Art Brut „Bang Bang Rock & Roll“

Eddie Argos & Marc Wilde
Art Brut
„Bang Bang Rock & Roll“
Schon als kleiner Junge, schreibt Eddie Argos in seinem autobiografischen Buch „I Formed a Band“, habe er davon geträumt, in einer Band zu sein. Was sich über die Jahre des Sehnens und allmählichen Herantastens angestaut hat, entlädt sich 2004 in Art Bruts erster Single – ein Ausrufezeichen von drei Minuten Länge. „Formed a band, we formed a band / Look at us, we formed a band“! Mit diesem Statement, das auch den Beginn des Albums „Bang Bang Rock & Roll“ im darauffolgenden Jahr markiert, kleidet Eddie Argos Glück und Ekstase, wie auch sein Erstaunen darüber in Worte, dass der kindliche Traum endlich wahr geworden ist.
Irgendwo im Keller muss sie noch liegen, die All Areas Volume 64 – die einzige Promo-CD aus dem Stapel meiner zahlreichen Musikmagazin-Compilations, an die ich mich noch gut erinnern kann. Über den ersten Song, „Formed a Band“, bin ich damals nicht hinweggekommen. Repeat, repeat, repeat …
„Bang Bang Rock & Roll“ erscheint zu einer Zeit, in der gitarrenlastige Rockmusik nicht mehr nur von den verbliebenen Rolling Stone-Lesern mit Dauerabo, sondern auch von den Trendsettern jüngerer Alterskohorten gehört wird. 2005 schlagen die Debütalben von Bloc Party und Maxïmo Park ein, wenig später stürmen die Arctic Monkeys mit „I Bet You Look Good on the Dancefloor“ an die Spitze der UK Single Charts. Vom neu entfachten Rockband-Hype profitieren auch Art Brut, die sich jedoch von der inszenierten Coolness der Konkurrenz wohltuend absetzen und ihrem Publikum mit ungeschliffener Punkenergie und einem ironischen Augenzwinkern (ja!) begegnen.
Von der maßgeblich durch Bands wie The Strokes vorangetriebenen Wiederbelebung des Rock‘n‘Roll grenzen sich die jungen Briten ebenso ab (“I can‘t stand the sound of the Velvet Underground / The second time around” heißt es bei Art Brut im Titeltrack), wie von dem knitterfreien New Wave-Sound Franz Ferdinands. Der Name „Art Brut“ – also Kunst, die am Rande der Gesellschaft entsteht und in den teuren Galerien der Großstadt nicht zu sehen ist – bringt das Selbstverständnis der Band auf den Punkt: „that we didn’t go to art school, that we embodied the very definition of outsider art. We were punks.“ (Eddie Argos: „I Formed a Band“, 2015).
Diesen Gestus atmet „Bang Bang Rock & Roll“ auf ganzer Strecke (12 Tracks unter 35 Minuten): vom ersten Gitarrenriff, das zögerlich angeschrammelt kommt, bevor der Opener mit den oben zitierten Zeilen losprescht, bis zum finalen Inferno namens „18,000 Lira“, das mit den Worten „sounds like a lot of money“ abrupt endet. Zusammen mit „Stand down“ bildet das Stück eine inhaltlich Klammer. Beide Songs handeln von den Umtrieben einer italienischen Terrorgruppe, und auch „Rusted Guns of Milan“ enthält eine entsprechende Anspielung. Ursprünglich sei laut Argos die Idee gewesen, ein Konzeptalbum über die Bande und ihren Kopf Enrico Gatti zu machen, wobei Luke Haines Album „Baader Meinhof“ (1996) Pate gestanden haben soll.
Das Projekt wurde von Art Brut aber ebenso auf Eis gelegt, wie die meisten Überfallpläne der so genannten Gatti-Gang. Einen kleinen Erfolg konnte die unterperformende Zelle der Roten Brigaden aus Mailand zwar mit einem „Coup“ verbuchen, bei dem 18.000 Lire (rund 9 Euro) erbeutet wurden; aber ohne Führerschein und nur mit „rostigen Pistolen“ bewaffnet, stellte sich die Truppe insgesamt so stümperhaft an, dass ihr Anführer schließlich entnervt die Auflösung bekannt gab. (Die Story klingt natürlich zu schön um wahr zu sein, und wer etwas recherchiert, stellt fest, dass es wohl weder eine Gatti-Gang, noch einen Terroristen namens Enrico Gatti gegeben hat, wohl aber den Autoren Stephen Pile, aus dessen Buch „The Ultimate Book of Heroic Failures“ – eine humoristische Ansammlung unglaublicher Geschichten und Anekdoten – sich Argos für seine Texte bedient hat.)
Eine weitere Figur, die auf dem Album besungen wird, ist Emily Kane. Mit der gleichnamigen Single schrammen Art Brut zwar knapp an den Top 40 vorbei, aber die Lyrics über die unvergessene Jugendliebe, die ersten schüchterne Versuche eines Kusses, brennen sich bei den Fans ein und werden auf jedem Art Brut-Konzert lauthals mitgesungen: „Other girls went and other girls came / I can’t get over my old flame / I‘m still in love with Emily Kane”. So einfach, so schön können Texte sein. Und sie werden wahr in der Erinnerung der vielen, die sie hören.
Mindestens ebenso wahr: Das Album strotzt vor guten Songs! „My Little Brother“, „Modern Art“, „Moving to L.A.“ sind – neben der Single und dem Opener – zeitlose Perlen des Punk- und Garage-Rock, die auch nach zwanzig Jahren nichts von ihrem Glanz verloren haben. Aus dem rohen Sound mit einfachen Akkorden blitzen immer wieder Gitarrenmelodien auf, die spielerisch und catchy sind. Dazu werden von Eddie Argos Alltagsgeschichten im schönsten britischem Akzent „gesungen“, besser gesagt: auf beiläufige Art erzählt. Dass man sich an seinen eigentümlichen Sprechgesang besser direkt gewöhnen sollte, stellt der Sänger gleich zu Anfang klar: „And yes, this is my singing voice / It’s not irony”.
Argos beherrscht unzweifelhaft die Kunst, auf nicht-peinliche Art Nahbarkeit herzustellen und textet über Situationen, in die sich jede*r leicht hineinversetzen kann. Zudem verstecken sich in seinen einfachen Versen an jeder Ecke Bilder, die sofort etwas auslösen und haften bleiben: Pistolen, die bei der Gatti-Gang kein Feuer abgeben, dienen in “Rusted Guns of Milan“ als Metapher für Erektionsstörungen. (Um nichts anderes by the way geht es in dem Song.) „Moving to L.A.“ lässt gleich einen ganzen Film ablaufen: Im Angesicht des englischen Wetters sehnt sich der Sänger nach der kalifornischen Sonne, fantasiert sich auf den Sunset Strip, wo er mit nacktem Oberkörper auf einer Harley Davidson sitzt, bis er schließlich den Tag mit einem Sundowner ausklingen lässt. “I am drinking Hennessy / With Morrissey / On a beach, out of reach, so much very far away“. Lässt sich Fernweh schöner in Worte fassen? Okay, zugegeben: Hier nagt ein wenig der Zahn der Zeit; mit Morrissey möchten inzwischen wohl nur noch die wenigsten auf einen Drink abhängen. Vielleicht hören wir ja bald von Art Brut auf einem ihrer weiteren Nostalgie-Konzerte Varianten des Textes? (Achtung! Für März 2026 ist eine Europa-Tour als Special Guest von Maxïmo Park angekündigt.)
Fazit: „Bang Bang Rock & Roll“ ist ein Album, das einfach nicht schlecht wird – no matter how many times around! Bleibt die Frage nach dem Titel: Wieso die Rock‘n‘Roll-Referenz? Ist das ironisch gemeint? Wollten Art Brut nicht mit genau diesem Genre nichts mehr zu tun haben? Heißt es in „I Formed a Band“ nicht: „It’s not Rock & Roll, we are just talking to the kids”? Dazu drei Punkte: Erstens behauptet Argos, dass es in seinen Texten nicht eine Stelle gäbe, die ironisch gemeint sei – obwohl ihm das von außen permanent unterstellt werde. Zweitens schreibt er im eingangs erwähnten Buch, der Titel gehe auf eine Zeile in Jonathan Richmans Song „Cappuccino Bar“ zurück; und „Bang Bang“ habe für ihn so geklungen, als würde man auf den Rock’n’Roll schießen. Drittens sollte man nicht alles, was er schreibt oder sagt, für bare Münze nehmen. Eddie Argos ist ein Trickster, der zu unterhalten weiß. Und ein Punk.





