Christof Seeger-Zurmühlen: „asphalt ist ein Herzschlag-Festival der Kunst und Empathie“

Bojan Vuletić & Christof Seeger-Zurmühlen (Foto: Nana Franck & Ralf Puder)
Das asphalt Festival in Düsseldorf ist weit mehr als das, was das Wort „Festival“ normalerweise zu tragen vermag. Seit 2012 transformieren der Komponist und Musiker Bojan Vuletić und der Theaterregisseur und Schauspieler Christof Seeger-Zurmühlen Orte ihrer Heimatstadt Düsseldorf, die man sonst aus eher konventionellen Nutzungskontexten oder gerne auch mal übersieht, in Resonanzräume für Gegenwartskunst. In einer Zeit, in der viele Kulturinstitutionen defensiv agieren, setzen sie auf den „Herzschlag“ der Stadt und der Kunst, auf die Empathie und auf das unbedingte Vertrauen aller Beteiligten und des Publikums in das Wagnis.
Im Zentrum unseres Gesprächs steht die künstlerische DNA des asphalt Festivals, das vor 14 Jahren in den abgerockten Räumlichkeiten einer alten Backfabrik seinen Ursprung fand und sich seitdem neugierig auf den etablierten Flächen und vergessenen Leerständen der Stadt alljährlich im Sommer ausbreitet. Mit angenehm undogmatischer Herangehensweise verbinden sich im von Bojan Vuletić und Christof Seeger-Zurmühlen gestalteten Programm des asphalt Festivals die unterschiedlichen Disziplinen: Theater, Musik, Tanz, Literatur und bildende Kunst sind letztlich alles nur unterschiedliche Worte für geteilte Kulturerlebnisse bei ihnen.

„A Year without Summer“ (Foto: Nicole Marianna Wytyczak)
Schön, dass ihr beide Zeit findet. Ich fange passend zu eurer Selbstbeschreibung an: asphalt als „Herzschlag-Festival an einem Ort, der Kunst und Empathie zusammenbringt“. Wo seid ihr beide euch ursprünglich begegnet? Wie habt ihr gespürt, dass ihr diesen Ort gemeinsam sucht?
Christof Seeger-Zurmühlen: Bojan und ich sind uns tatsächlich auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses begegnet. Er war dort als Musiker tätig – ich war als Schauspieler dabei. Dabei fingen wir an zu reden, aber das Festival war damals noch kein Thema. Wir haben zunächst eigene Projekte mit dem freien Theaterkollektiv Pièrre.Vers umgesetzt und uns so auf der künstlerischen Ebene kennengelernt.
Der Bogen zum Festival spannte sich erst später aus dem Gedanken heraus, das Festival als künstlerische Plattform und als Work-in-progress-Plattform mit anderen Artists zu begreifen. Wir wollten das vorrangig in Düsseldorf entwickeln, mit dem Ziel: Raus aus dem Theater, rein in die Stadt – an theaterunüblichen Orten aufschlagen, an denen Kultur im Stadtraum vielleicht noch keine große Rolle spielt, und diese Orte mit Geschichten aufladen. Es war unser Anliegen, mit unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen verschiedene Menschen zu erreichen. Es war kein „Ready-made“ von Anfang an. Auch Begriffe wie „Herzschlag-Festival“ oder ein Ort für Kunst und Empathie waren nicht sofort da; sie sind im Laufe der Zeit durch das Ausprobieren entstanden.
Das klingt nach einem gewaltigen Anliegen. War das in euren Köpfen von Anfang an so groß gedacht, oder hattet ihr erst ein kleines, zartes Örtchen im Blick? Du beschreibst ja etwas, das man sich eigentlich als dauerhaften Ort für das ganze Jahr wünschen würde.
Christof Seeger-Zurmühlen: Da wir von der Kunst kommen, müssen wir am Anfang immer groß denken. Wir kreieren Luftschlösser und Behauptungen. Natürlich ist das Anliegen immer, die Welt zu verändern oder zu verbessern. Auf der einen Seite steht das große Welttheater, das einem vorschwebt, und auf der anderen Seite stehen Realitäten wie: Wir haben keinen Cent Geld und keinen Raum. Was machen wir jetzt konkret? Dementsprechend war es am Anfang ein sechstägiges Event mit nur wenigen Gruppen. Wir hatten das Glück, im Weltkunstzimmer auf der Ronsdorfer Straße unterzuschlüpfen – ein Mischort aus Kultur und Location-Vermietung –, um das Ganze auszuprobieren.
Ob das Sinn ergibt oder wohin das führt, hat sich erst nach der Durchführung des ersten Festivals bestätigt. Da spürten wir: das könnte ein Weg sein, auf dem wir aufbauen sollten. Am Anfang stand der Versuch, aus dem Wunsch heraus, Gegenwart beschreiben zu wollen, Fragen zu stellen: Was beschäftigt uns als Künstler, aber auch die Gesellschaft in Zeiten aktueller Auseinandersetzungen und Debatten? Welche Formen der Verhandlung und welche Räume kann man dafür aus künstlerischer Sicht kreieren? Räume, in denen Kunst auf der einen Seite und die Begegnung sowie die Reflexion des eigenen Handelns auf der anderen Seite stehen. Es war ein Austausch über einen längeren Zeitraum, getrieben von einem sinnlichen, emotionalen Bedürfnis nach Aktualität.
Christof Seeger-Zurmühlen: Es war keine Idee, die von außen kam, weil Düsseldorf ein neues Kulturfestival „brauchte“. Dass so ein Gedanke natürlich immer auch etwas mit Kulturpolitik oder dem regionalen Kulturraum zu tun hat, stand erst an zweiter Stelle. Wir sind von den Inhalten ausgegangen und von dem unbändigen Drang, Haltungen zu entwickeln und uns als Künstler zu positionieren.

„A Year without Summer“ (Foto: Mayra Wallraff)
Hatte das auch mit einem Hadern mit Düsseldorf zu tun? Düsseldorf hatte ja – wie alle deutschen Städte — eine Zeit lang das Problem, dass viele Protagonisten eher weggegangen (primär nach Berlin) sind, anstatt diesem Impuls zu folgen, dem ihr gefolgt seid. War es eine Defiziterfahrung?
Bojan Vuletić: Ich glaube tatsächlich an den Satz: Wenn man das Schöne sehen will, dann sieht man es auch. Menschen strahlen auch zurück, wenn man sie ernsthaft ansieht und Interesse an ihnen zeigt. Natürlich kennen wir die Defizite und die Vorzüge von Düsseldorf, aber für uns war es interessant, in die Stadt, die Gesellschaft und die künstlerischen Biografien hineinzublicken und dabei möglichst viele Menschen mitzunehmen. Viele Stücke wurden bei uns entwickelt; wir sind eine stark koproduzierende Plattform. Das unterscheidet uns von Gastspielfestivals. Der Kern ist für uns der intensive Dialog während der Entwicklung von etwas Neuem.
Dabei suchen wir oft nicht nur den Dialog mit den Künstlergruppen, sondern auch mit bestimmten Communities, zu denen wir eine Vertrauensbasis aufbauen. Das ist vielleicht auch das „Geheimnis“ von asphalt: Dass es heute noch existiert, liegt daran, dass wir über die Jahre durch viele Projekte, Arbeiten und Situationen Anknüpfungspunkte in der Stadt verwoben haben. Dadurch sind wir für unsere Partner glaubwürdig geworden. Gleichzeitig entdeckt man das Schöne. Wir hatten ganz am Anfang eine Tour, die hieß „Tour der sanften Tristesse“. Wir haben vermeintlich hässliche Orte durch Kunst für einen Moment schön gemacht. Die Besucher haben diese Orte danach anders wahrgenommen. Wenn man dort täglich vorbeikommt, um zur Arbeit zu gehen, hat man plötzlich ein Lächeln im Gesicht, weil man sich an das Erlebte erinnert. Das hat viel in uns ausgelöst, weil wir merkten, dass unglaublich viel aus der Gesellschaft zurückkommt. Das gibt uns Kraft.
Ein Festival nur nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu führen, wäre eine ganz andere Ebene. Viele Menschen haben dieses Festival von Anfang an mit uns geschultert. Es ist eine Summe aus wachsenden Erfahrungen und Interaktionen, die dann Jahre später in einen Claim wie unseren mündet.

Bojan Vuletić & Christof Seeger-Zurmühlen (Foto: Ralf Puder)
Diese Koproduktionen sind ein entscheidender Punkt. Einerseits bedeuten sie mehr Arbeit, andererseits verlängern sie die Lebensdauer des Festivals in euch selbst. Ihr seid gefühlt das ganze Jahr über intensiv künstlerisch damit befasst. Habt ihr durch diese Koproduktionen und die eigenen künstlerischen Arbeiten das Festivalgefühl als ganzjährigen Prozess verinnerlicht?
Christof Seeger-Zurmühlen: Das ist gut beschrieben. Es ist sogar ein mehrjähriger Prozess. Bei Koproduktionen geht es nicht nur um die inhaltliche Auseinandersetzung, sondern auch darum, den Gruppen einen Vertrauensvorschuss und finanzielle Mittel zu geben, damit überhaupt etwas entstehen kann. Es ist „ungefährlich“, eine fertige Produktion einzukaufen, weil man weiß, was man bekommt. Aber in der Kunst muss man das Scheitern riskieren. Wenn niemand dieses Risiko eingeht und in Vorleistung geht, kann nichts entstehen. Das interessiert uns. Dementsprechend aufgeregt sind wir dann, weil Hürden und Herausforderungen unbekannt sind..
Letztes Jahr haben wir zum Beispiel das Stück „War Diaries“ mit einer israelischen Compagnie gemacht. Ein Paar hat seine Erlebnisse während des Krieges in Gaza in Tagebüchern festgehalten – er als Soldat an der Front, sie als Künstlerin und Mutter zu Hause in Tel Aviv. Diese Tagebücher wurden zur Basis einer Performance, die bei uns ihre Uraufführung feierte und nun zum Beispiel am Schauspiel Köln weiterläuft. Das hatte natürlich massiv mit Gegenwartsfragen zu tun und warf auch Fragen bei Förder*innen auf . Wir fragen uns dann im Vorfeld: uns dann auch: Trägt diese künstlerische Arbeit zur Spaltung bei oder zur Differenziertheit? Es bleibt eine persönliche künstlerische Auseinandersetzung und ein Versuch, der auf vielen Ebenen mit Risiko verbunden ist.
Bojan Vuletić: Das Risiko wird kleiner, wenn man viel kommuniziert. Wenn man jemandem völlig Unbekannten einen Auftrag gibt, ist das Risiko hoch. Aber wir sind im Dialog. Das Verhältnis zu den Artists ist unterschiedlich: Manchmal ist es nur eine finanzielle Unterstützung, manchmal entwickeln wir Stücke fast gemeinsam. Wir stellen unsere Produktionsstätte zur Verfügung und sind Dialogpartner. Wir versuchen nie, unsere eigene Ästhetik oder Haltung aufzupfropfen, sondern glauben an die künstlerische Freiheit. Aber wenn das Bedürfnis nach Austausch da ist, sind wir da. Ich persönlich habe durch diese Koproduktionen unglaublich viel gelernt.

„A Year without Summer“ (Foto: Nicole Marianna Wytyczak)
Gab es auch Erfahrungen, bei denen das Scheitern eingetreten ist? Dass etwas in eine Richtung lief, die ihr so nicht mehr auf die Bühne bringen konntet? Im Stadttheater gibt es ja oft diese autoritären Eingriffe.
Christof Seeger-Zurmühlen: Wir machen nichts, was man manchmal am Stadttheater erlebt – dass die Intendanz die Regie rauswirft oder die Proben selbst übernimmt. Solche Prozesse gibt es bei uns nicht. In dem Moment, in dem wir das Vertrauen aussprechen, ist das Ergebnis die Entscheidung der Künstlerinnen und Künstler. Wir sind als Veranstalter für den Rahmen verantwortlich, aber die Künstlerinnen und Künstler vertreten ihr Werk. Wir sind keine Zensurbehörde. Manchmal sind wir selbst irritiert oder fasziniert, wie andere Besucherinnen und Besucher. Wenn wir dann gefragt werden: „Wie konnten Sie nur?“, sagen wir: „Das Ergebnis war vielleicht unerwartet, aber es war ein Versuch, und hinter der Entscheidung, diese Gruppe einzuladen, stehen wir.“
Es gibt natürlich auch Irritationen von außen. Vor drei Jahren hatten wir die Soziologin Eva Illouz für die Eröffnungsrede eingeladen. Sie äußerte sich zum Schweigen der Kulturszene nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Der WDR fragte dann, ob man eine solche Person in diesen Zeiten überhaupt einladen sollte.
Bojan Vuletić: Was albern ist, da Eva Illouz eine der profiliertesten Stimmen in den großen deutschen Zeitungen ist. Zum Thema Scheitern: Das kann viele Formen annehmen. Manchmal ist das Resultat anders als erwartet, aber auf dem Weg passiert etwas Wichtiges. Bei „War Diaries“ wussten wir lange nicht, ob wir die Artists überhaupt nach Deutschland bekommen oder ob sie unter dem Stress und dem Leben im Bunker den Probenprozess schaffen.
Ich habe kein Problem mit dem Scheitern. Der Live-Moment lebt davon, dass man auf der Bühne verletzlich ist. Der interessante Punkt ist nicht der Fehler an sich, sondern wie man daraus im Nachhinein etwas Kreatives macht. In der Musik ist es beim Improvisieren genauso: Wie macht man einen Fehler wieder musikalisch sinnvoll? Für uns als Plattform ist das spannend. Wir brauchen kreative Lösungen für Herausforderungen, sei es wegen fehlender Mittel oder schwieriger sozialer Situationen an den Spielorten. Dieser Input fließt in den Prozess ein.

„Tanzende Idioten“ (Foto: Armin Smailovic)
Das passt dazu, die Gegenwart zu reflektieren: Dass man eben nicht sofort alle Antworten hat. Wenn man sich die aktuelle Weltlage ansieht – Kriege, autoritäre Verschiebungen –, hat das das Grundparadigma eurer Arbeit in den letzten Jahren verschoben?
Christof Seeger-Zurmühlen: Absolut. Wir sind 2012 gestartet, mit sehr wenigen Möglichkeiten und viel ehrenamtlichem Engagement. In relativ kurzer Zeit sind wir zu einem viel beachteten Festival aufgestiegen – in der Stadt Düsseldorf, beim Land NRW und bei Stiftungen. Wir können Koproduktionen mit großen Namen wie Florentina Holzinger nur machen, wenn wir die Finanzierung und die physischen Räume dafür haben. Wir konnten tiefer in die Gestaltung gehen. Seit vier Jahren öffnen wir zum Beispiel verstärkt Räume für ukrainische Positionen: Residenzen, Werkschauen, Theater, Konzerte, Panels. Dieser Kreis an Künstler*innen wächst stetig, und die Auseinandersetzung findet das ganze Jahr über statt.
Auch wenn in der Öffentlichkeit eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Krieg eintritt, wollen wir diesen Raum nicht wieder schließen, sondern eine Verstetigung schaffen. Wir verstehen uns als Netzwerker, die Bündnisse schaffen – das gilt auch für Linien in den Iran. Wir leben im Hier und Jetzt, und diese globalen Kipppunkte sind Teil der Realität der meisten Artists, die wir einladen.
Bojan Vuletić: Diese Themen sind die Verhandlungsmasse dessen, was unser Festival meint. Schon 2014 hat Christof die Frage gestellt: „Wer spricht in unserer Gesellschaft und wer nicht?“ Wir wollten Menschen integrieren, die gesellschaftlich „abgemeldet“ waren. Da kommt das Wort Empathie ins Spiel. Wir tragen Verantwortung für diese Gesellschaft und wollen Stimmen hören, die sonst keinen Platz haben. Niemand konnte den 7. Oktober vorhersagen, aber die Verrohung des demokratischen Dialogs war schon lange spürbar. Wir haben sehr früh betont, dass die „Umräume“ um die Kultur herum wichtig sind – Orte, an denen Menschen ins Gespräch kommen, streiten lernen oder sich vielleicht sogar verlieben.

Kira Hummen (Foto: Niclas Weber)
Ihr habt euch in eurem disziplinoffenen Ansatz – Theater, Musik, Tanz, Literatur – wenig um die Grenzen geschert, die anderen so wichtig sind. Seid ihr selbstbewusster geworden, weil ihr seht, dass das Publikum diese Dialoge über Disziplingrenzen hinweg annimmt?
Bojan Vuletić: Das kann man nicht planen, aber wir begreifen uns mittlerweile als eine Art „Volksfestival der Künste“. Wir wollen den größtmöglichen Kommunikationsrahmen für die Anliegen der Artists. Wir sind eine Gemeinschaft, und wir fragen uns, wie wir diesen gemeinschaftlichen Raum halten können – auch über das eigentliche Festival hinaus. Wir trauen uns verrückte Formate zu: auf Hochhausdächern, in Tunneln, in Flussläufen. Das Publikum soll sich physisch und emotional bewegen. Auch sprachlich brechen wir Barrieren: Kaum ein Stück ist originär auf Deutsch; wir arbeiten mit Übertiteln in Farsi, Ukrainisch oder Englisch. Wir haben gemerkt: Das, was für uns selbstverständlich ist, funktioniert auch beim Publikum. Sie wollen dabei sein.
Christof Seeger-Zurmühlen: Für uns war schon zu Beginn klar, dass die klassischen Disziplinen oft gar nicht mehr existieren. Was ist Florentina Holzinger – Tanz oder Theater? Bei unseren Konzerten auf der Seebühne gibt es an einem Abend Jazz aus Frankreich, am nächsten eine Singer-Songwriterin mit Cello und am dritten eine Punkband. Was sie eint, ist die starke künstlerische Vision. Mich interessiert das alles wirklich; ich würde mir jedes Stück des Festivals ansehen. Durch diese Mischung begegnen sich Menschen aus verschiedenen Bubbles. Wer wegen der Musik kommt, entdeckt vielleicht zeitgenössisches Wrestling oder geht zum ersten Mal zum Tanz. Dieses Aufbrechen von Strukturen ist das, was uns interessiert.
Funktioniert das Festival nur so, weil ihr beide selbst Künstler seid? Und wie moderiert ihr Festival und eigene künstlerische Aktivitäten, dass eure eigenen Ambitionen nicht unter dem Berg an organisatorischer Arbeit begraben werden? Gibt es Momente, in denen man denkt: „Eigentlich bin ich Künstler, aber jetzt habe ich mir hier ein bürokratisches Monster gebaut“?
Christof Seeger-Zurmühlen: Schon, ja. Aber wir sind nicht nur wir beide; wir haben ein tolles Team und viele Inspirationsquellen. Meine Erfahrung am Schauspielhaus und Bojans vielfältige Arbeitsbeziehungenfließen ein. Es hilft enorm zu verstehen, wie ein „Apparat“ wie ein Staatstheater funktioniert. Wir haben seit vergangenem Jahr eine mehrjährige Kooperation mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus, die besagt, dass wir in der letzten Spielzeitwoche alle Bühnen dort übernehmen dürfen – bei völlig freier Kuratierung. Das ist eine Win-win-Situation. Aber man muss wissen, wie der Betrieb läuft, um Spannungen zu vermeiden. Technische Abläufe, Personalfragen, Sicherheitsaspekte – das sind keine Kleinigkeiten. Man kann ein Haus nur bespielen, wenn man weiß, wie das Gefäß und das Team funktionieren.

Der Taeubling (Foto: Max Ruppert)
Bojan Vuletić: Wir sind beide schon ein kleines bisschen verrückt. Früher habe ich fünf bis sieben Theaterproduktionen pro Jahr komponiert. Irgendwann mussten wir Entscheidungen treffen, um die Verantwortung für das Festival zu stemmen. Aber wir sind eine Doppelspitze mit einem besonderen Team. Wir halten uns gegenseitig den Rücken frei. Die Arbeit für das Festival ist selbst extrem kreativ. Man lernt so viel über die Gesellschaft: Wem gehört der öffentliche Raum? Warum ist er so reglementiert? Es ist magisch, eine Idee aus dem Nichts in einen realen, dreidimensionalen Raum zu bringen, zu dem dann tatsächlich Menschen kommen. Das empfinden wir als Geschenk.
Christof Seeger-Zurmühlen: Das gesamte Festival ist für uns ein künstlerischer Akt. Natürlich gibt es viel Verwaltung, aber in der Summe ist es Kunst. Es ist eine Frage der Gewichtung. Ich mache immer noch Regie und Bojan Kompositionen, aber die Zeit, die in das Festival fließt, ist natürlich gewachsen. Und das muss auch so sein. Das Programm verantworten im Wesentlichen wir beide, aber wir tauschen uns ständig mit Kolleg*innen in Berlin, Brüssel oder Hamburg aus. Kuratieren ist für uns auch die Frage nach dem Raum: Wie können wir möglichst viel Kunst abbilden?
Wir bespielen Leerstände wie etwa in der Vergangenheit ein ehemaliges Elektronik-Kaufhaus, das skurrile räumliche Voraussetzungen hatte. Impulse kommen von vielen Seiten. Das Team ist im Bereich Kommunikation entscheidend. Das ist für uns nicht einfach eine PR-Abteilung, sondern ein stetiger Abgleich: Wie verhandeln wir das, was wir tun, nach außen? Wie kann das Publikum partizipieren, sodass die Rollen von „passiv“ und „aktiv“ aufgehoben werden? Das ist eine Suche, an der etwa sechs Leute aus den Bereichen Presse, Social Media und Grafik beteiligt sind.

„Tanzende Idioten“ (Foto: Armin Smailovic)
Im Programm für den Sommer 2026 finden sich auch einige Produktionen und Künstler*innen, die dem Großteil des Publikums noch unbekannt sein dürften. Da steckt viel Selbstvertrauen drin – das Wissen, dass die Leute euch auf dem Schirm haben, egal was kommt. Gleichzeitig machen es einem die Themen nicht leicht. Eure Koproduktionen klingen eher apokalyptisch oder handeln von Überlebenden auf dem Weg in die nächste Katastrophe. Keine klassischen „Feel-good“-Stücke für die Sommerferien.
Christof Seeger-Zurmühlen: Das späte Bekanntgeben unseres alljährlichen Programms hat viel mit der Realität der Mittelakquise zu tun. Zusagen von Geldern kommen heute oft später als früher. Aber es hat sich eine Logik etabliert: Die Menschen wissen, dass wir eine Woche vor den Sommerferien in NRW starten. Wir bieten dieses Jahr drei Wochen lang über 70 Veranstaltungen an. Viele Besucher*innen buchen blind mehrere Tickets für Gruppen, von denen sie zuvor noch nie gehört haben. Das ist ein großer Vertrauensvorschuss. Es liegt an den Spielorten und an unserer Sprache. Wir versuchen, zeitgenössische Kunst so zu beschreiben, dass wir niemanden ausschließen. Letztes Jahr hatten wir eine Auslastung von 95 Prozent, wofür wir sehr dankbar sind. Unsere Positionen sind konsequent – das ist kein „Komödienstadl“ oder Schlagerprogramm. Wir suchen starke Perspektiven, die nicht immer geschmeidig sein müssen. In diesen Zeiten gibt es keine Sicherheit, aber dieses Vertrauen ist ein schönes Fundament.
Bojan Vuletić: Aber es sind wahnsinnig tolle Artists, Thorsten Lensing zum Beispiel oder Florentina Holzinger. Florentina ist ein interessantes Phänomen: Früher nischig, ist sie jetzt ein Kipppunkt, an dem sich viele auf ihre Qualität einigen können. Sie verbindet Show, Zirkus, Radikalität und feministische Setzungen. Spätestens seit der Biennale in Venedig ist sie ja nun wirklich in aller Munde. Thorsten Lensing wiederum arbeitet jahrelang an einem Stück. Er braucht Menschen, denen er vertraut. Stars wie Devid Striesow oder Ursina Lardi kehren immer wieder zu ihm in diesen freien Theaterkontext zurück. Seine Stücke sind philosophisch, lebensbejahend und trotz aller menschlichen Unzulänglichkeiten von einer Wärme durchströmt. Dieser Wärmestrom gibt dem Ganzen eine Sinnhaftigkeit.

„A Year without Summer“ (Foto: Nicole Marianna Wytyczak)

Christiane Rösinger (Foto: Dorothea Tuch)
Was sind die weiteren Highlights? Ihr habt ja oft diesen Effekt, dass ihr den Leuten durch das Festival Orte in ihrer eigenen Stadt zeigt, die sie bisher gar nicht kannten.
Bojan Vuletić: Absolut. Wir haben dieses Jahr einen neuen Spielort: Das unterirdische Museum KIT – Kunst im Tunnel. Architektonisch ist das wie ein Schiffsrumpf – nichts ist symmetrisch, es ist sehr klar und doch besonders. Wir zeigen dort die erste große Düsseldorfer Einzelausstellung des Fotografen Laurenz Berges. Außerdem ist der Raum akustisch faszinierend. Wir machen dort vier besondere Konzerte. Vadim Neselovskyi spielt eine Koproduktion für Flügel und Streichtrio, die den russischen Überfall auf die Ukraine zum Thema hat. Das Arditti Quartet, das die großen Uraufführungen der Neuen Musik der letzten Jahrzehnte gemacht hat, wird dort ebenfalls auftreten. Das Publikum ist dort ganz nah dran, das ist ein völlig anderes Erlebnis als in einer Philharmonie.
Und dann gibt es natürlich unser Seebühne-Kopfhörer-Format. Das haben wir 2020 in der Pandemie entwickelt, um das „Social Distancing“ akustisch zu überbrücken. Wir nutzen hochwertige Studio-Kopfhörer, das Publikum sitzt am Ufer, die Bühne schwimmt auf dem Wasser. Es ist ein wunderschöner, fast geheimer Ort mitten in der Stadt. Dort haben wir dieses Jahr auch drei Lesungen: Christiane Rösinger, Dana von Suffrin und Kaleb Erdmann. Das ist der Moment, in dem die Stadt für einen Augenblick stillzustehen scheint, während man über die Kopfhörer ganz tief in die Texte und die Musik eintaucht. Wir wollen diesen gemeinschaftlichen Raum halten, auch wenn es draußen stürmt.
Bojan, Christof, vielen Dank für Eure Zeit, gerade jetzt in der intensiven Vorbereitungsphase des Festivals.








