Interview mit The Düsseldorf Düsterboys

The Düsseldorf Düsterboys sagen: “Schau mir in die Augen, Kleiner“

Düsseldorf Düsterboys – von links nach rechts: Peter Rubel, Edis Ludwig, Pedro Goncalves Crescenti, Fabian Neubauer (Photo: Lukas-Vogt)

Man kann es nicht anders sagen, zwischen Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti schwingt eine ganz besondere Chemie. Nach ihrem Indie-Erfolgsalbum „Die besten Jahre“ mit International Music haben die beiden aktuell Zeit, Kontakte und Reputation sich ihrer zweiten Band zu widmen, den The Düsseldorf Düsterboys. Ergänzt um Fabian Neubauer und Edis Ludwig spielen sie an diesem Abend in Hamburg zwar als Quartett, aber  Augen haben sie nur füreinander. Es ist, als vergewissern sie sich gegenseitig der Songs und ihrer Bedeutungen. Ungehemmt zeigen P. & P. ihre Freude darüber, zusammen Musik zu machen. Wenn dann noch das Aalhaus, die Bar in der sie spielen, mit 150 Leuten ausverkauft ist – umso besser.

Simon Rösel hat Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti zu einem Gespräch darüber getroffen, warum leise Musik schwerer zu spielen ist als laute, was Fußballmannschaften mit Bands zu tun haben und wie das jetzt noch einmal mit dem Traum war, der sie zu ihrem Bandnamen gebracht hat.

 

 

Pedro, Peter, könnt ihr die Geschichte erzählen, wie ihr zu eurem Bandnamen gekommen seid?
Pedro (zu Peter): Erinnerst du dich eigentlich grafisch an den Traum?
Peter: Ich erinnere mich. Ich hatte den Traum mit 17 oder 18, als wir in einer Band gespielt haben und nach einem neuen Namen suchten. Wahrscheinlich hab ich diesen Prozess im Traum verarbeitet. Im Traum kam dann unser damaliger Schlagzeuger und wir waren im Quartier Mayence …
Pedro: Die Bar in der ich in Mainz gearbeitet habe.
Peter: … und da haben wir uns unterhalten und er meinte zu mir, ich weiß unseren Bandnamen: The Düsseldorf Düsterboys.

Er hat dir im Traum den Namen eingeflüstert?
Peter: Genau. Damals hat der Name noch nicht zur Musik gepasst. Aber als wir dann mit dieser Art Lieder angefangen haben, war es perfekt.

Auf euren Album sind einige Songs – passend zum Bandnamen – sehr düster. Inwiefern erkundet ihr in dieser Besetzung eure persönlichen düsteren Seiten?
Pedro: Ich glaube, dass die Düsterboys wirklich sehr schwermütig sind. Es hat uns am Anfang überrascht, dass bei den Konzerten trotzdem viel gelacht wurde. Auf der einen Seite war es eine Erleichterung, damit wir nicht über anderthalb Stunden so ein Trauerkloßkonzert spielen. Auf der anderen Seite ist diese Schwermut auch befreiend: Man muss nicht immer gute Laune haben. Haben wir auch nicht. Wir lassen mehr Nähe zwischen uns und den Songs zu. Das ist eine besondere Form von Intimität.
Peter: Ich glaube die Texte bei den Düsterboys und International Music sind gleich emotional. Aber bei die lyrische Musik färbt bei den Düsterboys auf die Texte ab und sie wirken dadurch düsterer.
Pedro: Romantik könnte so ein Stichwort sein.
Peter: Die Musik unterscheidet die Bands mehr als die Texte.

Und wie unterscheidet sich euer Live-Set vom Album?
Pedro: Wir haben noch 15 andere Songs, die wir gut finden und die nicht auf dem Album sind. Es gibt diesen einen Song, “Diamanten aus Gold”, den haben wir mit Band eingeübt und werden ihn auch öfters live spielen. Aber bei der Liste zum Aufnehmen haben wir den einfach übersehen. Zumindest ging mir das so.
Peter: Wir finden gerade noch raus, wie unser Live-Set wirklich aussehen kann. Vor der Tour mussten wir ein paar Songs umstellen, weil wir die Instrumente nicht dabeihaben und auch nur zur viert sind. Viele Songs haben mehr Spuren auf dem Album, da ist dann irgendwo ein Cello oder andere Streicher. Unsere erste Single “Oh, Mama” spielen wir jetzt mit zwei Gitarren, Schlagzeug und Orgel, dafür ohne Piano. Das ist live deutlich anders, als auf der Aufnahme, aber ich finde die Live-Version total super. Ein gemeinsamer Schulfreund von uns sagte, er empfand den Song wie eine große Welle, mit einer ruhigen Kraft, die sich auf dich zuschiebt. Und wir haben noch diese kurzen, quatschigen Songs, die wir gestern als Zugabe gespielt haben. Das macht auch Spaß, weil wir auf dem Album mit Messwein nur einen lauteren, schnellen Moment haben. Es ist interessant zu sehen, wie wir da als Band jetzt reinwachsen und wohin sich das von der Platte aus weiter hin entwickeln kann.

Wie lange kennt ihr euch und wie viel habt ihr darüber nachgedacht, dass ihr ausgerechnet Pedro und Peter heißt?
Pedro: Gar nicht so viel, ehrlich gesagt. Wir kennen uns seit 2006. Damals haben wir zusammen eine Indierockband gegründet. Mit engen Hosen und spitzen Schuhen.
Peter: Oft sagen die Leute, ach das ist ja einfach zu merken. Die Tontechnikerin in Berlin sagte: „Okay, that’s super easy to remember“, aber dann hat sie uns doch dauernd verwechselt.
Pedro: Aber ja, eigentlich heißen wir gleich. Edis und Fabian haben wir die passenden Alter Egos gegeben, sie heißen Pierre und Piotr.
Peter: Die vier P’s.

Lange waren die Düsterboys nur zu zweit. Doch auch wenn Pedro und Peter als Frontmänner, die alle Songs zusammen singen, noch immer deutlich im Vordergrund stehen, prägen Edis Ludwig und Fabian Neubauer den Sound entscheidendmit. Fabian spielt live Orgel und deckt damit die hohen und tiefen Frequenzen des Soundspektrums gleichermaßen ab, die ruhigen, schweren Beats von Edis dagegen verankern die ansonsten schwerelosen Songs.

Warum habt ihr euch entschieden, auf Barhockern sitzend zu spielen?
Pedro: Sitzen passt besser zur Stimmung der Songs.
Peter: Wir proben immer im Sitzen. Zu dieser Musik bewegt man sich nicht groß und wippt höchstens mal etwas mit. Es fühlt sich natürlicher an ruhig zu sitzen, als ruhig zu stehen. Wir sind dann entspannter und können uns besser auf diese Stimmung einlassen.
Pedro: Vieles darüber, wohin wir uns als Live-Band entwickeln, wissen wir noch nicht.
Peter: Du bist gestern auch für manche Parts aufgestanden.
Pedro: Vielleicht ist bei den Düsterboys dieser Gestus, die körperliche Art, wie die Lieder vorgetragen werden, nochmal wichtiger.

The Düsseldorf Düsterboys (Photo: Lukas-Vogt)

Oft spielen Bands einfach ihre Stücke und dann kommt irgendwann der ruhige Songs, wo alle Bier holen gehen.
Peter: Oder alle setzen sich hin für die Akkustiknummer.
Pedro: Für mich wäre das als Zuschauer ein Freibrief: Ich muss mich nicht mitbewegen, um der Band zu zeigen, dass ich Freude an ihrem Konzert habe.
Peter: Eine gegenseitige Entspannung. Anders als bei International Music, ist es bei Düsterboys Konzerten von vornherein klar, dass wir keine ausgelassene Stimmung erzeugen wollen.

Glaubt ihr, dass leise Musik schwerer zu spielen ist als laute?
Peter: Vielleicht schon. Wir testen das gerade noch aus, wie diese Musik nicht langweilig wird, sondern eine konzentrierte Stimmung erzeugt.
Pedro: Und einen Sog entwickelt.
Peter: Das wäre das Beste! Wenn das Publikum diese Atmosphäre genießt.
Pedro: Bei leiser Musik musst du auf jeden Fall besser spielen. Jeder Ton sollte sitzen. Dafür musst du nicht so sehr darauf achten, gute Stimmung zu machen.
Peter: Was wegfällt ist dieses Rockmäßige, was ein Konzert von sich aus gut machen kann. Bei International Music waren Konzerte manchmal einfach gut, weil die Stimmung an sich schon gut war und dann war es nicht ganz so wichtig, gut zu spielen.

Gesprächsverläufe wie dieser sind typisch für die Düsterboys. Pedro und Peter schauen sich in die Augen und spielen sich die Bälle zu. Es ist, als suchen sie bei jeder Antwort zunächst die Bestätigung des anderen.

Ihr habt einen bestimmten Ironieeinsatz. Ironie kann ganz viel Musik kaputt machen. Aber ich habe das Gefühl, bei euch hilft sie, dass ihr bestimmte Sachen sagen könnt. Zum Beispiel …
Peter: Schalke 04.
Pedro: Genau.
Peter: Das ist für uns ein wichtiger Teil an der Band, das wir nicht alles ernst nehmen.
Pedro: Ironie ist eine der Ebenen, die wir in den Texten haben. Aber bei weitem nicht die einzige. Das macht so eine Vielschichtigkeit aus, die für das Textverstehen interessant ist.
Peter: Ich finde es interessant, so was männlich und martialisch aufgeladenes wie Schalke 04, zuckersüß zu singen.

Die Stelle kann auch jeder im Publikum mitsingen.
Peter: Diese Mischung aus zwei so unterschiedlichen Sachen ist dann im besten Falle wirklich interessant.
Pedro: Dass wir das nicht gröhlen.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Bands und Fußballmannschaften.
Peter: Klar, Zusammenhalt.
Pedro: Unterrepräsentation der Frauen. Und das was du sagst.
Peter: Aber das was du sagst auch.

Das passt ganz gut, denn ich wollte mit euch über Frauenfiguren in euren Songs reden: Die Muse. Die Tänzerin.
Peter: Wer sagt denn, dass das automatisch Frauen sind?
Pedro: Die Muse könnte auch genauso gut ein Mann sein.
Peter: Man geht wohl erstmal von einer Frau aus. Wir sind eine Band aus Männern, die Liebeslieder singen.

Und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist die Muse eher eine Frau.
Pedro: Ich glaube, der kulturelle Raum, in dem wir uns befinden, ist leider noch ein heteronormer Raum und die Assoziationen finden dann auch passend zu diesem Raum statt. Aber ich finde es wichtig, wie Peter sagt, dass auch Leute, die sich mit diesem Raum nicht identifizieren in unseren Songs wiederfinden. Mir persönlich ist das ganz wichtig.
Peter: Wir haben über diesen Aspekt der Texte noch nie so geredet. Es wäre einfach uninteressant, wenn wir nur über Frauen singen würden.
Pedro: Kürzlich haben wir einen Song für einen gemeinsamen Freund aus Köln geschrieben: „Heut verlieb ich mich in einen Mann und das Muster der Tapete / An Knutschen hab ich kein Bedarf, lieber noch ‚ne Mütze Schlaf.“ Da verlassen wir dann auch explizit diese Mann-Frau-Beziehung.

Starrt ihr oft Wände an?
Pedro (zu Peter): Du vielleicht mehr als ich.
Peter: In letzter Zeit setze ich mich Abends in den Sessel und mache das Licht aus. Von draußen kommt immer noch ein bisschen Licht rein, aber es ist dann so schummerig und ruhig. Sonst sitze ich die ganze Zeit nur vorm Computer und das ist die ganze Zeit so hell und anstrengend.
Pedro: Ich mach das auf dem Bett liegend. Ich hab letztens João Gilberto gehört und hatte damit so einen tollen Moment. Licht aus, Musik an und dann ein bisschen nachdenken.

Alle Tourtermine der The Düsseldorf Düsterboys gibt es auf https://koralleblau.de/kuenstler/the-duesseldorf-duesterboys

“Nenn mich Musik” ist erschienen über staatsakt.

 

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