Interview

Wie ich lernte, Death Cab for Cutie zu lieben

Death Cab for Cutie (Photo: Shervin Lainez)

 

„But if only the winners write history, there will be nothing on our page.“
(Frontmann Ben Gibbard im Song „Trap Door“, 2026)

 

Am liebsten schreibe ich über etablierte Legacy-Acts, mit denen ich mich gut auskenne – weil ich neue Veröffentlichungen dann sofort in den Gesamtkatalog einer Band einordnen kann, größere Narrative sichtbar werden und ein Album sich als Kapitel einer fortlaufenden Geschichte präsentiert. Schließlich hat man jede Platte dieser Gruppe unzählige Male gehört, dreitausend Interviews mit den Mitgliedern gelesen – und meint deshalb, zu wissen, wie sie ticken.

 

With that being said: Hinsichtlich Death Cab for Cutie bin ich keineswegs ein Profi; generell ist das Emo-Genre – Death Cab for Cutie werden zumindest historisch dazugezählt – ein blinder Fleck für mich. Ich hab’s mehrfach versucht, und eigentlich müssten mich die cleanen Gitarrenarpeggios auch überzeugen, ebenso wie die Tatsache, dass gewisse Alben von Death Cab for Cutie regelmäßig in großen Bestenlisten auftauchen und die Band oft im selben Atemzug wie andere langjährig aktive Indie-Legenden (Wilco, Spoon) oder andere Musikgrößen aus dem Pacific Northwest (Modest Mouse, Built to Spill) genannt wird. Ich habe letztens noch im empfehlenswerten Buch „Such Great Heights: The Complete Cultural History of the Indie Rock Explosion“ gelesen, wie prägend Death Cab for Cutie für eine ganze Generation waren. Doch irgendwie hat es nie so richtig geklickt.

Was hat mich gestört? Zunächst der Gesang von Frontmann Ben Gibbard: seine extrem deutliche Aussprache, die enorme Gewichtung jeder einzelnen Textzeile; nichts wirkt locker aus der Hüfte geschossen, alles soll ein hochemotionales Statement sein. Er gehört zu jenen Songwritern, die sentimentale Aussagen grundsätzlich für das höchste Gut halten – schließlich soll Musik ja UNTER DIE HAUT GEHEN. Das kann man weinerlich finden, oder auch uncool. Doch Coolness ist ja nur einer von vielen Parametern, an denen sich Kunst messen lässt…

“ (…) And now I find I’m waking up at sunrise, and just lying in bed
Giving myself a pep talk to survive the day lying ahead (…)“ (aus „Pep Talk“)

„Pep Talk“ heißt eines der neuen Song-Highlights von Death Cab for Cutie, in dem Ben Gibbard davon singt, sich selbst motivieren zu müssen, um den bevorstehenden Tag zu überstehen. Während ich früher wohl lieber selbst einen Pep Talk bekommen hätte, als Künstler:innen dabei zuzuhören, wie sie sich einen geben, empfinde ich solche Songs heute als ergreifend. Die cleanen Gitarrenarpeggios verzaubern mich, die gefühlsgeladenen Lyrics wirken poetisch, und Gibbards Gesang trifft mitten ins Herz. Irgendetwas hat sich verändert – Death Cab for Cutie oder ich. „Please forgive me“ lauten die ersten Worte von „I Built You a Tower“, dem frisch veröffentlichten Album der Band. Diese rührselige Direktheit stört mich keineswegs mehr – im Gegenteil.

Death Cab for Cutie (Photo: Ryan Russell) 

Für ihr elftes Studioalbum sind Death Cab for Cutie zu ihren Independent-Wurzeln zurückgekehrt und veröffentlichten „I Built You a Tower“ nicht mehr bei Atlantic Records, sondern auf dem fantastischen Indie-Label Anti-. Die Platte eignet sich perfekt als Einstieg in das Gesamtwerk von Death Cab for Cutie – zumindest war es für mich so –, weil sie an die frühen Veröffentlichungen der Band erinnert und nah an deren grundlegender Essenz bleibt. Bassist Nick Harmer erzählt mir im Interview, dass das nur teilweise geplant war: „Wir sind uns immer bewusst, was wir zuvor gemacht haben, aber wir haben kein Interesse daran, uns zu wiederholen. Gleichzeitig versuchen wir auch nicht, uns um jeden Preis neu zu erfinden. Es ist ein Balanceakt zwischen dem, was ganz natürlich entsteht, wenn wir zu fünft zusammen Musik machen, und dem Anspruch, uns in neues kreatives Terrain vorzuwagen.“ Nachdem Gitarrist und Produzent Chris Walla die Band nach „Kintsugi“ (2015) verlassen hatte und Dave Depper sowie Zac Rae dazustießen, hat sich jenes Line-up herausgebildet, das nun seit über zehn Jahren besteht.

„I Built You a Tower“ ist laut Harmer das stärkste Statement dieser Besetzung. „Wir wollten vermeiden, das Album zu überproduzieren. Die Demos waren ziemlich reduziert, und wir wollten das Gefühl bewahren, dass fünf Menschen gemeinsam Musik machen, statt die Songs durch endlose Overdubs aufzubauen. Deshalb ging am Ende alles überraschend schnell.“

Die Band schrieb fast 90 Demos für „I Built You a Tower“ – und am Ende sind gleich zwei Versionen des Titeltracks auf dem Album gelandet. „Erst als wir die endgültige Tracklist zusammengestellt hatten, wurde uns klar, dass beide Versionen von ‚I Built You a Tower‘ auf dem Album landen würden. Ab diesem Moment fühlte es sich ganz natürlich an, das Album nach ihnen zu benennen. Sie wurden zu einer starken Metapher für die Songs als Ganzes und für die lyrischen Themen, mit denen sich Ben auseinandersetzte.“

Dass „I Built You a Tower“ ein Scheidungsalbum ist, wird schnell deutlich. „Taking for granted the sweetness til it soured“, singt Ben Gibbard. „I’m too tired to talk, I’m too tired to end the war. And I can’t seem to hold it together anymore.“ Oder eben jene Zeilen, die Gibbard durch und durch sind, seine blumige Ultrasentimentalität auf den Punkt bringen: „I pledge myself to your misery, I kneel at its throne. Respecting your proclivity, to languish on your own. Like a snowflake starting an avalanche, it always depends on where you land“. Was ich früher aufgeblasen fand, liebe ich nun.

„Der Turm wurde für uns zu einer starken Metapher. Im Laufe des Lebens erschafft man innere Räume für Erinnerungen, Menschen und Erfahrungen, um alles geordnet zu halten. Doch mit der Zeit wird einem klar, dass diese Strukturen nicht wirklich Bestand haben. Gefühle fließen ineinander über, Erinnerungen verschwimmen, und es wird immer schwieriger, alles sauber voneinander zu trennen. Die Vorstellung, für eine Erinnerung oder ein Gefühl einen eigenen Turm zu errichten, hat uns deshalb besonders fasziniert.“

Die beiden angesprochenen Versionen des Titeltracks „I Built You a Tower“ funktionieren im konzeptuellen Kontext des Albums sehr gut, repräsentieren jeweils die helle und dunkle Seite von Gibbards Innenleben. „Sie zeigen außerdem die Bandbreite der Band. Wenn man sich unseren gesamten Katalog anhört, fängt dieses Album vieles von dem ein, wozu wir musikalisch in der Lage sind.“

Emotionen, die Death Cab for Cutie laut Harmer bislang nur selten ausgelotet haben, sind Wut und Angst. Auf diesem Album setzen sie sich mit diesen Gefühlen deutlich intensiver auseinander – und genau das verleiht ihm eine einzigartige Perspektive. „All I need is for you to be kind, but it seems it’s rarely worth your time“, singt Ben Gibbard im akustischen Opener „Full of Stars“, der bereits eine unterschwellige Frustration gegenüber seinem Gegenüber zum Ausdruck bringt.

Klanglich wütender wird es jedoch erst im zweiten Track „Punching the Flowers“. So kann sich ein Streit in einer Liebesbeziehung anfühlen: als würde man auf etwas Schönes einschlagen. Doch auch dieser kantige Song öffnet sich schließlich wieder und badet dann in wundervoller Melancholie – ganz in klassischer Death-Cab-Manier. Kontraste spielen auf diesem Album eine zentrale Rolle: innerhalb von „Punching the Flowers“ ebenso wie zwischen den beiden Versionen von „I Built You a Tower“.

Ein Scheidungsalbum also, das Kontrast als musikalisches Motiv nutzt – klingt erstmal unoriginell. Doch dieses Konzept wird auf „I Built You a Tower“ besser umgesetzt, als die meisten anderen Bands es jemals könnten. Durch sein aufrüttelndes Liebesdrama ist Gibbard wieder zum tiefgehendsten Seelenausschütter seines Genres geworden. „Ben setzt sich mit einer Ehrlichkeit und Selbstkritik mit sich selbst auseinander, wie wir sie auf keinem unserer früheren Alben durchgängig ausgelotet haben. Viele unserer früheren Platten richten den Blick nach außen – sie handeln von anderen Menschen, Beziehungen oder Erfahrungen. Dieses Album hingegen richtet den Blick nach innen.“ Klingt erstmal lustig, dass die introvertierteste aller introvertierten Indie-Bands nun ihr introvertiertestes Album veröffentlicht haben soll. Sachen gibt’s.

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