Record of the Week

Rocko Schamoni „Musik Für Jugendliche“ (Tapete)

Rocko Schamoni
„Musik Für Jugendliche“
(Tapete)

Großzügig instrumentierte Songs mit offensiver Chanson-Anmutung bestimmen dieses neue Rocko-Schamoni-Album über die Maßen.  Andernorts wurde der treffende Begriff „krugig“ in die Runde geworfen – gemeint war damit ein nicht zu leugnender Bezug auf die sich ungebrochener Wertschätzung erfreuende Musik Manfred Krugs, die sich hier haltungsmäßig und musikalisch manifestiert. Konkret zeigt sich diese Tendenz in einem diffus erwachsenen Habitus (der sich konträr zum LP-Titel verhält, tja!) sowie der Vorliebe für ausgeklügelte, aber leichtfüßig wirkende Kompositionen, die sich souverän zwischen Soul- und Jazzspielarten bewegen.

In textlicher Hinsicht wird die häufig bodenständige Ausrichtung der Musik mit psychedelischen Anwandlungen konfrontiert, die mich an die in sich gekehrten Texte Udo Lindenbergs auf dessen Frühwerk „Daumen im Wind“ erinnern (nicht gerade „Hoch im Norden“, eher „In den dunklen tiefen Gängen der Vergangenheit“). Im Vordergrund steht im Zusammenhang mit „Musik Für Jugendliche“ die Thematisierung der Endlichkeit des Seins und eine damit verbundene, angenehm von Uneitelkeit und Bescheidenheit zeugende Herabsetzung des Subjekts an sich, die vornehmlich die beiden herausragenden Stücke des Albums, „Als hätte es uns nie gegeben“ und „Der Weg hinab“ charakterisiert – letzteres kann übrigens als Tribut an Harry Nilsson betrachtet werden, an dessen Version von „Everybody’s Talking“ das elegant-behände Fingerpicking-Arrangement des Stücks anknüpft. Außerdem verwandelt sich Nilssons „Me & My Arrow“ hier in eine Hymne auf den Pudel-Club, an dem Schamoni bekanntlich geschäftsmäßig und ideologisch beteiligt ist. Tatsächlich erscheint der Pudel als eine der wenigen sinnhaft besetzten Chiffren, die die Texte auszeichnen – eine Gegenwelt gewordene Gaststätte, an deren Seite höchstens noch eine neue Liebe bestehen kann (und die ist ja wie ein neues Leben, wissen wir), was sich in dem zunächst als klebrig-käsig, mittlerweile als grandios offenherzig erlebten „Unser Freies Lied“ nach hören lässt.

Überall sonst verschwinden Menschen und Welt ins Nichts, wird Existenz unter dem Vorzeichen von Sinnverfall reflektiert. Dabei geht dieser Umstand mit einer friedlichen Grundstimmung einher (besonders schön illustriert von dem trostspendenden Mundharmonika-Solo in „Als hätte es uns nie gegeben“), deren schicksalsergebene, versöhnliche Umsetzung gänzlich frei von Larmoyanz bleibt.
Eingebettet ist das Album in ein Narrativ biographischer Details, die sich am deutlichsten in Gestalt des Covers und der Fotos auf dem Innersleeve abzeichnen. Die antibildungsromanmäßige Umstellung von Zukunft auf Herkunft weist diese Platte als eine Art Alterswerk aus, im Rahmen dessen der ehemals humoreske Ansatz Schamonis einer neuen Ernsthaftigkeit weicht, die dennoch nie gestelzt, sondern immer aufrichtig und tief empfunden anmutet. Angemerkt sei, dass Ernsthaftigkeit nicht Bleischwere meint, sondern lediglich einen in sich ruhenden, beseelten Umgang mit Musik und Wörtern bar zappeliger Fahrigkeit.
Mario Lasar

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