Interview

Kevin Morby: „Meine Beziehung zu Amerika ist immer noch romantisch“

Kevin Morby (Credit: Chantal Anderson)

Das geradliniges Songwriting von Kevin Morby zeichnet sich in erster Linie durch eine Eigenschaft aus: Bauchgefühl. Auch sein achtes Album „Little Wide Open“ lebt von simplen Folk-Akkordfolgen, in die er ähnlich simple Gesangsmelodien reinquetscht – nichts ist ‚groundbreaking‘, alles tut gut. Diese Musik wirkt organisch und schlicht; Morby ist der einzige Act dessen Kunst ich als unoriginell bezeichnen würde und das ausdrücklich positiv meine. „Please play something familiar“, wünscht er sich im Song „I Ride Passenger“. Solch einfach gestrickte Typen muss es schließlich auch geben – ja, oft bin ich selbst so einer.

„If you’re anything like me, you only care about America“, sang Kevin Morby bereits auf seinem vorherigen Studioalbum „This Is A Photograph“ – und wollte damit natürlich keinen Patriotismus propagieren, sondern verdeutlichen, dass seine Kunst stark von einem romantisierten Blick auf ein mythologisches Amerika lebt. Seine Diskografie lässt sich als musikalische Landkarte der USA verstehen. Ein paar Beispiele: „Harlem River“ stand für New York City, „This Is A Photograph“ sollte Memphis repräsentieren, die neue Platte „Little Wide Open“ symbolisiert die Weiten des Mittleren Westens. „To be alone, just the two of us, in Middle America“, heißt es im großartigen Highlight „Javelin“ – einem Song, der zugleich ein gutes Beispiel für die glasklare Produktion von Aaron Dessner (u.a. The National) darstellt, mit dem Morby hier erstmals zusammengearbeitet hat. Über diese Kollaboration, seine tiefamerikanischen Einflüsse und vieles mehr sprach Kevin Morby im Interview mit Kaput…

Wann hast du entschieden, dass „Little Wide Open“ der Albumtitel wird?

Kevin Morby: Sehr lange wollte ich das Album „I Ride Passenger“ nennen. Es gibt einen Song mit diesem Titel auf der Platte, und während der ganzen Schreib- und Aufnahmephase – also bestimmt zwei Jahre lang – war ich überzeugt davon, dass das der Titel wird. Aber als wir die Fotos fürs Cover gemacht haben und ich das finale Bild gesehen habe, dachte ich plötzlich: „Ich glaube, dieses Album heißt ‚Little Wide Open‘.“ Im Nachhinein bin ich sehr froh über die Entscheidung. Denn der Song „Little Wide Open“ ist irgendwie das Herzstück des Albums.

Was bedeutet der Titel für dich?

Man kann ihn aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Auf dem Album gibt es einige sehr verletzliche Songs, deshalb bedeutet der Titel auch, sich ein Stück weit offen und exponiert zu fühlen – ich selbst als Songwriter, der sich „wide open“ zeigt. Gleichzeitig bezieht sich der Titel auf den Teil des Landes, in dem ich viele dieser Songs geschrieben habe: der Mittlere Westen Amerikas. Es gibt ja die Redewendung „the great wide open“, und der Titel spielt damit. Aber gleichzeitig ist es lustig: Wie kann etwas „ein bisschen weit offen“ sein? Das widerspricht sich fast selbst. Mir gefällt sowas.

Was ich an deiner Musik liebe: Jedes Album fühlt sich wie ein Porträt eines anderen Teils der USA an. War es eine bewusste Entscheidung, diesmal ein Album über den Mittleren Westen zu machen?

Ich wusste, dass das wahrscheinlich die letzte Platte sein würde, die ich noch im Mittleren Westen mache. Es war also eine Art Abschluss meiner Zeit dort.

Du ziehst bald nach Los Angeles. Wird das nächste Album also dein Kalifornien-Album?

Tatsächlich habe ich das nächste Album schon fertig – und es klingt komplett anders. Das wirst du früher oder später zu hören bekommen. Aber ja, vielleicht mache ich danach tatsächlich eine Kalifornien-Platte.

Gab es bestimmte Songwriter aus dem Mittleren Westen, an denen du dich für dieses Album orientiert hast?

Sie kommt zwar nicht aus dem Mittleren Westen, aber ich habe viel Lucinda Williams gehört; und auch viel Tom Petty. Jason Molina war definitiv ein Einfluss, aber das ist er eigentlich immer. Will Oldham ebenso, genauso wie David Berman. Zu solchen Songwritern schaue ich weiterhin auf. Meine Einflüsse kommen von überall her, aber sie sind alle in amerikanischer Musik verwurzelt.

Er kommt zwar auch nicht aus dem Mittleren Westen, aber bei einem Opener namens „Badlands“ muss ich natürlich sofort an Bruce Springsteen denken…

Ich liebe Springsteens „Badlands“, aber das war keine direkte Referenz. Auf diesem Album passiert eher etwas anderes: Ich nehme Begriffe und Bilder, die man normalerweise mit anderen Regionen Amerikas verbindet, und übertrage sie auf den Mittleren Westen.

Ich war noch nie in Amerika, aber ich habe eine sehr romantische Vorstellung von der Mythologie des Landes. Genau das liebe ich an deiner Musik – du greifst dieses Gefühl auf. Waren dein Amerika-Bild und dein Musikverständnis schon immer miteinander verbunden?

Ich denke schon. Das steckt einfach in der DNA vieler Amerikaner – besonders hier im Mittleren Westen. Mein ganzes Leben lang bin ich an kleinen Orten vorbeigekommen, halb verlassenen Kleinstädten aus den 50ern. Das hat etwas sehr Americana-haftes, etwas Nostalgisches, wie eine Sehnsucht nach einer anderen Zeit. Diese Idee eines amerikanischen Ideals prägt einen einfach.

Wie verändert sich deine Beziehung zu dieser Mythologie, wenn du auf den aktuellen Zustand der USA blickst?

Amerika war eigentlich nur für weiße Menschen jemals wirklich angenehm. Es war immer kompliziert. Und gerade jetzt ist es extrem kompliziert, beängstigend und verstörend. Gleichzeitig erinnere ich mich daran, dass in den 60ern Präsidenten erschossen wurden, Martin Luther King ermordet wurde, die Bürgerrechtsbewegung stattfand. Amerika war also schon immer ein schwieriger Ort. Aber ja: Im Moment fühlt es sich besonders beunruhigend an. Die letzten zehn Jahre haben mein Bild davon, was Amerika ist, stark verändert. Vielleicht haben sie aber vor allem sichtbar gemacht, was schon immer da war.

Würdest du sagen, dass deine Beziehung zum aktuellen Amerika und zu der Idee eines idealisierten Amerikas zwei verschiedene Dinge sind?

Letztlich gehören sie zusammen. Meine Beziehung zu Amerika ist immer noch romantisch, und ich glaube auch, dass dieses Amerika noch existiert. Aber eben umgeben von all diesem verrückten und dunklen Zeug, das gerade passiert.

Der Arm von Kevin Morby (Credit: Chantal Anderson)

Das Album wurde von Aaron Dessner produziert. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Ich war auf der Suche nach jemandem, der die Platte produzieren könnte, wusste aber nicht genau, wer es werden würde. Dann habe ich in London für The National eröffnet, und am nächsten Tag hat Aaron sich gemeldet. Das fühlte sich wie Schicksal an. Wir kannten uns vorher schon lose, aber natürlich war ich extrem geschmeichelt. Er könnte sich als erfolgreicher Produzent schließlich aussuchen, mit wem er arbeitet.

Warst du vorher Fan von The National?

Ehrlich gesagt kannte ich The National gar nicht so gut. Als ich die Supportshows spielte, dachte ich erst mal: „Was ist das eigentlich für eine Band? Warum sind die so riesig?“ Ich habe mich dann intensiver mit ihnen beschäftigt. Das Projekt von Aaron, das ich aber am meisten liebe, ist Big Red Machine. Ich mag den Sound dieser Platten total, und wie kollaborativ sie wirken.

Gibt es einen Moment aus der Produktion, der seinen Einfluss auf das Album gut beschreibt?

Aaron hat mich vor allem davon abgehalten, zu viel hinzuzufügen. Das war von Anfang an sein Ansatz. Erst habe ich mich ein bisschen dagegen gewehrt, aber irgendwann war ich sehr dankbar dafür. Die Platte profitiert davon. Außerdem ist er einfach ein unglaublich talentierter Musiker. Er weiß genau, wie man einen Song vervollständigt.

Mein Lieblingssong der Platte, der eigentlich gegen diese Idee des „Weniger ist mehr“ spricht, ist „100,000“. Ich liebe dieses riesige Crescendo am Ende.

Ja, es gibt schon ein paar Songs, bei denen wir völlig eskaliert sind. Der macht wirklich Spaß. Meg Duffy, meine frühere Gitarristin, spielt dort am Ende all diese verrückten Sounds.

Das Album wirkt insgesamt reifer, was dein Songwriting angeht. Ich denke dabei an „Die Young“: Im Rock’n’Roll wird die Idee des frühen Todes oft romantisiert – als wäre das etwas Erstrebenswertes. Du singst dagegen darüber, froh zu sein, älter zu werden. Hat sich dein Blick auf dieses alte „live fast, die young“-Ideal verändert?

Ich wollte nie jung sterben. Trotzdem habe ich in meinen Zwanzigern ziemlich rücksichtslos gelebt und ständig dumme Sachen gemacht. Aber irgendwann – vielleicht ab Mitte dreißig – beginnt man, besser auf sich aufzupassen und Dinge ernster zu nehmen. Deshalb steckt in diesem Album definitiv eine Reife, die auf früheren Platten noch nicht so da war.

Auf deinem letzten Album „This Is a Photograph“ hast du viel über den Tod geschrieben…

Auf „This Is a Photograph“ habe ich Zeit und Leben eher als Gegner gesehen – als etwas, gegen das man kämpft, wie gegen einen Boxer im Ring. Auf diesem Album dagegen – und das hat wieder mit Reife zu tun – steckt mehr Akzeptanz. Warum gegen etwas kämpfen, das sowieso passieren wird? Man kann es auch akzeptieren und vielleicht sogar als Freund betrachten, statt als Feind.

Dass du das Album ursprünglich „I Ride Passenger“ nennen wolltest, passt eigentlich perfekt dazu – als würdest du nicht mehr selbst fahren, sondern dich dem Lauf der Zeit hingeben. Auch Zeilen über Vergebung oder darüber, dass der Himmel ein Ort auf Erden sein kann, lassen die Platte fast dankbar wirken. Würdest du sagen, dass dieses Album positiver ist als deine früheren?

Ja, ich denke schon. Es ist ein ziemlich positives Album. Es geht um Akzeptanz, und vielleicht um so etwas wie Dankbarkeit. Ich bin eigentlich ein sehr optimistischer und hoffnungsvoller Mensch. Wenn du mich mal nicht so erlebst, dann geht es mir wahrscheinlich gerade wirklich schlecht.

Zum Schluss noch eine „Spaß“-Frage: Ich habe eine Kolumne, in der ich über unterschätzte Alben großer Künstler schreibe. Fällt dir da spontan eins ein?

Ich liebe Paul Westerberg von The Replacements. Sein Soloalbum „Stereo“ war ein großer Einfluss auf diese Platte – und ich würde sagen, es ist ziemlich unterschätzt. Für mich ist das ein unglaubliches Album.

Sehr cool. Ich liebe The Replacements – das werde ich mir anhören.

Du wirst es lieben.

 

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