25 aus 2000-2025

Der reduzierte und mitreißende Ursprung: Lucrecia (Dalt) “Congost”

Lucrecia Dalt
“Congost”
(Pruna Recordings 2009/2010)

2014 war ich bereits zum fünften Mal auf dem wundervollen Festival für Menschen, die keine Festivals mögen: dem „Madeiradig“ – mitten im Atlantik auf jener einst verschnarchten portugiesischen Blumen-, Wander- und Rentnerinsel, die inzwischen leider gentrifizierte Digitalnomad:innen-Hochburg geworden ist. Das Festival endete auch daher im letzten Jahr. Und es war, wie mein Festival-Nachbar und ebenfalls ‚lebendes Inventar‘ Jens Balzer einmal sagte, die ideale Mischung aus Noise und Wellness.

In jenem Jahr 2014 jedenfalls war ich (wie auch schon 2017 und 2022) mit einer phantastischen Gruppe von Pop-Studierenden von der Uni Paderborn vor Ort. Unvergessen bleiben – neben dem eigentlichen Superstar des Festivals, dem Setting, sowie etlichen tollen Wanderungen, Ausflügen, Chill-outs, Workshops, Talks und auch Partys – diverse Auftritte, aber ganz besonders das Aftershow-Set der mir bis dahin unbekannten Multiinstrumentalistin und transdisziplinären Künstlerin Lucrecia Dalt.

An den Klippen des wirklich wilden Atlantiks zu stehen (siehe das Foto aus 2010 an der Hafenpromenade in der madeirensischen Hauptstadt Funchal nach heftigen Stürmen) und zumeist elektronische und oft sehr experimentelle Popmusik zu hören, ist ein purer kleiner Luxus (für manche wahrscheinlich ein großer) – und schon ordentlich prädestiniert. Oder wie es eine Studentin damals auf den Punkt brachte: „Wie geil ist das denn?“

 

In diese Euphorie hinein schlich sich Dalts Solo-Konzert mit vielen (Effekt-)Geräten auf der hinter dem Festival-Hotel gelegenen DJ-Bühne am Tanzfelsen von Ponta do Sol. Dalt verzauberte uns – und mich. Das meine ich nicht blöd jungsmäßig, auch wenn das damals durchaus ein Vorurteil einiger Freundinnen war. Der Männeranteil unter den auf Dalt zustürmenden Neugierigen, inklusive des Wunsches nach Tonträgern (gab es auch aus ihrem Koffer) nach der viel zu kurzen Show, war alltagsempirisch eindeutig. ‚Fair enough‘ – wir schienen popmusikalisch blitzverknallt.

Für mich aber waren ganz andere Triggermomente am Werk: im positiven Sinne gleichzeitige, merkwürdige Erinnerungs- und Zukunftsmusikmomente. Ich fiel regelrecht in diesen einzigartigen Auftritt hinein, sicherlich stimmungsmäßig durch die beschriebene wundervolle Rahmung umgarnt. Lucrecia Dalt knüpfte für mich an für mich wichtige, weil rätselhafte Ästhetiken von Acts aus den Achtzigern an – etwa Wire (in ihrer weicheren Phase), deren Colin Newman mit seiner Partnerin Malka Spigel (von Minimal Compact), oder an die ungruftige, un-punkige Version von Tuxedomoon und ihr unglaubliches Album „Holy Wars“ von 1985, bevor ihr Winston Tong verschwand.

Auch dank des Kölner Autors Oliver Tepel war ich damals ohnehin wieder unterwegs zurück in die Zukunft im schillernden Kosmos art-new-no-wavig-synthie-avant-pop-post-punkiger mitteleuropäischer Labels wie „Les Disques du Crépuscule“ oder „Crammed Records / Cramboy Records“. Gleichzeitig aber glaubte ich viele verhuscht-postrockige späte Neunziger- und frühe Nuller-Momente wie Tarwater, Lali Puna, Múm oder auch Notwist herauszuhören. Nicht zuletzt war die wunderbare Gudrun Gut ja eine frühe Unterstützerin der gebürtigen Kolumbianerin. Kurzum: Lucrecia Dalt vereinte, ob sie es wollte oder nicht, meine persönliche popmusikalische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ihren Liedern.

Ich fragte Lucrecia nach diesen Referenzen – sie waren ihr damals aber wohl weder bewusst noch bekannt. Progressives Gestern also. Zudem trug Dalt für mich ganz viel Berliner (s.o.) und barcelonesische Clubkultur der Jahrtausendwende mit sich herum, ob nun selbst erlebt oder imaginiert. Ganz im Hier und Jetzt und im Eigenen verharrten ihre Sounds und Songtracks an der hohen madeirensischen Klippe und deuteten doch bereits Strahlen und Skizzen der Zukunft an, wie sie sich im weiteren Schaffen von Dalt zwischen Musik, Film, Theater, Performance und Experiment noch intensiver zeigen sollten – bis hin zu den abstrakteren Alben „Anticlines“ (2018) und „¡Ay!“ (2022).

Zudem bildet Lucrecia Dalt für mich – und da sind wir dann auch beim Vierteljahrhundert, grundlegend auf dem „Madeiradig“ angekommen – eine Art performende, melancholische und irgendwie sehr bescheiden wohltönende Mitte und Schnittmenge all des Krachigen (zum Beispiel Pharmakon), Abstrakten (zum Beispiel Lee Ranaldo), Konkreten (zum Beispiels Amnesia Scanner), Artifiziellen (zum Beispiel Sonic Boom) und auch zutiefst Menschlichen (zum Beispiel Grouper). Diese 15 Jahre mit Lucrecia Dalt mitten darin und mittndrin im Ozean saugten vieles auf, ab und aus. Sie öffneten mir (wieder) neue Welten – und Dalt mit ihrer Musik auch den Zugang zur spanischen und portugiesischen Sprache sowie zu sympathisch abseitigen Popmusiken jenseits des Erwartbaren: etwa Melenas (inklusive Grauzone-Cover „Osar Polar“), Nicolás Jaar, Föllakzoid, Lorelle Meets The Obsolete/J.Zunz, Rodrigo Leão und viele mehr.

Foto: Madeiradig 2010, Funchal (Photo: Christoph Jacke)

Die Seminar-Exkursion versuchte seinerzeit übrigens ein Interview mit Lucrecia – das jedoch von allen Seiten gut begründet eher von Zurückhaltung geprägt und daher nicht im Sinne einer Publikation erfolgreich war. Vielleicht aber in anderen Sinnen. Also schade und schön zugleich.

Eigentlich nennt sich Lucrecia auf ihrem frühen zweiten, mir in zwei Varianten (die sich in drei Songs unterscheiden) vorliegenden Album „Congost“ zunächst noch ohne „Dalt“ (auf einer der Varianten). Ihren vollen Namen sollte sie also erst noch finden. Gleichwohl zählt dieses frühe Album der Wahl-Barcelonesin und -Berlinerin unweigerlich zu ihrer Haltung voller Art-/New-Wave-, Indietronics-, Postrock-, Folk- und Songwriting-Experimente und -Ausflüge. Später probierte sie viele abstraktere Stile aus. Mittlerweile arbeitet sie mit prominenten und adäquaten Gästen wie ihrem Lebenspartner David Sylvian, die die Mischformen all ihres Könnens und ihrer Künste verzieren – wie es sich aktuell ziemlich sagenhaft auf dem neuen Album „A Danger to Ourselves“ manifestiert. Und da schließt sich mein Kreis: David Sylvians „Gone to Earth“ war 1986 tatsächlich meine erste CD. Was für ein Sound.

„Congost“ bleibt für mich der reduzierte und mitreißende Ursprung ihrer Musik – höre „Ara“ oder „Extraña Colección“. Ich habe sie seither in diversen Mixes, Sets und Sessions immer wieder gehört oder gespielt und mich in diese farbige Wolke hineinfallen und für (m)eine große Liebe öffnen lassen. Denn darin – in Songs, Wolke, Liebe und mir – lebt etwas so Unergründliches, Unerklärliches, zwischen Tag- und Nachttraum, zwischen all den traurigen und wunderschönen Dingen.
Lucrecia Dalt vertont mit ihrer zarten und gleichzeitig kraftvollen Musik mein berührendes Leben, ohne dass ich ihre Muttersprache spreche. Ich denke aber, ich verstehe. Ich schwebe mit meiner Liebe ins nächste Vierteljahrhundert.

P.S.:
Eine Auswahl zu treffen, ist enorm schwierig. Und bei engerer Selektion werde ich auch irgendwie lustlos – je enger, desto missmutiger, Komplexitätsreduktion superbrutalo sozusagen. Und auch schon etwas stupid. Wie soll ich meine Musikwelten derart stark verdichten? Deswegen sei hier ‚spontan‘ auch erinnert an die aus unterschiedlichen Gründen letzten Alben von Nikki Sudden, Rowland S. Howard, The Jazz Butcher, Boards of Canada, The Postal Service, Kim Gordon mit Sonic Youth, Mazzy Star, Shellac, The Chills, Surrogat sowie die ersten Alben von Gewalt, HTRK, Messer, Die Nerven, Karies, Die Heiterkeit, Candelilla, Friends of Gas, Burial, Bersarin Quartett, Kim Gordon ohne Sonic Youth und so weiter – und an die immerwährend superben Alben von Aldous Harding. Erst aus diesen sowie vielen anderen, mitunter vergessenen und eben Lucrecia Dalt ergibt sich der von mir wahrgenommene Soundtrack 2020–2025.

 

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