Mother of Hyperpop: SOPHIE “Oil of Every Pearl’s Un-Insides”
SOPHIE
“Oil of Every Pearl’s Un-Insides”
(Transgressive / Future Classic /M SMSMSM)
Hyperpop war eins der großen Schlagworte der 2010er. Und eines, das man nicht aussprechen kann, ohne im nächsten Satz PC Music zu erwähnen. Von 2013 bis 2023 kärcherte das britische Label unsere Gehörgänge frei und entfernte alle Rückstände dessen, was sich dort an Vorstellungen über Mainstream und Subkultur so abgelagert hatte. Das war nicht immer angenehm. Aber befreiend.
“Es scheint absurd, dass man jemanden wie Sophie einfach so anrufen kann.” So eröffnete ich 2018 meine Rezension im Musikexpress über “Oil of Every Pearl’s Un-Insides”. Schließlich kannte zu diesem Zeitpunkt noch kaum jemand ihre Identität, geschweige denn ihr Gesicht. So andersartig – glitchy, nervenaufreibend, unausweichlich – klangen vorangegangene Singles wie “BIPP” oder “LEMONADE” dass natürlich erstmal davon ausgegangen wurde, SOPHIE müsse ein Producer-Dude sein. Umso triumphaler dann ihr öffentliches Coming-Out als Transfrau mit dem Video “It’s Okay to Cry”.
Mit nacktem Oberkörper vor einem kitschigen Sonnenuntergang der langsam in einen Regenbogen und schließlich in einen Sternenhimmel übergeht schwebt SOPHIE darin buchstäblich über den Dingen, losgelöst von der Schwerkraft und allen Zuschreibungen. Künstlichkeit und Authentizität, Ironie und Ernsthaftigkeit – SOPHIE drehte diese Konzepte konsequent durch den Verzerrer. Dass sie und ihre PC-Music-Kolleg*innen wie A.G. Cook, Hannah Diamond und Danny L. Harle damit den Underground schnell auf ihrer Seite hatten, war zu erwarten. SOHPIE gelang aber etwas, das niemand vorhersehen konnte: Statt sich mit steigender Bekanntheit dem Mainstream anzupassen, schaffte sie es, dass sich der Mainstream ihrem Sound anpasste.
Heute finde ich es absurd, dass die Musikexpress-Redaktion damals eines der rar gesäten Interviews mit einer der wichtigsten Künstlerinnen der letzten 25 Jahre einfach der Volontärin überlassen hat – danke dafür an dieser Stelle nochmal! 2018 konnte man aber wohl auch noch nicht absehen, dass “Oil of Every Pearls’ Un-Insides” der Wegbereiter für einen völlig neuen Popsound sein würde, der 2024 in der popkulturellen Massenhysterie des Brat-Summers aufgehen würde. Und dass auf “brat” von Charli XCX mit “So I” leider ein musikalischer Nachruf auf ihre Mentorin und Inspiration SOPHIE sein würde.
2021 kam SOPHIE mit nur 34 Jahren bei einem Unfall unter mysteriösen Umständen ums Leben. Es widerstrebt mir, schon wieder eine queere Heldinnengeschichte als Tragödie zu erzählen – doch es ist eine. SOPHIE erhielt für “Oil of Every Pearls’ Un-Insides” eine Grammy-Nominierung – als erste Transfrau in der Geschichte des Awards. Rest in Power, SOPHIE – deine Legacy wird unüberhörbar weiterleben!







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