Liebe ist nun nicht mehr geklammert. Sie findet eine materielle Äußerung, die aber versteckt bleiben muss. „Concealed In A Drawing Of A Boy“ beschreibt ein Wissen der Autorin und/oder jener Instanz, die diese Liebe in einer Zeichnung versteckt. Dieses Wissen um das Versteckte rückt die Schreibende/Zeichnende in eine machtvolle Position als Hüterin des Geheimnisses. Außerdem rückt hier das Medium der Zeichnung ins Zentrum. Die Zeichnung hat eine konfigurierende Kraft, weil sie das Verstecken erst ermöglicht und als Artefakt des Versteckens gleichzeitig seitens der Zeichnenden Instanz affektive Zuneigung und Gebundenheit gegenüber des Mediums vermuten lässt. Auf der Textebene ist der Song explizit negativ veranlagt, wenn die Hölle als Ausgangspunkt der Erde gesetzt wird: „The beginning of the world! (…) Mouth of hell“.

Negative Situationen

Aber gehen wir an den Anfang des Albums. „Hit My Head All Day“ eröffnet „(Secret) Love“ mit einer explizit negativen Ausgangslage des Kontrollverlusts und womöglich daraus resultierender Autoaggression. Shaw öffnet ein weites assoziatives Feld, wenn sie schreibt, dass „the objects outside the head control the mind / to arrange them is to control people’s thinking“. Einerseits ist hier der Kontrollverlust über das eigene Denken angelegt. Andererseits wird Kontrolle von außen ausgeübt. Es wird allerdings nicht expliziert, um welche Objekte es sich handelt. Eine mögliche Assoziation sind mobile Endgeräte und Algorithmen, die auch als Objekte verstanden werden können, die unsere Wahrnehmung
beeinflussen. Grundsätzlich adressiert dieses „outside“ die Umgebung des Menschen.

Die Straßenführung vor meinem Wohnhaus kann genauso Kontrolle ausüben, wie die Taktung des ÖPNV, der mich von A nach B bringt. Das „Arrangement“ liegt hier nicht unbedingt in der Macht der Betroffenen, es kommt vielmehr aus diesem Außen, in dem die Macht der Kontrolle liegen muss. „Hit my head all day/In different places“ weist einerseits auf autoaggressives Verhalten hin, es beschreibt aber auch ein Gefühl der Apathie und Abstumpfung gegenüber den Einflüssen aus diesem Außen. Die dauerhafte News-Beballerung, die tagtäglich, stündlich, minütlich durch den Äther schwappt trägt nicht unerheblich zu einer solchen Apathie bei.

„Cruise Ship Designer“ macht das Beste aus seiner Lage. Der Job ist eigentlich scheiße, bringt aber gut Geld: „I’m making the most of a bad situation (…) Cruises are big business“. Der Affekt demgegenüber ist ein negativer via „I don’t personally like them“ und wird recht zynisch und selbstbetrügerisch aufgelöst durch „but I need to serve a useful purpose“. Der Gipfel der Grauheit wird in den letzten Zeilen erklommen: „Climbing ladders, I’m not an amitious man / I believe in design / I’m not an ambitious man“. Kontroverses Design (und generell Design) lädt also scheinbar zu einer ganz ordentlichen Karriere ein – gerade und vielleicht auch besonders dann, wenn man bereit ist, sich für Dinge in den Dienst zu stellen, die man eigentlich nicht abkann. Vielleicht sagte der Technologiekritiker Evgeny Morozov in einem Interview, das ich im Rahmen einer Konferenz 2016 einst mit ihm führte, genau deswegen diesen Satz: „I try to stay away from designerly types“. In einem negativen Sinn steht der Designer in Shaws Text für eine Figur des konstruktiven Nihilismus, der sich als Denkweise im negative turn herauszuschälen beginnt.

Der nächste Song, „My Soul / Half Pint“ ist offensichtlich und ausdrücklich die reine Feststellung eines starken negativen Gefühls der Abneigung. Er benötigt von daher keine weitere Erklärung – nur einen Auszug:

„I feel resentment in my soul
Something I gotta get over
It’s pretty immature
But it’s real deep

(…)

I don’t give a fuh“

Negative Feelings

„Let me Grow and You’ll See The Fruit“ steigert den negativen Affekt der Abneigung noch in Zwangsvorstellungen: „I constantly think there are spiders on me and around me/I enjoyed your gig, even though I thought there were spiders all over me“. Die Figur ist hier in einer Gedankenschleife verhaftet, die sich an der Gegenwart entzündet – schließlich wohnt sie einem Konzert bei und denkt dabei ständig daran, dass Spinnen über ihren Körper krabbeln. Aber auch die Vergangenheit lässt Shaws Figur nicht los. „Why does the past hurt me so?“ impliziert ein Nachhängen, das Immer-Wieder-Aufrufen vergangener Szenarien, die Verletzungen erzeugt oder verstärkt haben. Dieses muss scheinbar zu solche einem Gedankenkreisen führen, dass die Vergangenheit in der Gegenwart affektiv nachwirkt – das gleiche negativ wahrgenommen Gefühl, gebunden an Assoziationen, wird immer wieder reproduziert. Auch hier clasht diese Negativität wieder mit der Produktivität, die im Voranschreiten des Songs in der Zeit und durch die Entfaltung des Klangs beschreibbar wird.

Da wir uns ja schon auf einer recht ordentlichen (negativen) Flughöhe befinden, lässt auch der nächste Titel „Blood“ nicht unbedingt eine positive Wendung vermuten. Allerdings sei noch einmal daran erinnert, dass ‚negativ‘ nicht mit ‚schlecht‘ und ‚positiv‘ nicht mit ‚gut‘ übersetzt werden kann. Beim Negativen handelt es sich um einen konzeptionellen Ansatz, die Welt nicht in ihrer Stabilität und Unvergänglichkeit zu denken, sondern gerade ihre Brüchigkeit in den Vordergrund zu stellen. Diese Brüchigkeit kann materiell sein, sie kann sich affektiv äußern. Dementsprechend geht es in „Blood“ um Blut, das überall fließt und klebt, um unterirdische Bunker, computergesteuerte Bomben und die körperliche Erfahrung eines Getroffen-Werdens.

„Evil Evil Idiot“ ist wohl einer der absurdesten Texte auf dem Album. Shaw ging hier (negativen) Impulsen nach und beschäftigte sich zeitweise intensiv mit Mikroplastik, mit irgendwelchen Stoffen, die man unabsichtlich mit der Nahrung aufnimmt und ob nicht verbranntes Essen eigentlich gesünder sein könnte als ordentlich zubereitetes. Deswegen ist auch der/die Protagonist*in im Song recht empört darüber, dass andere ihre Vorliebe für verbranntes Esse nicht nachvollziehen können. Das Negative ist hier ein Vexierbild, die Umkehrung des vermeintlich normalen in sein Gegenüber. Nahrung ist hier nur gesund, wenn sie verbrannt und angekokelt ist. Zwar wird es im Text nicht in dieser Form erwähnt aber zwischen den Zeilen schimmert hier eine Anspielung auf das fossile Zeitalter durch, in dem Verbrennung Antrieb bedeutet.


Negative Umgebungen

In „Rocks“ spricht Shaw über „evil trees“ und verleiht damit sogar vermeintlich natürlichem eine negative menschliche Schattierung. Das darauffolgende „The Cute Things“ bildet die Thematik des Negativen am allerwenigsten bis gar nicht ab – gleiches gilt für den letzten Track „Joy“. „I Need You“ allerdings macht ausdrücklich von einer Formulierung Gebrauch, die auch im Zentrum einiger Betrachtungen negativer Geographien steht: „My dream house is a negative space of rock“.

Der „negative space“ ist hier ein Raum, der nicht unbedingt bewohnbar ist und als Seitenprodukt menschlicher Aktivität des Abbaus, der Extraktion und der Ausbeutung von Ressourcen entstehen kann. Shaw kontrastiert diese Negativität mit einem Bild des Traumhauses. Die menschliche Beherbergung spricht hier wohl eines der essenziellsten menschlichen Bedürfnisse an: den Wunsch nach Behaglichkeit. Das konterkariert Shaw jedoch mit der Kälte des Felsens und einer Negativität, die entweder nur abstrakt konzeptuell denkbar ist oder durch einen tiefen Eingriff des Menschen in die Materie erst produziert werden muss.

Allerdings schließt sich in „I Need You“ auch ein Kreis zur eingangs erwähnten negativen Medialität. Hier ging es ja darum, wie sich die Bedingungen einer Wahrnehmung in der Wahrnehmung selbst entziehen können. Gehen wir davon aus, dass der negative Space of Rock einfach eine Höhle sein kann. Nehmen wir die letzten Zeilen des Songs „Fuck the world / Shadows / Fuck the world“ und gehen wir davon aus, dass die Beobachterin sich in ihrem Traumhaus aus felsigem Negativraum – hier: in einer Höhle – befindet. Wenn wir das zum Ausgangspunkt nehmen, dann befindet sich die Beobachterin vielleicht in Platons Höhlengleichnis, das gleichsam eine negative Medialität beschreibt.

Jan Saeredam „Antrum Platonicum“ (1604), gemeinfrei.

 

Die Beobachterin ist in dieser Höhle gefangen und sieht über sich an einer Wand Schattenbilder der äußeren Welt. Diese Schattenbilder werden an die Wand geworfen, weil sich Figuren vor einer Flamme befinden. Dabei weisen diese Bilder auf die Welt ‚da draußen‘ hin, die über die Welt der Höhle hinausweisen. Die Schatten können nur entstehen, weil jemand in der Welt da draußen das Feuer beherrscht und um den Effekt des Schattenwurfs weiß und ihn bewusst konstruiert. Als Bilder deuten sie auch eine Freiheit an, die den Insassen der Höhle verwehrt bleibt. Die Insassen wissen nichts vom Feuer und von den Figuren, sie sehen aber deren Effekte. Was diese Wahrnehmung konfiguriert und wie genau sie konfiguriert ist, bleibt ebenso verhüllt.

Auch hier tritt womöglich der konstruktive Nihilismus als Denkweise auf: „Fuck the world / Shadows“ scheint anzuerkennen, dass die Welt wohl nur ein Schattenspiel ist. Das Schattenspiel wird abgekanzelt und scheinbar wählt die Beobachterin die Höhle – den negative Space also. Da ist wieder diese Apathie, die hier fast schon etwas Trotziges annimmt. Doch der Trotz ist nur gegen die eigene Figur gerichtet und bringt sie kaum aus ihrer (womöglich) misslichen Lage heraus.

An diesem Punkt ist hoffentlich genug heimgehämmert worden, dass sich das aktuelle Album von Dry Cleaning als ein popkulturelles Artefakt des entstehenden ‚negative turn‘ lesen lässt. Sicherlich gibt es weitere vielgestaltige Äußerungen, die auf einen solchen turn auch in der Popkultur deuten lassen. Allein in der Musik wäre hier kurz die Band Memorials erwähnt. „Dropped Down The Well“, eine Single des aktuellen Albums „All Clouds Bring Not Rain“ (Fire Records), macht die Leere und Beschaffenheit eines Brunnens zum Thema. In diesem Song ist „emptiness all around“ und eine solche Leere kann erst einmal Angst einflößen – weil hier etwas endet, weil unklar ist, wie etwas weitergeht, weil der Fortgang der Geschichte und damit vielleicht auch diese hegelianische Dauerwende zum Guten hin auf dem Spiel stehen.

Genau das ist es, woraufhin ein negative turn zu drängen scheint: Erkenne diese Leere als Teil deiner Existenz an und tue das bestmögliche dafür, dass die Leere letztendlich nicht alles auffrisst. Vielleicht ist das auch eine Botschaft von Florence Shaw und am Grunde dieser Botschaft liegt womöglich auch ein mobilisierendes Potenzial.

Negative Approach ist eine Serie, die sich mit (pop)kulturellen Artefakten des negative turn beschäftigt. Das Titelbild entstammt einer Videoarbeit der kanadischen Künstlerin Sabrina Ratté. „TRANSIT, 2011“ wurde in SD (standard definition) produziert und setzt spezifisch auf eine sehr niedrig auflösende Bildqualität. Von der Website der Künstlerin: „Transit transforms an illuminated map of Paris into a shifting electronic landscape through a series of image manipulations, including video feedback and digital transitions, oscillating between the organic qualities of light and the rigidity of digital transitions.“

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