Record of the Mid-Week

Thirsty Eyes „A Certain Regard“

Thirsty Eyes
„A Certain Regard“
Haldern Pop Records

„We are children of a sloth. We were given all the love.” Im Sprechgesang vereint eröffnen Thirsty Eyes ihr Debütalbum „A Certain Regard“, das auf verschlungenen Pfaden Ende März auf Haldern Pop Records erschienen ist. „Slothchild“ kommt mit einem krummen Rhythmus angerumpelt und – man ist geneigt zu sagen „klar, die Band kommt ja aus Wien“ – sofort geht es um Friedhof und Tod: um den („two times“) verstorbenen Vater und ambivalente Gefühle am Grab. Doch auch im Zwielicht, wenn es trist und düster ist, mit Trübsal oder Todessehnsucht haben die Wiener nicht viel am Hut. Auf den Gräbern – stellen wir uns einfach mal vor es sei der Wiener Zentralfriedhof – wird mit Inbrunst und bei aller Zerrissenheit dem Leben zugewandt gesungen: „On the graveyard we explore, all we hate but still adore, sing a song for the damned and the saints, I don’t feel obliged to feel that pain, well I don’t mind, but maybe I should.” Ein morbider Grundton schimmert eingangs durch, doch mit kindlichem Überschwang wendet sich das Blatt. Beim Eröffnungssong, so Sänger Samuel Ebner, gehe es ihm auch weniger um Themen wie Vergänglichkeit und Tod als um die „Wertschätzung des Lebens“. Im weiteren Verlauf wird das mehr und mehr spürbar, denn schon bald zaubern Surf-Gitarren ein Lächeln ins Gesicht und setzt der Rock‘n‘Roll den Arsch in Bewegung.

Von einem Album aus einem Guss lässt sich bei dem Debüt von Thirsty Eyes dennoch nicht sprechen. Zu vertrackt war der Entstehungsprozess, der sich über mehrere Jahren hingezogen hat. Auch der Stilmix, der Country-, (Surf-)Rock-, Blues- und Punkelemente vereint, macht es schwer, den einen roten Faden zu fassen zu bekommen. An dieser Stelle müssten nun eigentlich die Schubladen mit den stilbildenden Bands aufgemacht werden; mit einigen sind Thirsty Eyes auch bereits gemeinsam aufgetreten, etwa Fat White Family. „Touch the Weather“ ist eine augenscheinliche Referenz an die weirde Post-Punk-Band aus London; denn man braucht nur einen Buchstaben auszutauschen und landet bei einem Song, der den Wienern auch selbst sehr gut zu Gesicht stünde.

Aber das Spiel mit den Referenzen führt genauso wenig weiter wie die originellen Genre-Etiketten, die Thirsty Eyes entweder unfreiwillig angeheftet bekommen oder die sich die Band beim Nebelkerzenwerfen mit Musikjournalisten womöglich einfach selbst ausgedacht haben: Rawk-N-Roll, Voodoo Hop, Modern Raunch. Whatever that may be… Egal: Thirsty Eyes ist eine Band, die aus sich heraus strahlt. Mit Pathos und diabolischem Witz ziehen sie diejenigen, die ihnen (zu) nahe kommen, in den Bann. So muss es auch Vincenzo Granato ergangen sein, der der Band nach dem Besuch einiger Konzerte eine mehrseitige Kritik aushändigte, nicht ohne den Schlagzeuger in Grund und Boden zu schreiben. Bald darauf hatte er selbst den Job. Und auch um Kristof Hahn, Gitarrist der legendären US-Band Swans, war es bald geschehen, als der nach einem Auftritt in der Berliner 8MM Bar so begeistert war, dass er wenig später selbst mit Thirsty Eyes auf der Bühne stand.

Seitdem ist die Lapsteel-Gitarre fester Bestandteil des musikalischen Kosmos der Band und wird inzwischen vom ehemaligen Bassisten Philipp Moosbrugger bedient. Der ist neben Ebner auch als weiterer Fixstern im Bandgefüge anzusehen und mit für das Songwriting verantwortlich. Text und Musik bringt mal der eine oder andere mit und werden meist im kreativen Doppelpassspiel weiterentwickelt. Dabei, so Moosbrugger, der schon einige Jahre länger musikalisch aktiv ist und als Kontrabassist im Jazz zuhause ist, gehen das „Ungestüme der Jugend“ und die „Erfahrung des mittleren Alters“ eine gut gefilterte Melange ein: „Das kreative Gespann von uns beiden ist ein ziemlicher Treffer bisher gewesen. Nicht nur, weil unsere Zusammenarbeit sehr fruchtbar, sondern auch extrem lustig ist. Mir ist das wichtig, einen bitteren Inhalt mit einem Augenzwinkern präsentieren zu können. Ich kann da gemeinsam mit Samuel etwas ausleben, was in meinen Jazz-Bands so keinen Platz hat.“

Das facettenreiche Album „A Certain Regard“ versammelt insgesamt 12 Stücke, die einen großen Teil des Schaffens der Band abbilden. Man könnte es ein Best Of-Album nennen, wenn man nicht hoffte, dass von der Band noch viel mehr zu erwarten wäre. Nicht wenige Lieder reichen bis in die Anfangszeit von Thirsty Eyes zurück oder sind unabhängig vom jetzigen Bandkontext entstanden. Zum Beispiel „Pop Sent“, ein tragender Song, den Moosbrugger für eine Bigband geschrieben hat und der nun gleich in zwei Versionen auf der Platte zu hören ist. Weitere Highlights sind „Alaska“, in dem Ebners dämonische Stimme und heulende Gitarren zunächst im Vordergrund stehen und das sich zum Ende hin lustvoll steigert; das energiegeladene „Chickenbeat“, ein Song, der in der Mitte des Albums hektisch herumflattert, aber von einer funkigen Bass-Line im Zaum gehalten wird oder „Sweet Marian“, ein melancholisches Stück über Seelenverwandtschaft und unerfüllte Liebe, das ohne mehrfache Bedeutungsebenen auskommt.

Die Lyrics verbleiben ansonsten gern im Ungefähren, beziehen aber gerade daraus ihre Kraft. So wie das Rätsel aufgebende „838“, ein Text, der aus dem Improvisieren heraus entstanden ist und auch im weiteren Überarbeitungsprozess von einem geheimnisvollen Nebel umweht bleibt. Wofür die Zahl steht, verrät die Band nicht. Samuel Ebner meint 838 sei „die Variable X, etwas was eben vielleicht sein kann“. Aus Moosbruggers Sicht verweist der Text auf etwas Magisches: „Nicht Voodoo, eher was Europäisches, was aus dem Wald kommt und wo du um Steine tanzt.“

Was das Album musikalisch prägt, ist das dynamische Wechselspiel zwischen Gitarre und Gesang: auf der einen Seite Ebners raue Stimme, die sich flüsternd in die Gehirnwindungen bohrt und sich bisweilen flehend überschlägt; auf der anderen Seite das Echo aus Country- und Surf-Gitarren, das einen zwischen Eierschneider und Steeldrum oszillierenden Sound annimmt. Ein musikalischer Cocktail jedenfalls, den du gierig hinunterspülst und der dich direkt in den Wilden Westen katapultiert: auf den Sattel eines Gauls, der im staubigen Wüstensand locker dahintrabt („Pop Sent“) oder an ein verlassenes Gleis, auf dem du ziellos stehst, ungläubig dem Zug hinterherstarrend, der pfeifend durch den Bahnhof rast („Chickenbeat“). Das ist wie Kino und kein Zufall, wie Philipp Moosbrugger zu verstehen gibt: „Tatsächlich haben wir einen cineastischen Anspruch beim Songwriting. Ich selbst stelle mir da wirklich oft Kamerawechsel, Szenenwechsel oder Charaktersprünge vor. „In Viagra“ und „Alaska“, das sind eigentlich Filme.“

Überhaupt ist das Visuelle als Bezugspunkt allgegenwärtig: Der Albumtitel bezieht sich auf die Filmfestspiele in Cannes und den „Prix Un Certain Regard“; die preisgekrönten Videos von Regisseur Ioan Gavriel (z.B. 838) sind absolut sehenswert, und den Bandnamen sollte man sich in diesem Zusammenhang auch noch einmal vor Augen führen.

Und wer Thirsty Eyes live zu Gesicht bekommt, der versetze sich doch bitte einmal gedanklich ins zwielichtige Titty Twister und tausche dabei Tito & Tarantula durch die Band auf der Bühne aus. Nicht wundern, wenn Samuel Ebner plötzlich beginnt, mit einer Schlange um den Hals zu tanzen oder dir den Fuß lasziv entgegenstreckt. Und der grinsende Mann hinter der Steel-Gitarre? Der ist sowieso schon über die Grenzen Wiens hinweg bekannt und berüchtigt für einen Hüftschwung, den auch Salma Hayek alias Santanico Pandemonium nicht betörender hinbekommen würde. Watch out, die Tour läuft noch!

Text: Marc Wilde

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