Black Country, New Road – Interview

„Es gibt immer jemanden, der/die auf der Suche nach etwas „anderem“ ist“

Auf Black Country, New Road scheinen alle gewartet zu haben – zumindest diejenigen, die ein Herz für Rip, Rig and Panic, ganz frühe Talking Heads oder die Postrockband Slint haben, die von BC, NR sogar in ihrem „Hit“ „Science Fair“ namentlich erwähnt werden. Hit in Anführungszeichen, weil die Musik der sieben jungen Londoner Musiker:innen alles andere als hitverdächtig ist. Eher das Gegenteil davon: Die sechs Tracks ihres Debüts „For the First Time“ sind zwischen fünf und knapp zehn Minuten lang, irrlichternde Free-Jazz-No-Wave-Epen, dazu der scheinbar ungebremste Stream of Consciousness von Sänger/Sprecher und Gitarrist Isaac Wood.

Wer den halbstündigen Auftritt der Band in Jehnny Beth‘ arte-TV-Show „Echoes“ gesehen hat, weiß, dass auf der Bühne jedes Mitglied des Septetts im Fokus stehen kann: Lewis Evans am Saxophon, May Kershaw an den Keyboards, Schlagzeuger Charlie Wayne, Gitarrist Luke Mark, Bassist Tyler Hyde und Violinistin Georgia Ellery, die noch im Elektro-Duo Jockstrap und dem Happy Bagel Klezmer Orkester spielt. Auf dem Album dominiert jedoch der so besorgt wie getrieben wirkende Woods, ein irritierter, kapriziöser Früh-Twen, der mit vibrierender Stimme über sexuelle Fantasien, Frustrationen und Größenwahn tourettiert: „Leave Kanye out of this!“, fährt es in „Sunglasses“ aus ihm heraus, während der Track die erstaunlichsten Wendungen und Breaks vollführt. Im letzten Drittel des Stücks könnte man fast tanzen, doch die Percussion bringt eine:n mutwillig ins Stolpern.

Ja, kapriziös ist einiges an Black Country, New Road, zum Beispiel das Gerücht, dass sie per Wikipedia-Zufallssuche zu ihrem Bandnamen kamen, oder Woods‘ kokettes Bekenntnis, sie seien eine Popband, weil sie doch große Fans von Ariana Grande und Charli XCX sind. Aber wie könnte man eine Band nicht abfeiern, die folkloristisch anmutenden Klezmer in brachialen Noise übergehen lässt wie im instrumentalen Opener (genialer Titel: „Instrumental“) oder ihren gefühlvollsten Song „Track X“ zur orchestralen Ballade aufbaut. BC, NR dehnen die Ränder von Pop und Rock so weit, dass sie fast zerbersten – bis genug Platz für ihre abgefahrenen Ideen ist.

 

BCNR (Photo: Maxwell Grainger)

Christian Mohr: Euer Album wird bereits jetzt als eines der besten des Jahres 2021 angesehen – verunsichern euch solche Lobeshymnen oder seid ihr zufrieden?
Lewis Evans: Wir fühlen uns wirklich glücklich! Wir haben eine Menge harter Arbeit investiert, um dorthin zu kommen, wo wir jetzt sind, und wir sind sehr stolz auf die Platte. Es ist eine große Ehre, dass die Leute sie als eine der besten Platten des Jahres 2021 bezeichnen, aber es werden in diesem Jahr noch sehr gute Alben von einigen ganz besonderen Künstlern kommen.

Weil Tourneen im letzten Jahr nicht möglich waren, hat sich buchstäblich jede:r euren Auftritt bei Jehnny Beth‘ Show „Echoes“ angesehen – seid ihr mit eurem Auftritt zufrieden? War euch bewusst, dass dies die letzte Show für lange Zeit sein könnte?
Ja, ich erinnere mich, dass es ganz gut war, wenn auch rhythmisch ein bisschen fragwürdig, weil es ziemlich schwer war, das Schlagzeug zu hören. Ich habe es mir nicht noch einmal angehört, um ehrlich zu sein! Wir hatten schon den Verdacht, dass es einer unserer letzten Gigs für eine Weile sein könnte, aber wir hatten keine Ahnung, dass es so lange dauern würde!

Spielt ihr lieber live oder bevorzugt ihr die Arbeit im Studio?
Auf jeden Fall live spielen. Im Studio gibt es eine Menge Druck, perfekt zu sein, sei es, die richtigen Noten zu spielen oder die richtige Energie zu haben. Live zu spielen kommt viel natürlicher daher.

Wie geht ihr vor? Beginnt ein Track mit Jammen oder gibt es von vornherein ausgearbeitete Kompositionen?
Wir neigen dazu, grundlegende kompositorische Strukturen auszuarbeiten, die wir in die Gruppe einbringen. Dann vollenden wir alle den Track. Jede:r bringt seine individuellen Ideen mit ein.

Alles an Black Country, New Road scheint irgendwie „unpassend“ für eine Pop-Band zu sein – ihr seid sieben Leute, eure Songs laufen bis zu zehn Minuten ohne Hooks oder Singalong-Refrains… habt ihr eine Erklärung, warum die Zeit für euch offensichtlich reif war?
Es gibt immer jemanden, der/die auf der Suche nach etwas „anderem“ ist. Ich denke auch nicht, dass es allzu komisch wäre zu sagen, dass auch „durchschnittliche Hörer:innen“ unsere Musik mögen könnten. Es ist nicht super easy, sie zu hören, aber wenn man mit der richtigen Einstellung an die Musik herangeht, kann jede:r etwas damit anfangen.

Wie schwer oder leicht ist es, mit sieben Leuten auf demokratische Weise zu arbeiten – oder muss jemand die Leitfigur sein?
Es ist großartig. Wir stellen sicher, dass die Stimme von jeder und jedem gehört wird. Denn es wäre eine so große Verschwendung, wenn jemand nicht in der Lage wäre, etwas beizutragen. Ich bin in einer Band mit sechs unglaublichen Musiker:innen, die alle etwas wirklich Exzellentes zu sagen haben.

Kaput: Journalist:innen suchen immer nach Vergleichen wie in eurem Fall beispielsweise Talking Heads – was war der abwegigste Vergleich, den ihr über euch gelesen habt?

Viele Leute haben gesagt, dass wir wie The Fall klingen, was meiner Meinung nach wirklich falsch ist. Ich meine, wir sind Briten und wir haben Gitarren, aber das ist auch schon alles, was uns verbindet.

Was beeinflusst eure Musik?
Nun, wir haben viele verschiedene Einflüsse und das hilft uns, weniger vorhersehbare Musik zu machen. Georgia und ich haben viel von Jazz und Klezmer-Musik, Charlie, Isaac, Tyler und Luke lieben Rockmusik und May steht sehr auf elektronische Musik und ist außerdem eine klassische Konzertpianistin.

Wie sehen eure Pläne für 2021 aus – sofern Planen zurzeit überhaupt möglich ist? 

Lewis: Im Juni steht eine social-distanced-Tour in Großbritannien an, und dann eine komplette UK/EU-Tour gegen Ende des Jahres, auf die wir uns schon sehr freuen!

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