Underbridge Resistance" – Das Golzheim in Düsseldorf

Daniel Fritschi: “Ich bin halt keiner, der so einfach aufgibt”


Noch im Februar diesen Jahres hostete der Autor dieses Textes eine Veranstaltung im Düsseldorfer Golzheim bei der natürlich keiner der Anwesenden gedacht hätte, dass es eine der letzten Partys für eine lange Zeit sein würde. Im Anschluss an diese Nacht entstand ein Interview welches den kleinen Klub am Rhein für kaput porträtieren sollte. Nach dem großen Umwälzungen dieses Sommers gibt das Interview nun Einblick in eine Kulturform, die schon vor dem Erscheinen von Covid 19 unter prekären Bedingungen stattfand, deren Existenz aber nun in ihrer Gesamtheit gefährdet ist. 


Es ist eine unscheinbare Tür, eingelassen am Fuße der Theodor-Heuss Brücke, welche im Düsseldorfer Norden die beiden Rheinseiten miteinander verbindet. Hinter dieser Tür, im Bauch der Brücke, befindet sich das Golzheim, ein Klub der seit 2016 einen Ort bietet um sich Nacht für Nacht in den Untiefen der elektronischen Musik zu verlieren. Wir haben uns mit dem Golzheim Gründer Daniel Fritschi getroffen, um mit ihm über Klub-Philosophie, Nischen-Sound und Vinylkultur zu sprechen.

Wir sitzen in der Küche in einer ruhigen Wohngegend in Düsseldorf Gerresheim. Um unsere Köpfe kreisen vier Vögel, die Daniel Fritschi gerade zum Freiflug aus ihrem geräumigen Käfig gelassen hat; der erste in der Vogelfamilie flog Daniel zufällig vor seinem Klub Golzheim zu, weshalb er auf den Namen „Golzilla“ getauft wurde. Hinter uns liegt eine lange Nacht. Die Hamburger DJ Best Boy Electric war zu Gast im Golzheim, supported vom Daniel Fritschi und dem Autor. Das gut gefüllte Golzheim zeigte sich in dieser Nacht von seiner besten Seite, mit einer aufgeschlossenen Crowd, die ausgelassen zu zeitweise recht sperrigem Breakbeat-Techno tanzte. So beginnt unser sonntägliches Gespräch etwas verschlafen bei Kaffee und Brötchen während die Vögel ihr morgendliches Pfeifkonzert zum Besten geben.

Daniel, der Untertitel vom kaput lautet ja „Magazin für Insolvenz und Pop“. Wie schafft man es im Jahre 2020 quasi im Alleingang einen Klub zu betreiben ohne insolvent zu gehen?
Mit dem kaput Untertitel kann ich mich total identifizieren, denn im Prinzip ist das genau meine Story. Das Golzheim ist letztlich die Konsequenz der Insolvenz meines Vorgänger Klubs Foyer.
Dort wurde mir nach zwei Jahren Bauzeit, als es gerade anfing so richtig gut zu laufen, über Nacht vom Bauaufsichtsamt die Genehmigung entzogen. Plötzlich hatte ich also keine Location mehr und war finanziell beinah bankrott. Ich wusste aber, dass das Konzept funktionieren kann, also hab ich mich hingesetzt und nach einem neuen Ort gesucht. Nachdem ich die jetzige Location gefunden hatte, habe ich das Golzheim dann in anderthalb Jahren unter der Mithilfe vieler Freunde und Bekannten aufgebaut. Da wir kaum Geld zur Verfügung hatten, besteht eigentlich fast alles im Golzheim aus recycltem Material. Die Steine, aus denen die der Bar gemacht ist, haben wir aus einer Wand geschlagen, die dort eingezogen war, die Wasserleitungen haben wir selbst verlegt, die Elektrik gelötet und auch die komplette Lüftungsanlage haben wir selbst eingebaut. Am Ende haben wir auch für alles eine offizielle Abnahme bekommen. Man könnte daher sagen, dass das Golzheim der ökologischste Klub Deutschlands ist.

Du bist ja schon länger in der elektronischen Musikszene aktiv. Was hat dich dazu bewogen einen eigenen Klub zu eröffnen?
Schon Ende der Neunziger Jahre habe ich mit einer Gruppe von Leuten den Ego Klub in der Nähe vom Bahnhof betrieben. Damals war es noch möglich in der Innenstadt eine Underground Location zu eröffnen, mit einer richtigen Community, wo die Leute im selben Gebäude ihre Ateliers und Studios hatten. Zu der Zeit habe ich auch schon viel aufgelegt und produziert und 2005 dann mein eigenes Label Level Records gegründet. Schon bei den Label Partys war es mir immer sehr wichtig, die Location so weit wie möglich mitzugestalten. Ich bin ja im Kunstkontext aufgewachsen, meine Eltern haben beide an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert und ich selbst hab einen Abschluss in Industrial Design und lange bei dem Bildhauer Tony Cragg gearbeitet. Durch diese Prägung war es mir immer wichtig, bei meinen Partys möglichst viele künstlerische Aspekte wie Raumgestaltung oder Lichtdesign mit abzudecken. Wenn man diesen Gedanken konsequent weiterverfolgt, dann landet man automatisch bei der Idee einen eigenen Raum zu haben, den man bespielen kann. So bin ich dazu gekommen das Foyer zu eröffnen. Nach dessen Schließung dachte ich: entweder stecke ich jetzt den Kopf in den Sand und bin mein Leben lang frustriert oder ich gehe die Sache noch mal sauber an, mit allen offiziellen Genehmigungen.

Woher kam für dich die Motivation weiterzumachen?
Ich bin halt keiner, der so einfach aufgibt. Der Druck als Klubbetreiber, besonders der finanzielle Druck, ist schon die ganze Zeit immens hoch, mittlerweile habe ich mich schon fast daran gewöhnt. Im Foyer waren wir eigentlich die ganze Zeit in einer ziemlich aussichtslosen Lage. Von Seiten des Vermieters waren wir ständig in Gefahr gekündigt zu werden und hinzu kam der permanente Stress mit dem Bauaufsichtsamt. Im Vergleich dazu bin ich mit dem Golzheim jetzt in einer recht komfortablen Situation. Zum Glück habe ich auch ein gutes Team, das mich unterstützt. Alle voran meine Freundin Carolin, Thorsten Geferath und unser Grafiker Benjamin Schulte, die alle einen großen Beitrag dazu leisten dass der Laden läuft. Dadurch dass wir alles selber gemacht haben, hat es halt eine ganze Weile gedauert bis der Klub sich einigermaßen etabliert hat. Wahrscheinlich wäre es leichter gewesen, das Golzheim schnell zum laufen zu bekommen, wenn ich mir einen Investor gesucht und gleich ein paar dicke Headlinern gebucht hätte. Aber dann wäre das Golzheim auch ein anderer Klub geworden. Für mich war es halt immer wichtig einen Ort für Underground Musik zu schaffen, wo man auch mal nerdige Partys Partys mit sperriger Musik machen kann. Wenn wir dann morgens mit 20 Leuten noch total abfeiern, ist auch so eine Party für mich ein Highlight, auch wenn die Nacht finanziell vielleicht ein Flop gewesen ist.

Aber – aller Idealismus in Ehren – du musst ja trotzdem irgendwie die Wirtschaftlichkeit des Klubs sicherstellen.
Das stimmt, natürlich kann ich mir nicht ausschließlich solche Partys leisten. Finanziell tragen tut sich das Golzheim im Moment aber sowieso nur, weil ich nebenher noch als Computer Administrator arbeite. Alles Geld was ich durch den Job verdiene stecke ich wieder in den Club. 
Der Gedanke „L’art pour l’art“ – also Kunst nur um der Kunst willen – war für mich auch lange Zeit eine Art Lebensmotto. Mir war es schon fast unangenehm Musikmachen oder DJing irgendwie mit Geldverdienen in Verbindung zu bringen. Rückblickend war das wahrscheinlich nicht so schlau und ich hab mich damit leicht ausnutzbar gemacht. Mittlerweile laufen die Partys im Golzheim aber relativ solide, sodass es sich auch finanziell etwas stabilisiert hat.

Die finanzielle Situation eines Klubs hat ja auch direkte Auswirkungen auf das Booking.
Wie sieht die Booking Policy im Golzheim aus?
Fakt ist, dass wir ein sehr limitiertes Budget für Bookings haben. Daher läuft es halt oft nach dem Motto „take it or leave it“. Was wir bieten können ist ein Club mit einer gut eingestellten Anlage und einem technisch einwandfreiem Setup, gerade für Vinyl DJs. Je länger wir den Klub betreiben, desto besser wird auch unsere Referenz und so bekommen wir immer öfter die Möglichkeit auch mal etwas größere Acts für einen moderaten Preis zu buchen. Durch Leute wie Robert Drewek oder Claus Bachor, die regelmäßig Veranstaltungen machen, sind mittlerweile auch gute Kontakte entstanden. Auch einige Booking Agencies haben mittlerweile verstanden, wie wir ticken und arbeiten gerne mit uns zusammen. Wir halten das Ganze halt auf einer sehr persönlichen Ebene. Meine Freundin Caro und ich bekochen und bewirten viele der Künstler bei uns zuhause und gleich nebenan haben wir inzwischen eine Künstlerwohnung angemietet, wo wir die Acts unterbringen. So schafft man eine persönliche Atmosphäre, die von fast allen Künstlern gerne angenommen wird. Außerdem entstehen so langfristige Beziehungen zu Künstlern und Labels wie beispielsweise mit den Jungs von Indigo Area aus Amsterdam, die regelmäßig im Golzheim spielen. Auch nach Detroit gibt es mittlerweile gute Kontakte. Bei einer Party mit Milton Bradley und Lockertmatik stand einmal plötzlich Juan Atkins bei uns am Tresen. Der war gerade zufällig in der Stadt und es hat ihm im Golzheim so gut gefallen, dass er ein paar Wochen später bei uns gespielt hat. Das war schon ein Highlight.

Mir ist aufgefallen, dass bisher noch relativ wenige Frauen und Künstler*innen aus der LGBTQ Community im Golzheim auflegen. Woran liegt das?
Das weiß ich auch nicht so genau. Gerade mit Leuten aus der queeren Szene würde ich gerne mehr Veranstaltungen im Golzheim machen. Generell bin ich da aber auf Kollektive von außerhalb angewiesen, da ich selber nicht so in der Szene drin stecke. Ich bin da aber offen und würde in dem Bereich hier in Düsseldorf gerne die Lücke für elektronische Musik abdecken. Was Frauen betrifft, haben wir zwar schon immer wieder weibliche DJs aber tatsächlich leider prozentual deutlich weniger als Männer. Wir haben das aber definitiv auf dem Schirm und versuchen da ein Gleichgewicht hinzukriegen. Eine Erklärung könnte sein, dass ich ja fast ausschließlich Vinyl DJs buche und vielleicht in dem Bereich einfach weniger Frauen unterwegs sind. Da bin ich mir aber auch nicht sicher.

Dein Fokus auf Vinyl ist ja auch eine Besonderheit des Golzheims. Warum hast du dich dazu entschieden das Golzheim quasi zum Vinyl only Klub zu erklären?
Zunächst einmal bin ich selber Vinyl DJ und mit der Vinylkultur groß geworden. Für mich ist es einfach das schönste Medium für Musik. Für das Golzheim funktioniert die Vinyl Only Geschichte allerdings zuallererst als Filter. Mir geht es darum Leute zu fördern, die es mit der Musik ernst meinen und die nicht nur auf den schnellen Erfolg aus sind. Ich will Leute unterstützen, die eine eigene musikalische Vision haben und sich auch mal durchbeißen, wenn es schwer ist. Beim Digitalen hat man ja die Möglichkeit sich innerhalb eines Jahres technisch und von der Musiksammlung her an die Stelle zu bringen, wo jemand steht, der seit zwanzig Jahre Vinyl sammelt. Aber das ist halt nicht alles, was es für einen guten DJ braucht. Ich bin mir auch bewusst, dass es super digitale Talente gibt, die mir wahrscheinlich alle durch die Lappen gehen.
Meiner Erfahrung nach sortiere ich mit dem Filter Vinyl aber erst mal 90% der Leute aus, die nur schnellen Erfolg wollen und nicht dazu bereit sind, erst mal ein paar Klimmzüge zu machen.

Aber läufst du mit diesem Ansatz letztendlich nicht Gefahr einen sehr elitäre Schiene zu fahren?
Na ja ganz so streng, wie es sich anhört ist es auch nicht. Die Vorgabe Vinyl only gilt in erster Linie für meine eigenen Abende und auch da gibt es gelegentlich Ausnahmen wenn es Sinn macht.
Ich hatte auch nie das Ziel die gesamte Szene zu erziehen . Für mich hat der Fokus auf Vinyl halt auch die Funktion, dem Club ein erkennbares Profil zu geben und einen Teil der Subkultur zu unterstützen, den ich als wichtig erachte. Mittlerweile finden Vinyl DJs in Klubs ja auch immer seltener gut eingerichtete Plattenspieler vor und dieser Entwicklung wollte ich einfach entgegenwirken. Man könnte also eher sagen, dass ich versuche die von mir gebuchten DJs mit sanftem Druck aus ihrer CDJ-Komfort-Zone zu holen und damit meinen Beitrag gegen das Aussterben der Vinyl Kultur zu leisten. Es ist aber definitiv auch möglich im Golzheim digital zu performen.

Düsseldorf ist ja eine Stadt die in der Entwicklung der elektronischen Musik international eine große Rolle gespielt hat. Wie siehst du die Situation der Szene heute?
Ich glaube es gibt in vielen Städten das Problem, dass innerhalb der Szene zu wenig zusammengearbeitet wird und jeder lieber sein eigenes Süppchen kocht. Leider bilden wir da in Düsseldorf keine Ausnahme. Die Stadt hat an sich ein riesiges Potential, aber irgendwie schotten sich die Cliquen um die einzelnen Clubs voneinander ab und so bleibt die Szene weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, was ich sehr schade finde. Ich versuche schon immer offen zu sein fürs Zusammenarbeiten, muss aber sagen, dass ich auch oft enttäuscht wurde. Für viele DJs ist ein Klub halt nur so lange wichtig, wie sie persönlich von ihm profitieren. Viele tauchen nur auf den Partys auf, wo sie selber spielen und sind auch sonst nicht bereit den Klub in irgendeiner Form zu unterstützen. Früher hätte ich mich gar nicht getraut in einem Klub anzufragen, wenn ich dort nicht mindestens ein halbes Jahr Stammkunde war. Heutzutage kommen Leute die ich hier noch nie gesehen hab und wollen am besten gleich Resident werden und sind dann sauer, wenn ich sie nicht buche. Die haben offensichtlich nicht verstanden, dass Support halt eben nicht nur in eine Richtung geht. Paradoxerweise muss ich aber eingestehen, dass ich mein größtes Defizit in all den Jahren meiner Arbeit auch im fehlenden netzwerken sehe. Das haben andere Leute in Düsseldorf definitiv besser hingekriegt. Oftmals hat mir aber auch einfach die Zeit gefehlt, um auf die Afterhours zu gehen. Meistens musste ich am nächsten Tag wieder arbeiten oder habe es vorgezogen weiter an meinem Klub zu basteln. Rückblickend hätte ich das gerne etwas anders gemacht, denn da sind mir bestimmt einige Connections durch die Lappen gegangen. Mein Wunsch wäre es halt, dass sich das Golzheim als ein Ort etabliert, wo sich die ganzen Leute aus unterschiedlichen Szenen treffen um gemeinsam aufzulegen und sich zu inspirieren. Ein Ort des offenen kreativen Austauschs.

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