Danielle de Picciotto & friends in conversation – Katja Lucker

Katja Lucker: “Das Verständnis von künstlerischer Arbeit ist leider bei vielen Teilen der Gesellschaft nicht so ausgeprägt”

Katja Lucker (Photo: Frank Turetzek)

Das interessante an der momentanen, weltweiten Ausnahmezeit, ist der Perspektivenwechsel, den wir alle vornehmen müssen. Es gibt kaum einen Bereich in dem wir uns so selbstverständlich verhalten können wie vor der Pandemie. Alles wird in Frage gestellt, sei es Überlebenschancen im Beruf, Partnerschaften, Politiker:innen, Reisen oder der nächste Urlaub. Umarmen ist gefährlich, Konzerte sind unmöglich, Spaziergänge die höchste Form des Vergnügens.

Perspektivenwechsel bedeutet aber auch Flexibilität und neue Blickwinkel. Wir haben plötzlich Zeit über unsere Umwelt nachzudenken und wie gut es ihr tut, dass es kaum Flüge gibt. Die Nachbarn werden freundlicher und neue Spazierwege führen uns in Gegenden, die wir nicht kannten. Wir fragen uns immer wieder, wie es nach der Pandemie werden wird? Werden wir uns uns verändert haben?. Ich persönlich hoffe ja.
Wenn man zum Beispiel die Zeitungen ließt sind die Kulturteile sehr dünn geworden, es gibt aber Berichte über Krankenschwestern, Ärzte und überarbeitete Therapeuten. In diesen Nachrichten geht es nicht um Eitelkeit oder Ruhm, sondern um bodenständige Berufe, die schon immer extrem wichtig waren, aber als selbstverständlich hingenommen wurden. Ich finde es gut, dass sie mal Aufmerksamkeit bekommen.

Ich als Musikerin finde die Ausnahmezeit nicht einfach. Ich kann keine Konzerte gebenund verdiene sehr wenig Geld. Trotzdem ist dieser Ausnahmezustand eine Chance Sachen wahrzunehmen, für die ich mir sonst keine Zeit nehme. Ich lese mehr. Ich denke mehr nach. Mein Perspektivenwechsel ist unteranderem auch, dass ich momentan große Lust habe mit Frauen zu sprechen die Künstler:innen vertreten oder unterstützen. Ihre Arbeit steht endlich mal im Scheinwerferlicht anstatt – wie üblicherweise – nur die Künstler::innen.
In Berlin haben wir das Glück, dass sehr viele daran arbeiten, die Kultur und den Underground zu stützen.  Katja Lucker ist eine von ihnen und ich freue mich sehr, sie den Kaput-Leser:innen vorstellen zu dürfen.

Katja hat in den letzten Dekaden unglaubliches auf die Beine gestellt und arbeitet gerade mit ihren Kolleginnen unermüdlich daran, die Berliner Musikwelt am Leben zu halten. Wenn man sich international umschaut, kann man diese Arbeit nicht genug wertschätzen, denn es gibt Länder, in denen Künstler völlig alleine gelassen werden. Ich hoffe sehr, dass wir, auch nach der Pandemie, weiterhin die Berufe, bei denen es sich um „Andere kümmern“ geht, feiern und wertschätzen. Das wäre ein schöner Perspektivenwechsel.

Katja Lucker (Photo: Johanna Ruebel)

Danielle de Picciotto: Wir leben gerade in einer Ausnahmezeit mit der Pandemie. Wie beeinflusst dies deine Arbeit?
Katja Lucker: Wir bewegen uns ja alle gemeinsam seit einem Jahr im Ausnahmezustand. Für das Musicboard heißt das noch mehr Arbeit, Musiker::innen unterstützen wo wir können, letztes Jahr haben wir 95 Stipendien vergeben, Inlandsresidenzen statt Auslandsresidenzen aufgebaut, den Tag der Clubkultur mit finanziert und unterstützt… die Liste wäre jetzt sehr lang.
Ich war im Dezember 2020 komplett ausgepowert , habe versucht über die Feiertage Kraft zu schöpfen und im Januar ging es im Grunde genauso weiter.

Ich habe das Gefühl, dass die Pandemie die Bedeutung von Kultur besonders hervor hebt, denn all merken wie das Leben immer grauer wird ohne sie.
Siehst du Entwicklungen, die wegen der Pandemie entstanden sind, die auch danach weitergehen werden? Im Positiven wie auch im Negativen?
Das Brennglas auf die Kultur, von dem alle sprechen, zeigt alle Defizite, wenn es zum Beispiel um die Vorsorge von Künstler:innen geht. Schlimm finde ich, wenn politische Kräfte selbstverständlich davon ausgehen, dass Künstler:innen Grundsicherung beantragen sollen. Dabei arbeiten Musiker:innen, Schrifsteller:innen und Bildende Künstler:innen natürlich immer, auch wenn sie gerade nicht auf einer Bühne stehen, eine Lesung geben oder ausstellen. Das Verständnis von künstlerischer Arbeit ist leider bei vielen Teilen der Gesellschaft nicht so ausgeprägt. Vielleicht hat sich das jetzt geändert. Vielleicht muss auch noch mehr vermittelt werden – und vielleicht muss es auch um den Wert der Kultur an sich gehen.
Die prekären Verhältnisse sind vorhanden und Deutschland als Kulturnation sollte sich um die Kultur und die Künstler:innen gut kümmern, sonst wird es sehr arm in diesem Land.
In Zukunft sollten alle sehr genau überlegen, ob man wirklich ins Flugzeug steigen muss, eventuell reicht die Bahn und ganz eventuell kann man Menschen aus dem Ausland für Talks zum Beispiel auch digtal dazuschalten.

Neujahrsempfang Musicboard 2018, silent green Kulturquartier (Photo: Roland Owsnitzki)

Du hast in den letzten Dekaden mit deiner Kulturarbeit unglaubliches geleistet. Zum Beispiel mit dem Kesselhaus in der Kulturbrauerei, dem Karneval der Kulturen und als Projektleiterin Kreativwirtschaft für die RUHR.2010. Ab 2013 hast Du das Musicboard aufgebaut, das Pop- Kultur Festival und dann die Fête de la Musique in Berlin ausgerichtet.
Das ist sehr viel, harte Arbeit. Was ist deine hauptsächliche Motivation? Was stößt dich immer wieder an und inspiriert dich? Was hat dich dazu motiviert Kulturmanagerin zu werden?
Naja, Kultur ist halt mein Leben, eigentlich schon immer gewesen, 1989 bin ich aus der Provinz nach Berlin gekommen, mein Sehnsuchtsort, und los ging es mit der Kulturarbeit, äußerst prekär natürlich, aber dafür wild und schön…
Ich habe ja auch erstmal viel Theater und Performance gemacht, Schauspiel studiert, schon immer extrem viel gelesen, mein Bruder ist bildender Künstler. Unser Vater war Kapitän auf großer Fahrt und Schiffseigner, wir waren viel unterwegs und haben viel gesehen und erlebt in der Welt, ich weiß nicht ob ich jetzt so einen „normalen“ Weg im Berufsleben hätte einschlagen können überhaupt. Für die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr.2010 war ich auch viel international tätig und habe zum Beispiel ein Projekt in Shanghai realisiert, wo ich dann auch längere Zeit war.
Ich weiß gar nicht, ob man das alles, was ich so gemacht habe im Leben als Kulturmanagement bezeichnen sollte, würde, könnte… Ich arbeite in der Kultur irgendwie schon immer, ich habe aber nie Kulturmanagement studiert. Wer weiß, vielleicht hätte ich dann etwas anderes gemacht. Mein Weg ist also eher unorthodox und folgt keinem Karrieremuster.

Ich habe in den letzten 30 Jahren gemerkt, dass man als Musikerin immer genau spürt, was dem jeweiligen Kultursenat wichtig ist. Viele Musiker:innen & Künstler:innen fühlen sich durch dich und Klaus Lederer verstanden und gut vertreten, vor allem jetzt in der Pandemie.
Was sind für dich die wichtigsten Eckpunkte eines guten lokalen Kultursenats?
Oha, das ist jetzt aber eine echt knifflige Frage, ich beantworte sie mal so:
Wir haben aktuell in Berlin einen sehr empathischen und zuhörenden Kultursenator mit Klaus Lederer, das macht natürlich richtig Spaß mit ihm. Er ist immer bereit sich Ideen anzuhören, er versteht genauso viel von Clubkultur wie vom Operngeschäft und er hat in der Pandemie sehr schnell sehr fest zugepackt und versucht alles möglich zu machen, um Schlimmeres in der Krise zu verhindern. Das muss man sehr respektieren, er ist tatsächlich ein unermüdlicher Arbeiter in der Sache, das ist überhaupt nicht selbstverständlich!

Neujahrsempfang Musicboard 2018 (Photo: Roland Owsnitzki)

Katja, was waren deine schönsten Momenten in den letzten zehn Jahren innerhalb deiner Kulturarbeit?
Och, da möchte ich nichts hervorheben. Es fällt mir in Anbetracht der desaströsen aktuellen Lage in der Covid Zeit auch schwer darüber nachzudenken… Ich freue mich auf das, was noch kommt, wenn die Kultur wieder aufmacht.

Ich höre oft von Musiker:innen und Künstler:innen, die große Angst haben, sich für ein Stipendium oder einer Residency zu bewerben. Sie denken sie bekommen es eh nicht.
Gibt es einen Ratschlag den du dazu geben kannst?
Ja, na klar: Unbedingt bewerben! Unbedingt auf die Musik konzentrieren, die man einreicht, danach wird in allererster Linie entschieden – und dann schaut sich die Jury den Rest an. Die Jury hört sich wirklich alles an, es ist der reine Wahnsinn, wir haben gerade zur Frist am 1. März knapp 600 Einreichungen bekommen! Ich stecke auch aktuell darin, mir alles anzuhören…wir können nicht alle fördern, wir haben leider nicht genug Geld dafür, aber wir nehmen wirklich jede Einreichung ernst und die Jury gibt wirklich alles; das sind anstrengende Prozesse, es wird viel diskutiert, aber die Ergebnisse sind immer toll finde ich!

Gibt es deiner Meinung nach genügend Kulturmanager oder denkst du, dass in dem Bereich noch mehr passieren könnte?
Das ist tatsächlich eine Frage, die ich mir noch nie gestellt habe, aber siehe oben, vielleicht kann ich mit dem Begriff nicht soviel anfangen. Ich kann keinen Mangel erkennen, allerdings natürlich in der Diversität:Es gibt immer noch zu wenige Person of Color und queere Menschen in all diesen Positionen, das muss sich wirklich ändern, das bildet nicht unsere Gesellschaft ab!

Katja Lucker (Photo: Roland Owsnitzki)

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