Dienstag, 23.10.2018
Ein Nachbericht zu "Into Worlds" im Martin-Gropius-Bau

Lass mich rein, lass mich raus – Immersion als Kunst- und Denkform

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“Speak-up” (Photo: Eike Walkenhorst)

Wer sich an einem Berliner Wochenende in andere Welten begeben will, der findet dazu reichlich Gelegenheit. Meistens geht damit eine verminderte Fähigkeit einher, den folgenden Montag aufrechten Ganges zu verbringen. Nicht so, wenn man sich Mitte Januar im Martin-Gropius-Bau „Into worlds“ hat saugen lassen. In Literatur und Film, vor allem aber auch im Bereich von Videospielen ist Worldbuilding, also das Erschaffen von fiktiven Universen, ein hoch gehandelter Begriff. Wie aber hole ich diesen raus aus seiner terminologischen Bubble und wie komme ich selbst ans Bauen?

Die dreitägigen Konferenz „Into worlds“ ist Teil der Veranstaltungsreihe „Immersion“ und wurde in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung organisiert. Es geht um die Produktion und Erforschung von „immersiven Räumen“ –  im Mai folgt darauf aufbauend eine Einzelausstellung des Objektkünstlers Philippe Parreno, im Juni eröffnet die von Tino Sehgal und Thomas Oberender kuratierte Gruppenausstelllung „Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren“.

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Dasha Rush (Photo: Eike Walkenhorst)

Der Aktionskünstler Allan Kaprow sagte einmal etwas, das für die Organisatoren der hiesigen Veranstaltung stichwortgebend wurde: „Go in instead of look at.“ So kurz und doch so vielsagend. Schließlich könnte man darunter verstehen, dass Kunst (und weitergesponnen: sämtliche Lebensräume, die wir mit Aufmerksamkeit bedenken) eine Form von Zuwendung einfordere, die alles andere ausblenden und sich der absoluten Vertiefung hingeben soll. Der Mensch als Gefäß für die Kunst, das alles einfließen lässt und sich völlig verabschiedet hat von Gedanken an ein außerkörperliches gestern oder morgen. Andererseits könnte man Kaprows „Hineingehen“ aber auch als Aufruf verstehen, die Dinge doch bitteschön selbst in die Hand zu nehmen, aktiv zu werden und von innen heraus aufzumischen.

Und diese Interpretation ist an diesem Wochenende offenbar das Gebot der Stunde, denn das Wörtchen „engagement“ wird in ultimativer Frequenz durch die Vorträge und Diskussionen gepeitscht. Man meint, es hätte jemand Angst gehabt, der Besucher könne beim Verlassen der Konferenz vergessen, ein politisches Wesen zu sein, also lieber immer schön erinnern!

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“Whitebubble” – Sound-Installation mit Arbeiten von FRANK BRETSCHNEIDER, JULIUS HOLTZ, JAYROPE, SVEN KÖNIG, RICHARD SCOTT (Photo: Eike Walkenhorst)

Mangelnde Politisierung ist zwar ein wichtiges Thema unserer Zeit, aber als Besucher musste man sich fragen, warum der Fokus dieser drei Tage so seltsam streng auf ihr lag und warum mit dem Begriff „Immersion“ trotz Doppeldeutigkeit so häufig Passivierung und Eskapismus assoziiert wurde. Immersion galt in einigen Diskussionen gar nicht mehr als Praktik, die individuell angewendet werden kann, sondern wurde als Phänomen beschrieben, das den Menschen von außen attackiert. Politische Systeme, die ihre Mitglieder vollständig in die eigene Logik einsaugen oder Virtual Reality Tools, die dem Nutzer möglicherweise das Auftauchen aus der (apolitischen?) Digitalität erschweren, wurden zu thematischen Schwerpunkten. Dabei ging aber ein Aspekt über Bord, der am Eröffnungsabend kurz durch Richard Sennett („The Craftsman“) angeklungen war und auf den der Untertitel der Veranstaltung hatte hoffen lassen: „Das Handwerk der Entgrenzung“.

Sennetts Punkt ist, dass das Ausbilden einer Tätigkeit zwar in der Vertiefung in das Material liegt (also in der Ausblendung von Außenwelt), dass die Entstehung von Könnerschaft aber zu einem stabilen und bewussten Selbstverständnis führt (wofür es natürlich Außenwelt benötigt). Könnerschaft entsteht in der Ausübung eines Handwerks, ein repetitives Bearbeiten des Gegenstandes und seiner Widerständigkeit. Und genau dort liegt der Punkt: Nicht nur immersive Medien, die mich potenziell manipulieren, können in ihren Bann ziehen, sondern auch ich selbst kann mich an meinen Schreibtisch, an meine Leinwand oder an mein Instrument setzen und mich dem Sog dieser Tätigkeiten hingeben. Ich kann eine Art Läufer-High entwickeln, dass mich müde Finger, ästhetische Unstimmigkeiten oder das irgendwann einsetzende Schlafbedürfnis bewältigen lässt.

Und darin unterscheiden sich dieLisa-07_27330166_1823358051008758_1293416324_o verschiedenen Handwerke dann möglicherweise auch gar nicht mehr so sehr? Sennett nimmt das eigene Cellospiel als Ausgangspunkt für seine Überlegungen, aber wie sieht es zum Beispiel mit dem Schreiben als Handwerk aus? Als Autorin frage ich mich ständig, wie ich nicht nur die Unlust austricksen könnte, sondern wie es mir sogar gelingt, der Inspiration ein wahres Rosenbett zu bereiten; zier dich nicht, komm her und küss mich, Muse! Das Ideal sieht ja so aus, dass man sich als lebende Schreibmaschine gar nicht retten kann vor genialen Einfällen. Dabei nagt die blanke Panik vor der leeren Seite unerbittlich am Nervenkostüm – eigentlich muss man konkretisieren, dass es die Panik vor der schlechten Seite ist, die zur Verkrampfung und damit zur leeren Seite führt. Klassische Lähmungserscheinung.
Nicht besonders immersiv wäre es, in diesem Fall vom Schreibtisch aufzuspringen, weil der Flow nicht stimmt, und stattdessen Spaghetti zu kochen. Sehr immersiv hingegen ist man unterwegs, wenn das Problem solange ausgebrütet, weichgekocht und mürbegemacht wird, bis es von allein die weiße Fahne hisst!

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Basel-Abbas: „The incidental insurgents: the part about the bandits“ (Photo: Eike Walkenhorst)

Auch der Philosoph Markus Rautzenberg (Folkwang UdK, Essen) kennt die Angst vor dem Papier. Während der Konferenz bemerkt er zu meiner Beunruhigung, dass diese mit dem Alter fortwährend schlimmer wird, doch er kennt auch Praktiken, mit denen sie sich bekämpfen lässt: „Wie auch innerhalb des körperlichen Trainings muss der Geist sich aufwärmen, um Intensität herstellen. Mir hilft es, zwei oder drei Seiten eines Textes zu lesen, den ich brillant finde – sei es „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ von Nietzsche, seien es Arbeiten von Derrida oder Roland Barthes. Ich bin unmittelbar agitiert und gehe in diesem Zustand an den Schreibtisch.“ Es gilt, eine innere Aufregung herzustellen, die dafür sorgt, dass der Drang, die eigenen Gedanken in den Diskurs einzubringen, stärker wird als die Angst vor deren Banalität.

Es geht dabei also durchaus auch um Selbstdisziplinierung. Das innere Drängen, der unbändige Wille zur Produktion überkommt den Menschen nicht einfach im schicksalhaften Moment der Ergriffenheit, sondern er selbst muss dafür sorgen, dass ihn etwas ergreift. Peter Sloterdijk hat einmal geschrieben, dass man sich total mit seinem Stoff zu identifizieren habe, um etwas Gescheites zu Papier – oder überhaupt zustande – zu bringen. Das gilt für den Denker genauso wie für den Künstler oder die Künstlerin.

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Für Martina-Sofie Wildberger funktioniert die Infizierung mit dem Stoff über eine Kombination aus Wiederholung von Bewegungen und Wiederholung von Sprachessenzen. In ihrer Performance „Speak up!“, die im Martin-Gropius-Bau an diesem Wochenende auch gezeigt wird, spielt Rhythmus die entscheidende Rolle: „In der Repetition von Wörtern liegt etwas Mantraartiges und gleichzeitig gehen aus diesem Spiel immer neue Bedeutungen hervor. Wir als Performer stehen genau wie das Publikum vor der Aufgabe, sich auf diese neuen Welten einzulassen, die durch das Zusammenspiel von Choreografie und Improvisation entstehen.“

Natürlich sind die Grenzen zwischen Selbstüberwindung und Selbstoptimierung fließend und natürlich ist dies der Punkt, an dem die Debatte eben doch hoch politisch verhandelt werden kann und muss. Trotzdem hat die Frage nach Immersion als persönliche Entscheidung und erstrebenswerte Mentaltechnik ihre Berechtigung. Denn im Grunde geht es darum, selbstständig Begeisterung und Leidenschaft herzustellen, was eine bewundernswerte Fähigkeit ist.

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Jeremy Shaw „Best minds part one“

Ob das Eintauchen in Björks Virtual Reality Clip „Notget“ oder die Vertiefung in Jeremy Shaws Videoarbeit „Best Minds Part One“ mein eigenes immersives Talent geschärft hat, kann ich noch nicht mit endgültiger Sicherheit beantworten. Fest steht aber, dass beim Schreiben dieses Textes keine Spaghetti gekocht wurden. Kein schlechter Anfang.

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