POP-KULTUR FESTIVAL 2025 MIT APSILON, DIE NERVEN, ELI PREISS, ÄTNA, DIE HEITERKEIT…

In diesem Jahr wird das Berliner Pop-Kultur Festival schon zum elften Mal stattfinden, vom 25. bis zum 30. August. Das breitgefächerten Line-Up begeistert bereits im Voraus: Deutschrap, Indie-Folk, afrikanische Musik; alles dabei. Immer wieder entpuppt sich das Festival als eines der originellsten, diversesten, lebhaftesten in ganz Deutschland. Ich selbst werde dieses Jahr zum dritten Mal von Köln nach Berlin reisen, um den überragenden Veranstaltungsort – die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg – zu besuchen und dort nicht nur großartigen Musikacts, sondern auch einem aufgeschlossenen Publikum zu begegnen. Auch die wundervollen Workshops, Talks and Commisioned Works sollten natürlich nicht vergessen werden. Im folgenden Artikel habe ich eine Liste der Acts/Talks zusammengestellt, auf die ich mich am meisten freue, die man keineswegs verpassen sollte. (Kurze Infotexte und Links zu Musikvideos hab ich beigefügt.)
Wir hören uns dann wieder, wenn ich von dem Festival zurück bin – dann bekommt ihr natürlich auch einen Nachbericht nachgeliefert!
Güner Künier (Mittwoch, 19:20 Uhr, Betonhalle)
Treibende Synth-Bässe, verzerrte Shout-Vocals, kaputte Noise-Gitarren à la Sonic Youth ergeben im Kontext der türkischen Künstlerin Güner Künier eine hypnotisierende Coolness, die sowohl an den radikalen Electropunk der NYC-Legenden Suicide als auch an aktuelle Acts wie Special Interest oder Kaput-Liebling Chris Imler erinnert. Auf ihrem zweiten Album „Yaramaz“ – das türkische Wort für Nichtsnutz oder Frechdachs – wird ihr Talent für geradlinige, im bestmöglichen Sinne (!) stumpfe Punk-Instrumentals, über die sie dann mit Swag und Energie singt/spricht, deutlich; könnte auch etwas für Fans von Sleaford Mods sein, hat aber eine frischere, weibliche Perspektive. Sollte man auf keinen Fall verpassen!
ÄTNA & ensemble reflektor (Mittwoch, 21:40 Uhr, Betonhalle)
ÄTNA haben viele von uns ja schon sehr lange auf dem Schirm, und das aus einem völlig berechtigten Grund: Man sagt sowas ja schonmal schnell, doch die Musik des deutschen Duos (bestehend aus Sängerin/Multiinstrumentalistin Inéz Schaefer und Schlagzeuger Demian Kappenstein) ist wirklich einmalig. Hier kommt einiges zusammen, so spürt man ganz klare Einflüsse aus elektronischer Tanzmusik – auch im Live-Kontext entsteht bei ÄTNA ein Club-ähnliches Gefühl des Zusammenseins –, doch auch Jazz und avantgardistische Ansätze und vor allem eingängigen, großen, ambitionierten POP hört man in ihren Songs heraus. Auf der Bühne ist das Ganze noch besser als auf Platte, denn hier kommen außerdem Aspekte der Performance-Kunst hinzu. Auf dem diesjährigen Pop-Kultur Festival werden ÄTNA von dem renommierten Kammerorchester ensemble reflektor begleitet. Ein wahres Highlight!
Eli Preiss (Freitag, 21:30 Uhr, Kesselhaus)
Die junge Österreicherin Eli Preiss wirft gefühlvollen R&B, selbstbewussten Hip-Hop und elektronische Tanzmusik in einen Topf und formt daraus einen Sound, der vor allem eins ist: modern. Für ihren Auftritt im Berliner Kesselhaus bedeutet das eine stilvolle, genreübergreifende Performance mit Haltung. Mit ebenso viel Eleganz wie Swag manövriert die Wienerin ihre besondere Stimme über farbenfrohe, oft blubbernde Produktionen. Ihre Songs sind clever gebaut, gesanglich stark – ohne dabei in reines Angeben zu verfallen.
Stattdessen zeigt Eli Preiss, die auch als feministische Stimme in der österreichischen Szene gilt, dass Stil und Substanz sich nicht ausschließen müssen. Und obwohl diese Musik durchdacht ist, wird bei ihren Konzerten nicht bloß gestaunt – da wird getanzt. Und wie.
(Diesen Text schrieb der Autor ursprünglich für das Programmheft des Festivals.)
Apsilon (Freitag, 22:50 Uhr, Kesselhaus)
Apsilon gehört zu den gehaltvollsten und tiefgründigsten Stimmen im deutschsprachigen Hip-Hop. Er verpackt seine melancholisch getönten Texte in energiegeladene Performances, die unter die Haut gehen. Seine Songs, oft von düsterer Atmosphäre durchzogen – etwa die Erfolgssingle »Grau« – zeichnen das Leben eines Sohns türkischer Gastarbeitender in Berlin nach. Doch trotz der Schwere bleiben seine Tracks zugänglich und eindringlich.
Apsilons Musik lebt vom Spannungsfeld zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Beobachtung. Sein Stil verbindet Trap-Elemente mit politischem Anspruch – reflektiert, aber nie belehrend. Mit »Haut wie Pelz« (2024) hat er ein Album vorgelegt, das als eines der stärksten der letzten Jahre gilt. Apsilon trifft nicht nur den Nerv der Zeit – er formt ihn auch mit.
(Diesen Text schrieb der Autor ursprünglich für das Programmheft des Festivals.)
Die Heiterkeit (Freitag, 21:00 Uhr, Frannz Club)
Schon seit einer gefühlten Ewigkeit wird mir gesagt, ich müsse mich mal mit Stella Sommer und ihrem Musikprojekt Die Heiterkeit beschäftigen; zu meiner Schande muss ich nämlich gestehen, das ich dazu bisher nie wirklich gekommen bin. Letztens war es soweit: Nicht nur, weil Die Heiterkeit auf dem diesjährigen Pop-Kultur Festival auftreten wird, sondern weil sie auch eng mit der Geschichte des Festivals verbunden ist, bin ich tief in ihre Neuveröffentlichung „Alles, was ich je geträumt hab“ eingetaucht. Als Fan von legendären Folk-Musikerinnen wie Joni Mitchell, aber auch Joanna Newsom war ich sofort davon angetan, ihre Stimme ist ultrabesonders und weich und doch aneckend, dazu dann überragende Texte. Mit einer wirklich tollen Songwriterin haben wir es hier zu tun. „Alles was ich je geträumt hab, wunder wahr ein hundertfach“. Eben dieses Gefühl von Magie wird in ihrer Musikdeutlich – von niemandem lassen wir uns lieber verzaubern. Die Vorfreude ist groß!
»Metal Matters« – Zugänge zu einer widerständigen Musikkultur (Freitag, 19:30 Uhr, Museum in der Kulturbrauerei)
Wer letztens meinen Text zum Album „Lulu“ von Lou Reed & Metallica gelesen hat, weiß, dass ich alles andere als ein Fan von Metal bin. Vor allem früher konnte ich leider wenig damit anfangen, fand die Musik oft etwas zu poliert in ihrer Härte, die Ästhetik für meinen Geschmack immer zu teuflisch. Trotzdem beschäftige ich mich extrem gerne mit dieser Subkultur – auch, wenn ich mir fast nie Metal anhören – und bewundere ihren Purismus, ihre klare Vorstellung von dem, was ihr Genre zu sein hat. Im Rahmen der Ausstellung »Heavy Metal in der DDR« im Museum in der Kulturbrauerei werden Sam Zamrik und Serkan Deniz ein Gespräch darüber führen, wie prägend Metal sein kann, sowohl im politischen als auch im persönlichen Kontext. Im Infotext auf der Pop-Kultur-Website heißt es: „Ausgehend von persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Kontexten reflektieren sie ihre Perspektiven auf Metal als musikalische Ausdrucksform und als soziales Gefüge.“
Los Bitchos (Samstag, 21:40 Uhr, Kesselhaus)
Erstmal: Super Bandname – catchy, funny und könnte erstmal jedes Genre sein. Am ehesten hätte ich Punkrock vermutet, was sich dann aber nur als halb wahr rausstellte. Vielmehr machen die in London ansässigen Los Bitchos eine Mischung aus lateinamerikanischer Cumbia-Musik und von Reverb durchflossenem Garage-Rock, zwischen 60s-Psychedelia und Nullerjahre-Retrovibes, wobei eine gewisse Punk-Attitüde sehr wohl spürbar ist. Komplett instrumental sind ihre Songs meistens – wenn überhaupt taucht mal ein euphorisches ›HEY!‹ auf – und lassen sich im Kern vor allem als Tanzmusik beschreiben. Mit ihrer verspielten, unbeschwerten Art zieht dich die All-Female-Band in einen verführerischen Sog, in dem man ewig bleiben könnte. Hier und da gibt’s auch mal Disco- oder Funk-Einflüsse, viel zu selten hört man diese Form von Gitarrenmusik, die vor allem ein Ziel hat: Sie soll Spaß machen. Alles darüber hinaus ist überflüssig. Mit halligen E-Gitarren und hüpfenden Drumbeats das Leben genießen. Los Bitchos, bin Fan!
(Diesen Text schrieb der Autor ursprünglich für die Stadtrevue.)
https://www.youtube.com/?source_ve_path=MTc4MDUz
Die Nerven (Samstag, 23:00 Uhr, Kesselhaus)
Manchmal führen Superlative in die Irre – bei Die Nerven sind sie jedoch angebracht. Die gefeierte Noise-/Indie-Band aus Stuttgart gehört zum Besten, was deutschsprachige Gitarrenmusik derzeit zu bieten hat. Mit dröhnenden, brachialen Songs pusten sie das Publikum weg – und das nicht zum Selbstzweck. Ihre Texte greifen die großen Themen der Gegenwart auf: Krieg, Angst, der Wunsch nach Veränderung. Doch statt bloßer Wut liefern sie Haltung, Perspektive und die passende musikalische Dringlichkeit. Live kann das zur körperlichen Erfahrung werden – nicht zuletzt dank der unübersehbaren Power von Drummer Kevin Kuhn, der den Gitarrenwänden à la Sonic Youth eine Wucht entgegensetzt, die alles mit sich reißt.
(Diesen Text schrieb der Autor ursprünglich für das Programmheft des Festivals.)
Neromun (Samstag, 21:20 Uhr, Alte Kantine)
Einigen mag Neromun noch als Negroman oder Teil des Duos Luk&Fil bekannt sein. Doch der Deutschrapper hat längst eine eigene Stimme gefunden. Kaum jemand versteht es so treffend wie er, die eigene Realität lyrisch zu verarbeiten – tiefgründig, aber nie verkopft. Über wehmütige Hip-Hop-Beats teilt Neromun Gedanken und Gefühle, ohne ins Sentimentale abzurutschen.
Literarische Einflüsse wie Else Lasker-Schüler, Samuel Beckett und Maryse Condé fließen subtil ein, ohne belehrend zu wirken. Zwischen Rap und Gesang bewegt er sich mühelos, musikalisch geprägt von J Dilla und Frank Ocean – Künstlern, die wie er ihre Verletzlichkeit offenlegen. Auch Neromuns Musik lebt von dieser Offenheit: rau, ehrlich, emotional komplex – und gerade dadurch besonders nahbar.
(Diesen Text schrieb der Autor ursprünglich für das Programmheft des Festivals.)





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