Abhitlern ist kein Menschenrecht

Zero Comments – Wieso ein Leben ohne Kommentarspalte besser wäre

In der Frühzeit von Social Media, vor allem von Facebook, stellten Kommentarspalten einen virtuellen Pausenhof dar. Real-Life-Friends traf man plötzlich online und laberte mit ihnen unter kruden Postings. Je größer die Sache wurde, desto mehr gab es her. Man lernte plötzlich mehr Leute über Kommentarspalten kennen als in der Kneipe, das Ganze wurde immer wichtiger und irgendwann ein Schlachtfeld. Matthias Schmid betrachtet daher hier das Phänomen Kommentarspalte. Und zwar von allen Seiten – also nicht erschrecken!

Ich habe mir ein paar Gedanken über Social Media gemacht und kam zu folgendem Fazit: Die Kommentarfunktion muss weg und zwar komplett…

Eigentlich schaue ich mir jeden Sonntag den Tatort an – zumindest die ersten 20 Minuten, bis ich ihn langweilig oder schlecht finde und dann so lange in mein Handy schaue, dass ich eh nicht mehr durchblicke. Irgendwann schalte ich dann aus oder um, eigentlich spätestens bei der Hälfte. Wenn ich mir aber noch nicht ganz sicher bin, was ich vom Sonntags-Krimi halten soll, schau ich auf den Tatort-Facebook- oder Twitter-Seiten vorbei, denn die Kommentierenden dort werden mir schon mitteilen, ob sie dem Tatort eher eine „Sechs ohne Stern“ geben oder ob es vielleicht sogar „der schlechteste Tatort aller Zeiten“ ist und sie „die Scheiße jetzt gänzlich boykottieren und die GEZ gleich mit“. Ok überzeugt, ich find ihn jetzt auch endgültig mies und stelle mir die Frage, ob ich meine Meinung diesbezüglich ebenfalls in die Kommentarspalte schreiben soll und wenn ja, warum? Einfach weil ich es kann! Es ist doch egal, ob mich irgendwer danach gefragt hat und es ist auch egal ob ich die Hälfte vom halben Tatort in mein Handy geschaut habe – ich habe schließlich eine Meinung und die gehört ins Internet. Und wer weiß, evtl. lesen die Seiten-Admins ja sogar genau meine vernichtende Kritik in 2 WÜTENDEN Caps-Lock-Sätzen und geben das an die Regie weiter und die darf sich deswegen ruhig schlecht fühlen und sich am besten direkt beruflich umorientieren.

Ich erinnere mich dunkel daran zurück, als zwischen Urhebenden und Rezipient*innen eine gewisse Distanz herrschte; dazwischen lag das „Produkt“ – von der einen Seite erschaffen, von der anderen Seite konsumiert. Oder eben nicht, weil es zu schlecht war oder zu beliebig oder belanglos. Und jetzt nehmen wir mal an, dass der Tatort wirklich der schlechteste aller Zeiten war – würde sich das nicht ohnehin an der Einschaltquote und der Kritik in der Presse bemerkbar machen und sich auch sonst irgendwie rumsprechen? Es war auch schon vor Social Media schwierig, richtig beschissen abzuliefern und ungeschoren damit durchzukommen.

Wenn ich heute aus Versehen ein schlechtes Buch in die Hände bekomme und dieses dann aus Versehen auch noch lese, suche ich mir den Autor oder die Autorin* einfach auf Instagram und schreibe unter den letzten Post den ich dort finde, dass er*sie eine dumme Drecksau ist. Als Band bringst du einen neuen Song raus und deine größte Sorge sind nicht mehr die Verrisse durch die Fachpresse, sondern die Hater*innen bei Youtube. Oder du überlegst es dir zweimal, ob du einen Song mit einer gewissen Haltung überhaupt veröffentlichst, weil deine Kommentarspalte danach voller rechter Trolls ist, die dir die üblichen Vernichtungsfantasien an den Hals wünschen und du nicht genau einschätzen kannst, ob eine Drohung im digitalen Raum am Ende vielleicht im Real Life wahr gemacht wird.
Wer heutzutage irgendwas veröffentlicht, muss ab einer gewissen Reichweite immer mit Gegenwind rechnen und diese Tatsache nimmt definitiv bereits im Vorfeld Einfluss auf den kreativen Schaffensprozess.

Natürlich ist nicht zu leugnen, dass die Kommentarspalte oftmals auch eine Art Kontrollinstanz ist, also als direkte Reaktion auf richtigen Bullshit sehr wichtig sein kann. Nicht umsonst wird umgehend die Kommentarfunktion auf der eigenen Seite deaktiviert, nachdem man sich öffentlich in die Nesseln gesetzt hat, z.B. in einer WDR Talkshow wie die peinlichste Kartoffel rüberkam. Will ich mir dann selbst – ganz Voyeur – den Shitstorm reinziehen, bin ich freilich enttäuscht, wenn ich sehe, dass Janine Kunze vorsorglich die Kommentarspalten ihres Profils off nahm. Aber ist es denn tatsächlich ein so wichtiger Beitrag zur Debatte, wenn das Quartett aus der Show noch von tausenden Kommentierenden beschimpft wird? Braucht es immer erst einen Shitstorm, um Fehlverhalten klar zu benennen? Die Empörung über den Schwachsinn der in „Die letzte Instanz“ verzapft wurde, war zurecht immens. Betroffene, die dort diskriminiert wurden, meldeten sich in Beiträgen, Instagram-Storys und Artikeln zu Wort und fanden so zum Teil erstmals Gehör in der breiten Masse. Das Format „Die beste Instanz“ drehte den Spieß sogar um und führte die Diskussion über Rassismus nun mit Menschen, von denen sie geführt werden muss – nämlich mit Leuten, die Opfer von selbigem sind und nicht dem privilegierten Part der Mehrheitsgesellschaft angehören. Ich befürchte nur, dass diejenigen, die im Auge eines Shitstorms stehen, überhaupt nicht mehr empfänglich für konstruktive Kritik sind, sondern angesichts des massiven Tadels, der auf sie einschlägt, reflexartig in Abwehrhaltung geraten. Und selbst wenn sich eine Person nach einem peinlichen Fauxpas scheinbar all die hereingedonnerte Kritik zu Herzen genommen hat und sich öffentlich entschuldigt, wird die Glaubhaftigkeit einer solchen Entschuldigung direkt mit dem nächsten Shitstorm angezweifelt – oftmals bestehen hier sicher tatsächlich berechtigte Bedenken an der Aufrichtigkeit. Vielleicht war das devote „Sorry“ nur ein wenig authentischer Move zur Image-Politur (um zurück zu Janine Kunze zu kommen…). Falls die Person ihre Fehler aber tatsächlich eingesehen hat, dann sicher eher dank fundiert hervorgebrachten Argumenten, die das Fehlverhalten benennen, erklären und idealerweise auch zerlegen und nicht etwa wegen unzähliger Beleidigungen unter der Gürtellinie. Natürlich sind in der Kommentarspalte während eines Shitstorms mehr als genug lesenswerte und zielführende Kommentare – aber glaubt jemand ernsthaft, dass die Person, an die die geballte Kritik gerichtet ist, sich das überhaupt alles durchlesen wird?

Letztlich ist also der einzige Mehrwert eines Shitstorms, dass man kurz ein Ventil für die eigene Empörung findet. Das mag subjektiv zwar kurzfristig befriedigend sein, auf Dauer aber wohl nicht gut fürs gesellschaftliche Klima und v.a. oftmals das angestrebte Ziel sabotierend, da lösungsorientierte Kommentare im Sturm untergehen.

Jetzt ging es bisher um Tatort-Regisseur*innen oder sonstige Kreativschaffende und vier Weißbrote in einer Talkshow – die Mehrheit der User*innen auf Social Media haben mit all dem aber ja gar nichts zu tun und sind letztlich mediale Endverbraucher*innen, also weder für schlechte Krimifilme in der ARD noch für dumme Stammtisch-Thesen im WDR verantwortlich. Aber auch wenn man selbst gar nicht Gefahr läuft, Adressat*in einer großen Menge (kritischer) Kommentare zu sein, so wäre dennoch allen auf Social Media damit geholfen, wenn es überhaupt keine Kommentarspalten mehr gäbe – naja, fast allen, denn viele Kommentare unter einem Beitrag generieren auch Reichweite und Reichweite ist das, was große Facebook-Seiten im Grunde genommen wollen; respektvolle Diskussionskultur nicht erwünscht und die verlinkte Netiquette nur vorgeschobenes Alibi. Allein deshalb ist der ganze Text hier von mir für die Katz, weil es natürlich niemals Social Media ohne Kommentarfunktion geben wird. Aber mal angenommen es wäre doch so, wie könnte das aussehen und wieso würde das so viel besser sein als jetzt?

Meine durchschnittliche Bildschirmzeit erschreckt mich Woche für Woche aufs Neue und vermutlich geht es vielen so. Aber wieso geht denn so viel Zeit für Soziale Medien drauf? Na weil es ständig was zu tun gibt! Neue Beiträge sichten, bewerten, abwägen, ob sie gefallen oder nicht, Kommentare lesen, überlegen ob man selbst einen Kommentar schreiben soll und so weiter und so fort. Social Media liefert aber ja auch Politik, Newsticker, Tagesgeschehen, gesellschaftlich relevante Themen – über all das informiere ich mich auf Facebook, Twitter & Instagram. Das Problem ist aber, dass sämtliche Themen bereits nach kurzer Zeit in den Kommentarspalten vereinnahmt werden. Wenn ich mir einen geposteten Artikel einer großen Tageszeitung anschaue, komme ich meist nicht drum rum, auch einen Blick in die Kommentare zu werfen und spare mir anschließend nicht selten den Artikel überhaupt zu lesen. Mein Bild wurde durch die Kombi aus Headline und Kommentaren bereits geformt.
Jetzt kann man sagen, dass es doch schön ist, wenn alle stets die Möglichkeit haben, zu jedem Thema auch direkt die eigene Meinung abzugeben. Die Praxis zeigt uns allerdings, dass das schlicht nicht möglich ist, ohne völlig zu eskalieren. Und um so eine Eskalation zu verhindern, ist wiederum die Zivilcourage von anderen User*innen gefragt, die Hasskommentare melden oder sich irgendwelchen Menschenfeind*innen beherzt entgegenstellen – die großen Seiten kommen einer Moderation ihrer Kommentarsektion meist nur ungenügend nach. Wieso auch, viele Kommentare schaffen ja Reichweite, wie bereits erwähnt. Die Taktik, ein kontroverses Thema möglichst provokant anzuteasern und dann zu warten, bis sich der Mob in der Kommentarspalte tummelt, geht ja vollends auf. Hate Speech? Zero fucks given…

Ok, dann wird mir schon klar, wieso jede Woche so viel Bildschirmzeit zusammenkommt; ich muss neben dem üblichen Social Media Kram, den es zu erledigen gilt, ja noch sämtliche Kommentarspalten durchforsten, damit dort nicht irgendwelche Internet-Faschos ungestört abhitlern können. Ich mach das, weil es nötig ist, aber ehrlich gesagt wäre ich froh, wenn das gar nicht erst anfallen würde.

Versteht mich nicht falsch, ich will niemand die eigene Meinung absprechen (außer sie ist halt ein Verbrechen, dann eigentlich schon). Aber jede*r hat ja nach wie vor ein eigenes Profil, auf dem gepostet werden kann, nur könnte unter diesen Posts halt niemand mehr kommentieren. Aktuelle Themen können weiterhin von vielen User*innen behandelt werden und mit der Hashtag-Suche kann man sich auch unterschiedliche Positionen über eine gewisse Thematik anschauen.

Liken und Teilen wäre natürlich nach wie vor erlaubt und um unterirdische Beiträge abstrafen zu können, wäre auch eine „Dislike“-Funktion sinnvoll. Über den viralen Erfolg eines Beitrags würde fortan aber nicht mehr das Echo in der Kommentarspalte entscheiden, sondern die Qualität des jeweiligen Beitrags.
Ich versuche das mal anhand eines Beispiels zu veranschaulichen:
Die „Nürnberger Zeitung“ postet einen Artikel, in dem es um gendergerechte Sprache geht. Bisher konnte man die Sekunden zählen, bis sich User „Achim SchwarzRotGeil“ zu Wort gemeldet hat und seine unqualifizierte Meinung in die Kommentarspalte tippte. Achim blieb selten allein, denn sein Kommentar hatte eine multiplizierende Wirkung auf viele andere User*innen mit ähnlicher Gesinnung. Diese stärkten Achim mit einem beipflichtenden Kommentar den Rücken und äußerten ebenfalls ihren Unmut über ein Thema, für das ihnen jedoch offensichtlich die Expertise fehlt. Solche Beispiele beobachte ich jeden Tag in den Kommentarspalten großer Seiten und meistens sind es rechtspopulistische Meinungen, die dort von sogenannten „Wutbürger*innen“, wie dem fiktiven Achim hier, vertreten werden.

Schaue ich mir aber das Emoji-Reaktions-Verhältnis vieler Artikel an, zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab. Dort gibt es in der Regel viel mehr Zuspruch für gewisse Themen, als die Kommentarspalte vermuten lässt. Kommentare sind nämlich „lauter“ als Likes und wenn 500 Menschen einen Artikel liken, der z.B. einen Vegi-Tag in der Kantine fordert, so werden doch vornehmlich die 50 Trottel wahrgenommen, die in der Kommentarspalte irgendwelche Boomer-Jokes à la „VeGaNeR eSSeN mEINnem EsSen dAs ESseN wEg“ schreiben. Und weil diese Kommentare so allgegenwärtig sind, bestimmen sie auch den politischen Diskurs, während die Seitenbetreiber*innen tatenlos dabei zusehen und sich die Hände reiben. Hauptsache viel Interaktion auf der Seite, was ja – wie wir wissen – Reichweite bedeutet.

Ich stelle also einfach mal die These auf, dass Kommentarspalten voller Hate Speech, Diskrimierung und Beleidigungen ein falsches Bild der Gesellschaft vermitteln aber durchaus ihren Teil zum Rechtsruck beitragen.
Was würde „Achim SchwarzRotGeil“ nun machen, wenn er eben nicht mehr die Möglichkeit hätte, sich täglich auf diversen Facebookseiten seiner Wahl über „Political Correctness“ zu echauffieren? Naja, er könnte z.B. auf seinem eigenen Profil schreiben, was er von gendergerechter Sprache oder vom Vegi-Tag in der Kantine hält. Und es würde kein Schwein interessieren.

Der direkte Austausch in der Kommentarspalte hat natürlich auch viele Vorteile. So bin ich z.B. in verschiedenen Facebook-Gruppen aktiv, die drehen sich dann grob um ein Überthema, z.B. Punkmusik. Die Qualität der Kommunikation in solchen Gruppen, ist aber eine ganz andere. Es gibt Gruppen-Admins, die stets um Moderation bemüht sind, sollten die Gemüter mal erhitzt sein und eine gewisse Diskussionskultur wird anhand einer Netiquette konsequent durchgesetzt. Solche Gruppen oder Foren sind natürlich weiterhin Teil meiner Social-Media-Utopie, dort scheint die Kommunikation anscheinend ja deutlich besser zu funktionieren, als außerhalb solcher „Schutz- & Schonräume“.

Direktnachrichten wären auch nach wie vor möglich, natürlich auch Gruppenchats. Und mit Sicherheit werden auch weiterhin viele gehässige Nachrichten, Drohungen und Beleidigungen via DM einflattern – dennoch ist die Hemmschwelle, eine Person oder eine Seite direkt anzuschreiben, um sie zu diffamieren, sicherlich höher, als schnell mal irgendwo einen Hasskommentar dazulassen, wo ohnehin schon viele andere stehen. Außerdem fällt es den Adressierten vermutlich leichter mit einer solchen Konfrontation umzugehen. Ein Kommentar steht im öffentlichen Raum und eine möglichst schlagfertige Antwort darauf wird eigentlich vorausgesetzt. Löscht man den Kommentar, kommt direkt der nächste, inklusive Zensurvorwurf. Anfeindungen per Direktnachricht sind hingegen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und somit ist es auch deutlich leichter die pöbelnde Person auf Ignore-Modus zu schalten oder zu blockieren.

Ich sehe im Abschalten der Kommentarfunktion übrigens auch deutliche Vorteile hinsichtlich der Bekämpfung von Cybermobbing und der Verbesserung von Mental Health. Kommentarspalten, in denen nicht nur Beifall geklatscht wird, erzeugen psychischen Druck bei den Menschen, die davon betroffen sind. Besteht erst gar nicht die Option, auf diesem Wege beleidigt zu werden, wäre der Umgang mit den Sozialen Medien ein viel befreiterer für alle.

Und letztlich würde sich meine Bildschirmzeit wohl deutlich minimieren, was irgendwie auch nicht so schlecht wäre.
Die Grafik hab ich btw in Anlehnung an die „zero covid“ CI gemacht, fand ich witzig. Wenn’s jemand nicht passt und er*sie findet, dass ich deshalb aufgeschlitzt gehöre oder so – schreibts mir einfach in die Kommentare.
Text: Matthias Schmid

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