Interview mit Christoph Bauer und Britta Caspers aka The Lost Verses

„Eine existentielle Einsamkeit“


Im Herbst 2021 veröffentlichte Britta Caspers und Christoph Bauer mit ihrer Band The Lost Verses  das Album „Worüber wir reden“, inspiriert von den Gedichten des 1979 verstorbenen Schriftstellers Nicolas Born. „Worüber wir reden“ ist ein so ungewöhnliches wie interessantes Projekt, die Songs changieren musikalisch zwischen „Desert Rock mit Twang, Americana à la Walkabouts und dem Score zu einem ungedrehten Film“ (so der Rolling Stone über das Album).
 Die Texte Borns machen nur einen Teil der Platte aus, die übrigen Lyrics stammen von Britta. Wer aber sind The Lost Verses? Was haben sie vor dieser tollen Platte gemacht?

„Worüber wir reden“ wurde von Max van der Rose produziert, Britta Caspers singt auf einem Song des letzten Albums von Tom Liwa mit, das Duo benannte sich nach einem Track von Sun Kil Moon – es gibt also durchaus Anknüpfungspunkte zur hiesigen „Szene“, jedoch suchten Caspers und Bauer das Rampenlicht bislang nicht allzu deutlich. Und jetzt sind sie auch noch nach Frankreich gezogen – Christina Mohr hatte eine Menge Fragen an The Lost Verses. 

 

Euer Album „Worüber wir reden“ ist von den Gedichten Nicolas Borns inspiriert. Wie kamt ihr auf diesen Autor?

Britta Caspers: Das ergab sich aus meinem damaligen Job in einem literaturwissenschaftlichen Forschungsprojekt. Aber eigentlich waren es seine Erzählungen und der Roman „DIE ERDABGEWANDTE SEITE DER GESCHICHTE“, die mich beschäftigten. Beim Blättern in einer Gedichtsammlung stieß ich auf „KEINER FÜR SICH“. Jede Zeile hallte in mir nach. Für mich drückt sich darin eine existentielle Einsamkeit aus, in einer Sprache, in Bildern, die zugleich ganz eindringlich sind und die sich mir dennoch immer wieder entziehen.

Christoph Bauer: Ich habe im Grunde gar keinen Zugang zu dem, was man allgemein als ‚Lyrik‘ bezeichnet, was aber nicht bedeutet, dass mir nicht auch mal ein Gedicht gefällt – aber Born kannte ich gar nicht. Vor allem sind es aber Songtexte anderer, die für mich wichtig waren – beispielsweise die Texte auf dem schwarzen Album der Scherben, Dylan natürlich oder die Texte von Robert Hunter für die Grateful Dead.
Ich hatte damals ein paar Songfragmente, und eines Abends kam Britta und hat mir eine Ausgabe der Born-Gedichte auf den Tisch gelegt, die ich mir dann auch angeschaut habe. Bei „SO WAR DAS“ hab ich dann gemerkt, dass diese Text sehr leicht mit einem meiner Fragmente zusammen gingen; seine Texte haben schon eine gewisse Musikalität, kurze Phrasen, nicht diese Ungetüme, die man bei anderen Lyrikern der Gegenwart finden kann – Rolf Dieter Brinkmann zum Beispiel geht gar nicht (leider)… also, da war eigentlich nicht viel zu tun für mich, das ergab sich von selbst …

Wie leicht oder schwer fiel es euch, eigene Texte zu schreiben, euch also von Born zu entfernen? Wie geht ihr an neue Stücke heran? Wie arbeitet ihr?

Christoph Bauer: Ich würde mich niemals mit dem Plan hinsetzen, einen Song-Text zu schreiben – ich finde eine solche Herangehensweise ganz furchtbar! Entweder man hat was zu sagen, oder man sollte es bleiben lassen… Wir hatten eigentlich schon ungefähr zehn Songs mit Born-Texten… dann ist es aber so, dass ich mir manchmal ein Wort, das mir in den Sinn kommt, einen Satz, aufschreibe, und manchmal kommen dann assoziativ andere Wörter oder Sätze dazu – und wenn genug zusammen ist, zeig ich Britta den Text, und sie sagt mir dann mit entschiedener Sicherheit, was davon geht und was nicht, da hat sie eine unglaubliche Fähigkeit, und da gibt’s nichts zu diskutieren … Und da waren dann auf einmal meine Texte, die sich uns aufdrängten, und die wollten wir dann auch aufnehmen, weshalb Born nur noch die Hälfte vom Album abbekommen hat…

Britta Caspers: Ich schreibe ja auch unabhängig von unserem Musikprojekt Texte, einige davon sind auf meinem Blog übertage zu finden. In Teilen sind sie dann mit der Zeit zu Songtexten geworden, aber zunächst ist es Prosa. Beim Schreiben entfernt man sich von allem, was man gelesen hat, und bewegt sich zugleich darauf zu (oder: es dringt hindurch), ohne dass es in irgendeiner Weise verfügbar ist. Insofern spielt wahrscheinlich auch Born als Autor eine Rolle für mich, aber ich höre ihn beim Schreiben nicht sprechen, gewissermaßen. Was den Arbeitsprozess angeht, so komme ich erst ins Spiel, wenn das musikalische Grundgerüst steht. Die Feinarbeit, die Ausarbeitung des Gesangs bzw. die gesangliche Umsetzung des Textes, machen wir dann zusammen. Nicht ohne Spannungen natürlich.


Wie ist es, als Paar auch zusammen Musik zu machen? Wann und wie habt ihr euch dazu entschlossen?

Christoph Bauer: Entschlossen haben wir uns in dem Sinne gar nicht. Es kam, wie es kommen musste: Wir waren schon zehn Jahre zusammen und haben wie verrückt Musik gehört – Britta kam mit ihrem 90er-Kram, da hatte ich eine Lücke (ich habe ja drei Kinder). Zum Beispiel hat sie mich zu einem MASSIVE ATTACK-Konzert hier in Frankreich geschleppt, das war für mich eine Offenbarung… ich kam mit den späten 60ern bis hin zu den 80ern. Zusammen haben wir uns angehört, was uns Neues geboten wurde, sind zu allen möglich Konzerten gegangen und kannten da keine Grenzen. Eine Zeitlang sind wir viel zu Free Jazz/Impro-Konzerten gegangen – nur klassische Musik haben wir eigentlich fast nie gehört.
Na ja, und irgendwann musste das, was wir in uns reingefressen hatten, auch mal wieder raus. der Hauptgrund war: Ich hatte zehn Jahre keine Ahnung davon, dass Britta singen konnte. Eines Abends lief irgendein Song, und ich gehe durchs Zimmer und denke: Komisch, ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass da noch ’ne Frauenstimme mit drauf ist… und dann dachte ich auf einmal: Was? Britta? Das ist Britta! Revelation! So schön! Und dann konnte ich nicht anders, ich musste diese Stimme ans Tageslicht holen! Der konkrete Anlass, wieder mit der Musik anzufangen – ich hab ja die ganzen 80er Jahre über in Berlin in Bands Schlagzeug gespielt, hatte nachher auch eine eigene Band – war mein 60er Geburtstag. Ich habe zu Britta gesagt: Ich wünsche mir von dir zum Geburtstag, dass wir auf einer Feier zusammen Musik machen. Eigentlich feiern wir unsere Geburtstage nicht, aber jetzt gab es einen Anlass – und wir konnten uns das Publikum ja einfach einladen! Kurz zuvor hatte ich einen alten Kumpel wieder getroffen, der Gitarre spielte, dann haben wir noch einen Bassisten gesucht und zehn Stücke eingeübt, von Grateful Dead über Robert Wyatt bis Velvet Underground und PJ Harvey. Das war dann aber ’ne Überraschung für unsere Bekannten, die sowas niemals von uns erwartet hätten! Wir hatten eine richtige Bühne und PA und jemanden, der den Sound gemixt hat – es war grandios! Und es war das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich jemals bekommen habe – Britta stand da, als habe sie niemals was anderes gemacht. Aber dann ging der Ärger zwischen uns los – weil ich jetzt nämlich weitermachen wollte …

Britta Caspers: Ganz generell ist es wohl so, dass ich diese Momente sehr schätze, in denen ich mit mir allein bin, entweder lese oder schreibe oder aus dem Fenster schaue. Christophs Ansinnen erschien mir daher damals tatsächlich als eine Bedrohung. Inzwischen sehe ich es etwas anders: Gesang ist eine Möglichkeit mehr, mich auszudrücken. Aber es ist nicht so leicht, mich aus meinem Schneckenhaus zu locken.

Erzählt mal ein bisschen: Was habt ihr vor The Lost Verses gemacht? Beziehungsweise: Was macht ihr sonst? Habt ihr sogenannte „Brotjobs“?

Christoph Bauer: Ich mag diese Unterscheidung Künstler/Brotjob überhaupt nicht: Ich hab in einer Fabrik gearbeitet, eine Ausbildung zum Gärtner gemacht, war Möbelpacker, Kammerjäger, Taxifahrer, habe spät noch studiert und es tatsächlich geschafft, einen Job an der Uni zu bekommen. Ich sag‘ mal: Glück gehabt, das wäre heute völlig unmöglich. Und jetzt bin ich Rentner und bekomme wenigstens eine Rente – eben wegen des Unijobs. Daneben hab ich immer gemalt, geschrieben, Musik gemacht… und in den Achtzigern waren wir auch zeitweise mal dran, von der Musik zu leben. Also, alles, was ich gemacht habe, gehört zu mir, da gibt’s nichts, was ich missen oder abspalten möchte. Und all meine Erfahrungen fließen dann eben auch in das ein, was ich ‚künstlerisch‘ mache … ach, ich hasse das Künstlertum… und im Moment bin ich übrigens wieder hauptsächlich als Handwerker tätig. Wir müssen ja die alte Hütte hier (in Frankreich, Anm. CM) fertigkriegen. Das ist einfach notwendig und kein Romantizismus – und mir tun schon wieder die alten Knochen weh…

Britta Caspers: Ich denke, es kommt darauf an, wieviel Energie einem alles in allem bleibt, Musik zu machen, zu schreiben oder was sonst, wenn man denn das Bedürfnis hat, das zu tun. Da gibt es Jobs, wie meine Arbeit an der Uni, über die ich sehr viele Anregungen bekommen habe, klar, wenn man sich beruflich mit Literatur beschäftigt. Von heute aus gesehen ist das ein Traum, der für mich aber leider ausgeträumt ist. Aber egal, was ich beruflich noch so tun werde, es soll zum Material werden!

Ihr habt erwähnt, dass bald ein neues Album erscheinen wird… wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Christoph Bauer Ja, das Material für ein zweites Album haben wir zusammen, und die meisten Songs haben wir in unserem Homestudio auch bereits aufgenommen, wenngleich man wohl keinen Song als wirklich fertig bezeichnen kann. Im Unterschied zum ersten Album wird das zweite aber weder fremde Texte noch Texte von mir enthalten, sondern ausschließlich Texte von Britta. Unser Problem besteht allerdings darin, dass wir weder das Geld haben, die Songs in einem guten Studio aufzunehmen – wir haben ja bislang auch kein Label gefunden, das uns unterstützen würde – noch jemanden, der die Sachen in dem Sinne produzieren könnte/wollte, wie Max van der Rose das bei WORÜBER WIR REDEN getan hat. … Also, eigentlich sieht es im Moment nicht so gut aus für das zweite Album… wir wollen halt auch nicht die Soundqualität unterlaufen, die das erste Album hat – dommage, wie man hierzulande sagt …

Britta Caspers: Die Texte stammen zum Teil noch aus der Zeit, als ich gerade mit dem Schreiben anfing, vor fünf oder sechs Jahren war das. Manche der Stücke begleiten uns also schon eine ganze Weile, und ich freue mich sehr, dass sie nun endlich musikalisch Form gewinnen. Natürlich ist es auch nicht einfach, über einen längeren Zeitraum die Spannung zu halten, die es für die Arbeit braucht. Daher haben wir auch ganz junge Texte von mir zu Songs ausgearbeitet. Insofern bilden die Stücke des zweiten Albums dann auch das Spektrum meiner Texte ab: Traumbilder, Erinnerungstexte (oft inspiriert durch alte Fotografien), Reflexionen.

Christoph Bauer: Ich lese ja Brittas Texte, wenn sie fertig sind – und am Ende muss ich immer weinen …
Wer oder was inspiriert euch noch? Literatur, andere Musiker:innen, Filme…

Britta Caspers: Musikalisch/literarisch sind KANTE ganz wichtig für mich, ihre Stücke sind mir schon lange ganz enge Begleiter und Vertraute. Genauso geht es mir mit FINK, also Nils Koppruch, auch TOCOTRONIC haben eine große Bedeutung für mich (allerdings schon eher die frühen Sachen), BLUMFELD… Musikalisch, aber auch textlich mag ich das Album GANZ NORMALE SONGS von Tom Liwa sehr gern. Und, wichtig: Mark Kozelek (SUN KIL MOON), den habe ich im Grunde erst vor ein paar Jahren entdeckt, nach einem seiner Songs haben wir uns auch benannt. Ich lese recht viel Literatur der Gegenwart, die immer wieder große Entdeckungen birgt. Aber es gibt auch diese (frühen) sehr intensiven Leseerfahrungen, da denke ich an Kafka, an Handke, an Hilbig, auch an Goethes WANDERJAHRE. Vielleicht verkläre ich das rückblickend ein bisschen, aber ich habe die Studienjahre tatsächlich als eine Zeit des Erwachens erlebt. Aber auch Szenen in Filmen oder Standbilder können mich zu Texten inspirieren; ich habe da diese Angewohnheit abzufotografieren, zu bearbeiten, zu vergrößern und so gewissermaßen in das Bild hinein zu gehen, die Oberfläche durchlässig zu machen (was natürlich nicht funktioniert, aber es ist doch ein spannender Prozess).

Christoph Bauer Für Musik, die ich selbst gemacht habe, hat mich immer nur die Musik anderer inspiriert. Wo soll ich anfangen? Der sogenannte Krautrock war sicherlich wichtig für mich als Soundtrack meiner Jugend – NEU, CAN, die frühen TANGERINE DREAM, ROEDELIUS – und Peter Brötzmann, ja, das hält man vielleicht nicht für möglich, wenn man unsere Musik hört – aber der Mann war für mich gleichsam der Urknall; und er war so wichtig, dass ich vor zehn Jahren einen Interview-Band herausgegeben habe (wen es interessiert, er heißt: Brötzmann/Bauer: Gespräche, 2012 im Posth-Verlag erschienen); und auf der anderen Seite der Folk-Rock der späten 60er: alles was von Ashley Hutchings initiiert worden war, Sandy Denny, Shirley Collins … dann die Band TREES – in den frühen Achtzigern TON STEINE SCHERBEN – und vor allem: Mark E. Smith und THE FALL … Ich hör‘ jetzt auf – es ging immer hin und her bei mir, von einem Extrem ins andere. Und was die Inspiration durch Filme betrifft, so hat Britta mich auf David Lynch gebracht: Wir haben uns nach und nach alles von ihm reingezogen, und bei ihm spielt ja Musik eine ganz wichtige Rolle – in der völlig abgedrehten dritten Staffel von Twin Peaks endet jede Folge mit dem Auftritt einer Band, und ein Traum wäre es gewesen, eine dieser Bands zu sein, in einem solchen Ambiente zu spielen. Übrigens ist Lynch ja auch ein völlig abgefahrener Sänger, hat z.B. ein unglaublich gutes Cover von Dylans ‚Ballad of Hollis Brown‘ aufgenommen; und dann gibt’s diesen Song ‚These are my friends‘, den wir auch mal covern wollten. Na ja, und außerdem hat’s mir die Figur des ‚Bob‘ aus Twin Peaks ganz besonders angetan.

Auf eurem Album gibt es einen Song mit Tom Liwa – woher kommt die Verbindung, seid ihr befreundet?

Britta Caspers: Ich habe Tom Liwa vor über zwanzig Jahren kennengelernt, da habe ich in Duisburg gewohnt, wie er auch. Ein Freund von mir kannte ihn, und wir trafen ihn an einem sonnigen Samstagmorgen mit seinen Kindern in der Stadtbücherei. Dann weiß ich noch, dass ich in unserer Küche saß und ein paar Platten von Tom gehört habe, da haben sich dann auch so ein paar Zeilen festgesetzt. Auf den Rat meines alten Freundes hin haben wir Tom unsere Songs geschickt, die ihm wohl gefielen. Und im Januar letzten Jahres machte er mir dann das Angebot, einen Text zu MORGENSTIMMUNG, dem neuen Album der FLOWERPORNOES beizusteuern; daraus ist dann der Song TOO MUCH COCA COLA entstanden. Das Konzept seiner Texte auf dieser Platte fand ich reizvoll, die Geschichten mal aus einer anderen Perspektive zu sehen und zu erzählen, sich selbst ansprechen zu lassen, die eigene Stimme zu der des anderen zu machen. Mein Teil des Textes (den Refrain hat Tom geschrieben) ist eine Auseinandersetzung mit meinem Vater, der genau in diesen Tagen gestorben war.

Mal abgesehen davon, dass Corona in den letzten Jahren vieles verhindert hat: Tretet ihr gerne live auf?

Christoph Bauer Wir würden schon auftreten, aber nur wenn die Bedingungen stimmen. Unter den Corona-Restriktionen hätte ich dazu keine Lust. Also: Auftritte, nur um auf einer Bühne zu stehen, brauche ich nicht. Darüber hinaus benötigen wir schon mindestens zwei Leute mehr auf der Bühne, um unseren Sound angemessen rüberzubringen – wir bräuchten also Zeit für die Vorbereitung. Allerdings würde ich mir selbst Britta gerne bei einem Konzert ansehen – sie hat ne sehr coole Art, die Dinge rüberzubringen. Ein bisschen wie Liz Fraser… Das Ambiente eines THE LOST VERSES-Konzertes, wie ich es mir vorstelle, muss ein ganz besonderes sein – nicht einfach nur ’ne Bühne mit dem heute üblichen Lichtzeugs.

Britta Caspers: Auftreten und im Schneckenhaus hocken gleichzeitig ist schwierig. Aber Auftritte sind eine Form der Kommunikation, die der Sache nicht äußerlich ist. Wie auch das Lesen der eigenen Texte ihnen nicht äußerlich ist.

Und apropos Corona: Angesichts des Krieges in der Ukraine könnte man auf den pessimistischen Gedanken kommen, dass alles immer schlimmer wird – wie stark beeinflussen solche Geschehnisse eure Arbeit? Oder versucht ihr, die politische Weltlage aus der Kunst heraus zu halten?

Christoph Bauer: ‚Die Eule der Minerva erhebt ihren Flug erst in der Dämmerung‘ heißt es beim ollen Hegel, d.h. die gegenwärtigen politischen Ereignisse lassen sich nicht wirklich vom Standpunkt der Gegenwart aus beurteilen. Diese Arbeit können erst die Historiker und Philosophen in späteren Zeiten erledigen. Und überhaupt gehen mir die fortlaufenden und vorschnellen Erregungszustände – gerade in Deutschland – total auf die Nerven; die Deutschen sollten sich angesichts ihrer unschönen Vergangenheit, was den Osten betrifft, mehr zurückhalten. Ich würde mir mehr Beschäftigung mit der historischen Entwicklung, die solchen Konflikten vorausgehen, ein bisschen mehr Distanz wünschen; und man sollte über Ereignisse wie den Ukraine-Konflikt, die Kriege in Afghanistan, Syrien usw. ausführliche Abhandlungen schreiben – aber bitte keine Songs. Was nicht heißt, dass man, z.B. aus der Perspektive des direkten persönlichen Betroffenseins nicht auch gute Songs schreiben kann. Es ist nicht so, dass wir absichtlich versuchen, die ‚politische Weltlage‘ aus unserem Tun herauszuhalten, es ist nur so, dass wir uns ausschließlich mit dem beschäftigen, was uns gerade in den Sinn kommt, uns keine ‚Themen‘ vorgeben. Und ob alles immer schlimmer wird: Mein ganzes Leben wurde von Kriegen begleitet, ich habe in den 70ern den Kriegsdienst aus politischen Gründen verweigert und musste deshalb nach drei verlorenen Verhandlungen 1980 nach West-Berlin abhauen; zum Glück war ich selbst aber nie direkt von einem Krieg betroffen – was soll ich sagen…

Britta Caspers: Es gibt aber durchaus einige politische Liedermacher, deren Stücke ich sehr schätze, die mir etwas erklären, nicht nur eine Stimmung oder eine Meinung transportieren, sondern die über den Augenblick hinaus Gültigkeit haben. Das müssen nicht Zeitgenossen sein, ich denke da vor allem an Georges Brassens, Franz-Josef Degenhardt und dessen Sohn Kai, der ebenfalls politischer Liedermacher ist, dieses Erbe gewissermaßen in unsere Zeit trägt und unsere Gesellschaft in seinen Texten spiegelt. Er macht etwas höchst Seltenes: Er thematisiert den alltäglichen Rassismus, Armut und soziale Ungleichheit, das Verhältnis von Krieg und Kapitalismus. Er hat da eine Hellsicht, die mir schlicht fehlt. Mark Kozelek tut das übrigens auch in seinen Texten, der legt den Finger in die Wunden der USA. GUSTAVO ist so ein Lied, das ich jedem ans Herz lege.

Ihr seid kürzlich von Berlin nach Frankreich gezogen – warum?

Christoph Bauer: Nun, in Berlin wäre zumindest ich sehr gerne geblieben, aber das ging leider nicht. Wir wurden da – ja, man muss es so sagen: weggentrifiziert! Ich habe ja schon erwähnt, dass ich jetzt Rentner bin, aber für die Miete in Berlin hätte die Rente nicht ausgereicht. Und Britta hat dort keinen Job gefunden, keinen, der ihrer Ausbildung entsprochen hätte und auch keinen anderen, da war sie wohl ‚überqualifiziert‘ – nicht mal im ‚Futterhaus‘ hat man sie haben wollen … Ich habe kürzlich gelesen, dass man in Berlin schon 3000 Euro braucht (in Paris sollen’s 5000 sein), um leben zu können, was natürlich auch ein gewisses Licht auf diejenigen wirft, die dort heute in der Künstler:innenszene unterwegs sind. Also, entweder braucht man da tatsächlich einen fetten ‚Brotjob‘, einen finanziell gut ausgestatteten Partner oder eben den Papi, der zahlt (die Papis aus dem Schwabenland konnte man dort tatsächlich schon an der Automarke, dem Nummernschild und dem Auftreten erkennen). Und wenn ich dann lese, dass in dieser Stadt jeden Tag zwei Rentner:innen aus ihren Wohnungen mit Gewalt entfernt und in eine Obdachlosenunterkunft gebracht werden, weil ihre Mietwohnung in eine Eigentumswohnung umgewandelt wurde, könnte ich nur kotzen. Einmal war eine junge Ärztin bei uns, um etwas abzuholen, das wir über Kleinanzeigen verschenkt haben. Sie meinte dann freudig, es ginge ja nun auch hier (im Wedding) „endlich voran“. Was sie meinte, war wohl klar: Es gibt jetzt genug Eigentumswohnungen für sie und ihresgleichen – und alles wird schön sauber und ordentlich wie am Prenzelberg. Und nebenbei: Wir haben zwei Hunde, und wegen der Hunde haben wir Leute kennengelernt, die in der ‚Platte‘ an der Wollankstraße wohnen oder in irgendeinem der Häuser, die noch nicht gentrifiziert worden waren und die auch Hunde hatten – Hunde, vor denen die ‚anständigen Leute‘ oft Angst hatten. Diese Leute wurden dann unsere Freunde, die wir täglich sahen …

Britta Caspers: Eben: ‚These are my Friends‘!

Christoph Bauer: Ja, genau … und mit der Künster:innen-Szene hatten wir nichts zu tun. Vielleicht hängt unsere Melancholie auch mit solchen Erfahrungen zusammen. Und warum Frankreich? Das ist eine lange Geschichte, die damit zu tun hat, dass ich doch aus einer privilegierten Familie stamme: Mein Opa hat 1967 dieses alte Haus hier gekauft, weil er als Soldat im zweiten Weltkrieg in dieser Gegend (der Charente) war und ein Faible für Frankreich entwickelt, hier Leute kennengelernt hatte, die er wiedersehen wollte – nur war die ‚Hütte‘, wie wir immer sagen, für die anderen Familienmitglieder zu ‚primitiv‘ – das Klo ist auf der anderen Seite vom Hof, kein richtiges Bad, keine Heizung usw. Ich war der einzige, der immer wieder hingefahren ist und versucht hat, das Haus vor dem Verfall zu retten, was hier sehr schnell gehen kann – und deshalb hab ich’s dann schließlich auch geerbt. Zunächst war es unsere Rettung, denn die laufenden Kosten sind vergleichsweise sehr gering. Dafür müssen wir wie gesagt erst mal sehr viel renovieren. Mal sehen, wie es sich entwickelt: wenn – ja wenn – Britta einen angemessenen Job in Deutschland bekommen würde, würden wir auch zurückkehren. Ansonsten ist das hier aber eine sehr, sehr schöne Gegend, es ist ja nicht weit bis zum Atlantik und seinen weiten Surferstränden. Manchmal wähnt man sich in Kalifornien – und die Landschaft wirkt sich zum Beispiel auf die Art und Weise aus, wie man Musik hört – das merkt man sofort – Musik aus Deutschland klingt für mich hier z.B. sehr bemüht und prätentiös, wenig entspannt. Vor ein paar Tagen mussten wir wegen Behördenscheiß in die nächstgrößere Stadt und hörten im Auto BRTHR, das passte genau.

Gibt es dort, wo ihr jetzt lebt, eine „Szene“, dockt ihr an evtl. bestehende kreative Strukturen an? Oder arbeitet ihr für euch allein?

Christoph Bauer: Ja, es gibt hier ganz offensichtlich eine sehr große ‚Szene‘, und es gibt eine große Anzahl von Konzerten und Festivals, große und kleine, und das in dieser wunderschönen Landschaft. Bordeaux und La Rochelle sind nicht weit, und in Cognac findet in jedem Jahr das Festival ‚Blues-Passion‘ statt, das aber nur noch bedingt mit ‚Blues‘ zu tun hat: das schon erwähnte Massive Attack-Konzert z.B. fand in Cognac statt, vor zehntausend begeisterten Französinnen und der untergehenden Sonne – unvergleichlich! Ach, es gab schon so viele, und so schöne Konzerte, die wir hier gesehen haben, als wir hier Urlaub gemacht haben – damals in einem anderen Leben … Und ja, wir werden die Leute hier schon darüber informieren, dass es uns gibt. Mal sehen, was daraus wird?! Ansonsten haben wir ja nicht den Kontakt zu Musiker:innen in Deutschland verloren. Wir haben hier in unserem kleinen Dorf nach zwei Wochen einen Fiberglas-Anschluss bekommen (da ist man hier bedeutend weiter als in Deutschland), wir haben eine DAW, und zurzeit arbeiten wir zusammen mit Markus Steinebach, dem Bassisten der FLOWERPORNOES, an einem sehr schrägen Dylan-Cover – das macht sehr viel Spaß …

In Zeiten des Internet ist es ja nicht zwingend nötig, an einem kreativen „Sammelpunkt“ wie Berlin zu sein – wie seht ihr das? Fehlt euch etwas oder ist jetzt alles genau, wie ihr es ersehnt habt?

Christoph Bauer: Richtig: Hat man Netz und die Möglichkeit aufzunehmen, muss man nicht an einem bestimmten Ort sein. Aber natürlich ist es für Musiker:innen von Vorteil, wenn sie sich in einer der Metropolen aufhalten. Man kann Leute analog treffen, es gibt ’ne Menge Auftrittsmöglichkeiten, Studios, Labels – und natürlich motiviert es, wenn man mitbekommt, dass andere um einen herum aktiv sind. Da entsteht ein gewisser Sog… aber, wie gesagt, andererseits ist das Leben in diesen Metropolen eigentlich auch nur noch zum Kotzen, nicht nur wegen der schon genannten sozialen Entwicklungen, sondern auch wegen der Anmaßung, der Arroganz, die die Leute insbesondere in der ‚Szene‘ dort vor sich hertragen. Ich sehe ganz allgemein eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung zwischen Stadt und Land, ähnlich wie sie sich in den USA schon längst vollzogen hat. Ein völliges gegenseitiges Unverständnis, das sich breit macht und alles vergiftet. Ich muss sagen, im Moment sind mir die krummen aber fröhlichen Omis und Opis hier im Dorf lieber als so manch einer in Berlin, der sich für was Besseres hält.

Britta Caspers: Ich bin ganz froh, hier zu sein, nicht Teil einer Szene, aber eben mit ein paar guten Kontakten. Und ich muss sagen, ich habe einen regelrechten Überdruss an diesen überengagierten Bandfotos entwickelt. Ich mag niemanden mehr hochnäsig und manieriert dreinblicken sehen.

Eure französischen Lieblingsmusiker:innen / Autor:innen?

Christoph Bauer: Meine erste Begegnung mit einem französischen Sänger hatte ich als Kind. Meine Eltern mit ihren drei Kindern wohnten damals in dem alten Fachwerkhaus meines Opas im ersten Stock, und unten trafen sich abends die ‚Erwachsenen‘, während wir Kinder schon im Bett lagen: Meine Onkels hatten beide eine Zeitlang in Paris studiert, und einer von ihnen hatte Lieder von Georges Brassens eingeübt, die er dann gelegentlich zum Besten gab. Das war meine erste Berührung mit dem französischen Chanson – das hat sich mir fest eingeprägt, und Georges Brassens mit seiner sonoren und warmen Stimme kann ich jederzeit und immer wieder hören. Ich hatte das Glück, vor ein paar Jahren auf einem der Brocantes hier in der Nähe sein Gesamtwerk auf 11 LPs plus Songbook – alles eingepackt in eine Box, die mit grobem Leinen überzogen ist – für ein paar Euro zu erstehen. Jetzt haben Britta und ich tatsächlich ein Stück von ihm eingeübt, das – und da muss ich mich bezüglich dessen korrigieren, was ich eben über Dinge, wie den Ukraine-Konflikt gesagt habe – unglaublich gut auf die andauernde Fixierung der öffentlichen Kritik auf die jeweiligen politischen Führer passt: ‚Le Roi‘. Wir werden demnächst mal ein kleines Video von unserem Cover hochladen. Dann kamen im Laufe der Zeit andere dazu: Serge Gainsbourg und Jane Birkin, Barbara, Jacques Dutronc, noch später dann Bands wie Noir Désir etc.

Britta Caspers: Eine Band, die wir in letzter Zeit hier entdeckt haben, sind THE LIMIÑANAS, ein französisches Duo. Wenn ich Radio höre oder die aktuellen Playlists durchforste, entdecke ich immer etwas, nicht nur französische Musik. Ein Tipp ist der Song OISEAU von Laurent Bardainne und Bertrand Belin.

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