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Am Puls der Ewigkeit – Der Wiener Zentralfriedhof und das Leben vor dem Tod

Das Ableben mit Humor nehmen zu können wird dem Österreicher gerne nachgesagt. Der Tod mag ein  Wiener sein, aber ist deshalb umgekehrt jeder Wiener auch ein Freund des Todes, wie er im Bestattungsmuseum am Gelände des Zentralfriedhofs willkommen geheißen wird? Bernadette Karner traf sich mit Florian Keusch und Julia Stering zum Gespräch über Pietät, Humor und das Leben vor dem Tod.

Foto: Friedhöfe Wien

Das drohende Überschreiten der Auslastungsgrenzen der damals bestehenden fünf kommunalen Friedhöfe machte Mitte des 19. Jahrhunderts die Einrichtung einer weiteren Grabanlage notwendig. Überlegungen zu einer möglichst langfristigen Lösung wurden laut. Genügend umgebender Freiraum sollte am neuen Standort verfügbar sein, um künftigen Zuzug in die Metropole auffangen und konfessionsübergreifend jedem/r ein dauerhaftes irdisches – oder vielmehr unter-irdisches – Obdach geben zu können.

Entgegen seinem Namen liegt der mit einer Fläche von fast zweieinhalb Quadratkilometern drittgrößte Friedhof Europas nicht im Mittelpunkt der österreichischen Bundeshauptstadt Wien, sondern an deren südöstlichen Rande. Nicht ohne guten Grund: Man versprach sich von der Standortwahl entgegen der Hauptwindrichtung eine Verschonung vor unangenehmen olfaktorischen Noten. Die vorherrschende Bodenbeschaffenheit Löss beschleunige außerdem den Verwesungsvorgang, das Risiko von Krankheitsausbrüchen ließe sich minimieren.

Sieben Erweiterungen später bietet der am 1.November 1874 eröffnete letzte Ruheort von mittlerweile 3 Millionen Verstorbenen die Möglichkeit, nicht zuletzt im Bestattungsmuseum den Tod auf die Schaufel, pardon, die Grabschaufel zu nehmen.

Der Wiener Zentralfriedhof ist zweifellos aus einer Reihe praktischer Notwendigkeiten entstanden. Bestand an der Gründung des Bestattungsmuseum eine ähnliche Nachfrage?

Florian Keusch: Es hat keinen Plan gegeben. Mein Kollege hat begonnen, in den Sechzigern aus Gegenständen, die ansonsten entsorgt worden wären, eine Sammlung aufzubauen, ist zum damaligen Direktor gegangen und hat gesagt: Machen wir doch ein Museum. „Warum nicht?“ kam als Antwort. Eingerichtet ist es unter der Aufbahrungshalle 2, die früher eine Halle für Seuchen und Infektionskrankheiten war.

Das passt ja in die heutige Zeit! Kann man sich vorstellen, dass das Museum sich um Exponate erweitert, inkludiert, so wie der Friedhof sich ja auch erweitert. Wird man mit dem Museum etwa auf die konfessionellen Abteilungen oder künftige Veränderungen Bezug nehmen?

Florian Keusch: Bei der Dauerausstellung an und für sich nicht, die ist als Zeitreise durch die Geschichte der Friedhöfe und Bestattung konzipiert, dafür sind die Räumlichkeiten mit 250 m2 zu klein. Wir hätten noch 3000 Exponate auf Lager, die wir bei Sonderausstellungen in einem eigens dafür vorgesehenen Raum verwenden können und werden. So hatten wir zum Beispiel zum Thema des „Tag der Toten“ im Museum einen Altar aufgebaut.

Gibt es bei den Sonderausstellungen Limitierungen hinsichtlich was man machen darf und kann, ohne pietätslos zu wirken, ohne es zu übertreiben?

Florian Keusch: Das Bestattungsmuseum kann in seiner Kommunikation frecher agieren als die Bestattung Wien, da die Zielgruppe eine andere ist, eher „jüngere“ Leute anspricht, die weniger unmittelbar von einem Todesfall betroffen sind. Bei Angehörigen, die einen Trauerfall zu beklagen haben und verzweifelt sind, bemüht man sich um seriöse Kommunikation und bietet Hilfe an. Was die Pietät angeht, war es ein Herantasten. Wir haben vor ein paar Jahren begonnen, relativ harmlos und stückchenweise verschoben. Die Stimmen, die etwas als pietätlos empfunden hätten, haben sich sehr in Grenzen gehalten. Gerade sie sind aber auch wichtig, denn sie setzen einen Diskussionsprozess in Gang.  Das betrifft auch die Sonderausstellungen. Bei der letzten Ausstellung des Cartoonisten Oliver Ottitsch haben selbst ältere Besucher verstohlen gelacht. Auch von den Turnsackerln „Ich turne bis zur Urne“ hatte ich mir erwartet, sie würden eher von der jüngeren Zielgruppe goutiert. Dann haben wir aber ein Foto von den Seniorenturnmeisterschaften bekommen, auf dem der Erstplatzierte das Sackerl zu seinen Füßen hatte. Das war dann schon witzig.

Preisgekrönter Cartoon von Oliver Ottitsch

Der nächste Schritt war ja dann das Badetuch mit Sargaufdruck, quasi zum Probeliegen.

Florian Keusch: Leider ist es ein wenig teuer, denn es ist eine Sonderanfertigung von 2 x 1 Meter. Es ist riesig, aber ich sagte mir, machen wir lieber eine Größe, auf die ich auch draufpasse. Wir hätten noch mehr gute Ideen; das Problem bei uns sind ja immer die Stückzahlen. Wir haben schon öfter den Kritikpunkt erhalten, wir wären so teuer, auch beim Lego zum Beispiel. „Wenn wir in ein Spielzeuggeschäft gehen, kostet das ein Viertel.“ Klar, wenn wir jeweils nur 50 bis 100 Stück bestellen, händisch zusammenstellen und die Anleitung machen lässt sich das gar nicht vergleichen. Viele Produkte sind gar nicht möglich, da wir Stückzahlen bestellen müssten, die wir uns als kleines Museum nicht leisten können.

Hat man da bislang nur eigene Ideen umgesetzt oder ist auch auf Vorschläge eingegangen?

Florian Keusch: „Ich lese bis ich verwese“ ist etwa mit den Büchereien Wien entstanden. Der Spruch war ihre Reaktion auf unser „Ich turne bis zur Urne“, wir sind in Folge eine Kooperation eingegangen. Für Vorschläge sind wir immer dankbar, wirklich Lustiges versuchen wir auch umzusetzen. Der Mundschutz mit dem Aufdruck „Corona leugnen sichert Arbeitsplätze“ wurde bislang über 20.000 mal verkauft, bis in die Schweiz und nach Deutschland, hat aber auch bis jetzt am meisten polarisiert.

Haben sich Feedback und Nachfrage durch die einsetzende Corona-Überdrüssigkeit im Laufe der letzten beiden Jahre verändert?

Florian Keusch: FFP2 Masken mit einem entsprechenden Aufdruck sind nicht umsetzbar. Man müsste sie zum Bedrucken aus der Verpackung nehmen, sie würden dadurch unhygienisch, die dabei entstehenden Dämpfe sind auch nicht das Wahre. Sie haben auch ein Ablaufdatum. Was passiert, wenn die Pandemie in zweieinhalb Monaten vorbei wäre und wir darauf sitzenbleiben? Man kann sowas schwer weiterverkaufen an Spitäler, das kommt vielleicht nicht so gut bei der OP in der Narkose.

Vor allem, wenn man dann aufwacht aus der Narkose und das Personal diese Maske trägt.

Florian Keusch: Wir haben schon eine Anfrage gehabt von Krankenschwestern, ob wir nicht Stauschläuche zur Blutabnahme mit Bestattung Wien drauf produzieren könnten.  Sie verarbeiten genauso wie unsere Kollegen hier, die direkt mit den Verstorbenen zu tun haben, ihren Alltag mit Humor.  Deshalb funktioniert im Museum diese Humorschiene auch gut, weil man damit den Leuten die Angst vor dem Ganzen ein wenig nimmt.

Wenn man sich den Tod vor Augen führt, ist er auch gar nicht mehr so schlimm.

Florian Keusch: Der Tod selbst ist für uns auch gar nicht so schlimm. Das Sterben ist eher das Problem. Im Buch „Schluss. Aus. Vorbei? Geschichten, die der Tod schrieb“, das ich letztes Jahr herausgegeben habe, setzen sich unter anderem der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, Dompfarrer Toni Faber oder auch Moderator Peter Rapp mit dem Tod auseinander und geben ihre Sichtweise teilweise sehr humorvoll weiter. Peter Rapp hätte gerne an seinem Sarg einen Rauchfang mit Trockeneis montiert, um den Eindruck zu erwecken, er würde noch rauchen. Seine letzten Worte wären: Endlich Nichtraucher. Vielleicht beschäftigen sich dadurch Leute, die es ansonsten nicht getan hätten, mehr mit dem Tod. Wir sehen das öfter bei der Bestattung Wien: du sitzt dann dort, die Angehörigen sitzen dann dort,  es ist vielleicht der Vater oder die Mutter gestorben, und auf unser: „Was wollt ihr, der Vater, die Mutter haben , wie soll das Begräbnis aussehen?“ kommt ein „ Äh, wissen wir nicht, wir haben darüber nie geredet.“ –  „Welche Trauermusik?“  – „Keine Ahnung.“ – Weil man eben nie darüber geredet hat. Wenn die Person schon im Sterben liegt oder im Spital , redet man nicht mehr darüber, ist es schon zu spät.  Deshalb sollte man sich austauschen, wenn es auch gesundheitlich noch halbwegs passt.

Pietät steht demnach für den Wiener Zentralfriedhof an erster Stelle. 

Julia Stering: Jeder Mensch trauert anders, und Trauer drückt sich auch ganz unterschiedlich auf den Gräbern aus. Wenn sie durchgehen und merken, ein Grab ist grundverschieden nicht nur zeithistorisch kontextuell gesehen, sondern auch in der Aufmachung und sich fragen, ob das nicht ein wenig störend für andere wäre, so kann man das nicht einfach beantworten. Es kommt immer auf den Fall drauf an. Die einzigen Grenzen, die wir setzen, sind gärtnerischer Natur. Wir haben die Bestattungsanlagenordnung. Gräber sind flach auszudecken mit Rasen und Blumen oder in anderer gärtnerischer Ausführung. Es gibt eine Höhenbeschränkung, Laub- und Nadelgehölz sollen keine tiefen Wurzeln schlagen, um unterirdische Schäden zu vermeiden. Alles andere ist demjenigen überlassen, der trauert. Gerade als interkonfessioneller Friedhof ist es uns wichtig, dass sich hier jeder wie zuhause fühlt.

Da ist es vielleicht praktisch, dass es strikt in Abteilungen konzipiert ist. Man kann das, was einem stört, zu modern, zu anders erscheint auch umgehen – oder suchen. Etwa die doch sehr individuell geprägten Künstlergräber.

Julia Stering: Es gibt fast 1500 ehrenhalber gewidmete Gräber der Stadt Wien, die auf alle Friedhöfe verteilt sind. Unsere Ehrengräber sind ein touristisches Aushängeschild, wir freuen uns auch, dass wir sie haben, weil sie uns auch die Menschen auf die Friedhöfe bringen, die sonst vielleicht nicht einfach so kommen würden. Und wir sind wahnsinnig froh, wenn die Leute dann denken: Aha, ein Friedhof, da findet auch Leben statt. Wir versuchen proaktiv, dem Menschen etwas zu bieten. Die Menschen sollen gute Erinnerungen an ein Leben am Zentralfriedhof haben, um sich später auch bei uns bestatten lassen zu wollen. Ab und zu – nicht jederzeit – finden Konzerte und Veranstaltungen statt, es gibt Laufstrecken, die wunderschöne Natur – schauen Sie sich an, was man hier entdecken kann. Was man nicht vergessen darf: wir brauchen unsere Friedhöfe mit ihren riesigen Naturwiesen und Bäumen für unser Stadtklima. Natürlich versuchen wir die Leute dann darauf hinzuweisen und einzuladen, das auch wahrzunehmen, weil es das langfristig zu erhalten gilt.

Ehrengrab für Falco. Foto: Invisigoth67

Ein Leben mit dem Tod und eigentlich auch auf den Tod, um auf das Leben zu reflektieren und das wertvoller zu machen?

Julia Stering: Genau. Wir haben auch den Leitspruch „Mehr als nur Begräbnisstätte“ und das merkt man auch. Wir laden Leute ein, auf den Friedhöfen aufeinander zuzugehen. Unsere Mitarbeiter sind sehr auskunftsfreudig. Es gibt viel zu entdecken, etwa unsere Konditorei.  Mitnichten ist das pietätstouchierend. Diese Schwelle nicht zu überschreiten und trotzdem lebensnah zu gestalten, versuchen wir mit all unserer Kraft. Man sollte zu dem Schluss kommen können: Ich möchte irgendwann mal auf dem Friedhof, auf dem ich Kaffee getrunken habe, auf dem ich den Ambros gesehen habe, begraben werden. Naturnah, lebensnah.

Danke fürs Gespräch!

Text und Interview: Bernadette Karner.
Sie sprach mit Julia Stering (Friedhöfe Wien) und Florian Keusch (Wiener Bestattungsmuseum). Unsere Autorin Bernadette pflegt übrigens hinsichtlich der musikalischen Untermalung ihrer Grablegung schon genaue Vorstellungen:

  • MONEY „You look like a sad painting on both sides of the sky“
  • Kurt Sowinetz „Alle Menschen san ma zwider“
  • Wham „Wake me up before you go go“

Davor würde sie allerdings gern noch einem gemeinsamen Konzertabend von  Neighbours burning neighbours, The Sweet Release of Death und A Place to Bury Strangers beiwohnen wollen.

Weiterführende Links:

==> https://www.bestattungsmuseum.at/
==> https://oliverottitsch.com/
==> https://shop.friedhoefewien.at/
==> https://shop.bestattungsmuseum.at/buecher/260/schluss.-aus.-vorbei-geschichten-die-der-tod-schrieb?c=92

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