„Diese Arroganz, im Sinne von: Ihr müsst das sehen – aber nicht mit eigenen Augen, sondern durch meine Augen.“

71. Internationale Kurzfilmtage
Auch die 72. Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen waren wieder großartig. Kaum ein anderes Festival schafft es, experimentelle Ansätze und angenehme Bescheidenheit auf so elegante Weise zusammenzubringen. Zwischen radikalen Wagnissen, humorvollen Überraschungen und emotionaler Tiefe wirkte selbst der kleinste Film wie ein wertvolles Statement; dazu kamen ein aufmerksames Publikum, gute Gespräche und ein Rahmenprogramm, das den Festivalcharakter über den Kinosaal hinaus verlängerte.
Für ein paar Tage entstand so in Oberhausen wieder eine Atmosphäre, die man sonst nirgendwo findet. Es folgt mein Ranking der besten Filme, die ich bei den 72. Internationalen Kurzfilmtagen sehen konnte.
7. „Hope Road“ (Regie: Susann-Maria Hempel)
In einer Zeit ständiger Krisen gewinnt die Frage nach Verantwortung mehr und mehr Bedeutung. Klimawandel, Kriege, sozialer Ungleichheit – ohne Fürsorge ist eine Zukunft nicht möglich. In diesem Film werden also drei Videoarbeiten verbunden, die sich mit unterschiedlichen Praktiken der Fürsorge auseinandersetzen. Die Filmemacherin Susann-Maria Hempel geht gewissermaßen verschiedene Optionen durch und präsentiert ihr Werk als laufenden Prozess. Weitreichende, gleichzeitig minimalistische Fotografie wird hier mit großartigem Voice-Acting kombiniert – um am Ende deutlich zu machen: Aufgeben ist keine Option.

Susann Maria Hempel
6. „KOMMUNIST KAR KOMMANDOS“ (Regie: Markus Mischkowski & Christos Dassios)
In Anlehnung an Kenneth Angers Experimentalfilm „Kustom Kar Kommandos“ entsteht eine cineastische Reverenz an den Wartburg 353, der vor sechs Jahrzehnten erstmals im VEB Automobilwerk Eisenach produziert wurde. Der Film wurde analog auf 16-mm-Ektachrome-Material mit einer Bolex H16 realisiert und feierte auf den Oberhausener Kurzfilmtagen seine Weltpremiere. Das Ganze ist herrlich-stumpf, hat etwas geradezu Fetischierendes. Besonders hängengeblieben ist mir ein Satz, der bei der anschließenden Filmdiskussion im Bezug auf den Autobesitzer gefallen ist: „Der hat den Wagen auch in echt so lieb!“
5. „A Taste of Beer“ (Regie: Xie Li)
Ein Sohn kommt nach Hause und erzählt seinem Vater, dass er das Fußballspiel der Schule gewonnen hat; der Vater ist stolz auf ihn und möchte, dass alle seinen Erfolg sehen und bewundern können. Aus dieser simplen Prämisse wird hier etwas Einmaliges kreiert, mit animierten Figuren zwischen Schlangen und Würstchen, spuckenden Wackelköpfen – und einem harten Suizid. So einen Film hab ich noch nie gesehen.
4. „Kamogawa“ (Regie: Rainer Komers)
Warme, scheinbar bewusst humanisierende Momentaufnahmen von Menschen entlang eines Flusses in Kyoto entfalten ein faszinierendes Eigenleben: Es wird gespielt, gearbeitet, gesungen. Mit „Kamogawa“ hat Rainer Komers einen poetischen Film über Japan, die dortigen Veränderungen und Krisen gemacht. Unaufdringlich, aber fantastisch.
3. „August and the War“ (Regie: Leandro Netzell Cerón & Samori Tovatt)
Metal-Fan und Hobby-Musiker August lebt in der kleinen Stadt Blomstermåla und ist aufgrund einer geistigen Einschränkung nicht wehrdiensttauglich. Doch während Schweden aufrüstet, bekommt er die Gelegenheit, sich mit der eigenen Bereitschaft zur Verteidigung auseinanderzusetzen – wodurch ein humorvolles Porträt über eine der zentralen Fragen unserer Zeit entsteht. Schon zu Beginn sehen wir, wie er eine Schusswaffe auspackt. Werden junge Menschen also auf den Krieg vorbereitet? Oder werden sie zum Krieg ermutigt? Die Grenzen sind schwammig… Mach ich das für mein Land? Oder für mich? Oder lass ich’s lieber?

Leandro Netzell Cerón/Samori Tovatt
2.“ Slush“ (Regie: Aivars Šaicāns & Jēkabs Okonovs)
Kārlis fährt Kiril mit dem Auto an und beschädigt dabei dessen Fahrrad, also machen sich die beiden gemeinsam auf den Weg zu einer Werkstatt. Doch ein Ereignis führt zum nächsten, eine Begegnung zur anderen. Gemeinsam streifen sie durch Riga, lauschen spontanen Musik-Sessions und Gesprächsfetzen, bis aus einem denkwürdigen Tag irgendwann eine tiefe Freundschaft entsteht. Der Film lebt von dem Kontrast zwischen den beiden Figuren: Der extrovertierte Kārlis scheint jeden zu kennen, wenn auch nur oberflächlich; Kiril wirkt unbeholfener, hat jedoch wertvolle Beziehungen in seinem Leben. „Slush“ lebt von kurz aufblitzenden Momenten der Liebe und ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben.
1. Werner Herzog
Bei den diesjährigen Kurzfilmtage wurde außerdem auf das Werk von Werner Herzog zurückgeblickt. Ich konnte mehrere seiner Filme auf der gigantischen Leinwand der Oberhausener Lichtburg sehen – und sofort ist mir aufgefallen, dass seine Filme nochmal auf einem ganz anderen Level stattfinden. Wie er die Wahrheit mit Hilfe seiner Kamera einfängt, unsere Augen stets auf die interessantesten Aspekte lenkt und den Kern der jeweiligen Figur/Landschaf/Situation offenlegen kann, ist wirklich unglaublich. Stets wird seine Neugier deutlich; er kann Themen ausfindig machen, die sonst verborgen bleiben würden; in jeder Aufnahme findet er eine Geschichte. Klar, ein Schwätzer ist Werner Herzog allemal, doch das macht ihn aus. Diese Arroganz, im Sinne von: Ihr müsst das sehen – aber nicht mit eigenen Augen, sondern durch meine Augen.

71. Internationale Kurzfilmtage









