Record of the Week

GÖRL „Dark Silver Moon Light“

GOERL (Photo: Rick Burger)

GÖRL
„Dark Silver Moon Light“
(Grönland Records)

Es gibt Momente, in denen Musik nicht einfach nur erscheint, sondern notwendig wird. „Jetzt ist irgendwann, und irgendwann ist jetzt“, dieser Satz aus dem Stück „Irgendwann ist jetzt“, funktioniert als leiser Imperativ. In einer Gegenwart, die vom Aufschub lebt, in der Entscheidungen vertagt, Nähe verschoben und Zustände verwaltet werden, statt sie zu verändern.

GÖRL, das gemeinsame Projekt von dem Namensgeber Robert Görl und Sylvie Marks, setzen mit „Dark Silver Moon Light“ genau da an und verweigert sich dem naheliegenden Reflex, Vergangenheit zu kuratieren. Stattdessen: Reduktion, Direktheit, ein Sound, der auf Körper zielt, ohne sich aufzudrängen. Und immer wieder Brüche, die nicht geglättet werden.

 

Robert Görl war nie Teil einer Musik, die sich widerspruchslos einordnen ließ. Mit Gabi Delgado-López formte er mit der Deutsch Amerikanische Freundschafteine Band, die Minimalismus und Provokation nicht als Stilmittel, sondern als Haltung begriff. GÖRL knüpfen daran an, ohne es zu reproduzieren.

Robert Görl (Photo: Rick Burger)

Oder wie Robert Görl es ausdrückt: „GÖRL ist für mich ein neuer Raum – emotional wie künstlerisch. Es geht weniger um Rückblick, sondern um das, was jetzt entsteht.“

Nach dem Tod von Delgado-López und dem posthum veröffentlichten „Nur Noch Einer“ verschiebt sich der Fokus. Erinnerung bleibt präsent, wird aber nicht zum Motor. Eher ein Material, das bearbeitet wird. Dass dieses neue Kapitel nicht unter dem Namen DAF stattfindet, ist dabei weniger Geste als Konsequenz: „Das war für uns ein No-Go – und es wurde Zeit für einen neuen Bandnamen, um unabhängig und frei arbeiten zu können.“

Die Zusammenarbeit mit Sylvie Marks folgt keiner Strategie. Ein zufälliges Treffen 2019 in der Berliner U-Bahn markiert den Anfang einer schnell erwachsenen Freundschaft, schließlich zudem ein Arbeitszusammenhang, der sich eher als offener Prozess versteht denn als klassisches Bandgefüge. Wobei die „Impulse von beiden Seiten kommen“, das ist Robert Görl wichtig zu betonen, „mal ist es ein Rhythmus, mal ein Sound, mal einfach ein Gefühl.“

Sylvie Marks (Photo: Rick Burger)

Diese Gleichzeitigkeit prägt das Album. Keine klaren Zuständigkeiten, keine Hierarchien, sondern ein permanentes Aushandeln. Vielleicht erklärt das auch, warum sich vieles hier bewusst der Eindeutigkeit entzieht. Was früher als kalkulierte Irritation gelesen wurde, wirkt heute fast zwingend. In einer Umgebung, die auf Reibungslosigkeit optimiert ist, bekommt das Unsaubere eine eigene Präzision. „Angepasstheit interessiert uns nicht, das Unberechenbare schon“, kommentiert Robert Görl. Die Stücke bewegen sich dabei zwischen Intimität und einer gewissen Dringlichkeit, ohne diese auszuerzählen. „So wie du bist“ etwa formuliert Nähe nicht als Versprechen, sondern als Zumutung: jemanden zu sehen, ohne Filter, ohne Absicherung. Die Musik bleibt dabei reduziert, fast spröde, und gerade darin liegt eine Form von Verletzlichkeit, die nicht ausgestellt wird.

Bewegung ist ein wiederkehrendes Motiv auf dem Album. „Don’t Stay At Home“ funktioniert gleichermaßen als Einladung und als leichter Druck, sich aus Zuständen herauszubewegen, die zu bequem geworden sind. „Der Fluss“ übersetzt das in ein einfaches Bild: nichts bleibt, alles ist in Verschiebung. Es ist kein pathetischer Gestus, eher eine nüchterne Feststellung. Auch der Titeltrack verweigert klare Zuschreibungen. Die Figur darin bleibt unbestimmt, oszilliert zwischen Projektion und Zustand. Sehnsucht wird hier nicht aufgelöst, sondern stehen gelassen – als etwas, das nicht unbedingt verstanden werden muss, um wirksam zu sein.

So reduziert „Dark Silver Moon Light“ im Studio wirkt, so deutlich ist, dass diese Stücke auf Bewegung angelegt sind – auch im physischen Sinn. Robert Görl: „Diese Songs sind für die Bühne gedacht. Sie leben von Energie, Direktheit und dieser besonderen Spannung, die im Live-Moment entsteht.“

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