Prefab Sprout “I Trawl the Megahertz” schmeckt nach den batteriesauerbitteren, ätzenden, chemisch-elektrischen, milligrammschweren Kristallen des Metamphetamins MDMA

Prefab Sprout
“I Trawl the Megahertz”
(EMI)
Ich musste kürzlich feststellen, dass ich manche Platte mit geschmacklichen Erlebnissen verknüpfe. Warum? Mir bleibt es schleierhaft. Dieser hochkontingente, bizarr willkürliche, man möchte fast synästhetische Paartanz sagen, der findet regelmäßig, aber nicht dauernd Anwendung. „I Trawl the Megahertz“, eines der späteren Meisterwerke der Band Prefab Sprout – 2003 als erstes Solowerk des Prefab-Sprout-Masterminds Paddy McAloon erschienen und später unter dem Bandnamen re-releast – kommt nicht ohne eine solche gustatorische Verknotung aus: Die LP schmeckt nach den batteriesauerbitteren, ätzenden, chemisch-elektrischen, milligrammschweren Kristallen des Metamphetamins MDMA, vom überwiegenden Teil der User auf Partys schnell mit Getränken runtergespült, da sie den Geschmack nicht ertragen. Andere bringen die Smaragde gleich in einem Glas Gin & Tonic zur Auflösung. Muss eine solche Synästhesie nicht Ausdruck der Aversion gegenüber „I Trawl the Megahertz“ sein?
Das Gegenteil ist der Fall: Wie McAloon in den kleinen Hörstücken, die mal musikalischer, kompositorischer, dann wiederum als Textcollage zum Tableau montiert – mit im wahrsten Sinne nachdenkenden Worten, mit sanften Instrumentals – von Empfindungen, Gefühlen spricht, und zwar jenen, die vergangen sind, die nie wiederkommen, die also außerhalb der Erinnerung für immer verloren scheinen, untradiert bleiben, nur im Prozessualen der Call-In-Sendung (dazu gleich mehr) eine Wiederbelebung vor dem womöglich endgültigen Verschwinden erleben, das erinnert mich an das sehr verwandte „High-Chasing“, an den „Come-Down“, an die inhärente Melancholie der Emotions- und Empathiedroge MDMA: Nie wird es so sein wie damals / beim ersten Mal! Nie mehr wird es so sein wie gestern Nacht! Nie mehr werde ich glücklich sein! Alles futsch!
„I’m 49“, das rührende, siebte Stück der LP, wartet mit einem Sample aus einer dieser bereits kurz angetexteten Call-In-Sendungen auf. Das Format „Da ruft einer in einer Radio-/TV-Sendung an und spricht mit jemandem, der Empathie zum Expertentum gebracht hat“, hierzulande durch den WDR-Talker Domian popularisiert, erfreut sich bis heute im United Kingdom ungleich größerer Beliebtheit. In Prefab Sprouts Stück gesteht ein Mann mittleren Alters „I’m 49, divorced …“ – es ist der kürzeste Roman der Geschichte. Es stecken Unmengen an verpassten Chancen und Fehltritten, an ehemaligen Glücksgefühlen, Verliebtheiten und einem Ringen mit der neuen Einsamkeit in diesen drei bis vier Worten. Initiiert wird das Geständnis durch den Moderator der Sendung: „What’s wrong?“ Was ist eigentlich falsch
daran, 49 und geschieden zu sein?
2003, das Erscheinungsjahr des Albums, ist eine Zeit des Umbruchs, dessen Ausläufer uns bis heute – und zunehmend sogar – beschäftigen: Nach den Terrorangriffen des 11.9. (und der folgenden Angst vor weiteren Angriffen, die sich über das Jahrzehnt verteilt gleich an verschiedenen Stellen wie zum Beispiel Madrid oder London, aber auch Islamabad und Mosul in der Tat Tausende Leben fordern werden) erzeugt sich eine merkwürdige Form der Öffentlichkeit, die in den später sogenannten Sozialen Medien zur Vollendung gebracht werden wird. Die Subjektwerdung ist hier eng mit den öffentlichen Bekenntnissen verknüpft: Wer bist du? Woher kommst du? Was machst du? Wie ist dein Beziehungsstatus? etc. pp.
In dieser Totalöffentlichkeit, die im Wechselspiel mit der Intimität des ursprünglich privaten Geständnisses steht, werden für Sender wie Empfänger immer wieder Affekte produziert und Identität gestiftet. Denn in einer damals noch jungen medialen Darstellung zwischen Beichte und Therapie – klar, Jerry Springer, Oprah, hier Ilona Christen, Hans Meiser und Vera Int-Veen bestellen das Feld schon in den 90er Jahren; die ersten Aufnahmen zu „I Trawl the Megahertz“ entstehen ebenfalls bereits 1999 – wurde aus einem elastischen, mehrfach codierten, auf beste Weise unsicheren und durchlässigen sozialen Wesen ein sich mehr und mehr festschreibendes, verhärtendes Individuum in einer Sphäre, die gleichzeitig Errungenschaften des Pop und der Postmoderne verelenden lässt: Das echte Erlebnis, das Ereignis, besonders jenes, das nicht kommerzialisiert wird, verschwindet aus dem Alltag.
McAloon selbst droht ebenfalls mehrfach der Verlust: „I Trawl the Megahertz“ ist dabei nur ein früher Höhepunkt einer Leidensgeschichte, die auf McAloons Netzhautablösung fußt. Dem Prefab-Kopf beschert das Sehverlust, und er droht, sein Augenlicht für immer zu verlieren. Statt Sehen heißt es eine ganze Weile (Hin-)Hören. Und so schaltet er das Radio ein und über einen längeren Zeitraum nicht mehr aus: Diskussionsrunden, folksy Seelsorge und Kriegsnachrichten, vor allem jene aus Afghanistan, sind plötzlich akustischer Background seines Lebens. (Nur am Rande: Heute leidet McAloon am Menière-Syndrom, was ihn seit Jahren mit Tinnitus, Schwindel und Hörverlust belastet. Noch so ein Verlust.)
Daran will er uns teilhaben lassen: Das dargebotene Material kommt nicht nur als Sample, sondern auch als Textmaterial auf den Tisch. Der 22-minütige Titeltrack und Opener des Albums ist eine Collage aus etlichen Anekdoten, Geständnissen und Erinnerungen „aus einer anderen Zeit“, die McAloon über Wochen gesammelt und montiert hat. Was Hunderte Frauen und Männer den Radio-DJs anvertraut haben, wird hier zu einem stream of memory: Der vergängliche Moment im Hotel, der Flirt, ein falsches Wort … zusammengefrimmelt zu einem zwangsläufig unvollständigen, aber konsistenten „Spielfilm“ eines Lebens. Vorgetragen von einer charmanten, aber distanzierten Stimme, am Rande der Unterkühlung. Eine gewisse Nähe zu Chantal Akermans „Jeanne Dielman“ lässt sich nur schwerlich leugnen. Ein Rückblick, der dem Leben in Retrospekt Sinn verleihen soll – an dem Punkt, an dem so viel verloren scheint: Die Liebe, die Zeit, das Leben.
Dieses mitunter vorgetragene Sentiment in Grautönen wird von swirling Kompositionen in „Farbe gebracht“. Die Streicher- und Bläsersätze des „Mr McFall’s Chamber“-Kammerorchesters wirken wie inspiriert von ungewöhnlichem Material aus der Welt der Videospiel-Soundtracks, im Speziellen japanischen Rollenspielen, informiert von den Kompositionstechniken der MIDI-Technik. Dass McAloon die Stücke an einem ATARI schreibt, passt da natürlich ins Bild. Während die Aufnahme des Kammerorchesters nicht an Wärme missen lässt, erscheint das reine Notenmaterial auf eigene Weise „crisp“. Eine Wirkung, die auch heute noch ankommt: OberKAPUTie Thomas Venker ist davon überzeugt, dass Charli XCX sich als Fan des Albums geoutet hat – was durchaus Sinn ergibt, denn eine Nähe (oder vielleicht sogar ein Vorreitertum) zu den hohen Dynamiken und den maschinelleren Kompositionen des Hyperpops ist leicht auszumachen.
Den Atem des besagten OberKAPUTies meine ich nun beim Schreiben in meinem Nacken zu spüren: „Wo bleibt denn da die persönliche Note?“
Das Intro des Textes, das muss ich zugeben, verspricht wilde Geschichten von After-Hours, auf denen „I Trawl the Megahertz“ im Hintergrund lief; das unausgesprochene Versprechen lautet womöglich: Gleich wird man in eine Welt des Exzesses und des Rauschs geworfen, der geistigen Umnebelung und des Trips. Eine solche Geschichte habe ich nicht zu bieten. Prefab Sprouts Platte ist in mein Leben gekommen, als ich die nächtlichen Experimente längst hatte links liegen lassen. Es war nach einem Zusammenbruch, nach einer Krise, nachdem ich monatelang nicht schreiben, nicht arbeiten konnte. „What’s wrong?“ – „I’m 30, depressed …“
Wo vorher in der Tat die Nacht zum Tage und der Tag zur Nacht gemacht wurde, lag jetzt eine grau-in-grau gemalte Interieurszene, die sich fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden abspielte. (Ausnahme stellte hier das Treffen mit der Band Die Heiterkeit für kaput dar.) Gezwungen in eine Realität, die sich nicht mehr zwischen den Serotonin-, Dopamin- und Endorphinspitzen abspielte, blieb mir zumindest jene Szene erspart, die ich hier eben als kurzes Gedankenexperiment durchspielen möchte: Die After-Hour, die weitverbreitete Kulturtechnik, um das oftmals kalte „Anlegen im Heimathafen“ nach einer Partynacht erträglicher zu machen, wird in dieser Vorstellung zum Ort eines zutiefst ernüchternden Moments. Während „I Trawl the Megahertz“ ein Tor in eine Welt aufstößt, in der miteinander reden und von sich zu erzählen zu einem hohen Gut samt therapeutischem Wert wird, verpanzern sich in der Szene, die ich im Sinn habe, alle zusehends. Die Erkenntnis des MDMA-Erfinders Alexander Shulgin, dass es auch außerhalb der Therapie zu Momenten des „emotionalen Durchbruchs“ kommen könnte, läuft hier ins Leere. Stattdessen sehe ich das, was halt bei After-Hours allzu oft geschieht: nassforsche Dudes reißen den Laptop an sich, machen Songs des Misfits-Mitglieds Danzig an, holen irgendeine Paste aus irgendeiner Hosentasche, pulen dort die Reste zusammen und fordern – nein, zwingen – alle, sich dieser dann nasal zu widmen. After-Hours, so meine Erfahrung aus etlichen Besuchen, sind einfach kein Ort für präzise Detailbeobachtungen und opulente Kammerorchestrierungen.
So wird „I Trawl the Megahertz” zu einem Soundtrack einer ganz anderen Geschichte, in der ich auf die Platte stoße, weil der YouTube-Algorithmus mir gnädig ist, ich wieder erlerne, aus der Handlungsunfähigkeit zu entrinnen, für kaput schreibe, dann für Stadtrevue und taz, dann … der Rest ist Geschichte oder etwas für die locker formulierte Vita, aber nicht für hier. Amüsant: Totalöffentlichkeit und Geständnis, die können einen auch in einer Reihe zu „25 Platten aus einem Vierteljahrhundert“ heimsuchen. So, als hätte Paddy McAloon das alles bereits vorhergesagt – am Anfang dieser Zeit nach dem Ende der Geschichte.






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