Interview mit Yvy Pop und Christian Bluthardt

Zehn Jahre Mondo Sangue

 

Seit gut zehn Jahren veröffentlichen die Stuttgarter Künstler*innen Yvy Pop und Christian Bluthardt unter dem Namen Mondo Sangue Soundtracks für Filme, die es nicht gibt: Im Juni 2016 erschien ihr Debüt „L’Isola Dei Dannati“, der Score zu einem Kannibalenfilm des Regisseurs Luchino Martello – der selbstverständlich nie existierte. Seither pflegen Pop und Bluthardt ihre nerdige Idee mit Schwerpunkt auf italienischem Genrekino der 1960er und 70er-Jahre, Trash- und B-Movies, und bekommen Unterstützung von Freund*innen wie Bela B., die ihre Stimme gern den fiktiven Bösewichten leihen.

Zum zehnjährigen Bestehen inszenieren Mondo Sangue mit dem Album „Remake“ ein Meta-Sequel. Anstelle eines Greatest-Hits-Albums wird die Diskografie des „Mondoverse“ als stilvoller Director’s Cut dekonstruiert und von illustren Gästen neu synchronisiert.
Alle sechs bisherigen Alben sind das Ausgangsmaterial, Künstler*innen aus Deutschland,
Frankreich, Italien, Spanien und den USA interpretieren ausgewählte Songs neu und verwandeln sie in einen stilistisch wilden Episodenfilm aus Disco, Italofunk und Pop, wobei der charakteristische italienische Genrefilm-Charme erhalten bleibt. Als Gäste mit an Bord sind u.a. Andreas Dorau, Stefanie Schrank, Mille Petrozza, DJ Friction und Zwanie Jonson, ein besonderes Cameo liefert der legendäre italienische Filmkomponist Fabio Frizzi (den es tatsächlich gibt).

Mondo Sangue werden übrigens auch international wahrgenommen und gewürdigt: Ihr Song „Something’s Wrong With Barbara“ aus dem Album „Rosso come la Notte“ ist auf dem Soundtrack der vierten Staffel der preisgekrönten US-Dramedy-Serie Hacks vertreten.

Kaput: Yvy und Christian, erzählt ein bisschen was zu eurer Geschichte: Wie und wo habt ihr euch kennengelernt, wann habt ihr gemerkt, dass ihr zusammen was auf die Beine stellen wollt?

Chris: Der Legende nach haben wir uns in einer Videothek kennengelernt … Tatsächlich stimmt dies sogar, und zwar haben wir beide bis zur herzbrecherischen Schließung im Jahre 2013 in der legendären Stuttgarter Kulturvideothek „Filmgalerie 451“ gearbeitet.

Yvy: Chris stand hinter der Theke und gab fachmännisch Auskunft und Filmempfehlungen und ich habe das Veranstaltungsprogramm und die Grafik unterstützt.

Chris: Dort stellten wir auch ziemlich schnell fest, dass wir beide eher nischige Filmgenres wie Italokino, 70s-Horror und den ganzen wilden Kram lieben, der sonst eher selten ausgeliehen wurde.

Yvy: Es gab dort ein Regal das hieß „Kult- und Midnightmovies“ – dort fühlten wir uns zuhause.

Kaput: Wie sehen eure musikalischen Vorlieben aus und was ist euer Background?

Chris: Ich höre eigentlich alles, bin aber schon vorwiegend in den Jahrzehnten 60s/70s/80s unterwegs. Soundtracks höre ich auch privat sehr gerne, ansonsten viel Soul, Jazz, Hip Hop und Disco. Meine Anfänge als Musiker (an den Drums) waren jedoch im Bereich Punkrock/Hardcore.

Yvy: Und da komme ich wiederum her. Von 1991 bis 2008 sang ich in verschiedenen Punkbands (u.a. The Bam Bams, The Heroines, Popzillas), experimentierte mit meiner Kollegin Kate Complikate unter dem Namen Melitta Dingdong und bin bis heute dem Punkrock und der Avantgarde musikalisch und literarisch verbunden.

Kaput: Und eure Lieblingsfilme?

Chris: Die schwierigste aller Fragen, da sich diese „Liste“ sehr oft ändert. Ewige Evergreens sind aber „Danger: Diabolik“, „Logan’s Run“, „L’Avventura“ und Dario Argentos „Suspiria“. Bei neueren Filmen findet „Mandy“ einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Yvy: „Possession“ von Andrzej Żuławski, „Belle de Jour“ von Luis Buñuel und „Raw“ von Julia Ducournau – besondere Frauen, betörend und verstörend.

Kaput: Wie kamt ihr auf die Idee mit den Soundtracks für Filme, die es nicht gibt?

Yvy: Wir unterhielten uns in der 451 über unsere filmischen guilty pleasures und deren Soundtracks – hier sei beispielsweise der Sexploitation-Film „Black Emmanuelle“ mit Laura Gemser und der wunderbaren Musik von Nico Fidenco zu nennen.

Chris: Viele dieser teils recht wilden Filme zeichnen sich durch großartige Soundtracks aus.

Yvy: Wie zum Beispiel die kruden Kannibalenfilme, allen voran „Cannibal Holocaust“ mit einem der schönsten Scores von Ruggero Deodato.

Chris: Der Kontrapunkt, der dort mit diesen oft sehr schönen Musiken gesetzt wird, gibt den Filmen etwas Würde zurück.

Yvy: Da wir beide kurz zuvor spontan bei einem Filmprojekt eingesprungen sind und – als Rettungsaktion – quasi über Nacht einen Track geschrieben, eingespielt und produziert hatten, dachten wir uns: Wenn wir sowas in 24 Stunden hinkriegen, warum machen wir das nicht mal mit etwas Zeit und Muße und starten mit … dem Soundtrack zu einem Kannibalenfilm, den wir gerne gesehen hätten, wenn er gedreht worden wäre. Wir fanden die Idee so gut, dass wir das dann einfach gemacht haben.

Kaput: Wie aufwendig ist die Recherche/Vorarbeit für ein neues Projekt? Seid ihr selbst Experten für jedes Genre, oder holt ihr euch Leute / Filmfreaks / Nerds dazu?

Chris: Wir kommen tatsächlich mit unserem eigenen Fachwissen aus … 🙂 Ich habe zudem eine äußerst umfangreiche Privatvideothek, welche in erster Linie aus Genre- und Kultfilmen besteht. Da ist zu jedem Bereich einiges dabei und das reicht in der Regel für ein allumfassendes Abtauchen in die jeweilige Welt.

Yvy: Chris nimmt mich da mit und dann beginnt die gemeinsame Reise durch Filme, Literatur, Sounds, Kunst, Musik, …

kaput: Wie tief steigt ihr dann jeweils ein? Seid ihr jahrelang im Exploitation-Film-Universum „gefangen“, oder arbeitet ihr nach Zeitplänen?

Chris: Man versucht ein wenig beides, das „Gefangensein“ nenne ich „abtauchen“ und man steht oft monatelang knietief in der Filmsuppe … 😄 Was dann bedeutet, dass (ich zumindest) wirklich 30 – 40 Filme derselben Gattung anschaue, oft zum wiederholten Male, aber eben diesmal unter einem gewissen Gesichtspunkt. Und dann spricht man plötzlich diese Sprache, träumt Szenen und denkt Melodien. So starten in der Regel unsere Projekte.

Yvy: Am Anfang lassen wir uns treiben, beginnend mit der Wahl des Genres oder Sujets. Am Ende des Kreativprozesses lauert dann doch irgendwann ein Zeitplan, wenn wir uns auf einen Releasetermin mit unserem Label verständigen … und dann überschlagen sich erfahrungsgemäß die Dinge vom Recording, übers Artwork bis zur fertigen Produktion und es wird meist eine Punktlandung.

Kaput: Was war euer bisheriges Lieblingsprojekt?

Yvy: Das letzte Projekt ist mir meist am nächsten, aber wenn ich dann z.B. etwas von der VEGA-5 (2022) höre, zieht es mich plötzlich wieder raus ins All – oder im Auto durch den nächtlichen Wald, da braucht’s das Unbehagen des Giallos.

Chris: Die letzte Studio-Platte DIAMANTIK ist meiner Meinung nach am besten gelungen. Auf das gesamte Projekt bezogen war ich im Giallo-Genre am liebsten „gefangen“, da hat der gesamte Prozess am meisten Spaß gemacht.

Kaput: Und welches das komplizierteste/problematischste?

Chris: Keins … 🙃 Höchstens die Western-Platte war im Nachhinein eventuell eine Nummer zu groß.

Yvy: Das war schon hart an der Hybris, das „schwierige“ 2. Album ausgerechnet dem legendären Italowestern zu widmen. Mit dem femme-wicked Twist ist uns das aber meines Erachtens ganz gut geglückt.

Kaput: Habt ihr schon mal was verworfen, weil es nicht funktioniert hat? Heimatfilme vielleicht?

Chris: Verworfen haben wir bislang noch nichts. Ich persönlich liebe Heimatfilme, ein wenig schwingt das teilweise bereits bei vergangenen Alben mit. Das Giallo-Album „Rosso come la notte“ war z.B. mit ein wenig Schwarzwald-Kolorit versehen.

Yvy: Eben diese Düsterkeit und die Skurrilität des (realen!) Handlungsorts Fleischermuseum passten hier einfach perfekt zum mysteriösen Verschwinden der Tierpräparatorin Barbara – definitiv ein etwas anderer Heimatfilm.

Chris: Wir haben aber auch schonmal mit etwas begonnen, nur um es letztlich doch aufzuschieben. Also unsere Timeline ist äußerst organisch und entwickelt sich analog zu unseren stetig wechselnden Launen und Vorlieben.

Yvy: Was wir tatsächlich einmal andiskutiert, aber nicht umgesetzt haben, war die Schulmädchenreport-Serie mit ihrem groovigen Score. Es gab sogar bereits einen Arbeitstitel – „Reporterinnen-Report“–, auch weil wir das Ganze ad absurdum angehen wollten. Allerdings entschieden wir, dass das zweifelhafte Subgenre für uns nicht würdevoll in die heutige Zeit zu übersetzen ist.

kaput: Wie nehmt ihr die Musik auf? Ihr selbst, mit Musiker*innen, Studioleuten?

Chris: Wir nehmen quasi alles selbst auf, nur für bestimmte Gitarren-Sounds und -Soli haben wir einen Kollegen (Stephan Danzer), der das deutlich besser beherrscht und tollen Vintage-Sound hinbekommt. Neuerdings featuren wir auch einen Querflötisten (Alex Mink). Der Rest wird von mir eingespielt und von Yvy eingesungen.

Yvy: Bei Gastbeiträgen oder Duetten stimmen wir uns mit Instrumentals, Spuren, Pilots und den Aufnahmeprozeduren der jeweilen Künstler*innen ab. Bei der letzten Platte REMAKE zum 10-jährigen Jubiläum waren viele Musikerfreund*innen aus Europa und Amerika dabei, die ausgewählte Tracks aus unserem bisherigen Oevre neu bearbeitet und interpretiert haben – darunter sogar ein ganzes Orchester: das Carlos Valderrama Orchestra aus Neapel. Das war natürlich der Wahnsinn.

Kaput: Stoßt ihr manchmal an Grenzen, und wenn ja, wie überwindet ihr sie?

Chris: Man muss sich immer eines vor Augen führen: Das Herausbringen von Musik – auf Vinyl wohlbemerkt – welche zu 100% die unsere ist, ohne Verbiegungen und dass uns jemand reinredet … also dabei nicht selbst draufzuzahlen, sehe ich als ein absolutes Privileg.

Yvy: Vertrauen und absolute künstlerische Freiheit – unbezahlbar!

Chris: Danke an der Stelle an Dietmar Bosch von ALL SCORE, unserem Homelabel, der seit über zehn Jahren an uns glaubt und uns in allen Belangen machen lässt.

Yvy: Manchmal kommen wir an unsere Schlafgrenzen und die Produktion kann sehr aufregend und -reibend sein, wenn es auf die Abgabe des Masters ins Presswerk zugeht. Ich glaube, das gehört einfach dazu, so eine Platte ist wie ‘ne Geburt.
Wir haben auch großes Glück, denn unser privates Umfeld ist da äußerst zugewandt und verständnisvoll und hält uns in grenzwertigen Phasen den Rücken frei.

Kaput: Ihr seid sehr gut vernetzt, ihr arbeitet unter anderen mit Rocko Schamoni, Eric Pfeil, Andreas Dorau, Dirk von Lowtzow, Mille Petrozza, Bela B … wie kommen diese Kontakte zustande? Haben euch auch schon mal Leute abgesagt?

Yvy: Wenn man sich, wie wir, leidenschaftlich mit dem italienischen Genrekino auseinandersetzt, trifft man auf Gleichgesinnte und die Welt wird schnell klein und wunderbar vernetzt. So sind im Laufe der letzten zehn Jahre viele Freundschaften entstanden. Abgesagt hat uns bislang tatsächlich niemand, aber es gibt noch zwei ausstehende Rückmeldungen, auf die wir uns sehr freuen würden.

Chris: Auch wir haben natürlich noch unsere „white Buffalos“ … 😉

Yvy: An denen bleibe ich aber gerne dran 🙂

Kaput: Was macht ihr sonst?

Chris: Ich arbeite auch sonst als Musiker bzw. Filmkomponist – am liebsten für Film und Fernsehen, aber auch Werbung, Hörspiel, Theater, usw. Zusätzlich engagiere ich mich für Medienbildung und arbeite für diverse Träger und Projekte als Workshopleiter an Schulen oder auf FSJ-Kultur-Seminaren. Seit einiger Zeit kommt auch etwas durchs Plattenauflegen in die Kasse … 😉

Yvy: Hauptberuflich arbeite ich seit vielen Jahren an der Merz Akademie, Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien sowie als Sprecherin für Hörspiele und bestreite mit Arne Braun die Sendung Radio Harakiri im Freien Radio für Stuttgart. Dann gibt es noch die Bildende Kunst, Lesungen, Filmfestivals, Kunstvermittlung und die Keramik. Und ich liebe es unterwegs zu sein.

Kaput: Welche Pläne habt ihr für Mondo Sangue?

Chris: Wir arbeiten momentan an neuer Musik und 2027 wird wieder etwas Neues von uns rauskommen. Wir sind bereits mitten in der Planung für eine Tour, werden mit unserer Musik und unseren Platten durch das Land zu ziehen.

Yvy: Denn im Juni dieses Jahres – am 06.06.2026 – haben wir nicht nur unser 10-Jähriges Jubiläum rauschend gefeiert, sondern auch erstmals den wilden Ritt durch die Genres unserer Platten audiovisuell auf die Bühne gebracht. Was soll ich sagen: Wir haben Blut geleckt. Ab Frühjahr 2027 geht es auf Tour quer durch die Republik. Hell yeah!

Diskografie
• L’Isola dei Dannati (Island of the Damned) (2016, Allscore, ASM 042)
• No Place for a Man (Il Villaggio delle Donne) (2018, Allscore, ASM 045)
• VEGA-5 (Avventure nel Cosmo) (2020, Allscore, ASM 047)
• Rosso come la notte (2021, Allscore, ASM 050)
• Giallo come il giorno (2022, Allscore, ASM 052)
• DIAMANTIK (2024, Allscore, ASM 059)

Video Space Cowboy feat. Bela B.:

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