Record of the Week

Floating Points/Pharoah Sanders „Promises“

Floating Points/Pharoah Sanders
„Promises“
(Luka Bop)

Von Tobias Nagl

Als der legendäre Jazzproduzent Bob Thiele ein Jahr nach dem Tod John Coltranes ABC-Impulse verließ, um Flying Dutchman zu gründen, soll er noch persönlich sämtliche unveröffentlichte Coltrane-Tapes kopiert und an dessen Frau Alice übergeben haben. Ein Teil der Aufnahmen veröffentlichte Alice Coltrane im selben Jahr unter dem Titel „Cosmic Music“. Ein anderer Teil jedoch wurde 1972 von Alice Coltrane unter dem Titel „Infinity“ veröffentlicht und brachte ihr unter treuen Fans den Ruf einer Kitsch-besessenen “Yoko Ono des Free Jazz” ein. Alice hatte es gewagt, die Aufnahmen mit symphonischen Streichersätzen, Harfe, indischen Tambura-Drones und neu eingespielten Bass-Ostinatos von Charlie Haden zu remixen. Nicht alle der Beteiligten waren darüber glücklich. Selbst Drummer Rashid Ali, der auf vielen späten Solo-Alben Alice Coltranes zu hören ist, fand: “It’s like rewriting the Bible!”

Mitglied von John Coltranes spätem Ensemble war auch der junge Pharoah Sanders. Zusammen mit dem Vokalisten Leon Thomas begründete er in den Jahren zwischen „Cosmic Music“ und „Infinity“ wie sonst nur Alice Coltrane das, was wir heute Spiritual, Cosmic oder Astral Jazz nennen. Mit den Streichernsätzen dürfte er weniger Probleme gehabt haben. Denn dieser Tage erscheint mit „Promises „(Luka Bob) sogar ein Album des heute 80-Jährigen, auf dem er mit dem London Symphony Orchestra zu hören ist und das direkt an „Infinity“ anknüpft. Denn tatsächlich face-to-face zusammengespielt haben sie nie; wie bei Coltrane handelt es sich um overdubs. Heute dürfte das weniger skandalträchtig sein. Nicht nur ist Alice Coltranes “weibliche” Free Jazz-écriture längst rehabilitiert, auch das Verständnis der kreativen Rolle von Studiotechnologie, dem Dubbing im Overdubbing, hat sich seit Alice Coltrane und Teo Macero geändert: Vertreter der neuen Jazz-Szene in Chicago und London wie Makaya McCraven, Gründer und Produzent von International Anthem, verstehen sich als cuttende und pastende Beat-Macher in der Tradition von J.Dilla.

Hinter der Zusammenarbeit von Sanders und dem London Symphony Orchestra steckt der britische Produzent, Vinyl-Digger und DJ Floating Points (bürgerlich Sam Sheppard). Sheppard is ein “DJ’s DJ”, der sich vor rund zehn Jahren mit hochgradig eklektischen Sets seine Sporen im legendären Londoner Club Plastic People verdient hat. Dort zählten nicht nur ähnlich vielseitig aufgestellte DJs wie Theo Parrish zu den Residents; in der stockdunklen, Mancuso-beeinflussten Atmosphäre, erzählt man sich, rastete das Publikum auch zu schwierigeren Titeln ekstatisch aus, etwa den 19 langen Minuten von Pharoah Sanders kosmischem Rare Groover “Love Is Everywhere”. Sheppard, der sich nach den “Gleitkommazahlen” der Computer-Arithmetik benannt hat, sieht aus wie der sympathisch-linkische Mathe-und-Klavier-Nerd, den es in jeder Oberstufenklasse gibt, und ihm eilt der Ruf eines hochbegabten Wunderkinds voraus. Bereits als Kind erhielt er eine klassische Gesangs- und Klavierausbildung an der renommierten Chetham Music School in Manchester, und selbst als jetsettender DJ, Produzent und Labelmacher fand er nebenher noch Zeit, am University College London in Neurowissenschaften zu promovieren und mit Isonoe einen Rotary-Mixer zu konstruieren.

Anders als Galliano und die Acid Jazzer der frühen 1990er Jahre, versucht Floating Points nicht, den klöppelnden und klingelnden, aber tanzbaren und radiotauglichen Sound der afrozentrischen Leon Thomas-Pharoah-Sanders-Kollaborationen auf Impulse zu reanimieren. Aber auch mit den proggigen Fusion-Jams von Floating Points’ Liveband hat das neue Album wenig zu tun. Auf „Promises „ist weder ein Bassist noch ein Schlagzeuger zu hören. Floating Points spielt Piano, Fender Rhodes und eine Reihe von akustischen, elektrischen und elektronischen Keyboards, über die Sanders im Summer 2019 in Los Angeles sein Tenorsaxofon und einige zuerst kaum wahrnehmbare Vokalpassagen einspielte. Ein Jahr später, im ersten Covid-Sommer, fanden die Aufnahmen der von Sheppard geschriebenen und arrangierten Streicher mit dem London Symphony Orchestra in London statt, wo Shepard auch das Resultat mixte. In seiner zurückhaltenden Ästhetik knüpft „Promises“, das aus einem einzigen Stück in neun “Bewegungen” besteht, an die neo-klassischen Miniaturen an, die bereits auf Sheppards bisherigen zwei Soloalben den Flow des Dancefloor-Materials immer wieder introspektiv unterbrachen.

„Promises“ beginnt mit einem verhalten perlenden und leicht verhallten Cembalo-Appreggio, über dem dann bald Sanders mit leisem Ton, aber kräftigem Delay die Arbeit aufnimmt. Aus den auf- und abschwellenden Keyboard-Drones und halb komponierten, halb improvisierten Saxophon-Modulationen schälen sich später post-impressionistische Streichersätze, die im Laufe der neun Bewegungen sich nur gelegentlich bis zur breitwandigen Bollywood (oder “Schatz im Silbersee”)-Symphonik Alice Coltranes hochschrauben. „Promises „gibt auch der “Stille” und den Leerstellen zwischen den Strukturen einen Raum – das hat das Album einerseits mit der Cover-Art der großen Julie Mehretu gemein, andererseits platziert es sich damit ziemlich souverän inmitten des Ambient- und New Age-Revivals der letzten Jahre. Wäre Promises in den 1980er Jahren auf einem Privatlabel veröffentlicht worden, würde es in Toronto bei den Tropical Disco- und Neoklassik-Diggern von Invisible City Records oder dem Séance Centre Höchstpreise erziehlen. Auch das ist eine Form der Retromanie, aber trotz allem Perfektionismus eine weitaus distanziertere, die in diesen pandemischen Frühling passt. Der Creator hat ganz sicher keinen Masterplan, aber, wie man an Sanders hört, vielleicht einen längeren Atem als gedacht.

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