Record of the Week

Morrissey „California Son“

Morrissey
„California Son“
(BMG/Warner)

Die Idee ist eigentlich sehr schön: Indiepop-Ikone schenkt den Fans und sich zum 60. Geburtstag ein Album mit Coverversionen, die sowohl für sich stehen, aber auch das Werk der Ikone erklären, gar in neuem Licht erscheinen lassen.
Eigentlich… wäre diese Ikone nicht Morrissey, der in letzter Zeit, ach was, seit vielen Jahren schon mit politisch hanebüchenen Aussagen aus der Rolle fällt – und jetzt sogar Dank von Anne Marie Waters, Chefin der fremdenfeindlichen Anti-Islam-Partei „For Britain“ für die Unterstützung erhielt: Morrissey trug in Jimmy Fallons „Tonight“-Show einen Pin der Partei am Revers. Er hat es – im negativen Sinn – wahrlich weit gebracht, dabei könnte er sich zufrieden in seinem Ruhm als zweitgrößte britische „living legend“ nach Sir David Attenborough und vor Sir Paul McCartney sonnen, den ihm ein Poll der BBC-„Culture Show“ attestierte.

Inzwischen dämmert es auch treuen Fans, dass die Legende – Einfluss hin, Verdienste her – sich nicht erst in der jüngeren Vergangenheit zu einem rechten Vollidiot entwickelt hat; dass es vielmehr eine direkte Linie gibt zwischen älteren Songs wie „Bengali in Platforms“ oder „National Front Disco“ und Morrisseys menschenverachtenden Äußerungen vom Schlage Chinesen seien eine „minderwertige Spezies“ – und dass besagte Stück eben keine Rollenprosa, sondern ernst gemeint waren/sind. Die noch freundlichste Sichtweise erlaubt die Vermutung, dass Morrissey vielleicht nicht immer genau weiß, was er sagt, aber dann sollte die living legend sich eben in Sun City oder sonstwo niederlassen und den Mund halten.

Auch musikalisch bröckelt der Legendenstatus: das letzte, schwache Album „Low in High School“ offenbarte Morrissey´s Hang zum lahmen Wortspiel und hatte überdies nur einen sehr guten („Spent the Day in Bed“) und einen mittelguten Song („Jacky’s only happy when she’s up on the stage“) zu bieten. Grandiose Solowerke wie „Viva Hate“ oder „You Are the Quarry“ scheinen weit, sehr weit entfernt, von Smiths-Zeiten gar nicht erst zu reden.

Die Trackliste von „California Son“ liest sich zunächst vielversprechend: Songs von Jobriath, Buffy St Marie, Roy Orbison, Carly Simon und die DuettpartnerInnen wie Ed Droste, Petra Haden oder Sameer Gadhia sind so geschmackvoll wie dezent camp, zelebrieren Morrisseys Selbstinszenierung als sexuell uneindeutiger, melancholischer, ewiger Außenseiter. Die Rolle als gereifter Crooner würde so großartig zu ihm passen: Nur der Song und Morrisseys Stimme, Eleganz und Klasse – was Robbie Williams auf so peinlich-enervierende Weise zu erreichen versucht(e), könnte Mozz lässig aus der linken Ärmelmanschette schütteln… allerdings sind die Arrangements nicht wirklich gelungen, teils schwülstig, ungebrochen nostalgisch und pompös, ohne die Roughness, die es bräuchte, um eben diesen Pomp abzufedern. „Lady Willpower“ von Gary Puckett & The Union Gap (die Band mit der creepy Schnulze “Young Girl”) klingt exakt wie das Original: Eine schmissige Spätsechziger-Pophymne, on the way to Amarillo, shalalaa.

Zwei Stücke reißen es (fast) heraus: Das genderswitchende Duett „Wedding Bell Blues“ (Laura Nyro / Fifth Dimension) mit dem sich selbst als bisexuell bezeichnenden Billy Joe Armstrong, in dem Morrissey schmachtet, „There’s been no foolin‘ but kisses and love won’t carry me / till you marry me Bill / Bill I love you so / I always will“. Diese Version gibt eine Ahnung davon, wie Morrissey heute sein könnte, wäre er nicht so… ach und ach. Toll auch die soulig-tänzelnde Bacharach-Komposition „Loneliness remembers what happiness forgets“, in dem Mozza den großen Diven wie Dionne Warwick so nahe kommt, seine Stimme so unglaublich gut klingt.

Aber zwei schöne Lieder können nicht wieder aufrichten, was Morrissey selbst in Grund und Boden trampelt: Die unbelastete Bewunderung für den Künstler. Es klingt wie die Bitte um Nachsicht, wenn er auf dem letzten Stück des Albums, Melanies „Some Say I Got the Devil“ singt: „somehow the music / hides it and conceals it“.
Sorry, Mozzer, bei dir hilft kein Abdeckstift mehr.


… und deswegen dann hier auch mal der link zu den Originalen 

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