GODSPEED YOU BLACK EMPEROR! – ARTROCK REVISITED

Canadian Summer, irgendwann in den Nullerjahren dieses Jahrhunderts
GODSPEED YOU BLACK EMPEROR!
ARTROCK REVISITED
von Martin Büsser – ursprünglich erschienen in Intro No. 78
1.
Keine leichte Kost. Wir werden hier mit einem Werk konfrontiert, das von einer Gruppe aufgenommen wurde, die den nicht gerade griffigen Namen Godspeed You Black Emperor! trägt. Auf zwei CDs oder wahlweise vier LP-Seiten finden sich vier Nummern verteilt, die nicht nur formal in die Breite ausufern, sondern die auch über die Songtitel mit voller Wucht verkünden: Hier kommt Gewicht! – Hier manifestiert sich Monument! Während Pop für gewöhnlich auf griffige Slogans setzt, die sich der Kunde merken kann, damit er im Plattenladen nicht stottern muss, sondern gleich weiß, dass sein gesuchtes Objekt der Begierde „Thriller“ heißt, werfen GYBE (künftig so abgekürzt) alle Gesetze in Sachen Wiedererkennung über den Haufen. Jede einzelne Nummer auf ihrer neuen Platte „Levez Vos Skinny Fists Comme Antennas To Heaven“ ist bereits im Titel als mehrteiliges Epos gekennzeichnet. Aufgepasst und stillgestanden! Hier geht es nicht mehr um Pop, um „schnell und vergänglich“, um Sexyness und das flotte Zitieren von Zeichen, nicht mehr um Postmoderne, weder um postmoderne Ironie noch um postmodernen Zynismus – hier geht es um „echte“ Gefühle, um Langsamkeit, um Intensität und um die Rückkehr der klassischen Erzählung im Rockformat. Ferner um Gott, Tod und Teufel, Ehrfurcht, Sehnsucht, Gnade und Naturgewalten. Hier geht es, kurz gesagt, um die sogenannten letzten Dinge.
Nummer Eins auf der ersten CD oder der wahlweise ersten LP-Seite lautet: „Storm – Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven – Gathering Storm – Cancer Towers On The Holy Road Hi-Way“. Das Stück selbst ist instrumental und ohne erkennbare Pausen/Brüche eingespielt, der Titel jedoch legt eine Regieanweisung nahe, gibt Bilder vor, stark konnotierte Bilder. Diese Musik will nicht wie Pop, sondern wie eine Sinfonie gehört werden, wie ein Festspiel – die Hände im Schoß gefaltet, keinerlei Ekstase, sondern Andacht.
2.
Bevor ich meine glühende Leidenschaft für Punk entdeckte, gehörte auch ich zu den Spätentwicklern, die sich noch Anfang der Achtziger, also zu einer Zeit, als Punk in Großbritannien selbst bereits Geschichte gewesen ist, in ihr Zimmer eingeschlossen haben, um dort bei totaler Verdunkelung sämtlichen sechs Plattenseiten der „Yessongs“ zu lauschen. Mit Klassik im herkömmlichen Sinne habe ich damals nichts anfangen können und wollen, weil diese Musik mich an Rückenschmerzen in durchgewetzten Konzertsesseln erinnerte und an all die Autoritäten, Eltern wie Musiklehrer, die sich solchen Schmerzen freiwillig aussetzten. Meine eigene „Klassik“ entdeckte ich da lieber für mich selbst, nämlich als Rock-Adaption durch Bands wie Yes, Van Der Graaf Generator und Alan Parsons Project. Heute, zwanzig Jahre später, weiß ich, dass all das nur eine ziemlich naive Schein-Abgrenzung gewesen ist. Beim Hören von Yes und Konsorten habe ich mich in meinem verdunkelten Zimmer genau den Emotionen und dem Glauben an eine „absolute“, an eine „erhabene“ Musik hingegeben, dem sich auch mein Vater hingab, wenn er mit geschlossenen Augen im Wohnzimmer zu Beethoven-Sinfonien dirigierte und nicht wünschte, von der Familie gestört zu werden.
Zum Glück entdeckte ich kurz darauf meine Leidenschaft für Punk. Das führte zum ersten richtigen Generationskonflikt, zur ersten außerhalb des eigenen verdunkelten Zimmers auch wirklich erlebten Subkultur. Als Punk musste man damals Artrock im Stil von Yes hassen. Inzwischen, nachdem auch Punk so sehr Geschichte geworden ist, wie Artrock über ihn wurde, werde ich beim Hören von Godspeed ganz komisch sentimental. Über Jahre habe ich mir aus Selbstzensur heraus verboten, wieder einmal Yes, Emerson, Lake & Palmer und die frühen, pathetischen King Crimson zu hören, weil mich das an die vorpubertäre Zeit schwelgerischer Buben-Einsamkeit erinnert hat. Und jetzt, mit GYBE, kommt all das mit einem Schlag zurück. Der ganze Muff in Sachen sinfonischer Rockmusik, neun Instrumentalisten, Violinen, Cello, Pauken und Orgel inklusive. Und doch gibt es da einen Unterschied. Hier säuselt kein Sänger mehr von Elfen, die am Bach ihr blondes Haar kämmen, hier ahmt kein Geiger mehr Paganini nach, und zum Glück spielt hier auch kein Keyboarder mehr Bach- und Beethoven-Themen auf. Nein, GYBE sind vielmehr Artrock, sie sind sogar – schlimmer noch – Classic Rock, der ein lange für tot erklärtes Genre aufgreift und zugleich aus dessen falschem Pathos gelernt hat.
3.
Nach eigener Aussage haben auch GYBE aus Toronto eine Punk-Vergangenheit hinter sich. Der Kern der Musiker spielt noch immer auf den alten Instrumenten, die sie sich einmal als Teenager zugelegt haben. Anfangs waren sie nur zu dritt, spielten mit zwei Gitarren und einem Bass. Die Gründung der Band ist eher Zufall gewesen: „Jemand hatte uns einen Gig angeboten, also formierten wir zu dritt eine Band und entschieden gemeinsam, dass jeder von uns eine halbe Stunde lang einen Akkord spielen sollte. Das haben wir gemacht, und ungefähr drei oder vier Leuten hat es gefallen, und so dachten wir, wir sollten vielleicht so weitermachen.“ (Zitty Magazin online)
Doch bei einzelnen Akkorden und Drones mit Anklängen an Spacemen 3 sollte es nicht bleiben. Immer mehr Leute stießen zur Band – zwischenzeitlich bestand GYBE sogar aus zwölf Personen -, darunter viele, die ihre Instrumente tatsächlich beherrschten. So entstand ein Nebeneinander von Minimalismus und Liebe zum Detail. Der sehr offenen musikalischen Atmosphäre in Toronto ist zu verdanken, dass die zahlreichen Musiker bei GYBE aus den verschiedensten Szenen – vom Jazz bis zur Elektronik – zusammenkamen. Experimente mit Sampling und Taperecordern gehören zum festen Bestandteil ihrer Platten und Liveauftritte, dennoch ist es der Band wichtig, dass ein Großteil des „Wall of Sound“ handgespielt daherkommt. Mit ihrer inzwischen dritten Veröffentlichung sind sie der eigenen musikalischen Vision bislang am nahesten gekommen: repetetiv, in Wellenbewegungen bauen da einzelne Schichten von Gitarren, Geigen und Celli aufeinander auf, ebben wieder ab. „Wir arbeiten sehr filmisch“, haben GYBE einmal in einem Interview gesagt, „zumindest wird unsere Musik oft mit Filmen verglichen.“ Das allerdings können keine zeitgenössischen Filme sein. Da kommen nur alte, sehr langsam gedrehte Filme in Betracht, „Solaris“ von Tarkowski beispielsweise.
4.
Mitte der Neunziger erklärte Roger Behrens den Artrock bzw. Progressivrock zu einer „zeitlosen Unmode“. Das war im Rahmen einer „Testcard“-Ausgabe, die sich mit der Inflation von Retros und Revivals in den Neunzigern beschäftigt hatte. Nach den popinternen Gesetzen der Neunziger konnte so ziemlich alles von Disco-Soul bis Easy Listening revivalt werden, alleine Artrock war tabu, so uncool wie Beethoven, Bach und Vivaldi. Der übertrieben emotionalen, auf Breitleinwand angelegten Form des Artrock fehlte es an Groove, Glam und Sex Appeal, also an Werten, die im Pop der Neunziger erneut essenziell geworden sind. Die These von Roger Behrens lautete daher: Artrock war nie wirklich out, hatte immer eine kleine, treue Fangemeinde, gleichzeitig wird es dieser Musik aber nicht mehr gelingen, als hip und irgendwie relevant in die Popwelt zurückzukehren. Und nun dies: Musiker wie Sigur Rós, Radiohead und GYBE melden sich mit äußerst pathetischen, emotional überfrachteten, streckenweise elegisch entrückten Platten zurück, die durchaus auf euphorische Presse stoßen. An der Spitze in Sachen Entrücktheit und Eigenweltlichkeit stehen dabei eindeutig GYBE, die fast gar keine Interviews geben, weil sie behaupten, ihre Musik sei zu abstrakt, um in Worte gefasst zu werden. Und plötzlich wird eine solche Band von all denen für ihre Verschrobenheit geliebt, die sich noch vor zwei Jahren nicht hätten träumen können, einmal wieder auf Musik abzufahren, die strukturell sehr viel mit Sachen wie den frühen Genesis oder Kate Bush gemeinsam hat.
Es gibt jedoch einen Unterschied. Obwohl GYBE alle Register in Sachen symbolischer Überfrachtung ziehen, bleibt ihre Musik stets dezent, vermeidet den sinfonischen Triumph. Statt Beethoven gibt es hier – wenn denn schon Klassik-Vergleiche – Gustav Mahler. Also ständige Zurücknahme von allzu starken und allzu konkreten Gefühlen, Dissonanzen und Krach inmitten von Passagen, bei denen sich GYBE inmitten einer Moll-Wendung der Gefahr bewusst werden, sie könnten allzu eindeutig werden. Diese neue Form des Artrock misstraut dem bloß oberflächlichen Glanz der Virtuosität, dem einst Bands wie Yes gefrönt haben. Darum besteht die Musik von GYBE aus zahlreichen Brüchen. Sie hat gewissermaßen aus der Geschichte gelernt, ist durch die Schule von Postrock und Improvisation gegangen, um nun an einer völlig neuen Form von Artrock anzuknüpfen. Technisches Können wird hier nicht mehr als Triumph eingesetzt, um zu zeigen, wie komplex auch Rockmusik sein kann, sondern es wird genutzt, um lange ausgedehnte, ziselierende und sich um die eigene Achse drehende Klanglandschaften zu schaffen. Ambient in beinahe orchestralem Format. Statt Kompexlität zu schaffen, wird hier gedehnt, das Zeitgefühl verlangsamt.
Jahrelang wurde Pop mit Geschwindigkeit, Buntheit und Urbanität in Zusammenhang gebracht. Doch gerade zeichnet sich eine Gegenbewegung ab. Bilder von Landschaften werden heraufbeschworen – nicht umsonst boomt Island, die Heimat von Sigur Rós -, Ruhe kehrt ein, während die Musik den Himmel grau einfärbt und den Herbst einläutet. Auch diese neue Form des Artrock muss sich den Vorwurf gefallen lassen, zu flüchten. Diese Musik thematisiert nichts Gesellschaftliches mehr, sie ist kontemplativ weltabgewandt und wünscht sich nichts sehnlicher, als auch noch die letzten Ausläufer der Stadt hinter sich zu lassen. Es gibt allerdings Verwerflicheres als eine Musik, die dem Rummel um MTV und MP3 den Rücken kehrt und gegen alle Marktgesetze des Pop das Recht einfordert, bloß aus sich selbst heraus, aus dem musikalischen Material zu wirken. Die Bilder, die dabei im Kopf entstehen, sind nicht vorgegeben. Sie sind so frei von Eindeutigkeit wie die Musik selbst.
Dreißig Jahre nach dem ersten großen Artrock-Boom gibt es endlich wieder Musik, die Lust darauf macht, das Telefon abzustellen und sich ins verdunkelte Zimmer zurückzuziehen. Nicht, um sich dort bombastische Kriege der Welten und Götter vorzustellen, sondern um sich ganz friedvoll treiben zu lassen. Dieser Band sei Dank.

Nacht über Montreal






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