Kollektiv Cut präsentiert "Surrealism. Re-scored"

„Der Anspruch, den ein Kurzfilm an die Schaffenden stellt (…) ist durch die Präzision der Form so hoch, dass er zu einem Nachdenken über ästhetische Praxis an sich bewegt.“

Photo: Justus Sartorius

Ende Februar zeigte das Kollektiv Cut unter dem Titel „Surrealism. Re-scored“ im Film- und Konzertraum des Droog vier Kurzfilme, die simultan von unterschiedlichen Künstler:innen musikalisch interpretierend begleitet wurden. Dormsessions, eine von Studierenden geführte Plattform für junge Musiker:innen, war dabei Kooperationspartner.

Cut, ebenfalls bestehend aus Studierenden der Universität Amsterdam, veranstaltet schon seit Längerem Vorführungen. Das Kollektiv steht exemplarisch für eine Filmkultur Amsterdams, die zu einem sehr bedeutenden Teil von Studierenden getragen wird. Zu nennen wären etwa De Uitkijk oder Kriterion: Kinos, die von Studierenden betrieben werden und Programme jenseits des Allbekannten und Alltäglichen kuratieren. Sie verschreiben sich damit einer Form der Filmkultur, die dem Ort des Kinos und der Aufführung verbunden bleibt.

„Surrealism. Re-scored“, von über hundert Menschen besucht, setzte dabei auf eine besondere, unterrepräsentierte und unterschätzte Form des Films: den Kurzfilm. Auch wenn der Surrealismus vielleicht nicht unbedingt das ist, was diese sehr verschiedenen Filme per se miteinander verbindet, entfaltete sich durch die Musik ein neuer Dialog mit den Bildern – und für viele Anwesende vielleicht auch eine andere, neue Weise des Sehens.

Der Kurzfilm: Präzision und ästhetische Aufgabe

Klassiker des Kurzfilms öffentlich vorzuführen, scheint im Allgemeinen eine mit hohem organisatorischen und kuratorischen Aufwand verbundene Seltenheit zu sein – vor allem außerhalb eines institutionellen Rahmens wie eines Museums, eines Festivals oder eines Universitätsseminars. Es braucht Filmrechte, einen Raum, Werbung und so weiter. Über allem schwebt dabei das Damoklesschwert zunehmend gekürzter Kulturgelder und damit die Frage, wie sich eine Vorführung von Filmen finanzieren lässt, die schließlich über YouTube für jeden verfügbar sind. Warum sollte man dafür Geld zahlen?

Sicherlich setzen auch viele Kinos mehr und mehr auf Klassiker, teilweise mit Erfolg. Doch beim Kurzfilm scheint die Sache noch vertrackter. Die kleine Form ist aus verschiedenen Gründen gegenüber dem klassischen Langspielfilm schwieriger vermarktbar und erregt weniger öffentliches Interesse. Auch auf der schaffenden Seite wird sie vielleicht eher als Sprungbrett gesehen: für Künstler:innen, die sich aus rein ökonomischen Sachzwängen auf das Kürzere festlegen, in der Hoffnung, irgendwann davon zum Längeren getragen zu werden.

So erscheint der Kurzfilm heute oft als Produkt von Abschlussarbeiten an Filmhochschulen oder als Zwischenprojekt – mehr instrumentalisiert als ästhetisch ernst genommen. Als Nebenprodukt. Etwas, das man sich einfach einmal schnell ansieht oder einfach einmal schnell macht.
Dabei schreibt Andrei Tarkowski in seinem großen filmästhetischen Werk Die versiegelte Zeit gleich in zweifacher Weise vom Kurzfilm als eigener Kunstform: „In Wirklichkeit ist es fast schwieriger, einen Kurzfilm als einen Langfilm zu drehen, weil dafür ein äußerst präzises Formgefühl erforderlich ist.“ (Tarkowski: 114) Und etwas weiter: „So versäumten wir es also, eine Kurzfilmarbeit zur Präzisierung und Klärung unserer ästhetischen Aufgaben zu nutzen.“ (Tarkowski: 114)

Der Kurzfilm stellt also einen gewissen Anspruch: ein präzises Formgefühl. Und in diesem Anspruch liegt nach Tarkowski zudem ein Erkenntnispotenzial, das ein Langspielfilm nicht in gleicher Weise erfüllt – die angesprochene Klärung ästhetischer Aufgaben. Dass er dabei nicht vom Experimentieren und Suchen spricht, macht er an späterer Stelle klar: „[…] nichts ist sinnloser, als Worte wie ›Suche‹ oder ›Experiment‹ auf ein Kunstwerk zu beziehen.“ (Tarkowski: 119) Der Kurzfilm ist also nicht einfach nur Mittel, um zu etwas anderem zu gelangen – dem Langspielfilm. Der Anspruch, den ein Kurzfilm an die Schaffenden stellt und, wie ich behaupten würde, auch an die Zuschauer:innen, ist durch die Präzision der Form so hoch, dass er zu einem Nachdenken über ästhetische Praxis an sich bewegt.

Vier Filme von der Reflexion der Illusion

Im Fall des Abends handelte es sich um vier Kurzfilme aus unterschiedlichen Ländern. Gezeigt wurden zwei Realfilme: „Vormittagsspuk“ (1928) von Hans Richter und „Meshes of the Afternoon“ (1943) von Maya Deren, begleitet von der Musik des Jazz-Trios Before Breakfast. Anschließend folgten zwei Animationsfilme: „Kidnapping of the Sun and the Moon“ (1968) von Sándor Reisenbüchler sowie „An Optical Poem“ (1938) von Oskar Fischinger.
Kreos, ein Musik- und Liveperformance-Projekt, arbeitete bei den letzteren beiden mit InDesign und sorgte für ein Spiel zwischen den deutlich abstrakteren Bildern und elektronischen Klängen.

In „An Optical Poem“ wird man mit bunten, ausgeschnittenen Kreisen konfrontiert, die sich symmetrisch anordnen, teilen, aufblinken und leuchten. Unweigerlich denkt man dabei an Bildwelten des Digitalen: an Fenster eines Desktops und natürlich an die Form der Linse, transformiert und wiederholend gedoppelt. Assoziationen, die durch die musikalisch generierten elektronischen Klänge weiter beflügelt werden.
Fischinger, ein aus Deutschland nach Amerika emigrierter Regisseur, ist dabei besonders interessant, da er sich – inspiriert durch Walter Ruttmann, aber auch Hans Richter – intensiv mit dem Verhältnis von Bild und Rhythmus auseinandergesetzt hat.

Richters „Vormittagsspuk“ wiederum wird durch die Improvisation des Jazz-Trios, vor allem im Zusammenspiel der Trompete mit einem assoziativen, hauchenden Gesang, zu einem Dialog der Luft. Das wohl ikonischste Bild des Films sind die fliegenden Hüte, die auf die Bewegung des unbelebten Objekts, der Ware, durch eine scheinbar unsichtbare Kraft verweisen. Einen Strom.

Noch im selben Jahr, 1928, wird Hans Richter mit Inflation versuchen, die Bewegung des Kapitals mit den Mitteln des Films sichtbar zu machen.
Maya Deren, als eine der bekanntesten Vertreterinnen der amerikanischen Avantgarde und zugleich eine Pionierin des Kurzfilms, hat mit „Meshes of the Afternoon“ ein Werk geschaffen, das als wegweisend gilt. Der Autor und Filmregisseur Peter Weiss bezeichnet es in seinem Essay Avantgarde Film als „Traum im Traum“, in dem „selbst die Wirklichkeit die Substanz eines Traums besitzt“. (Weiss: 109)
Es ist das Wiederholende des albtraumhaften Traums, das auch die Improvisationen aufgreifen und dabei zugleich auf den assoziativ improvisierenden Charakter des Unbewussten verweisen.

Zur Geltung kommt hier eine für das Medium Film ästhetisch bezeichnende Bewegung: das, was die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch mit dem Begriff des „Illusionsbildes“ als „reflexive Brechung der Wirklichkeit“ bezeichnet. (Koch: 29) Ein Bild also, bei dem wir nicht glauben müssen, dass das Gezeigte wirklich ist, wohl aber an eben diese reflexive Bewegung. Bei Deren wird etwa immer wieder die reale, einengende Häuslichkeit patriarchaler Gewalt betont, die sich in den Bildern reflektiert.

„Kidnapping of the Sun and the Moon“ ist ein ungarischer Film, der dabei vielleicht besonders zur Geltung bringt, was Film in einem metaphorischen Sinn sein kann: ein Triumph des Lichts. Eine Anregung zur Tat.

Cut schuf in Amsterdam etwas, das dazu einlud, sich dieser Bewegung zu stellen – und zeigte zugleich, dass Film die Aufführung braucht: ein gemeinsames Sehen, einen Austausch mit sich selbst und mit anderen, eine Konzentration und ästhetische Auseinandersetzung mit diesen präzisen Bildwelten, die im weitesten Sinne dazu provozieren, zu sehen, zu denken und zu handeln.

Justus Sartorius

Photo: Justus Sartorius

Literatur

  • Koch, Gertrud: Die Wiederkehr der Illusion. Der Film und die Kunst der Gegenwart. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2016.
  • Tarkowski, Andrej: Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films. Berlin: Alexander Verlag, 2021.
  • Weiss, Peter: Avantgarde Film. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1955.
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