Dienstag, 20.11.2018
Marco Niemerski zwischen Tensnake und Gemini Rising

L.A.-Lovestory


Es ist gerade einmal 11 Uhr vormittags und doch steht das Thermometer bereits bei weit über 30 Grad. Unter Extremumständen wie diesen gewinnen einfache Dinge wie Schatten und ein Glas Wasser mit Eiswürfeln exponential an Bedeutung. Wir schreiben den Sommer 2017 und ich sitze mit Marco Niemerski in einem kleinen Café am Sunset Boulevard in Los Angeles. Wenige Monate zuvor sind er und seine
 musikalischen Partnerin Fiora hier hergezogen, um an neuen musikalischen Ideen zu arbeiten, weit weg von der deutschen Engstirnigkeit.

“Manchmal fühle ich mich auf dem Four-to-the-Floor-Terrain ein wenig eingeengt”, beginnt Niemerski seine Ausführungen über den Hintergrund des Stadtwechsels. “Bei aller Liebe für den Dancefloor wollte ich mal eine Pause von Tensnake einlegen, um andere Dinge auszuprobieren, zum Beispiel mit einer Band live Songs zu performen. Denn warum nicht, Musikmachen findet bei mir abseits strikter Genres wie Techno und House statt, ich möchte einfach gute, reduzierte Popmusik produzieren.”

Bevor wir uns den konkreten Ergebnissen der Clubpause zuwenden, rekapitulieren wir aber nochmals gemeinsam die immense Erfolgsgeschichte von Tensanke.
Niemerski erklärt diese zunächst simpel und bescheiden, in dem er davon spricht, lediglich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein. Damit meint er, dass seine Eps “In the End (I Want You to Cry)” (veröffentlicht auf Running Back) und “Coma Cat” (zunächst auf Permanent Vacation erschienen und später von Defected lizenziert) den Vibe der Stunde trafen und auf Ibiza und im Rest der Dance-World zum Sommerhit wurden. “In the End” schaffte es auf den ersten Platz der djhistory.com-Jahrescharts, “Coma Cat” wurde von der New York Times als “highly precise modern disco” geadelt und Tensnake von Pete Tong eingeladen, einen der legendären Essential Mixes auf BBC Radio1 beizustern. Nun, kein Wunder, dass der Hamburger fortan vom DJ-Zirkus geradezu einverleibt wurde. “2014 und 2015 waren quasi nonstop durchgetaktet”, erinnert er sich. “Da blieb wenig Zeit fürs Musikmachen, schon gar nicht für neue Projekte.”

Für jemand, der wie Marco Niemerski bis dato immer intuitiv aus dem Bauch heraus und ohne Terminkalender gelebt hatte, eine gewöhnungsbedürftige Veränderung. So sehr er es zwei Jahre intensiv zu genießen wusste, dass alle an ihm zogen und streichelten, so deutlich spürte er irgendwann, dass er eine Pause brauchte, um sich neu zu justieren und primär Musik zu produzieren. Und genau das machte er in der ersten Jahreshälfte 2017 gemeinsam mit seiner Freundin, der klassisch ausgebildeten Opernsängerin Fiora, die in der Vergangenheit unter anderem bereits auf “Love Sublime” und “See Right Through” im Namen von Tensnake gesungen hat, und dem aus Miami stammenden, ebenfalls in Los Angeles lebenden Produzenten Lesser dessen Backkatalog so illustre Popstars wie Shakira, Murk Boys und Enrique Iglesias aufführt. Der Projektname, der sich aus Niemerskis Sternzeichen und Fioras Faszination für Astrologie herleitet, klingt bereits jetzt nach einem Klassiker: Gemini Rising.

Auf die Aufgabenverteilung bei Gemini Rising angesprochen, sieht sich Marco Niemerski primär in der Rolle des Endproduzenten, der den Aufnahmen der anderen beiden eine moderne Note und den notwendigen Zusammenhalt und Fluss verpasst. Er genieße seine Rolle als Mann im Hintergrund, hebt er hervor und ergänzt: “Ich bin bereit, ein Bandmitglied zu sein!”

Die Songs von Gemini Rising zeugen von einer “großen Liebe zur Nostalgie”, wie Niemerski es ausdrückt. “Unser Ziel ist es, die 1980er Jahre mit den aktuellen Produktionsströmungen zu verbinden.” Wobei man angesichts der traurig-fröhlichen Grundstimmung nicht umher kommt, an eine Band wie Fleetwood Mac zu denken. Ein Kompliment, das Niemerski gerne annimmt, auch wenn er betont, dass für ihn Gemini Rising sehr eng mit den ausgewählten Tensanke Clubsshows verbunden sei, die er sich zwischen den großen Dancefloors dieser Welt gönnt. “Gemini Rising ist ein Schanier zu Orten wie den Fixed Partys in New York, wo ich mich auf Einladung von Josh und Dave P frei und eklektisch austoben darf als Dj.”

“Der erste Gemini-Rising-Song, “Best Case Life”, kam hier in Los Angeles auf Anstupsen von Fiora zustande”, erinnert sich Marco Niemersk. “Es fühlte sich so natürlich für uns an, dass es gar keine Frage war, ob wir da weitermachen wollten – wir mussten es einfach, zu sehr nahm uns der 80ies Vibe unserer eigenen Musik in ihren Bann.” An dieser Stelle muss selbst lachen. Denn die Welle der Produktivität, die er hier in Los Angeles erlebt, schier hätte er sie selbst verhindert: Fiora musste mich geradezu in den Flieger ziehen, denn eigentlich bin ich wahnsinnig Heimatverbunden und hänge sehr an unserem Leben in Hamburg und Berlin.

Mittlerweile ist es später Nachmittag und Marco Niemersk möchte mir einen seiner absoluten Lieblingsorte in Los Angeles zeigen: das Griffith Observatory, wo 1955 schon James Dean in “Denn sie wissen nicht, was sie tun” (“Rebel without a Cause”) auf die Stadt hinabschaute. Mit leuchtenden Augen zeigt er in alle Himmelsrichtungen und erzählt detailreich aus der Geschichte der Stadt. Es wird deutlich: hier hat sich einer mit Haut und Haaren in Los Angeles verliebt.

Es past zur Bescheidenheit von Marco Niemersk, dass er “Glow” bis dato gar nicht groß erwähnt hat, dabei stellt das 2016 veröffentlichte Album das Scharnier zwischen seinen Club-12-Inches unter dem Imprint Tensnake und dem aktuellen Gemini Rising Bandflirt dar. Die sechszehn Songs des Albums zeigten, dass Tensnake ein Wesen mit zwei Gesichtern ist (diese Dualität transportiert auch das Cover): die Dancefloor-orientierte Club-Snake und die popaffinere Pop-Snake sozusagen – Gemini Rising eint in seiner Pop-Intimität die beiden Stränge.

Künstlerisch lehrte der Erfolg von “Glow” Niemersk, dass die verschiedenen Musiker, die ihn ihm wohnen, gar nicht so konträr sind. Und richtig, warum sollten denn unterschiedliche Tensnakes auf der Hauptbühne eines Festivals und einer Undergroundparty stehen? Es sei nur eine Frage der Sensibilität in der Herangehensweise, gibt er zu verstehen. Sein Credo sei es, populäre Musik zu produzieren, nur eben “anders als der Mainstream. Meine Popmusik soll nach meinen ganz eigenen Regeln funktionieren. Ich mag Sounds, die nicht ganz superpoliert sind, die noch eine gewisse Rauchheit und Lofi-Ästhetik aufweisen, die aber trotzdem catchy Melodien und einen hohen Wiedererkennungswert in sich tragen.”
Die gelebte Vielfalt von Niemersks Produktionen und der fließende Vibe zwischen ihnen speist sich aus seiner undomgatischen Musiksozisalisation, in der Disco, Soul, Funk und 80s Pop eine große Rolle spielten und Produzenten wie Larry Levan, Junior Boys Own, Romanthony und Masters of Work als Leitsterne dienten.

Los Angeles fühle sich für ihn wie eine Vervielfachung des Möglichkeitsraums an, gibt Marco Niemersk zu verstehen. “Die Hemmschwelle mit Leuten zusammenzuarbeiten ist hier so viel niedriger, nicht zuletzt da die Wege zu den Leuten kürzer sind. Erst letzte Woche war ich zum Beispiel auf einer Party eingeladen, wo die Livekeyboarderin von Beyonce und Stevie Wonder ein kleines Konzert gab.”
So etwas eicht die Perspektiven neu, lässt Träume zu, die er sich früher untersagte: Warum nicht auch mal Bands produzieren zum Beispiel? Warum nicht den Score für einen Filmsoundtrack schreiben?
Ja, warum denn nicht? Denn wenn Marco Niemersk der Erfolg mit Tensnake eines gelehrt hat, dann, dass das alles möglich ist. Schließlich hat er für “Glow” ja neben Stuart Price (AKA Jacques Lu Cont), Jamie Lidell und MNEK auch mit Nile Rodgers, dem großen Helden seiner Kindheit, dessen Chic-Cover er immer sehnsüchtig als Teenager angeschaut hat, zusammenarbeiten dürfen. “Ich weiß noch, wie nervös ich vor unserem gemeinsamen Abendesen in Miami war. Er war dann so cool und bodenständig und hat viel von früheren Produktionen erzählt, von Daft Punk, mit denen er gerade aufgenommen hatte, und auch von Bowie.”Jetzt, wo wir schon so viel über all diese Highlightmomente in der Karriere von Marco Niemerski gesprochen haben, muss ich schon mal meiner Verwunderung Ausdruck geben, dass dieser trotzdem noch immer davon spricht, “kein richtiger Musiker” zu sein, da ihm das klassische Training fehle. Aber dann muss er selbst doch lachen angesichts von soviel Koketerie. “Naja, ich habe vielleicht wirklich andere Talente; ich bin Detailversessen und kann Sachen gut stilistisch zusammenbringen.” Niemersk merkt an, dass er das so aber nie analysieren würde, denn letztlich mache er Musik als “Heilung für meine Seele”, deswegen auch die stets präsente Anwesenheit von glücklichen und traurigen Bestandteilen. Oder wie er es ausdrückt: “Melancholie mit Hoffnung.”

Wer denkt, dass mit Tensnake und Gemini Rising die Tage von Marco Niemersk bereits voll gepackt sind, der kennt seinen Energiehaushalt nicht. Nach wie vor betreibt er mit Mirau und vor allem True Romance zwei eigene Labels, auf denen er Produzenten wie Andre Hommen, Prison Grande, Charlie Sputnik, Sunrise Highway, Magic Touch und Larse veröffentlicht – und zuletzt die eigene Ep-Trilogie “Keep On Talking / The Walk”, “Desire and Freundchen” und “Machines” heraus brachte.
Nur als Remixer macht er sich aktuell rar, das koste einfach zu viel Zeit und Energie, gibt er zu verstehen, die er lieber in eigene Produktionen stecken will. Und wer will es ihm ankreiden, denn wer in der Vergangenheit bereits an Tracks von Junior Boys, The Faint, Boys Noize, Aloe Blacc, Azari & III, Scissor Sisters, Goldfrapp, Friendly Fires, Little Dragon, Lana Del Rey, Pet Shop Boys und London Grammar Hand angelegt hat, der muss es niemanden mehr beweisen.

Langsam geht die Sonne über Los Angeles unter und das synthetische Lichtermeer breitet sich aus. Eine Stadt im alltäglichen Discofade – und Marco Niemerski als der neugierige DJ und Produzent, der den Mix seiner eigenen Lovestory verantwortet.

 

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