Record of the Week

Kurt Vile „Philadelphia’s Been Good to Me“

Plane over Philly (Photo: Thomas Venker)

Kurt Vile
„Philadelphia’s Been Good to Me“
(Verve Forecast Records)

Gern wär ich 24/7 wie Kurt Vile, oder zumindest wie der unaufgeregte Chilltyp, den er in seinem US-Abhängrock porträtiert. Bin ich aber nicht – und schreibe diesen Text in einem erschöpften Post-Streit-Moment.

Eben jetzt brauche ich „Philadelphia’s Been Good to Me“, Viles großartiges Neuwerk. Baut mich auf. Das Album klingt glasklar, schimmert geradezu, wirkt dennoch random und – ich mein das positiv: hingerotzt. Eine supertolle Mischung aus detailverliebtem Handwerk und offener Gelassenheit. Das Album ist derart weitläufig, dass man dessen Rand nie sehen kann, und erinnert an chaotische Doppel-LPs wie „Blonde on Blonde“ von Bob Dylan oder „Exile on Main St.“ von den Rolling Stones. Der Unterschied ist jedoch, dass hierauf nicht übermäßig viele, sondern nur zwölf (meist) umfangreiche Songs vertreten sind, auf denen Kurt Vile ewig rumjammt; oft bleibt er bei lediglich einem Riff, einer Akkordfolge, tobt sich darauf aus und versinkt darin.

Dass bestimmte Musik in erster Linie von ‚Vibes‘ leben würde, höre ich oft in einem negativ gemeinten Kontext. Doch wie bei den besten Platten von Neil Young, den Vile hörbar verehrt, wird dieses Album vor allem von einem lockerem Feeling getragen. Funktioniert. Der 46-Jährige scheint unbeeindruckt von negativen Dingen, die ihn umgeben, redet eher anstelle melodischer Gesangseinlagen, erzählt innerhalb der Songs von BPM-Angaben und Gitarrenpedal-Einstellungen. Er ist glücklich in seiner Stadt, Philadelphia, braucht nur seine Töchter zum Glücklichsein. „My baby girls they keep me high“, singt er. „True love is the pure drug for me“. Wer das uncool findet, den brauch ich nicht.

Doom Sky over Philly (Photo: Thomas Venker)

Ein Highlight, das den Songwriting-Stil von Kurt Vile besonders gut zusammenfasst, trägt den Titel „You Don’t Know Cuz It’s My Life“ und handelt – wie so vieles auf diesem Album – von Viles überraschend angenehmem Lokalpatriotismus gegenüber seiner Heimatstadt Philadelphia. Von dort aus gelangt er jedoch zu etwas deutlich Konkreterem, zugleich Universellerem. „I’m from Philadelphia, a couple of my heroes wrote a song“, singt er und spielt damit auf Songs wie „Streets of Philadelphia“ (Springsteen) und „Philadelphia“ (Young) an, um dann fortzufahren: „But that ain’t where they’re from, so hey, you don’t know“. Im Kern besingt Vile hier jenes Gefühl, wenn Menschen ihren Senf zu einer Sache dazugeben, von der sie eigentlich wenig Ahnung haben, während man selbst ihr wesentlich nähersteht. Doch Kurt Vile wäre nicht Kurt Vile, würde er das Ganze nicht auf herzerwärmende Weise auflösen: „But I still love you, Neil and the Boss“. Diese direkte, aber liebenswerte Art bringt seine Kunst auf den Punkt.

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