Talkshow

“Dieses Angebot machen wir nicht” – Element Of Crime im ganz großen Interview

20. April 2023,

Ernstfall für unseren Autoren Marc Wilde: Über Jahrzehnte hatte er sich mit ausgiebigem Studium der Alben darauf vorbereitet, nun ergab sich endlich die Möglichkeit. Er konnte sowohl Richard Pappik wie auch Sven Regener von Element Of Crime persönlich treffen. Es sollte ein Talk werden, der sich dem neuen Album “Morgens um vier” der Band widmet, doch schnell ging es um weit mehr. Hier nun der ganz ausführliche Element-Of-Crime-Talk – unser Podcast für die Augen.

Die ersten Vorboten eures neuen Albums waren Fotos, darunter eines, auf dem ihr in einem Botanischen Garten zwischen vielen Kakteen abgebildet seid. Die begegnen einem bei euch ja häufiger. Was hat es mit den Pflanzen auf sich, stehen sie sinnbildlich für etwas bestimmtes?

Sven Regener: Das war eine Idee der Fotografin, Charlotte Goltermann. Nachdem wir das Album in Berlin aufgenommen hatten, sind wir nach Zürich gefahren, dort wurde die Platte gemischt, im Studio von Patrik Majer, der sie auch produziert hat. Wir sind also dahingefahren und Charlotte, die ja auch unsere Managerin ist, war auch dabei und wollte das nutzen, um Fotos von uns im Sukkulentenhaus zu machen, wo diese ganzen Kakteen stehen, weil das so bizarr aussieht. Und so ist es gekommen, das ist schon die ganze Geschichte.

Ich dachte natürlich sofort an „Narzissen und Kakteen“, das ist ja nicht nur irgendein ein Song von euch, sondern zugleich auch Titel eures mehrteiligen Podcasts, in dem ihr in 15 Folgen Album für Album die eigene Bandgeschichte aufrollt.

Sven Regener: Ja klar, aber der Punkt ist: Element Of Crime sind eine Band, die bei Sachen, die nichts mit Musik zu tun haben, darauf angewiesen sind, dass andere das erledigen. Wir sind keine DIY-Leute. Bei den Fotos und Videos ist das Charlotte Goltermann, bei der Grafik Rike Weiger. Und natürlich kann es sein, dass Charlotte Goltermann das mit den Kakteen irgendwie wegen “Narzissen und Kakteen”, also dem Lied oder dem Podcast oder beidem gemacht hat, aber ich glaube eher nicht, sie denkt da eher optisch und weil sie das eben toll findet und das gut passt oder was weiß ich, wir haben uns jedenfalls, das ist mal sicher, gar nichts dabei gedacht, wir haben uns nur zwischen die Kakteen gestellt, weil Charlotte Goltermann zu uns gesagt hat …

Richard Pappik: … „stellt euch dahin und ich fotografiere euch!“ Und darauf können wir auch vertrauen, weil wir wissen, dass sie in unserem Sinne handelt und dann Fotos dabei rauskommen, die es echt wert sind, dass man sich zwischen diese Kakteen gestellt hat.

Foto: Charlotte Goltermann

Ein Vertrauensverhältnis scheint es auch zu der Band Isolation Berlin geben, die euch schon länger begleiten. Auf der Platte gibt es dieses sehr anrührende Duett mit Tobias Bamborschke. Könnt ihr das ein bisschen einordnen und vielleicht auch etwas zum Hintergrund des Stückes sagen, wie das zustande gekommen ist?

Sven Regener: Wir kennen natürlich ihre Musik und wir hatten sie auch schon auf Tour als Vorgruppe mit dabei. Isolation Berlin sind eine uns sehr verwandte Gruppe. Und als es jetzt für die Platte darum ging, ob wir nicht doch endlich mal ein Duett machen wollen, weil das jetzt alle immer machen, wollte ich das erst eigentlich nicht. Aber mit Tobi konnte ich es mir vorstellen. Man muss aber auch das Lied dafür haben, und das funktioniert bei “Dann kommst du wieder” ja doch sehr gut.

Das Lied hat auch einen schönen Text. Sehr blumig. Ich musste direkt an eine andere Band denken. Die Natur spielt in dem Stück ja eine tragende Rolle. Es wimmelt nur so von Tieren und Pflanzen: die Schildkröte, die Magnolien, der Vogelbeerbaum. Und irgendwie kamen mir da die „Verbotenen Früchte“ in den Sinn. Dafür haben Blumfeld ja damals ziemlich einen auf den Deckel bekommen.

Sven Regener: Du meinst das Album mit dem Apfelmann?

Ja, genau. Den Song mit Tobias Bamborschke kann man durchaus als Bekenntnis zur Naturromantik lesen. Mit dem nahe liegenden Eskapismus-Vorwurf seid ihr aber nicht konfrontiert worden, oder?

Sven Regener: Ach der Eskapismus-Vorwurf ist immer Quatsch, weil natürlich liegt in der Kunst immer auch eine Flucht. Kunst ist ja nicht das richtige Leben. Und darum erlaubt sie einem auch, sich mit seiner eigenen Existenz zu versöhnen. Indem sie Distanz schafft. Das heißt ja nicht, dass man deswegen nicht auch als politischer Mensch unterwegs sein kann. Man muss das nur nicht in jedem Moment tun. Kann sowieso keiner. Ansonsten ist es bei uns ja so, dass wir in diese Art von Diskurs nie sehr tief verstrickt waren. Deshalb haben wir es da einfacher. Wenn wir ein solches Lied machen, fliegen wir nicht aus irgendeinem Verein wieder raus – eben weil wir nie drin waren.

Wahrscheinlich war die Fallhöhe bei Blumfeld auch eine andere. Die haben Diskurs-Pop gemacht und sich auf gesellschaftspolitische Zusammenhänge bezogen. Und dann gab es diesen Wechsel oder Bruch, der ja so bei euch gar nicht stattfinden kann; ihr habt immer schon Liebeslieder geschrieben.

Sven Regener: Die anderen alle doch eigentlich auch. Das Gute ist, dass diese Art von Diskurs, von der wir hier reden, so dehnbar ist – gerade in Bezug auf das Verhältnis von Kunst und Politik, und so kann man eigentlich fast alles immer noch so auslegen, dass es dann doch irgendwie politisch ist auf irgendeine Weise. Die Frage ist nur, ob das überhaupt nötig ist. Ich finde, man muss Liebeslieder nicht extra legitimieren. Mit etwas anderem begründen als mit ihnen selbst. Ich will nicht in einer Welt leben, in der keine Liebeslieder geschrieben werden.

Geht es vielleicht auch darum, Erwartungen zu unterlaufen und sich nicht festlegen lassen zu wollen?

Wer will das schon, sich festlegen lassen? Ich habe jedes Verständnis dafür, dass man sich als Künstler nicht gerne in die unpolitische Ecke stellen lassen will. Aber ich glaube, dass das ein Scheinproblem ist und der Vorwurf des Unpolitischen am Wesen der Kunst vorbeigeht. Weil sich Kunst nicht politisch legitimieren muss. Weil beides, Kunst wie Politik, gleichwertige Überbauphänomene einer Gesellschaft sind, beide die Gesellschaft widerspiegeln, aber auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Funktionen.

Sicherlich ist es so, dass sich eure Texte nicht 1:1 lesen lassen, wie das vielleicht eher bei Bands der Fall ist, die sich im stärkeren Maße politisch definieren. Die Texte von Element Of Crime sind ja sehr bildsprachlich und lebendig, es wird viel mit Metaphern gearbeitet.

Sven Regener: Ja, und das macht es dann teilweise gar nicht so leicht, überhaupt darüber zu sprechen. Und das Politische ist auch meiner Beobachtung nach oft nur ein zusätzliches Vehikel bei dem Versuch, irgendwie über Musik zu reden und ihr nahe zu kommen. Das macht es für die Künstler und auch für die Journalisten, die darüber schreiben wollen und sollen, oft einfacher, dieses ganze Kunstding in seiner Verworrenheit irgendwie einzunorden und kleinzukriegen. Aber dieses Angebot machen wir eben nicht.

Das macht dann auch ein Interview nicht ganz so leicht.

Sven Regener: Das stimmt, das ist dann die Herausforderung.

Mir hat jedenfalls in der Vorbereitung euer Podcast sehr geholfen. Ihr behandelt dort ausführlich die Entstehung einzelner Songs und Alben, geht aber teilweise auch auf den zeithistorischen Kontext ein. Und das, obwohl die Texte ja ganz bewusst so angelegt sind, dass sie möglichst keine Rückschlüsse auf gesellschaftliche oder politische Ereignisse zulassen. Dennoch lassen sich diese Zusammenhänge ja auch nicht völlig ausklammern. Wie ist das beim aktuellen Album? Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren ja eine ganze Reihe an Krisen erlebt. Haben die sich in irgendeiner Form auf die Produktion des Albums ausgewirkt?

Richard Pappik: Ich denke nicht, dass sich das auf die neue Platte ausgewirkt hat. Das hat es auch noch nie, weil es gab immer irgendwelche Krisen oder Kriege irgendwo auf der Welt als wir unsere Alben aufgenommen haben. Das war schon damals in den 90er Jahren mit Saddam und dem Irak so, als wir in Israel waren. Da steckten am Strand noch teilweise die irakischen Raketen im Sand. Was ich sagen will: Krisen gab es immer, und die Zeiten wurden immer wilder von einem gewissen Punkt aus betrachtet, an dem man sich gerade befindet.

Sven Regener: Interessant ist aber, dass man die Songs durchaus so lesen kann. Ich will auch nicht ausschließen, dass einem das Unterbewusste immer mal wieder einen Streich spielt und sich Aspekte in den Liedern zeigen, die man selbst gar nicht im Sinn hatte. Wir sind auch nicht immer ganz so Herr des Songschreibeverfahrens, wie es vielleicht den Anschein hat. Einen Song zu schreiben passiert auf komischen und verschlungenen Wegen, sowohl musikalisch wie auch textlich.

Bei „Unscharf mit Katze“ und einer Zeile wie „Wir gehen heute Abend nicht mehr raus“ liegt der Gedanke natürlich nahe, dass hier auch auf die Pandemie angespielt wird.

Ja, ein solcher Satz lässt sich natürlich auf den Lockdown beziehen. Aber wenn es Corona nicht gegeben hätte, wäre er trotzdem gut. Denn es kann eben noch andere Gründe geben, warum man abends nicht rausgeht. Und es ist eben so in der Kunst, dass sie nicht nur einen Blick zulässt, nicht nur eine Lesart. Alles andere ist uninteressant, alles andere ist Flugblatt. Und du darfst eins nicht vergessen: In ein paar Jahren ist dieser ganze Corona-Scheiß komplett vergessen, da erinnert sich dann kein Schwein mehr dran. Und trotzdem wird dieses Lied noch da sein und wir werden das Lied noch spielen und wir werden Spaß daran haben und andere Leute auch.

Es gibt aber ja auch noch andere Motive in dem Eröffnungsstück, die aus einer traumhaften Zwischenwelt zu stammen scheinen. Eine sprechende Katze, eine Axt in der Hand des vertrauten Gegenübers …

Ja, das Unscharfe, das ist noch einmal ein anderes Element, so ein surreales und seltsames. Auch wie das klingt, „unscharf“. Was die Wörter vom Klang her bewirken, das spielt auch eine Rolle. Das sind alles Sachen, die kann ich gar nicht groß begründen. Was allerdings immer am Anfang steht, ist die Musik, die wir als Band machen. Erst danach kommt der ganze andere Kram. Es geht also gar nicht vorrangig um den Text. Es geht um den Song und seine Wirkung als Ganzes.

Ich glaube es war Jakob Ilja, der in einer Folge eures Podcasts meinte, dass ihr auf die Alben mit einem mikroskopischen Blick schaut. Was für euch eine Welt mit vielen Unterschieden ist, sieht für Außenstehende vordergründig gleich aus. In Anbetracht von „Morgens um vier“, welche wesentlichen Änderungen erkennt ihr hier?

Richard Pappik: Das ist schwer zu sagen, ich fürchte, da sind wir einfach noch zu nah dran.

Sven Regener: Ja, das können wir gar nicht sagen. Deshalb haben wir auch bei dem Podcast mit „Lieblingsfarben und Tiere“ aufgehört, weil wir gemerkt haben, dass bei „Schafe, Monster und Mäuse“ kaum noch was ging, einfach weil uns die Distanz fehlte.

Dann gehen wir weiter zurück in die Vergangenheit: In den ersten Jahren eures Bestehens gab es ein langes Ringen um das „Profil“ der Band. Mit dem Bekenntnis zum romantischen Liebeslied, gesungen in deutscher Sprache, und der Hinwendung zum Chanson, die für mich erstmals bei „Weißes Papier“ (1993) hörbar wurde, habt ihr einen Stil ausgeprägt, dem ihr seitdem treu geblieben seid. Kritiker sagen, wie ein neues Album von Element Of Crime klingen wird, das weiß man immer schon vorher.

Es ist richtig, dass wir in den ersten zehn Jahren um den Stil der Band gerungen haben. Obwohl der ja schon die ganze Zeit da war, auch wenn wir das nicht immer wahrhaben wollten. Dass die Songs so eine kitschige Seite hatten, eine folksongartige Wärme, aber eben auch diese ganz spezielle Kälte, und das gleichzeitig, das war wohl immer so und das konnte man sich weder vornehmen noch abgewöhnen. Wir haben also letztlich um etwas gestritten, was wir sowieso nicht hätten ändern können. Entweder machen wir die Band oder wir machen sie nicht. Und wenn wir sie machen, kommen eben solche Songs dabei raus.

Richard Pappik: Ja, das war völlig überflüssig. Eine Energie, die einfach nur verschwendet wurde. Es gibt eine Reihe alter Stücke, die so nah verwandt mit dem sind, was wir heute machen, dass man sich rückblickend schon fragt, warum wir uns die ganze Zeit so unnötig beharkt haben.

Sven Regener: Und bei der Frage mit den deutschen Texten ging es eigentlich bloß darum, dass man nur das zulässt, was man sich im Englischen auch erlaubt hat. Das musste man dann auch erst mal schnallen, dass man das die ganze Zeit nur deshalb nicht auf Deutsch gemacht hat, weil wir dachten, das könne man doch nicht machen. Aber es ging natürlich. Man muss es ja nicht mögen, aber es hat funktioniert. Das ist, glaube ich, auch der entscheidende Punkt, weswegen wir als Band inzwischen so unverrückbar sind. Bis dahin, dass die Leute manchmal fragen, warum wir uns nicht auch mal neu erfinden… Ja, warum sollten wir das denn tun? Wir sind ja gerade mal froh, dass wir da sind. Da wären wir ja bescheuert, uns neu zu erfinden, dann wären wir ja wieder weg.

Es gibt trotzdem ganz handfeste Änderungen, die stattgefunden haben. Und jetzt muss ich doch noch einmal auf die Albumfotos zurückkommen. Auf dem Cover, wo ihr in einem Frisörsalon zu sehen seid, sieht man einen Stuhl, der nicht besetzt ist. Steht der für David Young, euren langjährigen Produzenten und Bassisten, der im letzten Jahr verstorben ist?

Sven Regener: Da bist du nicht der erste, der das bemerkt hat. Nur wir haben es nicht gesehen. Wir haben das nicht geplant. Aber das ist ganz typisch, sowas passiert einem dann einfach. Es liegt ja eigentlich völlig nahe, dass einem das in den Sinn kommt, aber nur uns Idioten ist es nicht aufgefallen, dass dieser Stuhl da die ganze Zeit steht.

Foto: Charlotte Goltermann

Wie ist es denn zu der Zusammenarbeit mit Markus Runzheimer, der den Platz von Dave Young eingenommen hat, gekommen? Wenn man weiß, wie ihr mit den vorherigen Wechseln an der Bassposition umgegangen seid, dann habt ihr vermutlich auch diesmal keine Audition veranstaltet, richtig?

Richard Pappik: Also wir hatten Markus schon eine längere Zeit dabei. In der letzten Zeit als Dave so krank war, gab es immer Momente, wo man nicht genau wusste, ob er die Konzerte einer Tour auch alle wird spielen können. Und da haben wir Markus als eine Art Versicherung auf Standby gehabt, für den Fall, dass Dave mal nicht konnte. Wir haben mit ihm das ganze Programm eingeübt und er ist oder wäre eingesprungen, wenn Dave krankheitsbedingt nicht konnte.

Aber es ist nicht so, dass ihr euch über eine längere Zeit schon gekannt hättet, oder? Er hat ja früher auch mal bei Poems for Laila gespielt, eine Band, die durchaus eine Nähe zu Element Of Crime hat.

Sven Regener: Also ich kannte ihn nicht. Jakob kannte ihn, er hat bei irgendeiner Filmmusik mit ihm gearbeitet. Markus war schon auch in einem ähnlichen Umfeld unterwegs wie wir und offensichtlich immer in der Nähe, obwohl er ein paar Jahre jünger ist als wir. Und ja, es stimmt, wir hatten natürlich auf dieses Audition-Ding keine Lust, weil das ist ja furchtbar. Die ganzen Leute kommen, und man muss die dann alle bis auf einen wieder nach Hause schicken. Keine schöne Sache!

Lasst uns noch einmal in das Album eintauchen. Das geht ja mit „Unscharf mit Katze“ direkt schwungvoll los. Und auch in dem Video, das ihr zu dem Stück veröffentlicht habt, sieht man Menschen, die tanzen.

Sven Regener: Ja, das ist das letzte Lied gewesen von den zehn, das wir geschrieben haben, das weiß ich noch. Die Idee war plötzlich da und dieses schwungvolle Ding war in unseren Augen auch so ein kleiner Hit, für unsere Element Of Crime Welt. Etwas, das den Leuten relativ leicht ins Gemüt springen kann. Und so ist es dann auch geworden.

„Wir sind alleine, und wir sind zwei. Wir haben alles, was wir brauchen dabei“ heißt es in dem Stück. Ist das so ein Aspekt, Sven, den du mit dem Text hier zum Ausdruck bringen wolltest, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns lieber zurückziehen möchten, in die eigenen vier Wände. Und dass wir die Geborgenheit vor allem in der Beziehung als Paar suchen – und hoffentlich auch finden?

Wie gesagt, es mag sein, dass es da eine Art von Zusammenhang gibt zu diesem Corona-Ding, aber der ist nicht geplant gewesen. Ich finde es auch nicht interessant, sowas absichtlich zu machen. Vor allem, weil jeder weiß, das ist eh demnächst vorbei. Das war ja zu dem Zeitpunkt schon klar, und dann kommst du nochmal mit so einem Coronading um die Ecke, das braucht kein Mensch.

Ich hatte diese konkrete Lesart auch gar nicht unbedingt im Sinn, mir ging es eher grundsätzlich um den Rückzug in die Zweierbeziehung als Reaktion auf das Krisenhafte in der äußeren Welt.

Krisen im Leben, so generell, ja. Auf jeden Fall spielt das eine Rolle. Aber das Lied ist ja nicht unbedingt affirmativ zu verstehen. Es geht vielleicht eigentlich um was ganz anderes, um das Verhältnis vom Einzelnen zur Gesellschaft: Wie kapselt man sich ab? An welcher Stelle wagt man sich raus? Das ist ein Lied, bei dem es viel um Angst geht. Und wo man das auch so ein bisschen idealisiert. Und dann so eine Heldengeschichte, so etwas Tapferes daraus macht: „Wir sind die letzten, die noch stehen.“ So in dem Spannungsfeld ist das Lied unterwegs – glaube ich mal…

Ich habe den Eindruck, dass das gesamte Album stark geprägt ist von dieser Ich-Du-Realität bzw. von dem Verhältnis zu der Person, die ich liebe. Da ist das erste Stück eigentlich noch dasjenige, das für mich am affirmativsten ist. Die Liebe erscheint sonst immer in irgendeiner Form eingetrübt. Also jemand ist nicht da oder es gibt die Angst vor Verlust. Selbst der Song mit Tobias Bamborschke, der ja wirklich sehr fröhlich daherkommt und auch Hoffnung transportiert, basiert zunächst darauf, dass die geliebte Person nicht da ist und eben vielleicht auch nicht wiederkommt. Die Rechnung der Liebe geht also nie so ganz auf. Ich habe da jedenfalls sehr stark diese Traurigkeit wahrgenommen. Könnt ihr das nachvollziehen?

Sven Regener: Ja, klar, die Platte hat eine sehr starke melancholische Seite. Aber ich persönlich empfinde das nicht negativ. Das ist ja das, was ich immer sage: In der Kunst kann das Traurige eben auch schön sein. Im richtigen Leben eher nicht so.

Richard Pappik: Zur Liebe gehört ja auch nicht nur dieses ungetrübte Zusammensein, wo alles schön ist. Das ist ja wirklich ein großes Thema, mit dem einiges einhergeht.

Foto: Charlotte Goltermann

Ich glaube auch nicht, dass die Texte immer ganz eindeutig sind, sie scheinen aber oft eher in die Richtung zu kippen, wo die Liebe eben keine Erfüllung findet. Vielleicht gibt es da auch verräterische Hinweise, die nicht auf den positiven Ausgang der Geschichte schließen lassen, wie zum Beispiel bei „Dann kommst du wieder“, wo von „Saufbrüdern“, die Rede ist, „die ihren Deckel nicht bezahlen“…

Sven Regener: Ja, aber man kann auch genauso gut sagen, ich weiß, dass du wiederkommst und das wird dann so toll sein, dass es alles andere überstrahlt – was natürlich auf der einen Seite vielleicht naiv, aber irgendwie auch lebensbejahend und positiv und optimistisch ist. Und man kann es auch, wie du, umgekehrt sehen. Man kann sagen, na ja gut, diese Magnolie, die hat doch noch nie richtig geblüht. Die erste Platte von Element Of Crime hieß ja „Basically Sad“ – sicher auch nicht ohne Grund.

Womit wir beim Thema Rückbezüge wären. „Wieder Sonntag“ heißt ein Stück, was man ja auch durchaus wörtlich nehmen kann. „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ zum Beispiel war ein Song auf eurem letzten Album.

Ja, aber da gibt es keinen Zusammenhang. Die Wahrheit ist, dass „Wieder Sonntag“ die Wiederaufnahme eines Liedes von 1985 oder 1986 ist, das wir damals nicht hingekriegt haben. Es hieß „Blue Sunday“. Und ich mochte das immer total gerne.

Richard Pappik: Wir haben es zwischendurch auch immer wieder mal versucht mit dem Song.

Sven Regener: Ja und dann habe ich gedacht, da machst du mal einen deutschen Text dazu, vielleicht geht‘s dann. Und so ist es gekommen.

Dennoch scheint es mit dem Sonntag etwas Besonderes auf sich zu haben. Es gibt ja auch noch ein Album, dass diesen Tag im Titel trägt: „An einem Sonntag im April“.

Sven Regener: Ja, Sonntage sind diese Tage, an denen man oft anders unterwegs ist als an allen anderen Tagen.

Das stimmt, ich finde sie meistens furchtbar.

Sven Regener: Ich zum Beispiel bin auch eher gegen den Sonntag. Richard aber hat vorhin gestanden, dass er den Sonntag eigentlich sehr gerne mag. Und Jakob hat mir am Morgen erzählt, dass er den auch ganz super findet – wobei er sich erinnern musste, dass er am Abend immer schon traurig wurde, weil es am nächsten Tag wieder in die Schule ging. Das ist wirklich ein sehr seltsamer und besonderer Tag. Und da kommen auch Dinge hoch, die man sonst vielleicht, wenn man arbeitet, in der Schule ist oder was immer auch, beim Einkaufen oder so, verstecken kann. Und deshalb ist das guter Stoff. Guter Stoff für Songs. Wir haben ja nur wenige Wörter in den Liedern und mit denen will man eine maximale Wirkung erzielen. Und dann sagst du einfach nur „Sonntag“ und allein damit löst du sehr viel aus. Jeder Mensch hat dazu irgendein Bild, jedem fällt dazu irgendetwas ein. Ich mag ja auch das Wort gerne: „Sonntag“. Auch „Sunday“. Besser als „Mittwoch“.

Richard Pappik: Ja, das klingt schöner.

Es ist wohl immer einfacher über Texte zu reden als über Musik, aber auf ein besonderes Stück wollte ich in musikalischer Hinsicht noch zu sprechen kommen: „Ohne Liebe geht es auch“, für mich ja der Richard Pappik Song und mit der stärkste Titel auf dem ganzen Album. Was für ein Groove! Und du machst hier ja wirklich alles, Richard. Klar, das Schlagzeug, dann aber geht’s mit diesen irren Drumcomputer-Effekten los, wo man in der Tat sagen kann: Das haben wir noch nicht gehört. Dieses herrliche Glockenspiel, das überhaupt sehr präsent auf dem Album ist. Und zum Abschluss ein strahlendes Solo mit der Mundharmonika, bei dem ich mich klanglich zurückversetzt gefühlt habe zu „School“ …

Richard Pappik: … von Supertramp.

Genau. Und es gibt natürlich noch viele weitere Elemente in dem Song zu entdecken: den gospelartigen Gesang, diese soulartige Trompete. Aber das meiste kommt von dir. Wobei ich mich gefragt habe: Wie wollt ihr das denn bitteschön live umsetzen?

Richard Pappik: Dann müssen wir versuchen, die jeweils richtige Cover-Version zu finden. Weil klar, im Studio kann man Sachen machen, die kannst du so nicht auf die Bühne bringen. In der Produktion spielt Jakob Ilja manchmal drei Gitarren gleichzeitig, das kann der live natürlich niemals bringen. Man muss also jedes seiner eigenen Lieder covern und versuchen eine Version zu finden, die nah am Original dran ist. Und im Zusammenhang mit dem Live-Erlebnis, dem ganzen Licht und so ist das dann meistens auch ganz gut zu machen.

Aber ist das auch ein Stück, das dir besonders am Herzen liegt?

Richard Pappik: Also ich habe schon verschiedene Lieblingssongs gehabt, seitdem wir mit der Produktion fertig geworden sind. Das wechselt sich ehrlich gesagt ab. Und das ist mir aber eigentlich bei allen Platten so gegangen, und es dauert auch wirklich eine gewisse Zeit, bis sich das gesetzt hat und man selber in der Lage ist, dazu mit Abstand etwas zu sagen.

Was mir auch aufgefallen ist. Bei den Gastmusikern sind zwar wieder Ekki Busch und Rainer Theobald vertreten, aber Streicher habt ihr diesmal keine dabei. Wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen, wolltet ihr das Album bewusst puristischer anlegen?

Richard Pappik: Das hat sich einfach so ergeben. Es war auch nicht so, dass sich das an irgendeiner Stelle so richtig aufgedrängt hätte.

Sven Regener: Wir hatten sogar aus lauter Gewohnheit ein Streichquartett bestellt, ihnen dann aber abgesagt und sie entschädigt. Man kann natürlich immer irgendwo was draufballern, aber bei dieser Platte war es eben so, dass wir Platz lassen wollten – gerade auch für Jakob, der hier ja eine sehr wilde Gitarre spielt. Das spricht jetzt nicht gegen die Streichquartette auf anderen Platten, so wie bei „Mittelpunkt der Welt“ zum Beispiel, das war da schon sehr stark. Aber vielleicht hat es auch damit etwas zu tun, dass Dave diesmal nicht mehr dabei war und ich mich da einfach nicht mehr so sicher fühlte in diesen Dingen. Oder dass wir uns generell mehr auf die eigenen Stärken besinnen. Aber der entscheidende Punkt ist: Am Ende entscheidet das Lied, was es will, und nicht wir. Wir können da nicht einfach irgendetwas überstülpen.

Wie ist das eigentlich mit der Reihenfolge der Songs. Ist das für euch ein Thema? Sven, du hattest vorhin gesagt, dass die Vorabsingle und der Opener, „Unscharf mit Katze“, das Stück ist, das ihr als Letztes geschrieben habt. Wenn ich mir das Vorgängeralbum anschaue, dann habe ich den Eindruck, dass auf „Schafe, Monster und Mäuse“ sowohl der Eröffnungs- als auch der Schlusssong ganz bewusst dort platziert worden sind. Beide verbindet ganz am Anfang derselbe Gitarrenakkord, und bei „Morgens um vier“, dem letzten Stück der aktuellen Platte höre ich ihn schon wieder. Alles Zufall?

Sven Regener: Ja, also da ist kein Plan dahinter. Das hat sich so ergeben. Natürlich gibt es verschiedene Schlüsselpositionen. Klar, das erste und das letzte Stück, das ist logisch: womit begrüßt du die Leute und womit entlässt du sie wieder zurück in die Welt, nachdem sie das Album gehört haben. Und dann ist es aber so, dass es auch sinnvoll ist, mit A- und B-Seite zu hantieren. Früher bei den reinen Vinylaufnahmen – als die CD noch nicht das dominierende Medium gewesen ist – war es immer so, dass auch A5 und B1 sehr wichtige Positionen gewesen sind, weil man drehte die Platte um, man ging also einmal kurz raus und wieder rein in die Musik, das hatte für die Dramaturgie der Platte einen starken Effekt, und diese Art von Zäsur ist eigentlich für mich bei den Alben immer noch gegeben. Auf diese Positionen geben wir also immer acht, und den Rest muss man dann dazwischen verteilen und zusehen, wie das funktioniert.

Das Finale mit „Morgens um vier“ ist in jedem Fall herausragend. Ein epischer Song mit knapp sieben Minuten Länge. Tolle Bläser auch, vor allem das Saxophon, wie es sich am Anfang textlich ankündigt und dann nachher so nonchalant reinschneit.

Richard Pappik: Das ist toll, ja.

Bei dem Song musste ich übrigens auch – sorry, es tut mir leid – irgendwie an Harald Juhnke denken. Keine Ahnung, diese Atmosphäre, nachts alleine durch die Straßen von Berlin zu spazieren, schlaftrunken und mit Liebeskummer, vielleicht auch leicht einen sitzen. Das Bild stand mir jedenfalls vor Augen.

Sven Regener: Das ist nicht das schlechteste aller Bilder!

Ach, und was mir mit Blick auf das Album in seiner Gesamtheit natürlich auch nicht verborgen geblieben ist: In jedem Song spaziert ein Tier rum, mindestens eins. Tiere sind also doch die besseren Menschen, oder?

Sven Regener: Auf jeden Fall, natürlich sind Tiere die besseren Menschen. Das hat ja schon Andreas Dorau gesagt.

Interview: Marc Wilde

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