Hass im Spaßbad

Führer und van Oystern – Die Tour zum Kontostand

Unsere Premium-Autoren Ferdinand Führer und Roland van Oystern führen eine vorbildlich gepflegte Facebook-Seite, die an Humorgehalt und Informationsdichte ihresgleichen sucht. Während andere Leute einfach irgendwas hinschreiben, grübeln sich die beiden für jeden einzelnen Post nächtelang die Hirnrinden wund. Im Herbst gehen sie auf Tour und erzählen – passend zur Kaput-Unterzeile „Insolvenz und Pop“ –  von ihrem Kontostand, Termine siehe unten. Unerlässlich für die Entspannungsfreaks war bei den Vorbereitungen das Aufsuchen diverser Wellnessinstitutionen. Und wie das dann aussieht, kann man hier nachlesen im exklusiven Bericht.

Hass im Spaßbad

27 Euro p.P., geht’s noch!? Wir wollten das scheiß Bad nicht kaufen, wir wollten einfach ein bisschen Fun und Sauna! Auch uns steht so was nämlich zu. Aber da hatten wir die Rechnung wohl ohne den Wirt gemacht, der in diesem Fall das Bade-, Sauna- und Wellnessparadies Titania Neusäß war.

Ein rechtschaffener Saunagänger nimmt an drei bis vier Aufgüssen teil im Laufe seines Aufenthalts, trägt auf gar keinen Fall so einen Seppelfilzhut und hält einfach sein Maul. Nicht so im Titania Neusäß. Vom Hamam bis zum Laconium verfolgt einen das Geschwätz der intelligenzgeminderten Neusässer.

Gleich der erste Aufguss stellt sich als Weizenbieraufguss heraus. Statt erlesenen Bergkräutern, die einem die Sinne streicheln und die Seele auftun, wird dir so ein stinkendes Erdinger Alkoholfrei auf den heißen Stein gekippt. Den Bauernlümmeln treibt’s den sauren Schweiß aus den Poren. Unterdrückte Sexualität entlädt sich in verkrampften Witzsprüchen. Die Aufgussmeisterin ist nicht Willens, anständiges Verhalten einzuleiten. Im Gegentum, durch freches Geschäker wird das Pandemonium aufgepeitscht zu immer noch dumpferen Dumpfheiten.

Aufgussmeisterin: »Na, wird’s uich scho langsam hoiß?«
Saunist: »Mädle, wenn du ’n Aufguss machsch, wird’s mir doppelt hoiß!«
Kicher, kicher. Zwinker, zwinker.
Saunistin: »Und was sagt na da dei Frau dazu?«
Saunist: »Ha mei, die freit si, wenn i so aufglada von da Sauna hoim komm.«
Aufgussmeisterin: »Des kann i mir lebhaft vorstellen.«
Pandemonium: Hi hi hi! Ho ho ho!

Und so geht’s in einem fort. Wenn die Neusässer von der täglichen Arbeit nicht alle so kräftig wären, könnte man sich exemplarisch mal einen rausgreifen und dem vor versammelter Mannschaft ins Gesicht schlagen. Aber so geht’s leider nicht. Wut und Verzweiflung wachsen. Fun sieht anders aus.

»Redesauna«. Stand sogar an der Tür. Hätte man vielleicht lesen sollen. Wussten wir gar nicht, dass es so was gibt. Widerspricht dem wichtigsten und einzigsten Saunagesetz, nämlich dem, dass man sein Maul hält. Was für ein Arschloch muss man sein, so was gezielt aufzusuchen.

Nächste Station: Schweigesauna. Kein Aufguss. Dafür auch hier Behelligung mit niederstem Dorfgerede: Rohbau, Versicherung, Zinsen, Kfz.

»I hab jetzt an Hybrid, da merksch koin Unterschied mehr!«
»Mei Vadder hat jetz so a Ebike, du die laffa fei guat!«

Im Pseudoflüsterton, der aber genauso laut ist und noch mehr nervt. Schamlos wird schwadroniert, völlig ungeachtet unserer Anwesenheit.
Im Ruheraum brotzeitet eine Kleinfamilie Cola und Zwiebelsalat. Unverkennbar echte Neusässer, mit ihren trüben Augen und ihren triefenden Händen. Im trübsten aller Käffer, wo der Übergang zwischen Kuh und Bauer fließend ist.

Dritter Saunaversuch: Erdsauna zur Schweigezeit. Wieder Geschwätz. Welcher Teufel hat den Neusässern ins Erbgut geschissen?

Man müsste sich als Bademeister ausgeben, sich freundlich vorstellen, an die Heizinstallation herantreten, den Pimmel in die Hand nehmen und einen Liter Dunkelgelbes draufpissen. Was der Bademeister macht, wird schon richtig sein. Das würden die sich denken und alle schön sitzenbleiben im stinkenden Pissedampf, diese widerlichen Neusässer. Diese Degenerieren. Diese Schweinebesamungsstationsgehilfen. Und wenn der Krieg kommt, dann sind das die Leute, die Leute wie uns erschießen.

Text: Ferdinand Führer und Roland van Oystern

Mehr dann bei: „Ein Abend in Moll: Ferdinand Führer und Roland van Oystern erzählen von ihrem Kontostand“

Restliche Information: Das suspekte Duo hat es mit mancherlei versucht: Literatur, Musik, Textil, Betrug, etc. In einer Werkschau wird nun mittels Zuhilfenahme von allerhand Aufschrieb und beliebten Musikinstrumenten dem Kulturfreund ganz genau erklärt, wie eines zum anderen kam. Kurzgeschichten, Tagebucheinträge, Rechtfertigungsschreiben und schöne Lieder sorgen für einen hochwertigen Tagesausklang (oder Tagesprogrammpunkt, denn weiß der Kuckuck, wann die Leute aufstehen). »Zwei Typen, die uns das Herz erweichen und uns gleichzeitig glücklich darüber sein lassen, nicht sie zu sein.« (Matthias Gackowski)

Termine:
25.09.19 ● Esslingen ● KOMMA Kultur Esslingen
26.09.19 ● Karlsruhe ● KOHI-Kulturraum
27.09.19 ● Darmstadt ● Buchhandlung Lesezeichen
28.09.19 ● Solingen ● Wohnzimmer – Das Cow Club e.V. Vereinsheim
29.09.19 ● Bielefeld ● Nr. z. P.
30.09.19 ● Münster ● SpecOps network
01.10.19 ● Hannover ● Béi Chéz Heinz
02.10.19 ● Hamburg ● Kino in der Superbude St. Georg
03.10.19 ● Lübeck ● SOFA Lübeck
04.10.19 ● Berlin ● Kleinod
06.10.19 ● Nürnberg ● Anders Galerie Bernsteinzimmer
07.10.19 ● München ● Friseur Nino
12.11.19 ● Erfurt ● Frau Korte
13.11.19 ● Leipzig ● Noch Besser Leben
14.11.19 ● Dresden ● Altes Wettbüro
15.11.19 ● Chemnitz ● Chemnitzer Künstlerbund e.V.

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Aktuelles Hörspiel: https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-hoerspiel/im-dienst-hierarchiegefaelle-download-100.html

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