„Laune der Natur“ – Oliver Frank im Interview zum Bioladen, den er mit seiner Frau Sarah Ehrich im Mai eröffnet hat

Oliver Frank: „Ich kenn das ja noch gar nicht, dass man aufgrund seines Berufes gegrüßt wird, während es noch hell ist.“

Sarah Ehrich & Oliver Frank (Photo: Gesche Jäger)

Man kennt Oliver Frank bis dato vor allem als korrekten Musikmanagement-Dinosaurier mit wohlklingendem Roster, zu dem unter anderem Blumfeld und Jochen Distelmeyer solo, Okta Logue,  Flamyngus, Thara und Swen Meyer gehören. Irgendwann während der Pandemie begannen seine Postings auf Instagram und Facebook jedoch eine weitere, neue Trope aufzumachen: Oli berichtete von der Baustelle – seiner Baustelle. Ein eigener Bioladen sollte in Hamburg gemeinsam mit seiner Frau Sarah Ehrich anscheinend entstehen. Zunächst war man sich nicht sicher, situationistischer Humor eines Pranksters oder die reale Ambition, die Welt nun auch abseits der Musik zu einem besseren Ort zu machen? Seit Anfang Mai 2021 ist der Laden nun geöffnet und Oli hatte endlich Zeit, die drängenden Kaput-Fragen zu beantworten. 

 

Oli, zu Beginn die Fakten. Wo findet man Euch? In welcher unternehmerischen Konstellation ist Euer Bioladen angelegt?

Unser Laden „Laune der Natur“ befindet sich exakt auf der Grenze von Hamburg Uhlenhorst und Barmbek Süd. Sozusagen das letzte Haus zwischen Arm und Reich. Der Laden hat knapp 200 qm. Die sogenannte Inhaberschaft liegt bei meiner Frau Sarah Ehrich und mir. Inzwischen haben wir drei Vollzeitkräfte und ein paar Aushilfen.

Der Name ist übrigens vom letzten Die Toten Hosen Album inspiriert. Ich hab die gefragt, ob es ok ist, wenn wir unseren Bioladen so nennen. Gehört sich einfach im Musikbusiness. Fanden die natürlich voll ok.
Wichtig zu erwähnen ist: Wir sind ein Mitgliederladen! Das heißt: Wir machen den Preiskampf nicht mit. Es gibt keine „Angebote“, die nach unten zu Lieferanten oder Produzenten durchgereicht werden. Schafft man eh nicht sonst neben den Discountern mit ihren Rieseneinkaufsmengen zu bestehen. Man zahlt also entweder den vollen Preis oder wird eben Mitglied. Für 28 Euro im Monat kalkulieren wir mit ca. 15-20% Zuschlag auf den Einkaufspreis. Normalerweise sind das 50-120%. Dadurch sparen Mitglieder bei uns 25-30%. Lohnt sich ab ca.80 Euro im Monat. Dann sind wir ungefähr im Bereich der Bio- Discounter, können aber den Anbietern faire Preise bezahlen.
Um es mit dem Musikgeschäft zu sagen: Wir sind wie ein kleiner Plattenladen in einer Welt von Amazon.

Am Anfang steht immer die Idee: Wann kam sie Euch – und was gab den Anstoß?
Wir lernten über den Regisseur Lars Jessen das Klimaprojekt „German Zero“ kennen. Darüber kam Sarah in den Kontakt mit der „Warenwirtschaft“ in Hamburg Ottensen. Die haben seit 13 Jahren einen Mitgliederladen ähnlicher Größe. Dann kam die Pandemie, und ich hatte nicht so viel zu tun. Irgendwann im Sommer 2020 meinte Sarah: „Sowas wie die Warenwirtschaft müsste man hier im Stadtteil haben. Diese (Bio-)Discounter sind doch scheiße“. Das fand ich einfach eine zu geile Idee. Und dann haben wir gemerkt, dass der Matratzen Concord gegenüber seit Corona nicht mehr aufmacht. Und irgendwie ging es dann los. Als erstes sind wir zur Warenwirtschaft, die uns direkt mit wichtigen Informationen und Tips geholfen haben.

Ging es von diesem Moment schnell zur realen Umsetzung?
Ja, weil die Immobilie, sprich der Laden, eine recht günstige Lage hat und uns klar war, dass wir schon alles am Start haben müssen, um den Vermieter auf unsere Seite zu kriegen. Wir haben dann sofort ne Firma gegründet, so getan als hätten wir die Immobilie schon und haben dann sofort die Finanzierung gestemmt. Dabei haben wir alle möglichen regionalen Händler und Zulieferer getroffen. Ich hing dann teilweise morgens im Tonstudio und nachmittags saß ich bei nem Gemüsebauern und hab mir Preise erklären lassen.

Laune der Natur, Winterhuder Weg 65, 22085 Hamburg (Photo: Gesche Jäger)


Und wie leicht / wie schwer empfindest du die Umsetzung der Idee bislang?
Leicht oder schwer sind vielleicht nicht die richtigen Kategorien. Man braucht halt ein paar Nerven. Und die waren mal mehr da und dann wieder weniger. Manche Sachen waren tatsächlich auch von der Struktur ähnlich wie im Musikgeschäft. Das fand ich abgefahren, aber dann auch logisch. Kleine Produzenten vs große Konzerne. Regionale Großhändler versus Riesen-Einkäufer. Immer also Indie vs. Major. So ist halt der Kapitalismus. Aber ich finde erfrischend, dass man mehr Gestaltungsmöglichkeiten hat als in der Musikbranche heutzutage, wo ja alles nur noch auf 2-3 Anbieter hinaus läuft und alle anderen deren Zulieferer sind. Vielleicht ist der Vergleich aber auch zu weit her geholt….

Übernimmt man quasi das Repertoire so wie man es woanders gesehen hat?
Sarah hat als Journalistin aus dem Foodbereich und als ausgezeichnete Köchin einen wirklich guten Überblick über das Sortiment. Das Grundsortiment haben wir dann mit unserem regionalen Hauptpartner NATURKOST NORD zusammen gestellt. Die haben uns wirklich super unterstützt. In der Welt der Discounter machen inhabergeführte Bioläden ja auch eher zu als auf. Die fanden das schon unterstützenswert, dass wir das machen wollen.

Wieviel Möglichkeitsräume für eigenes Programm und eigene „Deals“ gibt es denn abseits des klassischen Einkaufs bei den üblichen Großhändler:innen? Also mit einem speziellen Bäcker beispielsweise oder Cafeanbauer oder Weinanbauer…
Muss man sogar machen. Wir arbeiten momentan mit zwei unterschiedlichen Bäckern, die uns jeden Morgen ihr leckeres Brot bringen. Bei Kaffee arbeiten wir im wesentlichen mit der Hamburger Bio-Rösterei Maya Kaffee, die fairen und hochwertigen Kaffee verarbeitet. Bei Wein haben wir einen vertrauenswürdigen Großhändler für Bioweine. Wir wollen das Netzwerk hier aber noch weiter verfeinern.

Was sind bis dato die größten Herausforderungen gewesen?
Die letzten Monate vor Eröffnung. Finanzierung und Baustelle. Ich konnte bisher einigermaßen ne Waschmaschine anschließen. Aber dann hatte ich auf einmal Crashkurse in Kühltechnik und Lagerhaltung. Typischer Moment: Eine Kühlanlage im Wert eines Kleinwagens (die wir auch angeschafft haben, um Strom zu sparen) wird in Betrieb genommen und auf einmal sagt der Kühltechniker: „Da braucht ihr aber noch ne Abluft für 5.000 Euro“. Da hatte er aber schon alles eingebaut. Sowas geht an die Nerven, aber inzwischen liebe ich unsere Kühlanlage wie einst meine erste Stereoanlage.

Hat sich die Pandemie auf die Vorbereitung und Eröffnung des Ladens ausgewirkt? Im ersten Moment denkt man sich ja schon: krass mutig während einer Pandemie ein neues Unternehmen zu gründen…
Die hat uns unerwartet in die Karten gespielt. Die Biobranche hat in den letzten Jahren zugelegt insgesamt. Und in der Pandemie sind dann alle nochmal vermehrt in Bioläden gerannt. Es gab einen großes Umsatzplus. Damit konnte man dann bei Finanzierungsgesprächen punkten. Obwohl das ja im wesentlichen die Discounter betraf. Trotzdem waren die Türen einigermaßen offen für uns.

Wir schleppen bei Kaput ja den Untertitel „Magazin für Insolvenz & Pop“ mit uns herum, deswegen mal direkt gefragt: Hast du auch schlaflose Nächte, ob sich die Investitionen denn wieder einspielen lassen?
Ja, klar. Alles andere wäre absurd. Hat doch jeder Selbständige. Das wird aber immer weniger gerade.

Bietet ihr für Ältere, Kranke und auch Leute in Quarantäne denn Lieferservice an?
Wir möchten erstmal aktiv keinen Lieferservice anbieten. Aber tatsächlich haben wir ein paar, bei denen wir es machen. In unserer Straße wohnen z.B. zwei ältere Schwestern im vierten Stock ohne Fahrstuhl. Als wir im Mai eröffneten waren die glücklich, dass wir direkt nebenan sind. Aber dann brach sich einer der beiden den Arm und wir haben dann sofort gesagt: Rufen Sie an und dann bringen wir Ihnen was. Das machen wir auch noch bei einer anderen Dame. Das läuft alles so über Nachbarschafts-Funk. Ist jetzt keine Erweiterung der „Geschäftsidee“. Das gehört sich einfach.

Nun kennt man dich im Kaput-Universum und weit darüberhinaus als Musikmanager, der sich um die Belänge von Blumfeld, Jochen Distelmeyer solo, Slime und vielen mehr kümmert. Wie gehen deine neuen Bioladen Ambitionen und diese Welt denn zusammen? Ein neues Unternehmen braucht ja erstmal extra viel Zeit…
Ich hab da ein bisschen runter gefahren und mich von einigen Künstlern getrennt. Ich mach noch einen Musikverlag mit Lizenzfirma zusammen mit dem Hamburger Produzenten Swen Meyer. Da kommen nächstes Jahr ein paar Sachen. Auch mit Jochen (der gerade im Laden war) arbeite ich weiter. Das bekomme ich auch alles hin, weil ich ein gutes Netzwerk habe. Wir haben im Bioladen inzwischen ja auch ein top Team am Start.

Wie haben denn die Künstler:innen reagiert?
Total positiv. Die sind froh, dass ich keine Kneipe aufgemacht hab!

Welche Platten liefen beim Renovieren?
Sowas wie Neil Young, Wilco, Kevin Morby – also alte und neue Bio-Musik, hahaha. Dann viel Balkantechno (gibt es das als Genre?). Jedenfalls kamen einige Bauarbeiter aus dem Kosovo. Spitzentypen. Mit einem bin ich heut noch in Kontakt.

Und wie sieht es mit der Musik jetzt im Tagesbetrieb aus? Stellst du da eine Playlist zusammen? Und kommen einige der sich auf dieser befindlichen Musiker:innen als Kund:innen vorbei?
Da läuft wirklich alles. Morgens vor Aufmachen (wenn alles vorbereitet wird) hör ich tatsächlich gerne alten Jazz. Stan Getz, Yusuf Lateef, irgendwie sowas. Ich hab tatsächlich sehr viel mehr Zeit Musik zu hören jetzt. Find aber auch interessant, was die anderen so hören, die jetzt nicht soviel mit Musik zu tun haben. Es ist einfach bunt. Gestern fiel mir auf einmal die Old School Platte „Strictly Business“ von EMPD ein, und dann läuft die halt. Dann macht einer Wanda an und auf einmal sagen 5 Kunden in der Stunde „bei euch läuft immer so gute Musik“. Dann quatsch ich mit unserem mit mir gleichaltrigen Mitarbeiter Andreas über das Teenagersein in den 80ern und es geht los mit Depeche Mode.
Feist und ihre Band waren mal da. Kampnagel ist nicht weit von hier und die hatten da mehrere Shows im August. Als die rein kamen lief gerade Devendra Banhard. Und klar kommen auch Musiker aus meinem Umfeld mal vorbei.

Überhaupt: wieviel vom der Kundschaft bislang ist dir vorher schon bekannt gewesen?
Nicht so viele. Meine Frau wohnt schon länger in diesem Stadtteil. Aber inzwischen grüßt man mich auch hier ;)) Ich kenn das ja noch gar nicht, dass man aufgrund seines Berufes gegrüßt wird, während es noch hell ist.

Zum Abschluss würde mich noch interessieren, ob du mit den bisherigen Erfahrungen seit der Eröffnung zufrieden bist?
Ja, sehr. Ich bin dankbar das alles machen zu können. Wenn ich morgens Gemüse bestelle, dann mit einer Rapperin telefoniere und nachmittags mit Tocojan unseren Maya-Kaffee trinke, zwischendurch mit ein paar Omas über Gluten diskutiere und an der Kasse stehe –  dann war es wieder ein guter Tag!


Laune der Natur
Winterhuder Weg 65
22085 Hamburg

www.launedernatur.bio

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies and accept our data policy. More information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close