Danger Dan – Interview

Wer hat Lust, mich nicht zu spielen?

Danger Dan (Photo: Jaro Sanmann Suffner)

Spätestens seit seinem Song „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ ist er zu so jemandem wie der Bruce Hornsby der Antifa geworden. Die Rede ist von Danger Dan, der sich mit seiner Gruppe Antilopen Gang über viele Jahre bewusst einen schlechten Ruf in der Deutschrap-Welt erspielt hat.
Nun erscheint sein zweites Klavier-Album „Keine Angst“, das schon seit der Veröffentlichung der Titelsingle im Juli diesen Jahres in aller Munde ist.

Maurice Summen im Gespräch mit Danger Dan über Antifa, öffentlich rechtliche Medien, Mainstream, Klassik und Punkrock.

 

Du bekommst inzwischen neben vielen Liebesbriefen auch einige Hassnachrichten und Gewaltandrohungen. Aber nicht nur von rechter sondern auch von linker Seite. Hättest du das je für möglich gehalten?

Danger Dan: Ja, das kenne ich ja schon, seit ich mich für innerlinke Debatten interessiere. Das Vorläuferprojekt der Antilopen Gang, die Anti-Alles Aktion, wurde Anfang der Nullerjahre manchmal von Antifagruppen eingeladen, bloß weil die andere Antifa-Gruppen, die im selben Hausprojekt lebten, ärgern wollten! Und das ist ein Fluch, der sich bis heute auch in der Besprechung meiner Musik durchzieht – ich habe bis jetzt elf Meinungsartikel nur über das Lied „Keine Angst“ von mir in der TAZ gelesen. Und die Texte widersprechen sich gegenseitig, und sagen daher überhaupt nichts über das Lied, sondern vor allem über die Zustände in der Redaktion aus. (lacht)

Aber würdest du sagen, das Gewaltpotenzial hat insgesamt zugenommen?

Danger Dan: Die Zeiten, wo es wirklich so eine Spaltung gab und sich die Antifagruppen hier gewaltsam aufgelöst haben, gab es ja schon in den Nullerjahren. Und jetzt gerade kochen diese Konflikte wieder hoch und es ändern sich auch ein bisschen die Deutungshoheiten.
Aber dass da inzwischen jede Hemmschwelle gefallen ist unter den linken, das glaube ich nicht. Innerlinke Gewalt ist zu Recht total verpönt. Dass es aber zum Beispiel viel Gewalt gegen Juden und Jüdinnen, queere Personen oder migrantisch gelesene Personen auf der Straße gibt, das ist nicht von der Hand zu weisen! Und in Teilen von Ostberlin, sagen wir in Hellersdorf oder so, gehe ich schon davon aus, dass diese Gewalt an der Tagesordnung ist: Läuft man da als linker Punk oder als trans Person rum, kann es durchaus passieren, dass man an irgendwelche gewaltbereiten Dritte-Weg-Nazis gerät.
Der Mythos Berlin stößt in jedem Fall an das Problem, dass mindestens eine Generation junger Antifas nicht mehr nachgewachsen ist! Und jetzt kommen die Nazis zurück!

Das zeigen uns auch die aktuellen Landtagswahlen.

Danger Dan: Es war ja von vornherein klar, was da jetzt überall passiert! Man sieht jetzt halt die Zahlen und das ist dann auf einmal evidenzbasiert – und kein bloßes Gefühl mehr.
Aber die Wahlen bilden ja nur einen Teil des Problems ab, vor dem wir da stehen. Also das Problem ist ja nicht nur die AfD, sondern deutlich größer! Es geht auch zum Beispiel um die politischen Strategien der
Vorfeldorganisationen, die ja eher im so genannten vorpolitischen Raum agieren, also eigentlich auf Diskursverschiebungen abzielen. Und auch aus der Union oder der SPD oder den Grünen gibt es schon lange ein ganz merkwürdiges Vokabular, wenn es zum Beispiel um das Thema Migration geht. Also wir müssen den Rechtsruck viel mehr als große Bewegung begreifen, die über die AfD hinausgeht! Den militanten Neonazis ist ja die AfD, obwohl es hier und da zu personellen Überschneidungen kommt, noch viel zu links!

Danger Dan (Photo: Bastian Bochinski)

Ein gute Überleitung zu Deinem neuen Album „Keine Angst“. Wovor hat Danger Dan Angst?!

Danger Dan: Ja, das ist die große Frage, wovor ich jetzt mehr Angst haben soll. Also wer ist schneller? Der Klimawandel, der Faschismus oder die KI? (lacht) Ich glaube „Keine Angst“ ist einfach eine Parole, die man skandiert, wenn man selbst Angst hat! Aber immer langsam mit den jungen Pferden. Es ist ja es auch eine Tradition linker Intellektueller, ständig Angst zu haben und den Weltuntergang förmlich herbei zu sehnen. Und Recht hatten sie immer! Aber untergegangen ist die Welt glaube ich bislang trotzdem nicht.

„Fear is a Mans best Friend“, hat John Cale in den 70er Jahren gesungen. Ja, ist die Angst ein guter Ratgeber?!

Danger Dan: Wenn uns die Angst nicht handlungsunfähig macht – mit Sicherheit!
Und unsere Zukunft ist ja noch nicht geschrieben und die Welt ist auch nicht so angelegt, dass sie grundsätzlich schlecht sein muss! Sie könnte komplett anders sein. Ich fürchte nur, da muss man sich so ein bisschen aktiv einbringen, um sie mitzugestalten. (lacht)

Der Titel-Song „Keine Angst“ wurde nicht nur in der taz heiß diskutiert. Den einen warst Du mit dem gecancelten Auftritt der Jubiläumsausgabe von „Die Anstalt“ von vornherein verdächtig staatstragend, den anderen als möglicherweise gewaltbereiter oder Gewalt tolerierender Antifaschist gar ein Staatsfeind.

Danger Dan: Das sollte man sich alles nicht losgelöst angucken von alldem, was gerade gleichzeitig so passiert! Dass etwa eine Band wie Alphaville vom Glücksgefühle-Festival ausgeladen wird – oder was statt dessen im öffentlich rechtlichen Funke stattfinden darf! Wenn etwa Ulrich Siegmund im KiKA unkommentiert reden darf. Dann wird es interessanter. Also was passiert da gesellschaftlich eigentlich gerade?! Wer macht Ärger und wer übt sich in vorauseilendem Gehorsam für die AfD Regierung, die da auf uns zukommt?! Ich rede ja auch mit verschiedenen Radioleuten, die inspiriert durch diese Vorfälle dann aber teilweise auch Schiss kriegen, meine Musik zu spielen. Ja, wer hat Lust, mich nicht zu spielen?! (lacht)

Das betrifft ja nicht nur Dich, sondern fast alle Künstler:innen, die irgendwie leftfield unterwegs sind. Stichwort: Mainstream-Medien.

Danger Dan: Ich kenne mich da gar nicht so gut aus, ehrlich gesagt. Ich habe ja auch keinen Fernseher. Aber ich gehe fest davon aus, dass wenn das mit „Die Anstalt“ nicht passiert wäre, ich jetzt bald mit den
Kaulitz-Brüdern bei Wetten Dass auftreten würde. (lacht)

Glaubst Du wirklich?!

Danger Dan: Nee, meine Promo-Agentur hat tatsächlich dort nachgefragt, aber das sei exakt genau das, was sie gerade nicht suchen, kam da als Antwort aus der Redaktion. *Lacht*

Ok, dann sprechen wir doch mal über das, was die Wetten-Dass Redaktion offenbar gerade nicht sucht: Deine Musik. Deine Lieder könnten vom Stil her fast aus der Zeit der Weimarer Republik stammen.

Danger Dan: Naja, die Musiker in der Weimarer Republik konnten ja noch richtig gut Klavier spielen.
Deren Musik war wesentlich anspruchsvoller als meine Songs!

Dafür hört man in Deinen Liedern, vor allem Deiner Art zu singen, einen entspannten Reggae-Einfluss heraus!

Danger Dan: Danke, das nehme ich als Kompliment! Ich glaube, meine Musik ist dermaßen aus der Zeit gefallen, dass sie schon wieder frisch wirkt. Ich selbst ertrage zeitgenössische Popmusik nur noch sehr selten. Weil sie so uniformiert ist und ich oft das Gefühl habe, man hört immer heraus, wie viele Songwriter:innen daran mitgeschrieben haben! Die müssen am Ende zusammen ein Produkt entwickeln! Wo es einfach mehr um Verwertungslogik geht, als um die Kunst. Allein die Form, der sich die Musik immer wieder unterwerfen muss, um der Verwertungslogik im Pop gerecht zu werden.
Es geht ja hauptsächlich immer noch darum, das die Leute bei einem Lied das Radio nicht ausschalten. Oder umschalten. Und auf der anderen Seite haben wir diese Streaming-Listen, da muss sofort der Refrain kommen, und da sollte so ein Lied möglichst kurz sein, damit Du als Musiker:in möglichst viele Microcents damit verdienst. Die Vorgaben in der kommerziellen Auswertung beeinflussen die komplette Song-Form. Also ich wollte wirklich nie der Typ sein, der die Musik von jungen Leuten scheisse findet und der sich nicht mehr auf sowas einlassen kann, aber es fällt mir tatsächlich immer schwerer. (lacht)

Danger Dan (Photo: Jaro Sanmann Suffner)

Wir kommen beide aus einer Zeit, als „Sellout“ im HipHop, Indierock oder Grunge noch ein schwerer Vorwurf war!

Danger Dan: Ja, noch bei den ersten Erfolgen der Antilopen Gang mussten wir uns rechtfertigen vor unseren Freunden! Ich peile das ja auch, und dieser Erfolg, den ich jetzt habe, schließt ja auch komplett aus, dass ich in irgendeinem autonomen Jugendzentrum noch ernst genommen werden kann, aber es .
gibt eh nur noch ein paar AJZ’s, da sind mittlerweile auch alle über 40 und deren Kinder treffen sich inzwischen eher bei TikTok… (lacht)

Was die Produktwerdung angeht, müssen wir unbedingt auch über Dein Outfit sprechen. Du hast ja die rote Bomberjacke und die roten Docs zu Deinem Markenzeichen gemacht. War das eine bewusste Entscheidung?! Also für die Ästhetik der Redskins aus den 80er Jahren?!

Danger Dan: Nein, das war einfach in meinem Kleiderschrank drin. Ich war in den Zehnerjahren öfter mal in Wien im Ost Klub. Da waren Freitags immer Skinhead-Partys. Die sahen alle super aus und konnten auch super tanzen! Also im Gegensatz zu den meisten anderen Subkulturen tanzen Skinheads sehr gut.
Und dann habe ich irgendwann dieses Klavieralbum gemacht und musste im Video irgendwas anziehen. Wenn jemand an einem Klavier sitzt und ein trauriges Liebeslied sitzt, dann ist das für mich oft schwer zu ertragen. Aber wenn diese Person DocMartens und eine Bomberjacke trägt, dann finde ich das schon einfacher.
Als ich das erste Mal meinen Freunden meine Klavierballaden vorgespielt habe, war das so weit weg von unserer damaligen Lebenswelt und unseren ästhetischen Codes, dass es mir einfach nur unangenehm war. Vielleicht ist dieses Outfit auch einfach eine Art Schutzschild für mich.

Gab es überhaupt irgendwelche Klavier-Barden als Vorbild für Dich?!

Danger Dan: Also Georg Kreisler fand ich immer gut! Aber jetzt nicht so, dass ich den ganzen Tag Georg Kreisler gehört hätte… Ich hab nach dem ersten Album so viele Touren und so viel Klavier gespielt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Das hat mir jetzt auch geholfen, das neue Album zu schreiben.
Aber ich bin harmonisch immer noch extrem beschränkt. Also wenn man das einem Musiktheoretiker zeigen würde: Da haben zwei Songs auf dem Album die exakt gleichen Harmonien.
Das eine habe ich an den Anfang gestellt, das andere eher ans Ende, damit es nicht so auffällt.

Schreibt nicht sowieso jeder Musiker im Grunde immer das gleiche Lied in unendlich vielen Variationen?!

Danger Dan: Kann sein. Das was man vielleicht auch musikalische Handschrift nennt. Aber die Wahrheit ist: Ich bin einfach nur limitiert! Aber die Lieder, die auf diese Art entstehen, sind genau die Lieder, die die Leute inzwischen von mir hören wollen. Bis dann mein drittes Klavieralbum kommt! Das wird dann extra scheisse, weil ich wie die meisten Bands beim dritten Album in eine unerträgliche Experimentierphase gerate. (lacht)

Du könntest eine Orchester-Platte aufnehmen.

Danger Dan: Ja, vielleicht! Ich dürfte einmal in Wien mit einem Orchester meine Lieder aufführen. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Ich habe noch nie vorher live ein Orchester gehört und plötzlich saß ich mittendrin.
Du warst vorher noch nie in einer klassischen Orchester-Aufführung?!
Nee, also ich war in diesen ganzen Läden immer nur zum Spielen. Aber nie als Gast.

Dafür scheint Deine Liebe für den Deutschpunk riesengroß!

Danger Dan: Ja, die ist ungebrochen und da haben wir auch mit den Antilopen mehr Freunde als z.B. im deutschen Hip-Hop, worauf wir aber sehr stolz sind, also dass wir so gut wie keine Freunde im Deutschrap haben.
Und auch wenn Punkrock zum Teil eine merkwürdige Subkultur mit eigenen Trachten ist, wenn man sich z.B. mal beim Ruhrpott-Rodeo, meinem Lieblingsfestival, umschaut, aber trotzdem und gerade deshalb ist mir diese Szene immer noch sehr sympathisch.

Du planst für nächstes Jahr deine eigenen Festivals!

Danger Dan: Ja, irgendwann ist mir das zu doof geworden – mit den biersaufenden Männern und den aufgeblasenen Penissen auf den großen Rock-Festivals!

Von was für einer Größenordnung sprechen wir da?! Also wie viele Leute werden bei deinen eigenen Festivals erwartet?!

Danger Dan: In Berlin sind es inzwischen schon so 15.000 Leute. In Hamburg im Stadtpark vielleicht so 4.500 Leute. Also schon recht viele!

Und was machst Du danach?! Direkt ins Abenteuer des experimentellen dritten Albums stürzen und schön alle Fans vergraulen?!

Danger Dan: Ich weiß es noch nicht, aber möglicherweise hatte ich mal den Traum, in Berlin ein kleines Theater aufzumachen. Ein kleines Pop-Up-Theater, wo vielleicht so 200 Leute reinpassen. Ich schreibe dann kleine Musik-Theater-Stücke dafür. Alles komplett mit eigenen Leuten organisiert. Am liebsten ohne Social-Media. Höchstens einen Newsletter.
Rein kommerziell ist das sicher eine dumme Idee, aber ich stell mir das schön vor.
Dann am Abend selbst die Türe aufmachen und den Wein nur aus Flaschen verkaufen.
Ich hab sogar richtig Lust dazu, Bänke zu bauen, und so eine Bühne mit einer Wäscheleine, wo man den Vorhang dran aufhängen kann. (seufzt)

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