Mittwoch, 16.10.2019
Ocean Vuong

Ocean Vuong: „Ein politischer Akt: Vermeidung“

Ocean Vuong Copyright Photo: Peter Bienkowski

Ocean Vuong, 30, ist der neue Superstar der US-amerikanischen Literatur. Sein Romandebüt „Auf Erden sind wir kurz grandios“, gerade bei Hanser auf Deutsch erschienen, ist ein Bestseller, vielfach gefeiert, von Edouard Louis bis Herta Müller. Sein Gedichtband „Night Sky with Exit Wounds“ bekam 2017 den renommierten T. S. Eliot Prize. Schon wer darin die „Ode to Masturbation“ gelesen hat, wusste: So intensiv, so zart, so schmutzig, so ehrlich kann kaum jemand sonst über Körper und Sex schreiben. Dabei ist all das bei ihm hoch politisch. Ocean Vuong, geboren in Vietnam, war als Kind ein Flüchtling auf den Philippinen; inzwischen ist er Juniorprofessor in Massachusetts und bringt eine queere, postmigrantische Perspektive in die US-Literatur ein. Wir haben mit ihm über die Risiken und Nebenwirkungen politischer Literatur gesprochen

Interview: Stefan Hochgesand

Schreiben ist ja etwas sehr Persönliches, zumal bei Ihrem autobiographischem Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“. Es geht um Familie, Herkunft aus Vietnam, aber auch die Selbstfindung als schwuler Teenager in den USA der Neunziger- und Nullerjahren. Wie fühlt sich das an, mit etwas so Intimem an die Öffentlichkeit zu gehen?
Ja, das ist schon komisch. Ich schreibe nachts, wenn ich allein bin. Sicher sind dann auch andere wach, aber es fahren weniger Autos und die Dunkelheit hüllt den Körper ein. Dann kann der Geist übernehmen. Ein Buch herauszubringen ist fast wie aus einem Traum aufzuwachen. Plötzlich denkt man: Dies oder das ergibt keinen Sinn. Eine Phase der Desorientierung. Und trotzdem weiß ich, dass in der Welt, in der wir leben, das ein Zeichen ist, dass du etwas geschrieben hast, das Menschen wertvoll ist.

Haben Sie den Roman wirklich buchstäblich in einem Kleiderschrank geschrieben?
Ich hab ihn freigeräumt, sauber gemacht und Kissen reingelegt. Und einen Tisch und eine Lampe. Das war das Cockpit meines Raumschiffs. Kleiderschränke haben zu Unrecht einen schlechten Ruf: Wir sprechen von einem „Skelett im Kleiderschrank“ oder davon „out of the closet“ zu kommen, also seine Queerness nicht mehr zu verstecken. Aber ein kleiner Raum hilft dabei, sich zu fokussieren.

Nun mit Trump verklären wir oft die Obama- und sogar die Bush-Jahre. Aber wenn man Ihr Buch liest, hat man nicht den Eindruck, dass das leichte Jahre für Teenager in den USA waren. Zumal für nicht-weiße Queers.
Absolut! Interessant, nicht? Schauen Sie sich die Auswirkungen dieser Präsidentschaften damals an: Bush startete einen illegalen Krieg. Von Trump kann man das nicht behaupten. Auch wenn es schrecklich ist, wie der dem Konzept von White Supremacy das Wort redet. Wie er diese Doktrin twittert. Wie er ignorante Menschen darin bestärkt, Gewalt zu tun. All das ist nicht besser, Bush hatte bloß einen anderen Modus. Oder im Grunde sein Vize, Dick Cheny, der die Fäden zog. Sie haben einen Krieg begonnen, der immer noch andauert. Trump ist so öffentlich; die Fassade der Präsidentschaft Bush war stramm. Trump ist sozusagen extrovertiert umgekrempelt, von innen nach außen. Obama hat die meisten mexikanischen Kinder deportiert, er hat Länder bombardiert. All dies ist Amerika. Auch für einen wie mich, der aus Vietnam kommt. JFK ist Kuba angegangen. Die PR und der Beigeschmack sind heute vielleicht anders – aber die Aktionen früher waren doch vergleichbar. Ich wollte ein Buch über diese Zeit schreiben, zu der ich ein Kind war.

Das waren noch analoge Zeiten.
Wir waren die letzte Generation, die draußen gespielt hat, und die erste, die das iPhone zu Gesicht bekam. Ich bin in Wäldern rumgesprungen. Als ich 14,15 wurde, hat das Telefon den Körper als Medium zur Welt ersetzt. Nach 9/11 wurde Furcht nach Hautfarbe diktiert. Unsere Kindheit war über Nacht vorbei. Ich wollte zurück in diese Zeit und sie vermessen. Leute reden nicht oft über diese Generation. Danach kamen die globale Rezession 2008 und die Opioid-Epidemie. Was ist der amerikanische Traum? Deshalb wollte ich einen Roman schreiben, der wortwörtlich auseinanderfällt.

Es geht darin auch um Krieg, Kapitalismus, Drogenmissbrauch. Muss die Great American Novel sich zwangsläufig mit der Perversion und der Korruption des amerikanischen Traums auseinandersetzen?
Amerikas Geburt beginnt mit Genozid und Sklaverei. Ich wollte einen Roman schreiben mit einem Leben vor der Hauptfigur. Eine Umformung des Bildungsromans zu etwas, das auch zurückschaut. Und vorwärts. So konnte ich amerikanische Gewalt von seinem Epizentrum aus verfolgen. Bis zu seinen Nachwirkungen. Nehmen wir Faulkners „Schall und Wahn“: viele Figuren, mit dem Fokus auf Familie. Oder Toni Morrisons „Sula“: Freundschaft und Familie. So gesehen stehe ich in der Tradition.

Wenn man sich die Themenpalette Ihres Buches anguckt, kann man ja leicht auf die Idee kommen, dass es überladen wäre. Obwohl es das nicht ist.
Ja, schwer drüber zu sprechen, worum es geht, wie macht man das? Da hatte ich gar nicht drüber nachgedacht. Ich war und bin ja auch Dichter. Bei einem Gedichtband stellt sich die Frage so nicht. Ich wollte aber keine Kompromisse. Ich wuchs auf in Neuengland, im Schatten von Mark Twain, Harriet Beecher Stowe, Emily Dickinson, Nathaniel Hawthorne. Herman Melvilles „Moby Dick“ hat mich so sehr inspiriert – und sich für mich sehr queer angefühlt.

Es ist jenseits aller Genrekonventionen.
Absolut, 600 Seiten. Dazwischen mal 30 Seiten über Walzeichnungen. Oder 20 Seiten, wie man Weißen Amber gewinnt. Dieser Typ, Herman Melville, schert sich einen Dreck um die Erwartungen der Anderen!

Ocean Vuong Copyright photo: Tom Hines

Die politische Dimension Ihres Schreibens ist Ihnen selbstverständlich klar. Im Buch gibt es einen Absatz, der darauf anspielt, dass in amerikanischen Kursen zum Kreativen Schreiben politische Literatur als etwas Lächerliches, jedenfalls Nicht-Seriöses betrachtet wird, wie der Weihnachtsmann oder der Osterhase, wie es im Buch heißt…
… weil sie angeblich nur auf Zorn beruhen würde und keine ästhetischen Qualitäten hätte. Das ist der große Schwindel! Und er ist weitverbreitet. So stiehlt sich die Mittelklasse aus der Affäre, statt sich mit den politischen Realitäten auseinanderzusetzen, die ihren Lebensstil ermöglichen. Die wollen nicht nachdenken über die brennenden Städte. Das soll nichts zu tun haben mit ihnen. Viele amerikanische Realisten von Raymond Carver bis John Updike haben vom Suburbanen erzählt, wo ein Professor eine studentische Liebschaft hat und zu viel trinkt, et cetera. Diese Art Roman wurde so oft erzählt! Ich würde behaupten, dass diese Romane, geschrieben von weißen Männern, wahnsinnig politisch sind. Denn sie haben so große Angst davor, auch nur 20 Minuten lang vom Großstadtleben zu erzählen, wo so viele People of Color leben. Dessen sind sie so abgeneigt! Ein politischer Akt: Vermeidung. Oder nehmen Sie den staatstragenden Dichter Robert Frost, der in seinen Gedichten gemütlich durch die Wälder streift – und nicht mit einem Wort erwähnt, dass dieser Boden geraubt wurde! Er geht wortwörtlich über Leichen.

Woher kommt wohl diese Idee, dass politische Literatur kaum von ästhetischem Wert sei?
Der Mythos vom politischen Schreiben als „bloß wütend“ geht zurück zum Mythos vom Orientalismus und darauf, wie der Westen auf Afrika blickt: ungezähmt, veränderungsbedürftig. Politische Autoren gelten oft als rau und emotional. Und das sind noch die netten Urteile. Selbst Lob politischer Literatur ist oft vergiftet: Sie gilt als ungezügelt, also unkultiviert. Die Erwartung ist, dass wir Ethnographie betreiben, keine Kunst. Von farbigen Autoren erwartet man: „Zeig uns mal wie es so aussieht, schwarz in Ohio zu sein!“ Das ist ein Fehlschlag des Lesers, nicht des Schreibers. Der Schreiber macht Fiktion. Die „New York Times“ hat in einer lobenden Rezension Toni Morrison mal als „großartigen Recorder“ bezeichnet. Ein Aufnahmegerät?! Diese Frau hat ihre Vorstellungskraft genutzt, um einen Roman zu schreiben. Hat Faulkners Technik weiterentwickelt. Ein Recorder handelt nicht. Eine große Lüge, diese Behauptung, politisches Schreiben sei bloß wütend und kunstlos!

Das ist aber schon eine sehr negative Sicht der Dinge. Die andere Seite der Medaille ist doch, dass zumindest einige Weiße wirklich wissen wollen, wie es sich anfühlt, of Color zu sein.
Selbst wenn es ein Interesse ist, ist es ein weißes Interesse. Denn für asiatische Amerikaner ist all das nicht neu. Toni Morrison wollte für schwarze Mädchen schreiben. Reporter fragten sie, warum sie nicht über „echte Themen“ schreibt und Weiße einbezieht. Tolstoi hätte wohl im Traum nicht gedacht, dass eine schwarze amerikanische Frau ihn jemals lesen würde. Er hat einfach von Russland erzählt. Alles wunderbar. Aber warum muss Toni Morrison dann „alles einbeziehen“?

Haben Sie das in Erwägung gezogen, das Setting im Roman stärker zu verfremden, um den Fiktionscharakter zu betonen?
Ja, schon. Ich dachte kurzfristig, ich könnte all die Probleme einer autobiografischen Lesart vermeiden. Viele meiner Freunde, Writers of Color, tun es. Aber ich wollte diese Art Bruch nicht. Ich wollte also erst dazu einladen, es autobiografisch zu lesen, aber dann zeigen: „So läuft’s nicht!“ Der Vietnam-Krieg und Hartford, Connecticut, sind real, aber die Farben und Wände innen im Haus, der Dachboden – all das und vieles mehr ist ausgedacht. Es war mir wichtig, herauszufinden, ob man mir das so glauben wird. Ich wollte dieses Arbeiterklasse-Leben in Literatur überführen. Ich hatte es dort vorher noch nie gesehen. Das war für mich keine Bürde, sondern eine Möglichkeit. Connecticut hat dieses Image vom pfeifenrauchenden Mark Twain und von Ostküsten-Privatschulen: um die Schultern gebundene Sweater. Das wurde mir erst in New York klar. Dort denken die Menschen: „Oooh, Connecticut, fancy!“ Ich wollte einen anderen Teil von Connecticut zeigen, von amerikanischem Leben. Ich sehe mein Buch als Bildungsroman und als Kunstroman.

Sie sind der erste Akademiker in Ihrer Familie. Der erste, der einen Roman geschrieben hat. Aber in Ihrer Familie gab es, wie bei vielen Reisbauern, eine lange Tradition des mündlichen Geschichtenerzählens.
In den Medien kommt oft Überraschung, aber auch Fassungslosigkeit zum Ausdruck, wenn es um den Erfolg des Buchs geht. Beim Dinner und in Interviews fragen mich Leute „Was für ein Wunder, wie ist das möglich?“ Der Subtext dieser Frage ist: „Wie hast du es bloß hier reingeschafft? Hast du dich reingeschlichen?“ (lacht) Oft ist die Frage gutgemeint, denn es stimmt ja, dass sowas nicht ständig passiert. Aber seit ich hören konnte, bekam ich einen Meisterkurs im Storytelling. Als ich anfing zu lesen, war das bloß noch ein Nachklapp. Ich habe also mein ganzes Leben lang trainiert, ein Schreiber zu werden, durch Geschichtenhören – selbst als ich es noch gar nicht wusste. Ich als Künstler habe nicht „meine Familie zurückgelassen“ und bin nicht „der Armut entkommen“. Ihre Welt hat mir beigebracht, hinzuschauen, zuzuhören, aufmerksam zu sein. Ich bin ihretwegen hier.

Eine Passage im Roman beschäftigt sich damit, wie martialisch amerikanische Metaphern oft sind – und wie auch das toxische Maskulinität produziert.
Der Mythos vom Gang nach Westen änderte, wie wir über Männlichkeit denken. Noch im 18. und 19. Jahrhundert gab es romantische Ideen. Wie kamen wir von dort zu John Wayne? Das hat mit amerikanischer Gewalttätigkeit zu tun – und wie sie Profit und Progress brachte. Der amerikanische Mythos: “You wanna get rich? Go, young man, go west!” Als Fortschritt galt nunmehr Eroberung. Das macht man nicht im prächtigen Outfit, mit dem man nicht mal auf einem Pferd sitzen kann. Es ging also um Nützlichkeit. Darum, die bürgerlichen Dinge zurückzulassen. Es reichen der Cowboyhut und zwei Revolver. Schieß alles um, was sich bewegt. Mach ein Feuer und baue eine kleine Stadt! Kolonialismus hat die Männlichkeit verändert. Nun hat der Mann mit dem Cowboyhut das meiste Land in Montana und Kalifornien, er gräbt das Gold. Wir feiern Mord und Tod. Blow them up! Dynamite! Die Eisenbahn wurde mit Dynamit gebaut. Wir haben das Land wortwörtlich in die Luft gejagt! Diese Gewalt hat sich tief in unsere Imagination gegraben. Um unsere Wurzeln zu feiern, mussten wir auch die Gewalt feiern. Um sich nicht für sie zu schämen. Das verselbstständigt sich. Was passiert mit unseren Männern und Jungen, wenn sie sich nur noch durch Zerstörung gut fühlen können? Kein Wunder, dass Männlichkeit toxisch wird. Auch bei der Eroberung wurden Menschen zum Objekt gemacht. Jungen werden für Sportlichkeit, Mädchen für Schönheit gelobt. Sie hat keine Kraft, sie ist bloß schön. Eines ist nicht besser als das andere. Jungs haben oft keine Selbstsicherheit, was ihre Schönheit angeht. Judith Butler sagt, dass viele Probleme vom Hass auf den männlichen Körper herrühren. Männliche Körper werden nie an sich gefeiert, bloß in Action. Du bist nicht schön an sich, bloß gut, wenn du eroberst.

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