Halbtote Hose
Eine Institution des bundesdeutschen Gebrauchs-Punks sagt leise servus. Das stimmt natürlich nicht ganz. Leise ist dieser episch inszenierte und langatmige Abschied sicherlich nicht. Rebecca Spilker nutzt das aktuelle Brimborium, um sich den guten alten Hosen auch noch mal anzunehmen. Hier ihr zauberhafter Rant. Das muss eine offene Gesellschaft aushalten können.
Die Hosen machen Schluss. Zumindest mit Alben. Es ist angeblich auch so ziemlich vorbei mit dem ganzen Rock, mit dem ganzen Männergegröle und dem mediokren Getexte vor dem Hintergrund von Penissen, Buddykultur, Rock am Ring und Bier. Na, hoffentlich. Sorry: Meinung. Empfindung. Es ist so sehr unerträglich, was die Mannen um Campino als letzten Akt in ihrem Punky-Flunky-Theater zum Besten geben, dass die gequälten und geknechteten Hörer:innen mit Restresilienz mittlerweile und endgültig wegknicken sollten wie Halme auf mecklenburgischen Dürrefeldern.
„Trink aus, wir müssen gehen.“
Ja, wann denn nun? Und warum dauernd dieses Austrinken?
Wegen halt immer schon Schnaps oder was?
Wegen saufen als restpunken?
Wegen Anbindung an die Arbeiterklasse in Eckkneipen?
Wegen alles so wie bei Papi?
Es ist so BRD. Dieses Album ist: Auto, Kotzen im Hotel, falsche Telefonnummern verteilen, aus Bock zweite Runde mit der Unterhose. Immer noch. Aber alles in politisch sensibel und erwachsen. Kurz mal relevante Themen aber dann doch wieder nicht.
Mitschunkeln, mitwitzeln, mitreimen. So öde, was Kuddel und Muddel zusammen mit dem provobourgeoisen Banddiktator Campino eigentlich seit immer schon abliefern. Wie soll man da noch zwischen irgendwie Punk und linksliberalem Kirmesrock unterscheiden? Es gibt da keinen Unterschied. Textlich nicht und musikalisch schon gar nicht. Es ist ja noch nicht mal so richtig schlecht. Es gibt da ja noch nicht mal mehr eine Lücke. Kein Störgeräusch. Es ist: total egal.
Ey, guckt euch die aktuelle ARD-Doku an. Ihr seht einen verwirrten, entnervten Produzenten, der mit Megasellern arbeitet, weil sie eben das sind. Warum auch immer, man weiß es nicht. Er scheint sich in manchen Sequenzen fast zu schämen. Money halt. Man wäre ja doof. Und man kriegt mit: Die können nix. Sie haben nicht EINE gute Idee. Da kann der Chef noch so oft sinnierend durch den Wald streifen und anschließend bewegt von sich selbst endreimen. Campi sagt an, diktaturt so durch und hat Rücken. Aua. Themen aus der Männersauna. London ’77-Opa erzählt vom Krieg, aber dieser Krieg wurde nur ganz kurz gegen die Familie und die Schule und so geführt. Dann lief’s ja. Alle Beine noch dran.
Und „Baby in the Making“. Klar. Nochmal angehen gegen die eigene Endlichkeit. Nochmal Kapitel dranhängen an das Hodentagebuch. Gefühle, Promilletränen, Wehmut und Pseudoleid.
Und die ganze Heldengeschichte: Arenen und so.
Aber vorher war erstmal harte Tour im Bus. Das muss auch mal gesagt werden. Von nix kommt nix. Drogen, Drogen, Drogen. Cool. Weiber, Bier, Schultern, auf die man sich gegenseitig klopft.
Was wegficken auf dem Rasen und anderswo. Gestank, Hörstürze als Beweis von harter Arbeit zwischen Boxen, Rumspringen, Seifenhaaren, falschem Pathos. Nie, wirklich nie eine zweite Ebene. Doofe Musik. Echt. So stumpf, so gewaltvoll durchgedudelt, wie es jede, aber wirklich jede Dorfcombo mit Resthoffnung ja auch tut und kann. Das ist das Erfolgreichste auf Festivals? Das ist, worauf man sich neben den Ärzten einigen kann?
Wenders, Brandauer, Heidenreich – dann eben doch wieder Kulturbetrieb mit angezogener Handbremse. Ja, antifaschistisch. Gut, natürlich. Aber kann die korrekte Haltung überdecken, was an Männlichkeitsscheiße durchsuppt? „Ülüsü“. Ey, was war denn da los? Am Boden liegen, durchhalten, aufstehen, weitermachen, immer zusammen mit den Brüdern, wir schütteln die Zeit ab, alle in ein Grab. Schicksal. Hahahaha. So geil damals. Alle. Wir. Aber dann doch einer „zusammener“. Ohohohooooooo.
Biermann. Bargeld. Niedecken. Sullivan. Urlaub. „Wollt jeden Wunsch erfüllen, den so ’n Junge hat.“ „Wie der Vater, so der Sohn.“ Brüllbrüllbrüll. Gitarre. Getexte. Happy End. Wunden lecken. Es ist so schlicht. So unterkomplex. „Die mit der lautesten Meinung haben meistens die leiseste Ahnung.“ Ja, eben. Genau. Warum um Himmels Willen dieser Konsens überall? Warum U2, Metallica, Slade, „Seite an Seite“? Nichts anderes ist es doch. Rock an der Leine. Grillwurstpunk. Rammdösig und grobschrittig über Bühnen latschen. Sabbern in Mikros. Faust hochrecken. Damalsdamals, ja damals. Demnächst bei Lanz im Talk. Aber so richtig. Gegen vieles aber nicht alles. Vorsicht! Und dann Comeback-Tour? Düsseldorf = Heimat.
Heimat ist wichtig. Düsseln am ewigen längsten Tresen der Welt. Endstation „Ratinger Hof“.
Und zum Schluss: doch wieder fast nur Testosteron. Älteres Testosteron. Aber Testosteron.
Text: Rebecca Spilker






