Marie Davidson & L'Œil Nu – Interview

“Es ist mein Kommentar zum Kapitalismus, dem ganzen ausbeuterischen System, in dem das Individuum keine Rolle spielt”

Marie Davidson & L’Œil Nu (Photo: Madison Dinelle)

“Renegade Breakdown” markiert einen Richtungswechsel mit Ansage: Schon im vergangenen Jahr, kurz nach ihrem 32. Geburtstag und einem gefeierten Set im Berghain kündigte Marie Davidson ihren Rückzug aus der Clubmusik an. Eine sehr persönliche Entscheidung aus gesundheitlichen Gründen – nicht etwa aus Bitterkeit oder Enttäuschung mit der Technoszene, wie Marie betont. Ihr charakteristischer Arbeitsethos (siehe auch ihr letztes Album „Working Class Woman“ von 2018) wurde der frankokanadischen Musikerin und Producerin beinah zum Verhängnis, Workaholism ging Hand in Hand mit anderen Abhängigkeiten, sie musste die Reißleine ziehen.

Nicht mehr als DJ in Clubs oder auf Festivals zu spielen, heißt bei Davidson jedoch nicht Verzicht auf Musik, sondern Neuorientierung. Schon früher setzte sie ihre Stimme in den Dancetracks ein, auf „Renegade Breakdown“ stehen die Vocals im Zentrum. Mit ihrem Ehemann Pierre Guerineau und dem gemeinsamen Freund Asaël R. Robitaille – zusammen Marie Davidson & L’Œil Nu („das nackte Auge“) – ist ein Album entstanden, das sich stilistisch stark von Davidsons Clubtracks unterscheidet: Chanson im Geiste der französischen Künstler:innen Mylène Farmer und Christophe einerseits, aber auch Jazz, Soft- und Hardrock (!) und elektronische Vintage-Sounds sind zu hören; Maries Stimme klingt so souverän, voll und warm, als hätte sie nie etwas anderes getan als Chansons zu singen. Die Songs handeln von Einsamkeit und Depressionen beim Unterwegssein, oder thematisieren wie der Titeltrack die Verlogenheit des Kapitalismus. Ein großartiges Album, so überraschend wie überzeugend.

Christina Mohr telefonierte für Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop mit Marie und Pierre in Montreal

Wie geht es euch zurzeit?
Marie & Pierre: Wir sind viel zuhause – eigentlich wollten wir jetzt mit dem Album touren, das haben wir auf nächstes Jahr verschoben. Wir vermissen es, live zu spielen! Aber wir wollen uns nicht beklagen, es geht uns ja gut. Es hat sich nur alles sehr verlangsamt.

Marie, was hat den musikalischen Richtungswechsel ausgelöst, den du/ihr mit „Renegade Breakdown“ vollzogen habt?
Marie: Ich wollte Songs schreiben, in denen ich Geschichten erzählen kann – also nicht nur Spoken-Word-Vocals über einen Dancetrack legen, sondern ausgefeilte, strukturierte Kompositionen. Dieses Projekt ist ein lang gehegtes persönliches Ziel von mir.

Wie ist es, als Paar zusammenzuarbeiten?
Pierre: Das ist ja nicht neu für uns. Wir arbeiten schon seit gut zehn Jahren als Essaie Pas zusammen und wissen, dass das gut funktioniert. Wir streiten nie und genießen die enge Kommunikation. Das macht jegliche Abstimmung sehr leicht.
Marie: Jetzt als Trio mit Asaël R. Robitaille habe ich meine eigene Supergroup zusammengestellt, haha! Davon habe ich schon lange geträumt: mit den Musikern zusammenzuarbeiten, denen ich komplett vertrauen kann!

Fühlst du dich in einer Band wohler als alleine?
Marie: Also ich brauche niemand, hinter dem ich mich verstecken kann – es macht einfach mehr Spaß, als Team zu arbeiten. Wir sind drei unterschiedliche Leute, aber eine Einheit.

Wie sind die Songs entstanden?
Marie: Die Arbeitsweise hat sich verändert, zum Beispiel habe ich für dieses Album zuerst die Lyrics geschrieben, Asaël und Pierre haben dann die Musik drumherum komponiert. Das ist ein sehr persönlicher, fluider Prozess. Es ist neu für mich, dass die Musik auf den Vocals, den Texten basiert, die ich mit mit Herz und Seele geschrieben habe. Ich habe den Jungs total vertraut, wenn sie im Studio waren – ihr Anteil an der Musik ist größer als meiner. Pierre und Asaël haben die Tracks aufgenommen, ich habe sie angehört und meine Meinung dazu abgegeben. Von mir sind hauptsächlich die Texte und natürlich der Gesang.

Eröffnet der Wechsel zu mehr songorientierter Musik größere kreative Möglichkeiten?
Marie: Nein, das trifft bei mir nicht zu. Auch meine Arbeit an Dancetracks, allein im Studio ist immer ein sehr kreativer Prozess. Ich möchte nur alle Möglichkeiten ausschöpfen.

Die Songs sind teils in Englisch, teils auf Französisch – kannst du sagen, wann du dich für welche Sprache entscheidest?
Marie: Das ist ganz unterschiedlich. Ich mag es, dass die jeweilige Sprache den Sound verändert und umgekehrt. Ein großer Teil der Stücke ist im vergangenen Jahr entstanden, als ich viel unterwegs war – wenn ich auf Reisen bin, texte ich meist in Englisch. Meine Muttersprache ist allerdings Französisch, und ich denke und träume auch französisch!
Marie & Pierre: Montreal ist in dieser Hinsicht ein ganz besonderer Ort: Die Leute switchen von Englisch zu Französisch, oft im selben Satz! Das ist normal für uns.
Pierre: Für mich als gebürtiger Franzose ist es manchmal schwer… meinen Akzent werde ich wohl nie los, das ärgert mich (*lacht). Aber Deutsch ist noch viel schwieriger als Englisch – ihr könnt unendlich lange Wörter bilden, das ist toll!
Marie: Ich fluche auf Englisch: Asshole. Ich liebe das!

Der Song „Lead Sister“ ist Karen Carpenter gewidmet – was fasziniert dich an ihr?
Marie: Sie war Schlagzeugerin, bevor sie Sängerin wurde, wusstest du das? Ich finde es wahnsinnig interessant, dass sie diesen Drive und Gefühl für Timing hatte! Vor allem aber spüre ich große Empathie: Karen ist an den Folgen ihrer Anorexie gestorben, sie war eine sehr zerbrechliche Person und fühlte sich einsam. Ich habe selbst an Anorexie gelitten und weiß, dass diese Krankheit ein fortlaufender Prozess ist, der dich dein ganzes Leben lang begleitet, auch wenn du als geheilt giltst. Ich kann nicht beurteilen, ob die Esstörung eine psychische Krankheit ist – ich kann nur sagen, dass die Anorexie dich total im Griff hat und dein Leben auffrisst, weil sie deine komplette Aufmerksamkeit fordert.

In einigen Songs ist ein ziemlich dunkler Humor spürbar…
Marie: Oh, welche meinst du?

Zum Beispiel „Back to Rock“…
Marie (ärgerlich): Wie bitte? Das ist ein total ernstes Stück über Depression und Einsamkeit, darin steckt mein ganzes Herzblut!

Sorry, ich wollte dich nicht beleidigen – mir fiel nur der Kontrast zwischen der Titelzeile und dem verzögert-langsamen Tempo auf…
Marie: Kennst du die Scorpions? Kennst du „Still Loving You“? Das ist ein Rocksong, oder? „Back to Rock“ ist auch ein Rocksong! Ein langsames, schwermütiges Stück, das die Traurigkeit ausdrückt, die dich als Künstler:in überkommt, wenn du Nacht für Nacht performen musst… es ist wirklich ein sehr ernsthafter Song. Wenn, dann haben eher „Worst Comes to Worst“ und „Renegade Breakdown“ schwarzen Humor.

Ist der Track „Renegade Breakdown“ deine Rache am Musikgeschäft? Es geht um gierige Plattenfirmen und faule Journalisten, die den lieben langen Tag nur rumsitzen…
Marie: Rache würde ich es nicht nennen – es ist mein Kommentar zum Kapitalismus, dem ganzen ausbeuterischen System, in dem das Individuum keine Rolle spielt.

In einem Interview mit dir habe ich gelesen, dass du wegen des noch immer herrschenden Sexismus die Techno- und Clubszene verlassen hast…
Marie: Wo hast du das gelesen? Das habe ich NIE gesagt – ich weiß, dass es im Musikgeschäft sexistisch zugeht und das ist eine Schande! Aber ich selbst hatte damit nie zu tun, ich habe keine Nachteile gehabt, weil ich eine Frau bin. Ich fühle mich nicht als Opfer, ich bin frei in meinen Entscheidungen, das war ich immer.
Viel schlimmer – und das ist der wahre Grund, warum ich nicht mehr deejayen will – ist die Einsamkeit, wenn du als DJ unterwegs bist. Ich war immer allein mit meinem ganzen Equipment, den Koffern und Kabeln. Allein am Flughafen irgendwo auf der Welt, niemand zum Reden – das hat mich fertig gemacht, ich war es so leid. Am Anfang deiner Laufbahn, wenn du (noch) kein Team um dich hast, das dich unterstützt, ist es noch schlimmer. Das Touren geht wirklich an die Substanz, körperlich und psychisch. Ich persönlich musste diesen Schnitt machen, sonst wäre ich zugrunde gegangen.
Weißt du, ich kenne mich wirklich aus mit Abhängigkeiten aller Art: Drogen, Alkohol, und besonders meine Arbeitssucht und die Neigung, ein Control Freak zu sein. Damit muss ich umzugehen lernen, es unter Kontrolle bringen. Aber niemals würde ich meine männlichen Kollegen nur dafür beschuldigen, dass sie Männer sind – das Musikgeschäft ist ja nicht die schlimmste vorstellbare Institution, die ganze Welt ist sexistisch! Wir müssen auch anerkennen, dass sich vieles verändert und verbessert hat in den letzten Jahren, gerade im Musikbusiness. Rassismus ist ein viel größeres Thema, gerade im sogenannten Kulturbetrieb. Ich weiß selbst, dass ich als Weiße privilegiert bin, aber deswegen fällt mir Rassismus ja auf.

Ein Song auf eurem Album heißt „Center of the World (Kotti Blues)“ – was verbindet dich mit Berlin?
Marie: Oh, ich habe drei Jahre lang dort gelebt – im Wechsel mit Montreal. Ich liebe Berlin und vermisse die Stadt und meine Freund:innen dort sehr. Ich möchte so gern mal wieder in die kleinen Clubs rund um den Kotti gehen!

 

 

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