„Ich schwöre euch ab“ – Das große Interview mit Rocko Schamoni
Egal, in welchem Feld Rocko Schamoni auftaucht, er setzt überall Akzente. Ob als Musiker, Autor, Schauspieler oder auch Theaterregisseur. Langweilig wird’s woanders, bei dem Hamburger Big Styler aber nie. Doch ist dieses Leben zwischen den Stühlen so leichtgängig, wie es erscheint? LINUS VOLKMANN spricht mit dem Berufs-Hamburger über Wendepunkte einer aufwühlenden Karriere.

Rocko Schamoni. Foto: David Königsmann
Erste Frage ist ganz einfach, wie geht es dir gerade?
ROCKO SCHAMONI Ich muss sagen, das Schicksal hat mich gerade ziemlich aufs Korn genommen und versucht, mich ins Straucheln zu bringen. Ist ihm auch gelungen. Denn ich habe mich schwer verletzt im letzten Sommer und mir mit der Kreissäge die linke Hand ruiniert. Es fehlt ein Teil des Daumens und der Zeigefinger ist nicht mehr funktionsfähig. Dadurch hat sich mein ganzes Leben verändert, weil ich jetzt nicht mehr Gitarre spielen kann, was einer meiner zentralen Selbstbegleitungsmechanismen auf der Bühne gewesen ist. Ich kann auch als Keramiker, das Scheibentöpfern nicht mehr betreiben und muss vieles neu lernen. Dazu kamen im nahen Umfeld Todesfälle und schwere Erkrankungen. Ich fühle mich richtig so, als wenn Gott mir in den offenen Mund geschissen hätte. Das Merkwürdige ist aber, dass es mir trotzdem irgendwie gut geht. Ich spüre, dass ich nicht zu bremsen bin. Die Kunst drängt die ganze Zeit, sagt „Hör nicht auf, du hast gerade so tolle Ideen!“ Und das stimmt. Aber ich habe so wahnsinnig viele Vorhaben, bin in tollen Prozessen drin, dass ich mich auch von den härtesten Schlägen nicht unterkriegen lassen kann und will. Verrückt, mir geht es ziemlich gut.
Was ist das denn für ein dramatischer erster Quote? Davon müsste man sich ja erstmal erholen. Aber lass uns dennoch direkt einsteigen in das Thema Wendepunkte. Und zwar mit einem Apropos, nämlich einem Wendepunkt, den dein Lebensweg ausgelassen hat. Man findet ihn in deinem Buch „Tag der geschlossenen Tür“ (2011). Darin taucht eine Geschäftsidee auf, einen eigenen Bringservice für Essen aufzustellen aus den Karten diverser Restaurants in der eigenen Nähe – um das bestellte Essen daraufhin selbst zu ordern, abzuholen und mit kleinem Gewinn weiterzureichen. Auf der Live-CD zum Buch bringst du die Leute zum Lachen über diesen vermeintlich absurden Einfall, aber das ist heute ja 1:1 das menschenfeindlich umgesetzte Geschäftskonzept von Lieferando und ähnlichen. Ist dir bewusst, dass dir eine Multi-Milliarden Dollaridee durch die Lappen gegangen ist?
Tatsächlich ja! Ich muss allerdings bei dieser Idee darauf verweisen, dass ich nicht ihr originärer Inhaber gewesen bin. Sie stammt von einem Freund von Jacques Palminger, sein Name ist Peter Nowak, der hat diese Idee „Restaurant vier Tafeln“ damals auch ausgeübt – und zwar wirklich gut. Das ist übrigens nicht die einzige gute Idee von ihm. Diesem Mann sind die Milliarden geschuldet, die Lieferando ohne sein Einverständnis verdient hat.
Immerhin zollt dein Buch ihm Respekt. Jetzt mal ein tatsächlicher Wendepunkt, der auch in etlichen deiner Bücher anklingt: Der Umzug von Lütjenburg nach Hamburg. Wie würdest du sagen, hat Hamburg dich verändert?
Jeder Ort, an dem man zieht, verändert dich zwangsläufig aufgrund der Menschen, mit denen man zusammentrifft, mit denen man arbeitet, die man liebt. Insofern hat Hamburg mich enorm verändert. Ich wäre ein völlig anderer Mensch, wenn ich nach Barcelona gezogen wäre oder nach Kiel oder nach New York. Aber ich hatte das große Glück in Hamburg auf die Ursuppe der Hamburger Schule gestoßen zu sein. Das war ein brodelnder Kessel von interessanten Leuten mit tollen Ideen. Das hat mich komplett aufgesogen, mich angefüllt mit dem, woraus ich jetzt bestehe. Ich stand damals in der Bar Sorgenbrecher hinterm Tresen. Jede Nacht – und habe all diese Gespräche über Musik und Politik erlebt. Mein Song „Der Mond“ handelt übrigens davon, das weiß eigentlich niemand. Ich habe ihn geschrieben nach einer langen, durchdiskutierten Nacht im Pudel, in der alle wieder besonders superwichtig gewesen sind und jeder glaubte, er hätte die einzige richtige Meinung. Ich hatte irgendwann nach dem dritten oder vierten Cola Rum aufgehört, mitreden zu wollen. Am nächsten Tag kam die Idee zu „Der Mond“. So hat diese Stadt auch in meine Musik eingewirkt. Ohne Hamburg wäre ich sicherlich nicht ich geworden – und Hamburg wäre ohne mich auch nicht Hamburg geworden.
Hallo Freunde, ich bin der Beobachter
Ich stehe lautlos hier ganz oben und bin einfach da
Ich habe nichts zu sagen
Ich will kein Urteil geben
Ich sehe nur dabei zu, wie die Dinge kommen und gehen
Wie jede neue Mode, lässt mich innen völlig kühl
Und selbst der Armstrong hat mich äußerlich nur aufgewühlt
Ich schau auf euch herab und spür die Zeit vergehn
Hier oben gibt es welche, die das auch nicht anders sehnUnd die Sonne geht auf
Und die Erde geht unter
Ganz oben steht der Mond
Und er schaut jeden Tag auf die Erde herunter
Von seinem Blick bleibt nichts verschont(„Der Mond“ Rocko Schamoni)
Du bist als Punk gestartet und irgendwie passt dessen Freigeist-Definition bis heute auf dich. Allerdings hast du dich schnell von der Punkmusik als Ästhetik abgewandt, hast vieles vom Schlager bis zum Crooner ausgetestet. Wie kam es, warum nicht einfach einen Sound ein Leben lang durchknüppeln wie die Toten Hosen?
Es schon früh sicher – so ‘84 oder ’85 – dass ich kein Shouter bin. Ich habe probiert, so zu singen wie Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen, aber ich bekam davon Hustenattacken. Meine Stimme ist dafür nicht gemacht und allein aufgrund dieser anatomischen Bedingungen habe ich versucht, etwas anderes zu machen. Außerdem war schnell klar in den internen Debatten, die wir damals in Hamburg geführt haben, dass man nicht an einem musikalischen Punkt verharren konnte. Frank Spilker von Die Sterne kam mit Funk an, auf einmal habe ich Sly Stone für mich entdeckt, wir haben uns alte und neue Sounds nur so um die Ohren gehauen. Es war quasi gar nicht möglich, hängen zu bleiben bei Punkrock – den ich trotzdem noch gut fand, aber er war auch definitiv vorbei. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich einfach mit der Musik treiben lassen. Dann zog beispielsweise Hans Platzgumer nach Hamburg und wir haben uns Sampler besorgt. Das war die heiße Phase Ende der 80er, Anfang der 90er, in der aufkam, wie man selbst elektronische Musik machen kann. Meine Neugier war ungebremst und ich wollte das Meer der Musik durchschwimmen, erkunden, wollte tauchen und sehen, was da alles so rumliegt.
Der nächste Punkt ist weniger Veränderung denn Selbsterfindung. Wann war dir klar, dass du nicht mehr Tobias sein wirst, sondern für immer Rocko Schamoni?
Mir war nie klar, dass ich für immer Rocko Schamoni bin – bis heute nicht. Sicher war ich mir allerdings, ich will nicht mehr Tobias Albrecht sein. Ich habe erst viele Jahre später begriffen, warum. Der Grund ist, dass ich mit meiner Familie, mit meinen Eltern brechen musste. Als Dreijähriger war ich so unglaublich eifersüchtig auf meinen kleinen Bruder gewesen, der zweieinhalb Jahre jünger war als ich. Als er auf die Welt kam, brauchte er die Liebe und Aufmerksamkeit meiner Mutter. Deswegen fühlte ich mich damals ungeliebt und man wiederholt mit der Jugend noch mal seine frühe Kindheit – was man natürlich nicht weiß. Mit 14 oder 15 bin ich so aus der Familie ausgetreten und habe mir eine neue Familie gesucht. Meine Wahlverwandtschaften waren die Punks. Wir gaben uns alle neue Namen, das steht für den Versuch, mit diesen neuen Namen eine eigene Existenz zu gründen und gleichzeitig auch die eigentlichen Verwandten abzustrafen. Das sollte ihnen mitteilen, ich schwöre euch ab, ich heiße nicht mehr wie ihr. Erst nannte ich mich Rodney Dangerblood später dann Rocko Schamoni. Damals aber schien offen, ob ich nicht vier Jahre später wieder jemand anderes hätte werden wollen.
Zuletzt hast du dich auch wieder auf den Titel „King“ aus dieser frühen Zeit besonnen, also King Rocko Schamoni. Wie kam das?
Der Zusatz schien mir lange Zeit albern. Vor ungefähr sieben Jahren habe ich aber gedacht, wenn man mit solchen Masken und Figuren arbeitet, wie ich es tue, gibt es doch einen Begriff wie Albernheit gar nicht. Ich habe damit eine Entertainment-Figur in die Öffentlichkeit gestellt, und da eine Ernsthaftigkeit vorzuspielen, die die Figur gar nicht verlangt, ist doch unnötig.
Ein weiterer Wendepunkt war sicher, als dir klar wurde, Musik ist nicht bloß Passion oder das, war dir passiert, sondern irgendwann auch ein Beruf. Kam das schleichend oder stand an einem Punkt fest, ich will und werde mein Geld auch nächstes Jahr nicht mit irgendwas anderem verdienen?
Schon als Jugendlicher habe ich mir gewünscht, ich könnte mit meiner eigenen Kunst Geld verdienen. Leute, mit denen ich zusammentraf, die in solchen Bereichen gearbeitet haben, die habe ich unheimlich verehrt, deren Leben kam mir so attraktiv vor. Leider musste ich diesem Wunsch nach einiger Zeit, in der ich das gelebt hatte, aber auch wieder abschwören. Ähnlich wie Max Goldt hat sich die Öffentlichkeit für einen anderen Bereich entschieden.
Wie meinst du das?
Man hat mir doppelt, dreifach, vierfach so viel Publikum zugewiesen, nachdem ich dann das Genre gewechselt habe. In Düsseldorf habe ich zum Beispiel immer im zakk gespielt mit meiner Band – sechs, acht Leute, Bläser und so. Wir traten auf im kleinen Saal des zakk vor vielleicht 140 Leuten. Als dann mein zweites Buch „Dorfpunks“ rauskam, wurde endlich das große zakk für mich aufgeschlossen, in das 450 Leute reinpassen und wo ich es so gerne mit meiner Band reingeschafft hätte.
Da bist du schon beim nächsten Punkt. Du musstest aus ökonomischen Gründen die Musik Ende der Nullerjahre hinten anstellen. Als das Album mit dem Song „Leben sterben lernen“ erschien, hast du das auch öffentlich gemacht.
Das war sehr frustrierend, weil ich wollte vor allen Dingen Musiker sein. Musik ist das bedeutendste Erlebnis meines Lebens, wenn man mit anderen zusammenkommt, wenn sich rausschält, was aus einem Song werden kann, wenn ich ihn teile mit anderen, das ist für mich Vulkanismus pur. Allein aus ökonomischen Gründen konnte ich das nicht mehr haben und mir war klar, wenn ich meinen Lebensstandard halten will, dann muss ich mit Büchern auf Tournee gehen. Natürlich genieße ich meine Lesungen und bin dem Publikum dankbar, dass die Hallen so voll waren, wundervoll! Aber ich saß backstage allein und hab‘ immer auf die anderen gewartet, doch die kamen nicht mehr.
Das hast du für etliche Jahre konsequent durchgezogen, aber die Musik fand ihren Weg zurück zu dir.
Ja, vor ein paar Jahren habe ich gesagt, das kann es nicht gewesen sein, die Musik ist ja in mir und ich schreibe die ganze Zeit Songs, die kann ich doch nicht nur für die Schublade oder den Mülleimer schreiben. Dann habe ich wieder angefangen. Letztendlich aber hat sich bewahrheitet, dass damit kein Geld zu verdienen ist. Ich kann die Band nicht anständig bezahlen. Ich kann davon auf keinen Fall leben, wenn ich mit der Band auf Tournee gehe. Ich kann auch von den Einnahmen der Plattenverkäufe auf keinen Fall leben und schon gar nicht durch die jämmerlichen kleinen Beiträge, die Spotify uns zubilligt. Das heißt, Musik mache ich, wenn man so will, aus Selbstbefriedigungsgründen oder um Werbung zu machen für meine Welt und für die derjenigen, die so leben wie ich. Aktuell ist es so, dass es auch kein Geld mehr von Labels gibt. Ich kann nicht mehr irgendwo hingehen und nach 15.000 Euro für eine Plattenproduktion mit Bläsern und Streichern fragen. Du kriegst auch keine 5000 mehr, vielleicht noch 3000 für die ganze Produktion. Denn weder Du, die Band oder auch das Label bekommen das wieder rein. Darin zeigt sich auch das Auseinanderbrechen unserer Sozialität und unserer Gesellschaft, dass sich wichtige Energiezentren wie Bands nicht mehr von ihrer Arbeit ernähren können. Das finde ich dramatisch. Glücklicherweise gibt es solche Sachen wie Steady, also Plattformen, auf denen man direkt unterstützt werden kann, und Crowdfunding, mit dem man Geld reinkriegt, um Dinge zu finanzieren. So bemühe ich mich gerade via Steady eine Platte zu finanzieren. Aber die Selbstverständlichkeit, so was machen zu können, die gibt es nicht mehr.
Eine weitere nach außen sichtbare Metamorphose hattest du eben bereits selbst angesprochen. Mit deinen Büchern warst du plötzlich ganz allein auf der Bühne. Stellte das für dich eine Umstellung dar?
Nun, ich bin der geborene Entertainer. So angeberisch, wie das klingt, ist es aber nicht gemeint. Ich will eher sagen, dass es mir im Blut liegt, mich hinzustellen und Leuten was zu erzählen, ihnen was vorzusingen, sie zu unterhalten. Das konnte ich bereits mit 14 sehr gut. Ich erlebe auch vor größeren Menschenmengen einen Fisch-im-Wasser-Effekt. Ich mache das gerne, aber der Druck ist gleichzeitig sehr hoch, denn für keine Sekunde an so einem Abend geht der Fokus von mir weg. Ich muss dann alleine diese hohe Latte, die ich in den Raum reingelegt habe, halten. Das strengt sehr an und ich habe danach niemand, mit dem ich Bier einnehmen und über alles noch mal sprechen kann, wie es bei einer Band der Fall ist. Das war schon ein schwieriger Tausch, als ich diesen Entertainer auf die Bühne gestellt habe, der alleine durchs Land zieht und dabei viel mehr Geld bekommen hat und ein viel größeres Publikum. Geld gegen Einsamkeit, Geld gegen Freundschaft, doch ich konnte nicht auf das Niveau zurück, dass wir jeder hundert Euro pro Abend bekommen und von der Tournee zurückkehren mit vielleicht – nach Abzug aller Unkosten – 850 Euro dastehen, die fürs nächste halbe Jahr reichen sollen.
Bei all den Veränderungen, die wir jetzt aufgefächert haben, was sind für dich die Konstanten in deiner Welt?
Es ist vielleicht die einzige Konstante meines Lebens, dass ich immer, wenn ich mit einem Thema fertig bin, sofort wieder zwischen die Stühle springe. Ich habe gerade Regie geführt bei einem Theaterstück in Basel, das heißt „Die Ritter des Mutterkorns“. Es ist ein Stück über das Leben von Albert Hofmann, dem Erfinder von LSD. Als ich zurückgekommen bin, habe ich mich gefragt, „bin ich jetzt eigentlich Theaterregisseur?“ Das kann ich und es ist so ein tolles Stück geworden, selbst in „Die Welt“ war eine gute Kritik, passiert auch nicht alle Tage. Aber dann habe ich angefangen, zu Hause Musik zu machen und einen Song aufzunehmen, der trägt den verheißungsvollen Titel „Der Geist von Fritz Teufel“. Sofort dachte ich wieder, „Musiker, das bin ich eigentlich.“ Aber vor drei Tagen habe ich begonnen, ein neues Buch zu schreiben und es durchzuckte mich, „Alter, ist das geil! Das Thema ist fantastisch. Ich muss offensichtlich Schriftsteller sein.“ Da fiel mir auf, ich lebe konsequent zwischen allen Stühlen. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Denn so erreiche ich nirgends ein Plateau, auf dem ich zu Hause sein kann – und so behandelt mich auch die Welt. Ich gehöre zu keinem dieser Lager, ich werde zu keinem Schriftstellerkongress eingeladen, mir wurde noch nie ein Musikpreis zugesprochen. Ich gehöre zu all diesen Lobbys nicht dazu. Ich tauche nicht mal auf der Frankfurter Buchmesse auf, obwohl sich meine Bücher gut verkaufen. Ich lebe in einer Parallelwelt.
Das liegt aber auch daran, dass in jedem der Lager die Leute staunen, wenn du so schillernd in ihren Betrieb steppst und dann auch wieder weiterziehst zum nächsten Feld. Musik und Buch ist ja längst nicht alles, was du bedienen kannst. Ich hab dich auf der großen Leinwand gesehen nicht nur bei dem Film „Fraktus“ sondern auch als Antagonist in Helge Schneiders „Im Wendekreis der Eidechse“. Mit Studio Braun machst du zudem auch noch Comedy.
Das stimmt. Vielleicht mache ich es den Leuten nicht einfach durch das Rumgespringe, aber manchmal verzweifle ich da auch dran.
Wenn ich von Außen auf dich gucke, ist mein Eindruck nicht: „Auweia, die arme Sau ist schon wieder auf einem anderen Feld unterwegs“ sondern „Oh Gott, er kann scheinbar alles und macht überall mit, wo es geil ist.“ Es erscheint befriedigend, wenn sich jemand in so unterschiedlichen Formen der Kunst verströmen kann.
Vielleicht. Ich bin mir nicht sicher, wie der Außeneindruck ist. Ich weiß nur, wie es innen drin ist und da erscheint es mir emotional zwar richtig, aber intellektuell mitunter auch fragwürdig.
Einen Einschnitt möchte ich noch ansprechen, den alle aber gerade auch Künstler:innen gespürt haben. Die Pandemie 2020 und was daraus gefolgt ist. Wie war das für dich? Du musstest schon immer flexibel sein, hat dich das daher vielleicht gar nicht so erschüttert oder war es doch eine Zäsur?
Ich empfand es als eine maximale Zäsur für mich, aber auch für die Welt, für die Gesellschaft und nicht zuletzt für die Künstler:innenschaft. Das ist etwas extrem Dramatisches, was uns noch lange verfolgen wird, was sich auch in den politischen Wahlergebnissen an allen Orten zeigt. Das sind Nachbeben eines großen Einschnitts, den einige schlimme Leute zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen. Man konnte einen furchtbaren Riss wahrnehmen – und ich erlebe ihn heutzutage immer noch sehr stark. Mit der Pandemie hat, wenn man so will, das Unheil seinen Lauf genommen, zumal das nicht der letzte Riss dieser Art gewesen sein wird. Denn was seitdem passiert ist, überfordert uns alle gerade. The Helter Skelter started with that. Die Pandemie hat unheilvolle Effekte in unsere Gesellschaft hineingetragen. Bei vielen Menschen – auch in meinem näheren Umfeld – spüre ich immer noch, dass sie so verletzt gewesen sind, dass sie sich so ausgestoßen gefühlt haben mit ihrer Art, die Dinge zu sehen und so ein Misstrauen in sich aufgenommen haben.
Anpassungsfähigkeit war immer zentral für Künstler:innen, aber dieser aktuelle Umbruch ist vor allem ein Regress.
Ja, es ist ein starker Vernichtungsprozess in diesem Jahrzehnt losgetreten worden und hat so unglaublich viel Geld, Kraft und Leidenschaft aus der Kultur rausgezogen.
Mit diesen positiven Worten: Willkommen zur letzten Frage. Du hast zuletzt dein 40-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert und dieses Frühjahr für eine ausgiebige Tour genutzt. Für alle, die das verpasst haben, was waren das für Shows?
Wenn man von 40 Jahren spricht, ist das ein riesiger retrospektiver Blick auf ein Schaffen. Es geht also nicht um das, was als nächstes kommt, sondern um das, was war. Ich habe meine „größten Hits“ – in Anführungsstrichen – gespielt. Aber auch Songs, die seit Ewigkeiten nicht mehr im Programm waren. Mitunter seit 35 Jahren wie zum Beispiel „Der Tiger in der Nacht“ von meiner ersten Platte. Ich habe dazu eine kleine Band zusammengestellt und es bringt Spaß, meine Musik mit ihr neu zu interpretieren – aber am Ende sollte es natürlich vor allem eine Werkschau sein. Dazu las ich unter anderem noch Geschichten, die ich mit 19 geschrieben habe und noch nie vorgetragen hatte. Eine große Entertainment-Gala, die von den letzten 40 Jahren erzählt.
Interview: Linus Volkmann
==> Rocko Schamoni feierte im Mai 2026 seinen sechzigsten Geburtstag – geboren in Kiel, aufgewachsen in Lütjenburg zog er bereits als Teenager nach Hamburg. Er veröffentlichte zahlreiche eigene Platten, taucht aber auch bei einer Vielzahl anderer Acts auf. Er trat u.a. als Schauspieler in Erscheinung in der Mockumentary „Fraktus“ oder den legendären Kultfilmen „Rollo, Aller“. Sein Buch „Dorfpunks“ wurde verfilmt, zuletzt erschien von ihm die autobiographische Erzählung „Des Pudels Kern“. Dieses Jahr ging er anlässlich seines 40-jährigen Bühnenjubiläums auf große Tour durch die deutschsprachigen Gefilde.







