Negative Approach III: „Machines in Flames“

Die kosmische Ordnung ist ein immer loderndes Feuer. So glaubte es zumindest der vorsokratische Philosoph Heraklit. Im Feuer entsteht und vergeht alles. Das ist eine ziemliche Urmacht. Kein Wunder, dass der mythische Prometheus angekettet und Zeuge seines ewigen eigenen Ausweidens durch Geier wurde, nachdem er den Menschen die Flamme gab. Die Doppelköpfigkeit des Feuers gilt auch für die meisten bahnbrechenden Technologien. Bei deren Einführung und Durchbruch steht immer die Frage im Raum: Zerstörung oder Hervorbringung? Atombombe oder Strom?
Diese Zweiseitigkeit ist ein Thema, das sich durch Thomas Dekeysers und Andrew Culps Dokumentarfilm „Machines in Flames“ (2022) zieht. Der Film begibt sich auf die Spurensuche nach einer klandestinen Gruppe, die Anfang die im Frankreich der 1980er-Jahre die Büros von Computerfirmen in Brand steckt – und dabei möglichst viel Material vernichtet: Magnetbänder, Speichereinheiten, Computer, Tastaturen, Chips, Festplatten. CLODO nannte sich diese Gruppe, Comité liquidant et détournant les ordinateurs. Ihre Mitglieder blieben immer unerkannt, sie wurden bis heute nicht identifiziert. Sie kommunizierten anonym über Briefe mit der Presse und gaben sich selbst als Computerarbeiter*innen aus, als Insider*innen, die genug Zugang, Wissen und Plan hatten, um in den Räumlichkeiten von Philips, Honeywell-Bull und anderer Firmen, in Toulouse, Paris und an anderen Orten all das Gerät zu versammeln, dem sie den Kampf angesagt hatten und die Bude anzuzünden. Niemand wurde bei diesen Angriffen verletzt.
Was ist nun diese Zweiseitigkeit? Personal Computer setzen sich spätestens im Laufe der 1980er-Jahre auch in Europa als Arbeitsgerät durch. Die digitale Technologie ist produktiv, Kommunikationswege verkürzen sich, Zugriffe auf Daten und gemeinsame Prozesse werden vereinfacht. Der Computer ist Management-Tool und operatives Gerät zugleich. Er entstammt aber auch einer Kriegslogik: Es waren Computer, die bei der Dechiffrierung der Nazi-Codes wirksam wurden. Systemanalyse und Computertechniken sind mit der Zeit aus der Kriegsführung nicht wegzudenken. In diesen Maschinen und ihren Rechenkapazitäten fließen kybernetische Kontroll- und Antizipationsmechanismen ineinander, die nicht nur auf Kampfszenarien und produktive Prozesse in Arbeitswelten anzuwenden sind – sondern womöglich auch in der Steuerung und Regulierung von Bevölkerungen.

Spuren von CLODO fand Thomas Dekeyser in Zeitschriften, Interviews und Archiven. (Quelle: „Machines in Flames“)
CLODO erkennen darin eine existenzielle Gefahr. Sie wenden sich mit ihren Angriffen dagegen, wozu die Technologie führen kann. Sie antizipieren immer weiter verschwimmende Grenzen zwischen Staat, Kapital und Technologie. Spätestens seit den 1960er-Jahren wird in Frankreich ebenjene Überkreuzung Realität. Der Plan Calcul soll das Land zu einem Technologieführer und industriellen Riesen machen. Dabei erfindet die Verwaltungswissenschaft gleich einen Neologismus. Die „l’informatique“ verflicht Industrie, Staatsdenken und die Modernisierung des Landes miteinander. Emblematisch stehen dafür die großen Rechenmaschinen, die IBM und französische Firmen zu dieser Zeit herstellen und verkaufen. Jean-Luc Godards „Alphaville“ (1965) ist ein gutes Zeitdokument dafür, wie die computerbeherrschte Stadt- und Staatsdystopie ins Totalitäre kippen kann.
„Machines in Flames“ ist ein filmisches Beispiel für den negative turn, den Thomas Dekeyser selbst maßgeblich in der Humangeographie mit ausformuliert. Die Zweiseitigkeit oder auch Zweischneidigkeit der technologischen Entwicklung wird am Beispiel von CLODO ins vermeintlich negative gekippt, in eine Verweigerung gegenüber einer allgegenwärtig werdenden Technologie. Diese Verweigerung führt offenkundig zur Zerstörung und mutet radikal an. Als Zuschauende*r kommt man aber nicht ums Schmunzeln herum. Die Brandstifter*innen agieren zwischen Vorsicht und Brachialität. So schnell diese Gruppe auftaucht, so schnell verschwindet sie auch wieder. Ein paar gezielte Schläge und, schwupps, weg.
Dekeyser und Culp begeben sich an den einstigen Orten des Geschehens auf die Spuren CLODOs. Mit wackliger Kamera filmen sie die Bürogebäude ab, in denen damals die Computerfirmen ansässig waren. Abends und bei Nacht nähern sie sich diesen Orten, sie filmen Zäune ab, wo es geht, zoomt die Kamera in Lobbies und Eingangsbereiche hinein. Straßenecken, Bordsteine, Ladenfronten in der Nähe sind alle stumme Zeug*innen dessen, was sich hier einst abspielte. Die Filmemacher begehen diese Umgebungen wie Verdächtige, die den Ort des Anschlags auskundschaften.

Hier gingen einst die Mitarbeitenden einer Computerfirma ein und aus bevor ihre Büros in Flammen aufgingen. Eine Lobby, irgendwo in Toulouse. (Quelle: „Machines in Flames“)
Da die vermeintlichen Protagonist*innen der Gruppe nicht verfügbar, ja, abwesend sind, nähert sich der Film seinem Gegenstand dekonstruktivistisch. Er baut auf dieser Abwesenheit auf. Auch das ist ein negativer Zugang. Die Gruppe ist eine Präsenz und gleichzeitig im Film immer abwesend. Sie kann sich nur durch mediale Repräsentationen zeigen, durch Zeitungsausschnitte und schwarz-weiße Fotos verkohlter Computerreste. Auf die Frage, warum sich Dekeyser als Humangeograph mit dieser Thematik befasst, sagt er, dass er einfach „excited“ war, als er auf die Geschichte stieß und dass sich darin ein völlig anderer Zugang zur Einhegung von Technologie ablesen lasse als in heutigen Diskursen um Regulierung. Es sei einfach eine irre Geschichte gewesen.
In der ersten Ausgabe dieser Reihe ging es auch um eine negatives Geschichtsverständnis, das beispielsweise im Kontext negativer Medialitäten von Hegel herrührt. In diesem Verständnis kann sich eine Entwicklung nach vorne nur aus einer negativen Haltung, aus einer Negation heraus verwirklichen. Dekeyser ist zwar selbst kein Hegelianer, kann dieser Idee auf Nachfrage allerdings etwas abgewinnen – solange das Ziel nicht klar festgelegt sei, auf das sich diese Entwicklung ausrichte. Negativität solle demnach Dinge eröffnen, nicht abschließen.
Was CLODO hier aufzeigten war die Frage, wie Menschen mit drohender oder zunehmender Entropie umgehen. Die Entropie beschreibt in der Physik, später auch in der Sozialtheorie, ein Maß, anhand dessen zunehmende Unordnung in Systemen feststellen lässt. Lange galt die Vorstellung, dass eine zunehmende Entropie nicht umkehrbar sei. Kybernetik und Computertechnologien trugen zumindest zu einem gedanklichen Wandel bei, dass Entropie einhegbar und kontrollierbar sei. Vielleicht täuschen sie aber nur darüber hinweg, dass Entropien weiterhin beständig auf systemische Selbstentzündung und den Wärmetod hinsteuern. CLODO, könnte man meinen, wussten mit ihren Anschlägen im Frankreich der 1980er-Jahre vielleicht etwas, das heute erst zu dämmern scheint.
Negative Approach ist eine Serie, die sich mit (pop)kulturellen Artefakten des negative turn beschäftigt. Das Titelbild entstammt einer Videoarbeit der kanadischen Künstlerin Sabrina Ratté. „TRANSIT, 2011“ wurde in SD (standard definition) produziert und setzt spezifisch auf eine sehr niedrig auflösende Bildqualität. Von der Website der Künstlerin: „Transit transforms an illuminated map of Paris into a shifting electronic landscape through a series of image manipulations, including video feedback and digital transitions, oscillating between the organic qualities of light and the rigidity of digital transitions.“





